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Veröffentlicht am 06.07.2024

Weder Gewaltorgien noch Superhelden

Lost Places
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Jørn Lier Horst, Paul Finch und Norbert Horst. Was haben diese drei Autoren gemeinsam? Sie schreiben Kriminalromane, aber sie haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Alle drei haben bei der Kriminalpolizei ...

Jørn Lier Horst, Paul Finch und Norbert Horst. Was haben diese drei Autoren gemeinsam? Sie schreiben Kriminalromane, aber sie haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Alle drei haben bei der Kriminalpolizei gearbeitet, waren also auch mit Tötungsdelikten vertraut. Und diese Erfahrung fließt natürlich auch in ihre Bücher ein, die sich allesamt durch die realistischen Beschreibungen der Polizeiarbeit auszeichnen.

„Bitterer Zorn“, Band 4 der Steiger-Reihe und 2019 erschienen, war der letzte Krimi aus Norbert Horsts Feder, aber nun gibt es mit „Lost Places: Wo die Toten schweigen“ Nachschub, der Auftaktband einer neuen Reihe, die in und um Essen verortet ist und ein neues Dreier-Team einführt: Deniz Müller, KHK bei der Essener Kripo, Camilla Lopez, Staatsanwältin und Alexander Rahn, Journalist („nicht verwandt und nicht verschwägert“), die sich schon seit ihrer Schulzeit kennen. Eine interessante Figurenkonstellation, die mit Blick auf den Klappentext Vermutungen ins Kraut schießen lässt.

Drei Todesfälle, die auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeit aufweisen. Drei Fundorte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Drei Tote, deren Herkunft, Hintergrund und Lebensumstände keine Verbindungen zeigen. Und doch lassen sich während der kleinteiligen Ermittlungsarbeit und dem Auswerten der verschiedenen Hinweise Gemeinsamkeiten, aber auch bei genauerem Hinsehen ein Muster erkennen, was den Schluss zulässt, dass es sich um einen Serientäter handeln könnte.

In diesem Krimi gibt es weder Gewaltorgien noch Superhelden, da der Autor einmal mehr seine Erfahrungen aus seinem früheren Berufsleben einfließen lässt. Er zeigt, wie die verschiedenen Rädchen ineinandergreifen müssen, beschreibt Sammeln und Analyse der Informationen sowie die daraus logisch resultierenden Ergebnisse. Das ist weder trocken noch langweilig, sondern wirkt sich positiv auf die Spannung aus, deren Kurve im Verlauf kontinuierlich ansteigt.

Eine willkommene Abwechslung im Krimi-Einerlei, die die Vorfreude auf den Nachfolger „Sweet Home: Du bist nirgends sicher“ (erscheint im Januar 2025) wachsen lässt.

Veröffentlicht am 03.07.2024

Ein Garten offenbart sich...wenn man ihn nur lässt!

Ein Garten offenbart sich
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Ein Haus mit Garten, für viele ein Wunschtraum. So auch für Katrin de Vries, die es mit ihrer Familie zurück nach Ostfriesland zieht. Das traditionelle Backsteinhaus mit dem dazugehörigen großen Grundstück ...

Ein Haus mit Garten, für viele ein Wunschtraum. So auch für Katrin de Vries, die es mit ihrer Familie zurück nach Ostfriesland zieht. Das traditionelle Backsteinhaus mit dem dazugehörigen großen Grundstück stellt sie allerdings anfangs vor eine große Herausforderung, braucht es doch, wenn man den gängigen Vorstellungen der Nachbarschaft gerecht werden will, jede Menge Zeit und körperlichen Einsatz, um die Natur in Schach zu halten. Die Grünflächen müssen wöchentlich gemäht, die Hecken im Frühjahr in Form gebracht, ihr Laub im Herbst entsorgt und die Beete permanent unkraut- und schädlingsfrei gehalten werden.

Aber es geht auch anders. Das ist eine Lektion, die die Autorin allmählich lernt. Dabei ist dieses Buch aber kein Ratgeber, eher eine meditative Betrachtung über Werden und Vergehen. Über die Freude an der Veränderung. Über die Vielfalt, die ohne menschliches Zutun entstehen kann.

Wieviel entspannter ist es doch, der Natur ihren Lauf zu lassen, die im Gegenzug mit üppigem Wachstum entschädigt. Und jeder Gartenbesitzer, der diesen Weg ebenfalls bereits eingeschlagen hat, wird das bestätigen können, vor allem nach den Regenmengen plus den dazwischenliegenden Sonnentagen der vergangenen Monate. So grün, so prall, aber auch so ertragreich war unser Garten schon seit langer Zeit nicht mehr.

