Anspruchsvolle Phantastik
Die Geister von La SpeziaMary Shelley, Autorin von "Frankenstein", muss wenige Jahre nach dessen Veröffentlichung den Tod ihres Mannes betrauern, der bei einer Segeltour ertrank. Mit Hilfe einer italienischen Expertin im Paranormalen ...
Mary Shelley, Autorin von "Frankenstein", muss wenige Jahre nach dessen Veröffentlichung den Tod ihres Mannes betrauern, der bei einer Segeltour ertrank. Mit Hilfe einer italienischen Expertin im Paranormalen begibt sie sich auf eine durch allerhand komplizierte Technik ermöglichte "Erinnerungsreise" in die Vergangenheit, um dort in die Perspektiven anderer Menschen zu tauchen und mehr über die Umstände des angeblichen Unglücks zu erfahren.
Oliver Plaschka ist schon ein recht besonderer Wortmagier, dessen Romane durchaus eine gewisse Sonderstellung in der deutschen Fantasy einnehmen - nicht nur, weil er einer der wenigen nationalen Autoren im fantastischen Programm des altehrwürdigen Klett-Cotta-Verlags ist, was an sich schon eine große Leistung ist, sondern weil Phantastik für ihn nicht nur eine Fassade für seine Geschichten ist. Plaschka bedient sich ähnlich wie sein bekannterer Kollege Kai Meyer verschiedener Versatzstücke aus der Hochliteratur, aber auch aus aktuellen Trends, bleibt dabei trotzdem immer auf angenehme Art "altmodisch". Seine Romane lesen sich beinahe erhaben ernst, sind sprachlich stark konstruiert, oft ausschweifend, aber durchgehend atmosphärisch. Und so fängt auch "Die Geister von La Spezia" mühelos die bedrückend-melancholische Grundstimmung seines Themas ein, findet im Italien des frühen 19. Jahrhunderts eine morbide Faszination, die sich spielerisch leicht in die düstere Schauerromantik überträgt, deren wichtigster Text (eben "Frankenstein") hier Pate steht für die Beschäftigung mit dessen Autorin und den Geistern der Vergangenheit, die sie nicht loslassen. Da verzeiht man auch gern ein paar verwirrende Wendungen zu viel, die das arg komplexe Thema noch schwieriger verdaulich erscheinen lassen. Wer sich durchbeißt, wird dennoch mit einem großartigen Leseerlebnis belohnt, das mehr ist als nur die Summe seiner Teile - und dass im Kopf noch lange nachwirkt.
Mit (kleinen) Einschränkungen eine ganz große Leseempfehlung und ein gelungener Start ins fantastisch-literarische Frühjahr!