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Veröffentlicht am 04.12.2024

Salat alles drauf? Scharf auch?

Döner
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Eberhard Seidel ist eine deutsche Koryphäe des Döners, praktisch ein Dönerprofessor. Bereits 1996 veröffentlichte er ein erstes Buch zu einem der Lieblingsfastfoods der Deutschen, 2022 erscheint vorliegendes ...

Eberhard Seidel ist eine deutsche Koryphäe des Döners, praktisch ein Dönerprofessor. Bereits 1996 veröffentlichte er ein erstes Buch zu einem der Lieblingsfastfoods der Deutschen, 2022 erscheint vorliegendes Döner-Buch, dem ich mich mit aufkommendem Appetit (1. Hunger, 2. Lesen, in genau dieser Reihenfolge) nicht entziehen konnte.

Wo die Wiege des Döner Kebap ist, darüber ist sich Seidel selbst nach eingehenden Recherchen nicht sicher. In Deutschland jedenfalls soll 1971 in Berlin der erste Imbiss eröffnet haben, an dem vom senkrechten Drehspieß Fleisch in ein gevierteltes Fladenbrot zum Verzehr für unterwegs geschaufelt wurde. Denn auch wenn es die Dönertasche in der Türkei durchaus bereits gab, ist die heutige Form eine Erfindung ehemaliger Gastarbeiter der ersten und zweiten Generation. In der Türkei isst man offensichtlich lieber im Sitzen, während der Deutsche sich lieber im Stehen oder Gehen mit Soße bekleckert. Die in den 1970er/80er Jahren als erstes aus den deutschen Unternehmen entlassenen Männer, im Zuge des Gastarbeiterabkommens angeworben wurden, mussten sich neue Einkommensquellen erschließen, und so wurde der Döner geboren, der als Reimport eine Beliebtheit auch im Ursprungsland Türkei erfahren hat.
Wurden die ersten Dönerspieße noch in irgendwelchen Hinterhöfen zusammengeklöppelt, entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahre eine Döneridustrie, die heute mehr Umsatz generiert als die zehn größten Fast-Food-Ketten.

Bei der kulturgeschichtlichen Betrachtung des Döners kommt man nicht umhin, sich auch dem Rassismus, genauer gesagt der Türkenfeindlichkeit, die mir als Kind in den 1990er Jahren bereits diffus bewusst war, zuzuwenden. Dabei richtet Seidel seinen Blick auch dem Osten der Republik, wo türkische Gastronomen es nicht nur schwerer hatten, sondern auch häufiger Opfer rechter Gewalt wurden.

Ich mochte das Buch. Wenn ihr mal nicht wisst, was ihr verschenken sollt an jemanden, der gerne isst, dann schenkt doch einfach das Buch und wünscht guten Appetit.

Veröffentlicht am 04.12.2024

(K)Ein Buch für eine Depression?

Die Wand
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Marlen Haushofers „Die Wand“ war unser Juni-Buch im feministischen Buchclub. Das Buch ist nicht neu, sein Inhalt vielen bekannt, und wer noch nie von diesem Werk gehört hat, dem sei die Handlung mit wenigen ...

Marlen Haushofers „Die Wand“ war unser Juni-Buch im feministischen Buchclub. Das Buch ist nicht neu, sein Inhalt vielen bekannt, und wer noch nie von diesem Werk gehört hat, dem sei die Handlung mit wenigen Worten erklärt: Eine Frau besucht ihre Cousine in den Bergen, eines Morgens wacht sie auf und findet Weg ins Dorf von einer durchsichtigen Barriere versperrt. Was sie fortan als die Wand bezeichnet, trennt sie vom Rest der Welt, der auf der anderen Seite zu leblosen Figuren erstarrt ist. Und innerhalb dieser Wand lebt sie als letzter Mensch mit einigen Tieren, um die sie sich kümmert.

