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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.01.2025

Gute Ideen

Wieso? Weshalb? Warum? Meine Vorlesegeschichten. Was passiert in Wald und Wiese?
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Wenn man „Was passiert in Wald und Wiese?“ aus der Reihe Wieso/Weshalb/Warum aufschlägt, findet man zuerst eine Auflistung der Familien, um die es in diesem Buch geht. Dabei fällt auf, dass die Autoren ...

Wenn man „Was passiert in Wald und Wiese?“ aus der Reihe Wieso/Weshalb/Warum aufschlägt, findet man zuerst eine Auflistung der Familien, um die es in diesem Buch geht. Dabei fällt auf, dass die Autoren Wert darauf gelegt haben, viele verschiedene Arten von Familien zu berücksichtigen. Da ist die klassische Mutter-Vater-Kind-Familie, aber auch der alleinerziehende Vater, die Patchworkfamilie und die Großeltern, die sich um den Enkel kümmern, solange die Eltern im Ausland arbeiten. Auf diese Art werden sich die meisten Kinder in diesem Buch wiederfinden. Die Familien haben verschiedene ethnische Hintergründe, auch das finde ich eine sehr gute Idee, denn selbst hier auf dem Dorf kommen die Kinder, die mit unserem Enkel den Kindergarten besuchen, bzw. deren Eltern und Großeltern, aus aller Herren Länder. Ebenfalls lobenswert ist es, dass die Großmutter des siebenjährigen Luca im Rollstuhl sitzt und als äußerst aktiv dargestellt wird. Leute mit Handicap kommen meiner Erfahrung nach doch eher selten in Kinderbüchern vor.
Wir begleiten in diesem Buch die Kinder Mara, Nesrin, Emil, Sofia und Luca auf ihren Abenteuern, bei denen sie allein oder mit ihren Familien die Natur erkunden. Dabei wird spielerisch Wissen vermittelt, beispielsweise dass Krähen in der Lage sind, Werkzeuge zu benutzen oder warum Tiere Winterschlaf halten. Das Buch hält auch praktische Tipps bereit. So habe ich zum Beispiel meine Rose von Jericho aus der Schublade geholt und gemeinsam mit meinem Enkel wieder zum Leben erweckt. Mit Sicherheit werden wir auch, sobald das Wetter es wieder zulässt, mal im Garten Stockbrot machen und im Sommer Wassereis mit Himbeeren, wie im Buch vorgeschlagen.
Die Illustrationen sind ebenfalls nett gemacht, wenn man von den Glubschaugen der Personen absieht. Alles in allem ist „Was passiert in Wald und Wiese?“ ein schönes Vorlesebuch mit guten Anregungen.

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Veröffentlicht am 04.10.2024

Der Sommer, der alles verändert

Bei Licht ist alles zerbrechlich
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Wir schreiben das Jahr 1942. Das kleine süditalienische Dorf Tora e Piccilli liegt weitab von großen Städten, vom Weltgeschehen und dem Krieg bekommt man hier nicht viel mit, bis eines Tages Juden aus ...

Wir schreiben das Jahr 1942. Das kleine süditalienische Dorf Tora e Piccilli liegt weitab von großen Städten, vom Weltgeschehen und dem Krieg bekommt man hier nicht viel mit, bis eines Tages Juden aus Neapel in ihren Ort zwangsumgesiedelt werden. Einer dieser Juden ist der junge Nicolas, der den Bauernjungen Davide durch sein Aussehen und seine Ausstrahlung sofort in seinen Bann zieht.
Davide, der wie die meisten Dorfbewohner Analphabet ist, sucht Nicolas‘ Nähe und mit der Zeit entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Darüber hinaus lernt Davide von Nicolas und dessen Vater Lesen und Schreiben, was Davides Vater, einen bösartigen Rohling, dermaßen in Rage bringt, dass er sich grausam an Davide rächt. Davides Jugendfreundin Teresa findet ebenfalls Gefallen an Nicolas, woraufhin Davide sich verletzt zurückzieht.
Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit verlässt er das Dorf und lebt von da an in Neapel. Dort schlägt er sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch, doch durch Zufall entdeckt er die Welt des Theaters für sich. Er wird zum gefeierten Schauspieler und Autor, doch findet er nie wieder Freundschaften wie mit Teresa und Nicolas. Nach einigen Jahren beschließt er, die beiden ausfindig zu machen.
„Bei Licht ist alles zerbrechlich“ ist ein Roman, der sehr eindrücklich die Entwicklung des körperlich eingeschränkten Sohns eines Schweinezüchters zum gefeierten Bühnenschauspieler, aber auch dessen bildungsfernes Aufwachsen in einem lieblosen Elternhaus und seine spätere Einsamkeit in der Großstadt beschreibt. Mich hat dieses Buch sehr berührt.

