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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.05.2024

Ungerechtigkeit in höchsten Kreisen

Prima facie
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Ihren prekären Voraussetzungen zum Trotz hat Tessa alles erreicht, was man an ihrem bisherigen Punkt im Leben schaffen kann. Sie hat ihre Herkunft hinter sich gelassen, mit einem Stipendium in Cambridge ...

Ihren prekären Voraussetzungen zum Trotz hat Tessa alles erreicht, was man an ihrem bisherigen Punkt im Leben schaffen kann. Sie hat ihre Herkunft hinter sich gelassen, mit einem Stipendium in Cambridge Jura studiert, gehört seit sechs Jahren einer renommierten Kanzlei an und gewinnt einen scheinbar aussichtslosen Fall nach dem anderen. Doch Tessa merkt auch, dass sie ihre Abstammung nie ganz abschütteln wird, nie zu den Familien mit Old Money gehören wird, für die Status eine Selbstverständlichkeit ist, während Tessa sich die Symbole ihres Standes hart erarbeitet hat.
Ihren Erfolg verdankt Tessa einem scharfen Intellekt und ihrem Verständnis des Gesetzes und was es für die leistet, die ihm unterstehen. Die junge Anwältin hat ein tiefes Vertrauen in die Justiz, ihrer Auffassung nach gibt das Gesetz jedem eine faire Chance, solange die Anwälte beider Parteien eines nur die bestmögliche Geschichte vor eine Jury und eine:n Richter:in bringen.
Auf dem Höhepunkt ihres Lebens und ihrer Karriere widerfährt ihr ein so großes Übel, das Tessa an ihr Vertrauen in das Gesetz zweifeln lässt. Wie kann Gerechtigkeit hergestellt werden, wenn die Justiz sie einem versagt?

Suzie Miller „Prima Facie“ setzt aus den Facetten Vorher, Damals, Jetzt, Danach ein Bild zusammen, um den Werdegang ihrer Protagonistin zu zeichnen. Tessa Ensler ist eine allzu nahbare Frau mit Wünschen, Träumen, Hoffnungen, Sorgen und Ängsten, deren während der Geschichte erlittenes Unrecht einer jeden von uns hätte passieren können. Die Geschichte, wie sie erzählt ist, hat mich über das Ende hinaus zum Sinnieren angeregt. Ein sehr empfehlenswertes Buch!

Veröffentlicht am 06.05.2024

Nach "Die Wut, die bleibt" geht es in "Und alle so still" um das größere Ganze

Und alle so still
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Elin, Ruth und Nuri tragen jeweils ihre individuellen Probleme mit durch die Welt - und doch sind diese eng mit den Ereignissen verknüpft, die plötzlich in der Stadt passieren. Es beginnt damit, dass sich ...

Elin, Ruth und Nuri tragen jeweils ihre individuellen Probleme mit durch die Welt - und doch sind diese eng mit den Ereignissen verknüpft, die plötzlich in der Stadt passieren. Es beginnt damit, dass sich vor dem Krankenhaus Frauen niederlegen. Ausnahmslos Frauen. Sie äußern keinen Protest, sie formulieren keine Forderungen, sie liegen einfach da. Wie erschöpft. Und das sind sie. Erschöpft vom Kümmern, vom Sorgen, von all der unsichtbaren Arbeit, die vielfach auf Frauen abgeschoben wird, weil sie als nicht prestigeträchtig, nicht groß genug erachtet wird.
Aus einem einzelnen Ereignis werden mehrere, und aus mehreren Ereignissen schließlich ein Brand, den die Regierung nicht zu löschen vermag. Die Frauen verweigern sich, und das System, das auf so viel unbezahlter Kümmerarbeit beruht, bricht zusammen, als Krankenhäuser nicht mehr funktionieren, weil schon mit dem Fehlen von Sauberkeit und Versorgung, die viel von weiblichem Pflege- und Reinigungspersonal verrichtet wird, die Basis wegbricht. Doch was kommt nach dem Zusammenbruch, wenn alle, die systemrelevante Arbeit leisten, sie nicht mehr ausführen?

Mareike Fallwickl hat ein interessantes Szenario geschaffen - Ausgang offen. Ich muss gestehen, dass ich zunächst Schwierigkeiten hatte, mich in dieses Buch einzufinden. Zu sehr hab ich nach einem Ankerplatz für meine Zuneigung gesucht, die ich ihren Charakteren wie in "Die Wut, die bleibt" oder "Das Licht ist hier viel heller" entgegenbringen wollte. Fallwickl ging es aber um mehr als darum, fiktive Individuen zu kreieren, mit denen man mitfühlt. Es geht um eine Kritik an einem System, das so marode ist, dass es in sich einstürzen würde, wenn all das ehrenamtliche und nicht erwerbsarbeitende Engagement herausziehen würde. Ein Buch, das Diskussionsstoff bietet!

Veröffentlicht am 06.05.2024

Spannender Ansatz!

Femina Sapiens
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Lange wurde die Prähistorie des Menschen aus männlicher Perspektive gesehen und niedergeschrieben. Höhlenmalereien? Stammten lange vermeintlich von männlichen Hominiden - doch jüngere Forschungen haben ...