Was die Wand in Marlen Haushofers wohl bekanntestem Werk ist, darüber ist sich die Literaturwissenschaft bis heute nicht einig. Die Wand ist eine Grenze, klar, aber zu wem oder was? - Ich glaube, die Wand bedeutet für jede:n etwas anderes, und das auch in verschiedenen Stadien des eigenen Lebens. Ich habe das Buch erstmals vor 15 oder 16 Jahren gelesen, als ich in meinen Zwanzigern war. Damals habe ich gerade eine Depression hinter mir gehabt, für mich war die damals gelesene Wand eine Entfremdung; keine Verbindung zu den Menschen in unmittelbarer Nähe zu haben. Was für eine Ironie, dass ich mich aktuell in einer ähnlichen Situation befinde und mich an manchen Tagen dem Gefüge der Welt entzogen fühle.
Entsprechend schwer fiel es mir, das Buch erneut in dieser Lage zu lesen und darüber zu sprechen. Meine gegenwärtige Einsamkeit ist mir so fremd und ängstigt mich, denn in dem Alleinsein meines Lebens als selbstgewählter Single mit gemütlicher Wohnung gab es kaum Momente, in denen ich mich tatsächlich einsam gefühlt hab. Und während sich meine Tränen Bahn gebrochen haben, fand ich in den anwesenden Frauen des Buchclubs einen so wohltuenden Trost. Ein bisschen hab ich mich der Welt wieder näher gefühlt, und glaube: das geht vorbei.

Haushofers Roman ist so viel mehr. Er ist Emanzipation von einem früheren Leben und einer Weiblichkeit, die sowohl die Protagonistin als auch ihre Erschafferin als einschränkend und hinderlich wahrnehmen. Das frühere Leben als Frau, deren Sphäre Heim und Kinderbetreuung sind, streift sie ab, um so gut es geht im Einklang mit der Natur zu leben, in der sie die ihr anvertrauten Tiere nicht nur versorgt, sondern auch als Gefährt:innen wahrnimmt, und um Felder zu bestellen. Durch den Mangel an handwerklichen und praktischen Fähigkeiten und die nie verschwindende Abscheu, Wild töten zu müssen um der Nahrung Willen wird Haushofers Protagonistin nicht zu dem, was einen Mann ausmacht, ist aber auch keine Frau mehr. Sie wird zu einem geschlechtlosen Wesen zwischen den beiden Polen der früheren Zivilisation, die hinter der Mauer verschwunden ist.
Für diesen Roman gibt es keine richtige und keine falsche Zeit, um es zu lesen. Der Moment ist immer richtig, weil man zu jedem Zeitpunkt etwas anderes für sich aus der Geschichte ziehen wird.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Welcome to my jungle

Das Kind in dir muss Heimat finden
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Therapie brauchen eigentlich diejenigen, die auslösen, weshalb Menschen zu Büchern wie diesem hier greifen. Nur liegt das Spektrum für Veränderung zunächst mal ausschließlich im eigenen Handlungsraum, ...

Therapie brauchen eigentlich diejenigen, die auslösen, weshalb Menschen zu Büchern wie diesem hier greifen. Nur liegt das Spektrum für Veränderung zunächst mal ausschließlich im eigenen Handlungsraum, und ein Ratgeber wie "Das Kind in dir muss Heimat finden" kann da eine erste Stellschraube sein.

Das Buch ist seit Jahren auf der Spiegel-Bestsellerliste, entsprechend viele Rezensionen gibt es, die den Inhalt beschreiben, dass ich den nicht wiederkauen muss.
Vor einigen Jahren habe ich dieses Buch schon mal besessen, fühlte mich damals aber vom Inhalt nicht abgeholt. Stefanie Stahls Buch ist so eins der Sorte, für die muss der richtige Zeitpunkt kommen, und den hatte ich vor einigen Wochen, als ich in eine mittelschwere Krise gestürzt bin. Mein riesengroßes Glück war, unmittelbar eine therapeutische Kurzzeitlösung gefunden zu haben. Zwischen den wöchentlichen Terminen wollte ich aber nicht rein zwischen meinen Gedanken hin- und herpendeln, sondern Aufschluss über das bekommen, was sich psychisch bei mir losgetreten hat, und da war "Das Kind in dir muss Heimat finden" ein erster Kompass, an dem sich meine Gedanken orientieren konnten, um eine Richtung zwischen den Sitzungen zu bekommen.

Das Buch ersetzt keine Therapie (den Anspruch hat es aber auch nicht), aber es ist eine Ergänzung für Leute wie mich, die das Gefühl haben, nicht untätig rumsitzen können und den Sturm vorüberziehen lassen, sondern nach Impulsen zur Selbstarbeit suchen, um die zur Verfügung stehende Therapiezeit optimal zu nutzen.