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Veröffentlicht am 11.07.2024

Das Ende einer Kindheit

Solito
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Im Alter von neun Jahren wird Javier, der in El Salvador bei seinen Großeltern aufgewachsen ist, auf die gefährliche Reise zu seinen Eltern in die USA geschickt. Die Eltern sind vor Jahren vor dem brutalen ...

Im Alter von neun Jahren wird Javier, der in El Salvador bei seinen Großeltern aufgewachsen ist, auf die gefährliche Reise zu seinen Eltern in die USA geschickt. Die Eltern sind vor Jahren vor dem brutalen Bürgerkrieg in ihrem Land geflüchtet und leben als illegale Einwanderer in Kalifornien. Auf der ersten Etappe der Strecke, die per Bus zurückgelegt wird, begleitet der Großvater den Jungen noch, dann übergibt er ihn an einen Fremden, der lediglich aus dem gleichen Ort wie Javier und sein Großvater stammt. Er bekommt dafür Geld, kümmert sich jedoch absolut nicht um Javier, der zum Glück von Patricia unter ihre Fittiche genommen wird, die mit ihrer zwölfjährigen Tochter unterwegs ist.
Die Flucht ist sehr beschwerlich und hart und beinhaltet beispielsweise eine Bootsfahrt auf dem offenen Meer, bei der die Flüchtlinge zusammengequetscht wie Sardinen nachts mit Dieselgeruch und Schlimmerem in der Nase stundenlang durch die Nacht gefahren werden. Angedacht war ein Zeitraum von zwei Wochen, bis Javier die USA erreicht, doch es dauert sehr viel länger. Die stundenlangen Wanderungen durch die mexikanische Wüste, in der es nachts sehr kalt wird, bei der die Flüchtlinge immer Gefahr laufen, entdeckt zu werden, ständige Angst und die Aufenthalte in menschenunwürdigen Behausungen, dazu die Einsamkeit und das Heimweh nach seiner Familie sind mehr als ein Neunjähriger jemals erleben sollte.
Als Leser weiß man zwar von Anfang an, dass die Flucht geglückt ist, denn Javier lebt heute in den USA, doch ist es sehr aufwühlend und herzzerreißend mitzuerleben, welche Strapazen und Ängste er als Kind erleben musste.
Was zunächst sehr irritierend ist, sind die vielen spanischen Ausdrücke, mit denen das Buch gespickt ist. Es hemmt den Lesefluss, immer im Glossar nachschlagen zu müssen und viele Begriffe dann doch nicht zu finden. Ich empfand dies zunächst als Ärgernis, habe dann allerdings in einem Interview mit dem Autor gelesen, dass er dieses Stilmittel ganz bewusst eingesetzt hat. Zamora möchte die Leser in dieselbe Lage versetzen, die Flüchtlinge erleben, die mit einer anderen Sprache, deren sie nicht mächtig sind, konfrontiert sind.
Javier bezeichnet seine Flucht als Ende seiner Kindheit und musste sich jahrelang einer Therapie unterziehen, um die erlebten Traumata zu verarbeiten.
Mich hat dieses Buch sehr bewegt, da es eindrücklich vor Augen führt, was das Wort Flucht eigentlich beinhaltet. Ein Roman, über den ich sicher noch längere Zeit nachdenken werde.

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Veröffentlicht am 01.07.2024

Hommage an das Wasser

Am Himmel die Flüsse
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In „Am Himmel die Flüsse“ der türkisch-britischen Autorin Elif Shafak begleiten wir drei Hauptpersonen, die zu unterschiedlichen Zeiten leben. Das verbindende Element ist das Wasser. Da ist zunächst Arthur, ...