Ein Garten offenbart sich...wenn man ihn nur lässt!

Veröffentlicht am 03.07.2024

Von Baby-Gangs, Beutekunst und falschen Helden

Feuerprobe
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Seit nunmehr über dreißig Jahren lässt uns Donna Leon, ehemals Wahlvenezianerin, aber mittlerweile im schweizerischen Graubünden ansässig, am Leben in Venedig teilhaben. Sie zeigt uns die negativen Veränderungen ...

Seit nunmehr über dreißig Jahren lässt uns Donna Leon, ehemals Wahlvenezianerin, aber mittlerweile im schweizerischen Graubünden ansässig, am Leben in Venedig teilhaben. Sie zeigt uns die negativen Veränderungen in Stadt und Gesellschaft, mit denen die Serenissima und ihre Bewohner zu kämpfen haben. Ganz gleich, ob das nun die Kreuzfahrtschiffe, die Touristenmassen, die Umweltsünden, die schleichende Übernahmen des historischen Erbes durch dubiose Investoren oder die behäbigen und nicht selten korrupten Verwaltungsapparate sind, Leon legt den Finger in die zahlreichen Wunden, die diesem Kleinod und seinen Bewohnern über die Jahre zugefügt wurden.

In „Feuerprobe“, Band 33 der Reihe, stehen Brunetti, Griffoni und Kollegen vor einer neuen Herausforderung. Rivalisierende Jugendbanden machen Venedig unsicher. Ohne besonderen Anlass, lediglich getrieben von Langeweile, Frust und der Freude an der Gewalt, verabreden sie Treffpunkte, um ihre Kräfte in testosterongeschwängerten Auseinandersetzungen zu messen.

Dies ist allerdings nur der Ausgangspunkt, der berühmte Stein, der ins Wasser geworfen wird, immer größere Kreise zieht und zurück ins Jahr 2003 führt, als bei einem Attentat im irakischen Nassiriyah 19 Italiener, Angehörige der MSU Carabinieri, getötet wurden. Einer der Überlebenden wurde von Medien und Öffentlichkeit zum Helden erklärt, aber von offizieller Seite nie mit einem Orden ausgezeichnet.

Ein weiterer, zeitgleicher Handlungsstrang thematisiert das krimineller Verhalten einer Gruppe italienischer Einsatzkräfte während des Krieges im Irak, die skrupellos wertvolle Artefakte aus dem Land schmuggelten und zu Höchstpreisen an Kunstliebhaber in der Heimat verkauften. Einer dieser Sammler ist Enzo Bocchese, ein Kollege von Brunetti, Er wird in seiner Wohnung überfallen, wobei er nicht nur körperlich attackiert wird, sondern der Täter auch noch einen Großteil seiner Beutekunst-Sammlung zerstört.

Die Verbindung zwischen diesen verschiedenen Handlungssträngen, die einmal mehr sowohl Brunettis als auch Griffonis Verständnis von Recht und Gerechtigkeit auf die Probe stellen, sind zwei Mitglieder der Baby-Gangs. Der eine ein Mitläufer, Sohn des „Helden von Nassiriyah“ und voller Bewunderung für seinen Vater, der andere der Anführer der Rivalen, ein gewalttätiger Dummkopf, der im gleichen Haus wie Brunettis Kollege wohnt.

Interessante Szenarien, aber dennoch fehlt etwas. Donna Leon führt uns zwar wie immer souverän durch die unterschiedlichen Handlungsstränge, geht aber diesmal aufgrund der Themenvielfalt weniger als gewohnt in die Tiefe. Und auch die reflektierenden Gespräche zwischen Guido und Paola bleiben diesmal weitgehend außen vor. Wie auch Vianello, der im wohlverdienten Urlaub entspannt. Signora Elettra und der Vice Questore tauchen nur am Rand auf, dafür rückt Claudia Griffoni interessanterweise mehr ins Zentrum, bleibt aber wie meist eher blass. Spielt die Autorin etwa mit dem Gedanken, den Staffelstab weiterzureichen? Ich hoffe nicht.

Veröffentlicht am 27.06.2024

Mythen, Meer und Mord

Bretonische Sehnsucht
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Wie wäre es mit einem Kurzurlaub in der Bretagne? An einem Ort, wo die seit Jahrhunderten überlieferten Legenden und Traditionen zum Alltag gehören? Dann nicht wie hin, auf die Île d‘Oeussant. On y va!

Auf ...


Wie wäre es mit einem Kurzurlaub in der Bretagne? An einem Ort, wo die seit Jahrhunderten überlieferten Legenden und Traditionen zum Alltag gehören? Dann nicht wie hin, auf die Île d‘Oeussant. On y va!