Lange wurde die Prähistorie des Menschen aus männlicher Perspektive gesehen und niedergeschrieben. Höhlenmalereien? Stammten lange vermeintlich von männlichen Hominiden - doch jüngere Forschungen haben ergeben, dass viele Handabdrücke in den ersten Malereien nur von weiblichen Händen geschaffen worden sein konnten. Waffen als Grabbeigaben? Sehr lange ging man davon aus, dass ausschließlich Männer mit Waffen bestattet wurden - aber auch Frauen haben gekämpft und Ruhm erlangt, mit dessen Insignien ihre sterblichen Überreste ins Jenseits gesendet wurden.

Femina Sapiens gibt den Impuls, Frauen in der Geschichte aktiv mitzudenken und die Relevanz des Weiblichen durch die Historie hindurch anzuerkennen. Ein wirklich sehr schönes Kindersachbuch!

Veröffentlicht am 06.05.2024

Jetzt werden sie Estela zuhören!

Mein Name ist Estela
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Die Haushälterin befindet sich in einem Raum. Dort legt sie Zeugnis ihres Lebens ab. Estela kam als Haushälterin ins Haus eines reichen Ehepaares, als die Frau gerade schwanger wird und ein Mädchen geboren ...

Die Haushälterin befindet sich in einem Raum. Dort legt sie Zeugnis ihres Lebens ab. Estela kam als Haushälterin ins Haus eines reichen Ehepaares, als die Frau gerade schwanger wird und ein Mädchen geboren wird. Sieben Jahre später ist das Mädchen tot und Estela sitzt in diesem Vernehmungsraum.

Das Leben der letzten Jahre, aus dem Estela erzählt, ist ein fast unsichtbares. Immer im Hintergrund, und doch essentiell. Sie kocht, sie bügelt, kauft ein, faltet die Wäsche, versorgt das Kind, betreut das Kind. Eine eigene Stimme hatte Estela all die Jahre nicht, auch dann nicht, wenn sie von diesem Kind drangsaliert wurde oder ihre Vorgesetzte sie hat spüren lassen, was sie von dem armen chilenischen Hausmädchen hält.
Immer wieder will Estela den Haushalt verlassen. Sie wollte ursprünglich nur eine Weile dort arbeiten, um genug Geld zu verdienen für ein angenehmes Leben gemeinsam mit ihrer Mutter. Erinnerungen an das Vergangene und Wünsche für das Zukünftige sind ihre Gesellschaft in diesem Haus, in dem die fremde Familie mit ihr nur am Rande zu tun haben will, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Nun, in diesem Vernehmungszimmer, spricht sie mit den Menschen hinter dem Spiegel. Sie beantwortet keine Fragen zur Sache, zum Tod des Mädchens. Erstmals seit vielen Jahren beansprucht Estela das Narrativ für sich, erzählt aus ihrer Perspektive, ungeschönt und frei, und wo kein gutes Haar an ihren Vorgesetzten ist, da lässt sie auch keins.
Es ist die Geschichte eines Lebens, geprägt durch Klassenunterschiede und fehlender Zugehörigkeit.

Alia Trabucco Zerán lässt in "Ich bin Estela" ihre Protagonistin mit eigener Stimme sprechen und sie die Abschweifungen wählen, die für sie und nicht die Autoritäten wichtig sind. Ein interessantes und wichtiges Buch!

Veröffentlicht am 06.05.2024

Soooo wichtig!

Frau, Leben, Freiheit
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Der gewaltsame Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini löst weltweit eine Welle der Proteste aus. Die Sittenpolizei hatte die junge Frau verhaftet, weil ihre Haare nicht ausreichend bedeckt waren. Im Gewahrsam ...

Der gewaltsame Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini löst weltweit eine Welle der Proteste aus. Die Sittenpolizei hatte die junge Frau verhaftet, weil ihre Haare nicht ausreichend bedeckt waren. Im Gewahrsam der Polizei wurde Jina so schwer verletzt, dass sie am 16. September 2022 ihren Verletzungen erlag.

Ein Jahr nach dem Tod von Jina Mahsa Amini veröffentlicht Marjane Satrapi eine Graphic Novel unter dem Wahlkampfslogan der politischen Arbeiterpartei: Frau Leben Freiheit.
In dieser Graphic Novel sind die Werke von siebzehn Künstler:innen vereint, deren Bilder ein Protest gegen die islamische Diktatur der Mullahs ist, unter deren Herrschaft keines der Geschlechter sich frei entfalten kann.
Nicht nur Jina Mahsa Aminis sinnloser Mord findet in diesem buch-/bildgewordenen Aufschrei Erwähnung. Sahar Chodayari, als das "blaue Mädchen" tragisch bekannt geworden, nachdem sie verbotenerweise als Mann verkleidet zu einem Fußballspiel ins Stadion gegangen ist; sie wurde verhaftet und wurde bis zur Verhandlung wieder freigelassen; Sahar wusste, was ihr drohte, sie verbrannte sich selbst - ihre Geschichte hat mich sehr berührt.

Alle in dieser Graphic Novel vereinten Werke sind komplett individuell und erzählen jede auf ihre Weise von den vielfältigen Schrecken, denen die Protestierenden ausgesetzt sind. Berührend und mit Kloß im Hals lesenswert war dieses Buch, das ich für den feministischen Buchclub im März gelesen habe.