Voller Liebe und Mut
Der Blick einer FrauIch lese gern Romane, die sich auf historische Personen und Ereignisse beziehen. Hier geht es um das (Kriegs-)Fotografenpaar Gerda Taro und Robert Capa und vorrangig um deren Engagement im Spanischen Bürgerkrieg. ...
Ich lese gern Romane, die sich auf historische Personen und Ereignisse beziehen. Hier geht es um das (Kriegs-)Fotografenpaar Gerda Taro und Robert Capa und vorrangig um deren Engagement im Spanischen Bürgerkrieg. Meine Kenntnisse über diesen Krieg sind nicht besonders ausgeprägt, aber doch so gefestigt, dass ich auch über die Rolle der beiden Fotografen bereits seit Jahren viel erfahren, besonders gelesen habe. Schon 1994 veröffentlichte Irme Schaber, die auch im Nachwort erwähnt wird, die erste große Biografie über Gerda Taro, 2013 erschien eine Neuauflage, die den Fund, der hier im Roman eine Hauptrolle spielenden 800 Taro-Fotos beinhaltete. Jetzt, 2024, erscheint von Schaber bei Hentrich & Hentrich „Freiheit im Fokus“ über die beiden Fotografen in Leipzig. Das ist eine interessante Parallele, denn Gerda Taro floh 1933 aus Leipzig vor den Nazis nach Paris. Es gibt unzählige Zeitschriftenbeiträge, Fotobücher, es gab berühmte Ausstellungen, besonders die in New York. Taro und Capa waren und bleiben ikonische Figuren der Fotografiegeschichte. Taro und Capa waren mir also keine Unbekannten. Belletristische Werke über beide sind aber eher selten. Hier füllt nun Caroline Bernard eine Lücke. Diese Autorin hat sich auch bisher sehr der weiblichen Seite der Geschichte zugewendet, seien es die Malerin Frida Kahlo, die Schriftstellerin Simone de Beauvoir, oder zuletzt auch die Fluchthelferin Lisa Fittko in „Die Wagemutige“. Immer stellt sie die feministische und zugleich aktive und mutige Seite der Frauen in den Mittelpunkt ihrer Romane.
Dieses Buch und das Buch über Lisa Fittko heben sich übrigens durch ein eher realistisches Fotocover von den anderen Romanen der Autorin ab. Bei so romantisierten Covern, wie sie für die Reihe Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe verwendet wurden, hätte ich wahrscheinlich gar nicht zugegriffen.
Bernard fixiert ihre Romane – wie hier über Gerda Taro – sehr auf das ganz Private, Persönliche und Intime ihrer Protagonistinnen. Damit erreicht sie wahrscheinlich auch ein Publikum, das ansonsten Biografien aus dem Sachbuchgenre nicht so sehr mag. Bernard identifiziert sich total mit ihrer Heldin, steht auf ihrer Seite und verteidigt sie gegen Kritik (auch im übertragenen Sinne). Wer sich mehr für die rein biografischen, knallharten, belegten Fakten interessiert, wird aber auch hier im Buch recht gut versorgt, auch wenn die Geschichte teilweise zur Liebesromanze oder -tragödie tendiert. Insbesondere auch die historischen Informationen zum Spanischen Bürgerkrieg sind aufschlussreich, bleiben aber natürlich begrenzt.
Der Roman umfasst die Jahre 1931 bis 1937, 1933 wird Gerta Pohorylle von der Gestapo in Leipzig in Schutzhaft genommen und entkommt nach der Entlassung über die Grenze nach Frankreich, sucht wie die meisten jüdischen und nichtjüdischen Flüchtlinge in Paris nach einer neuen Bleibe. Die Situation der Flüchtlinge beschreibt die Autorin sehr lebensecht und es hinterlässt bei mir einen bitteren Nachgeschmack, wie herabwürdigend die Situation für Menschen wie Gerta war. Aber sie gibt nicht auf und beißt sich jeden Tag aufs Neue durch. Das Geschick, noch aus weniger als nichts etwas zu machen, durchzieht das ganze Buch. Als sie Endre Friedmann, auch Flüchtling, auch jüdisch, kennenlernt, da entbrennt eine große Liebe, deren Feuer bis zur letzten Seite des Romans nicht enden wird. Beide ändern ihre Vornamen gleich nach der Ankunft, weil die Namen in Frankreich so ungewöhnlich klingen, sie sind zusammen: Gerda und André. Gerda wird bei André das Fotografieren lernen, und sie wird ihn später beinahe in den Schatten stellen.
Der zweite Handlungsstrang ist eine fiktive Erzählung über eine mexikanische Fotografin, die ihren Lebensunterhalt u. a. mit dem Entrümpeln von Wohnungen bestreitet. Als sie auf einen Koffer mit Hunderten Fotos stößt, ist ihr Spürsinn gefragt und sie begibt sich auf einen Weg, der die Wahrheit über die Fotos, aber auch über die ihrer Mutter und Familie preisgeben wird.
Der Schreibstil ist manchmal etwas langatmig, sich wiederholende Sequenzen von Gedanken, die Gerda durch den Kopf gehen, und auch die Geschichte der Mexikanerin Christina wirken ein wenig gewollt. Die Charaktere werden aber recht anschaulich beschrieben, auch die Nebendarsteller sind interessant gestaltet, sei es Willy Brandt oder Hemingway, spanische Kraftfahrer oder französische Kinder, alle werden gekonnt skizziert.
Gerda Taro wird als die „Erfinderin“ von Robert Capa gerühmt, zuerst aber wählt sie ihren eigenen Künstlernamen „Taro“, dann fällt ihr spontan der „Robert Capa“ ein, dem sie auch gleich noch eine neue Biografie verpasst. Dass sich André bisweilen beschwert, dass sie Robert lieber mag als ihn, kann nicht verwundern, denn mit dem neuen Namen gibt sie ihm auch einen anderen äußeren Anstrich, vom Landstreicher zum Gentleman. André, der ein paar Jahre jünger ist als Gerda, ist aus meiner Sicht zu Recht etwas ungehalten über die Veränderung seines Selbst. Auch wenn sie ihm geschäftlich sehr guttut.
Ich will nicht zu viel vom Inhalt preisgeben, die Fakten kann jeder bei Wikipedia etc. im Internet googeln, wie die Autorin die Geschehnisse und insbesondere die Erlebnisse im Spanischen Bürgerkrieg beschreibt, das geht aber mehr unter die Haut, als es die puren Fakten tun. Dass die Erlebnisse, die Gerda als Kriegsfotografin hat, schrecklich und ernüchternd sind, ist wohl jedem klar. Dass eine Frau sich dem freiwillig und mit Enthusiasmus und Todesmut aussetzt, das ist für uns Heutige schwer nachzuvollziehen.
Empfehlenswert ist das Nachwort, dass einige Unklarheiten beseitigt.
Dieser Roman über Gerda Taro hat es mir sehr angetan, auch wenn der Feminismus manchmal etwas dick aufgetragen wird. Ich gebe gern vier Sterne und eine Leseempfehlung.