Veröffentlicht am 09.06.2024

Keegan setzt jedes Wort gezielt!

Reichlich spät
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Nach Ende der Arbeit nimmt macht Cathal sich auf den Heimweg. Im Bus setzt sich ihm gegenüber eine Frau auf den freien Platz. Er atmet ihren Duft ein, und die Erinnerung führt ihn direkt zurück zu Sabine. ...

Nach Ende der Arbeit nimmt macht Cathal sich auf den Heimweg. Im Bus setzt sich ihm gegenüber eine Frau auf den freien Platz. Er atmet ihren Duft ein, und die Erinnerung führt ihn direkt zurück zu Sabine. Sabine, die er fast geheiratet hätte. Aber eben nur fast.
Der Ehering ist bereits gekauft, und dann ist es diese eine feindselige Haltung zu viel gegenüber dem Plural Frauen, der dafür sorgt, dass Sabine endgültig geht.

Claire Keegan gelingt es, auf gerade einmal knapp 50 Seiten einen intensiven Blick von der Alltagsmisogynie eines Mannes zu zeichnen. Ihre Sprache ist so klar und präzise, jedes Wort gezielt gesetzt. Cathal wünscht sich die Verbindlichkeit einer festen Partnerschaft, erträgt gleichzeitig aber die Anwesenheit der Frau nicht, die er besitzen will und die er in Person als auch in ihren Zuwendungen, als selbstverständlich hinnimmt. Keegan lässt ihren männlichen Protagonisten wie einen feinen Sprühregen auf die Szenerie rieseln, seine Aussagen und Handlungen so mikroskopisch, in der Masse dann aber doch antifeministisch. Ihre erdachte Figur ist das schon viel zu oft erlebte reale Pendant zu Männern, die sich vom Feminismus drangsaliert fühlen, ohne genau zu wissen, warum eigentlich. Großartiges Buch!

Veröffentlicht am 09.06.2024

Geht uns alle an

Obdachlosigkeit – Warum sie mit uns allen zu tun hat
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Sie gehören zum Stadtbild wie dm und sind doch so unsichtbar, weil keiner hinschauen will: obdachlose Menschen.
Viele Städte werben mit einem Image der inklusiven Stadt, die allen Menschen zur Verfügung ...

Sie gehören zum Stadtbild wie dm und sind doch so unsichtbar, weil keiner hinschauen will: obdachlose Menschen.
Viele Städte werben mit einem Image der inklusiven Stadt, die allen Menschen zur Verfügung steht, doch nichts straft diese Selbstdarstellung so sehr Lügen wie Parkbänke mit Metallgittern, auf die man sich nicht legen kann. Die Städteplanung richtet sich zunehmend an bezahlkräftige Bevölkerungsgruppen und der öffentliche Raum wird stark von politischen sowie ökonomischen Interessen beeinflusst. Wohnungslose Menschen, die sich fast ausnahmslos nur im öffentlichen Raum aufhalten können, werden von zentralen Orten wie Parks, Bahnhöfen, Einkaufspassagen vertrieben und verlieren damit Schutz, denn gerade wo viele Menschen verkehren, sind Obdachlose eher vor Übergriffen geschützt.
Es gibt neue sozialpolitische Ansätze, wie in den USA entwickelte Housing-First-Programme, bei denen im Vordergrund steht, nicht allein die Symptome wie schlechte Gesundheit zu bekämpfen, sondern Obdachlose zunächst in ein festes Wohnen zu bekommen, aus dem alle anderen Probleme wie Schulden angegangen und begleitet werden. Denn mit einer Wohnung kommt auch die Bürokratie zurück ins Leben und es werden Kompetenzen benötigt, die auch vor der Obdachlosigkeit nicht ausgeprägt waren.

Dieses kurze und dennoch sehr informative Buch mit seinen Infografiken lässt sich innerhalb von drei Stunden durchlesen. Und das macht es gut, denn sich ab und zu bewusst zu machen, wie schnell ein:e jede:r von uns in die Lage kommt, die wir beim Stadtbummel auf Kniehöhe lieber ignorieren ist nur angemessen. Ich kann dieses Büchlein eigentlich nur allen empfehlen; man muss sich ja nicht erst zur Weihnachtszeit wieder rührselig Gedanken um die Ärmsten unserer Gesellschaft machen, denn obdachlos sind jene Menschen das ganze Jahr.