Auf diese kleine, von Stürmen umtoste Insel im Nordwesten der Bretagne verschlägt es Georges Dupin, wo er auf Anweisung von oben in einem ungeklärten Todesfall ermitteln soll. „Oben“ ist in diesem Fall der wie immer nervige Präfekt Locmariaque, dessen Nichte dort lebt und zu den „Sirenen“ gehört, fünf Frauen, die das musikalische Erbe der keltischen Vergangenheit bewahren. Und jede von ihnen hatte zu Lionel Saux, dem Toten, regelmäßig Kontakt.

Und wir ahnen es schon, Saux ist keines natürlichen Todes gestorben. Er war ein Mann mit großen Plänen, ist er damit vielleicht jemandem auf die Füße getreten? Dupin ist ratlos, weiß nicht, wo er ansetzen soll. Doch dann gibt es zwei weitere Todesopfer, und bei allen finden sie die gleiche rituelle Beigabe…

Die Dupin-Reihe lese ich nicht wegen der Krimi-Elemente, sondern wegen des bretonischen Flairs, die ihr eigen ist und von Jean-Luc Bannalec so gekonnt transportiert wird. Das habe ich in den letzten Bänden allerdings sehr vermisst. Umso mehr konnte mich „Bretonische Sehnsucht“ begeistern, denn hier bekommen wir eine geballte Ladung an wunderbar atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen, die zum Kofferpacken animieren. Damit aber nicht genug, denn wir werden, wie Dupin, von Madame Jaouen, einer Conteuse (Bewahrerin des alten Wissens), ergänzt durch die „Vorträge“ von Dupins Assistent Riwal in das Brauchtum, die Legenden sowie die mystischen Wesen, kurz in das keltisch-druidische Erbe der aus der Zeit gefallenen Île d‘Oeussant eingeweiht.

Die perfekte Urlaubslektüre, im Idealfall in der Bretagne lesen, aber zuhause geht natürlich auch!

Veröffentlicht am 22.06.2024

Keine skandinavische Massenware

Wenn die Nacht endet
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Es ist kurz vor dem Jahrtausendwechsel, eine strukturschwache Region im Niedergang. Null Perspektiven für Jugendliche. Sie kennen sich seit Kindertagen, hängen miteinander ab, langweilen sich. Manche sind ...

Es ist kurz vor dem Jahrtausendwechsel, eine strukturschwache Region im Niedergang. Null Perspektiven für Jugendliche. Sie kennen sich seit Kindertagen, hängen miteinander ab, langweilen sich. Manche sind auf dem Sprung, andere wie festgenagelt. Freundschaften werden auf die Probe gestellt. Ablenkung bieten einzig die kollektiven Treffen aka Besäufnisse an den Wochenenden, bei denen sich mehr oder weniger regelmäßig die Frustration in Prügeleien entlädt.

Als der 18-jährige Mikael an dem Morgen nach einer solchen Party tot aufgefunden wird, stellt sich für die Polizei natürlich die Frage, ob der Täter in der Clique zu finden ist. Sie machen zwar zwei Verdächtige aus, können ihnen aber nichts nachweisen.

Zwanzig Jahre später wird Mikaels Bruder ermordet. Vidar Jörgensson ermittelt und stößt natürlich auf den ungeklärten Mord an Mikael.

„Wenn die Nacht endet“ ist der abschließende Band der Halland-Trilogie des Schweden Christoffer Carlsson (nicht nur Schriftsteller, sondern auch promovierter Kriminologe), der für diesen Roman sowohl mit dem Schwedischen als auch mit dem Skandinavischen Krimipreis ausgezeichnet wurde.

In seinen Romanen gibt es zwar immer Gewaltverbrechen, aber im Gegensatz zu den meisten Krimiautoren legt Carlsson wenig Wert auf die detaillierte Beschreibung der Ermittlungsarbeit. Vielmehr versucht er aufzuschlüsseln, weshalb jemand zum Täter wird und welche Auswirkungen die Tat schlussendlich sowohl für dessen persönliches Umfeld als auch für Familie und Freunde des Opfers hat. Er stellt die alte Frage nach Schuld, nach persönlicher Moral, aber auch nach dem Versagen einer Gesellschaft, die sich ihrer Verantwortung nicht stellt.

Zwar nicht ganz so herausragend wie der Vorgänger, aber mit seinem feingezeichneten Figurenensemble sowie dem hohen sprachlichen Niveau des Autors, hebt sich auch dieser Roman von der üblichen skandinavischen Massenware ab und wird allen empfohlen, die auch in Kriminalromanen literarische Qualität zu schätzen wissen.