In „Am Himmel die Flüsse“ der türkisch-britischen Autorin Elif Shafak begleiten wir drei Hauptpersonen, die zu unterschiedlichen Zeiten leben. Das verbindende Element ist das Wasser. Da ist zunächst Arthur, der im Uferschlamm der Themse geboren wird und in extremer Armut im London des 19. Jahrhunderts aufwächst. Trotz widrigster Umstände gelingt es ihm, zu einem der berühmtesten Altertumsforscher Großbritanniens zu werden, dem es gelingt, die Keilschrift auf mesopotamischen Tontafeln zu entziffern. In einer ersten Exkursion in das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris verliebt er sich in Land und Leute und setzt alles daran, wieder dorthin zurückzukehren.
Die zweite Hauptperson ist Narin, ein kleines ezidisches Mädchen, dessen Großmutter, eine Heilerin, im Jahr 2014 mit ihr in den heutigen Irak reist, damit sie dort in einem heiligen Tal getauft werden kann. Dabei geraten sie in größte Gefahr, denn der IS hat die Macht übernommen und richtet ein Massaker nach dem anderen an. Die Beschreibungen dessen, was Menschen einander antun, sind schockierend, umso mehr, als sich die Autorin dabei an Berichten von Überlebenden orientiert hat.
Schließlich lernen wir Zaleekhah kennen, die 2018 als Wissenschaftlerin mit dem Fachgebiet Hydrogeologie in London forscht. Ihre Eltern kamen als Immigranten aus dem Nahen Osten. Zaleekhah hat sich vor kurzem von ihrem Ehemann getrennt und lebt nun auf einem Hausboot auf der Themse.
All diese Geschichten werden kunstvoll miteinander verwoben. Die Recherche zu diesem Roman muss Jahre gedauert haben, so ausführlich werden Artefakte und historische Begebenheiten beschrieben. Manchmal hatte ich fast das Gefühl, eine Dissertation zu lesen. Ich habe aus diesem Buch viel gelernt und bedaure, kein fotografisches Gedächtnis zu haben, denn die Fülle an Informationen werde ich mir niemals merken können. Die Beschreibung der Gräueltaten der IS und früherer Herrscher im Land zwischen Euphrat und Tigris haben mich hart an meine Grenzen gebracht. Ich hatte in keinster Weise in diesem teilweise sehr poetischen Roman mit solch grausamen Szenen gerechnet. Es ist ein anspruchsvolles Buch, berührend, spannend und informativ, das sich nicht scheut, Themen wie Genozid und die menschenverachtende Behandlung von Minderheiten anzusprechen. Ein sehr lesenswerter Roman.

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Veröffentlicht am 05.06.2024

Unsichtbar war gestern

Bonjour Agneta
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Das Leben der 49jährigen Agneta ist von Routine geprägt. Ihr Job ist eintönig, im Kollegenkreis fühlt sie sich als Außenseiterin. Ihr Mann Magnus ist davon besessen, jung und fit zu bleiben und entsprechend ...

Das Leben der 49jährigen Agneta ist von Routine geprägt. Ihr Job ist eintönig, im Kollegenkreis fühlt sie sich als Außenseiterin. Ihr Mann Magnus ist davon besessen, jung und fit zu bleiben und entsprechend sind seine Freizeitaktivitäten und Essgewohnheiten. Selbstverständlich erwartet er von seiner Frau, es ihm gleichzutun. Agneta fügt sich allem, isst brav kalten Haferbrei zum Frühstück, nur um sich danach heimlich ein verstecktes Frühstück mit Butter und Marmelade zu gönnen. Als sie eines Tages eine etwas kryptische Annonce in der Zeitung entdeckt, in der ein „älterer Junge“ in der Provence eine schwedischsprachige Person als Betreuung sucht, beschließt sie, einmal im Leben etwas Verrücktes zu wagen und bewirbt sich. Sie bekommt die Stelle und reist in die Provence, denn momentan hält sie nichts in Schweden, die Kinder sind aus dem Haus und ihrer Ehe kann eine Weile Abwesenheit nur guttun.
Allerdings stellt sich dann der ältere Junge als 80jähriger heraus, der zudem an Demenz leidet und in einem riesigen heruntergekommenen Kloster lebt. Nachdem sie den anfänglichen Schock überwunden hat, stellt sich Agneta den Herausforderungen, lernt die Nachbarn und die Umgebung kennen und entdeckt eine Seite an sich, die sie selbst überrascht.
Die Geschichte von „Bonjour Agneta“ wurde sicher schon oft so ähnlich erzählt, eine Frau in der Mitte ihres Lebens fragt sich, ob das schon alles gewesen sein soll und bricht aus, aber in diesem Buch erwarten die Leser doch einige Überraschungen. Der 80jährige Einar hat beispielsweise ein bewegtes Leben hinter sich, allerdings hätte ich eine dermaßen detaillierte Beschreibung seines Liebeslebens nicht unbedingt gebraucht.
Das humorvolle Buch hat mich sehr gut unterhalten und es hat mehr Tiefgang, als ich erwartet hätte.

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