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Veröffentlicht am 07.07.2024

Die Hoffnung stirbt nicht

In den Farben des Dunkels
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Joseph Macauley genannt Patch lebt in einer Kleinstadt in Missouri. Er wurde mit nur einem Auge geboren und trägt deshalb eine Augenklappe. Eines Tages wird der 13jährige im Wald Zeuge, wie ein maskierter ...

Joseph Macauley genannt Patch lebt in einer Kleinstadt in Missouri. Er wurde mit nur einem Auge geboren und trägt deshalb eine Augenklappe. Eines Tages wird der 13jährige im Wald Zeuge, wie ein maskierter Mann die von allen umschwärmte Misty Meyer angreift. Patch attackiert den Mann und verhilft damit Misty zur Flucht. Der Unbekannte entführt den Jungen und sperrt ihn irgendwo in einen dunklen Keller, wo er über 300 Tage lang bleibt. Ein unbekanntes Mädchen namens Grace befindet sich ebenfalls dort und steht ihm bei, indem sie ihm Geschichten erzählt und all die Orte beschreibt, an denen sie gewesen ist. Eines Tages rettet ihm seine Freundin Saint das Leben. Sie hat nie aufgehört, ihn zu suchen und ist dem Täter auf die Spur gekommen, aber der ist nach dem Brand seines Hauses genauso spurlos verschwunden wie Grace. Von da an macht Patch es sich zur Aufgabe, nach Grace zu suchen, um auch sie zu retten. Saint und Patch suchen genauso wie die Polizei auch nach anderen verschwundenen Mädchen. Patch nimmt Kontakt zu den Familien auf, um herauszufinden, ob eine von ihnen Grace ist. Inzwischen ist er ein sehr begabter Maler, der die Verschwundenen malt und die Bilder in der örtlichen Kunstgalerie ausstellt, um so noch mehr Hinweise zu bekommen. Er könnte mit den Bildern seinen Lebensunterhalt verdienen, überfällt aber stattdessen Banken und spendet einen großen Teil des Geldes.
Patchs fast drei Jahrzehnte dauernde Suche wird zur Obsession seines Lebens. Saint hat nie aufgehört, ihn zu lieben und hat als Polizistin die Suche nach Grace und einer Vielzahl von vermissten Mädchen zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. “In den Farben des Dunkels“ ist ein epischer, auf einer Krimihandlung basierender Roman, aber er ist viel mehr als ein Whodunit. Es geht um Liebe und Verlust, um Hoffnung und das nie nachlassende Festhalten an den Dingen, die einem wichtig sind. Die sympathischen, sehr sorgfältig gezeichneten Charaktere kommen einander immer näher, bilden schließlich eine Art Patchwork-Familie, verbunden durch bedingungslose Liebe. Das sehr umfangreiche Buch liest sich nicht mühelos, ist jedoch wegen der Intensität der Darstellung sehr empfehlenswert und wirkt lange nach.

Veröffentlicht am 09.06.2024

Wie gehen Schuldige mit ihrer Schuld um?

Seinetwegen
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Zora del Buono verlor mit acht Monaten ihren erst 33 Jahre alten Vater durch einen Autounfall. Der Vater Manfredi del Buono war damals schon ein angesehener Arzt in Zürich, dem eine große Karriere bevorstand. ...


Zora del Buono verlor mit acht Monaten ihren erst 33 Jahre alten Vater durch einen Autounfall. Der Vater Manfredi del Buono war damals schon ein angesehener Arzt in Zürich, dem eine große Karriere bevorstand. Die junge Witwe kam nie über den Verlust hinweg, hat nicht noch einmal geheiratet. Sie wollte nicht einmal über den Vater sprechen. Die Tochter vermied das Thema. Zu qualvoll war es für sie, den Schmerz ihrer Mutter zu sehen. Zora hat sich schon als junges Mädchen Freunde gesucht, die ebenfalls vaterlos aufwuchsen. Auch später trifft sie häufig Menschen, die ähnliche Verluste erlitten hatten. Ihr ganzes Leben lang fragt sie sich, wie wohl das Leben des damals erst 28jährigen Unfallverursachers Ernst Traxler, genannt E.T. ausgesehen hat, vor allem, wie er mit seiner Schuld umging. Als sie 60 ist und ihre Mutter dement und in einer Einrichtung untergebracht, beginnt sie zu recherchieren und folgt Traxlers Spuren. Sie trifft bei ihren Reisen Menschen, die ihn kannten und ihr von seinem Leben erzählen. So erfährt sie, dass der Unfall auch Traxlers Leben nachhaltig beeinflusst hat. Die Autorin folgt nicht nur seinen Spuren, sondern beschäftigt sich mit Statistiken über die Opfer – seien es Menschen oder Tiere - von Autounfällen und anderen Katastrophen, mit Rassismus gegenüber Italienern in der Schweiz, der Hinrichtung von Hexen in der Vergangenheit und mit allen Arten von Ungerechtigkeiten der Rechtsprechung und liest schließlich auch die Gerichtsakten zu dem Fall. Am Ende wirkt sie von ihrer obsessiven Beschäftigung mit der "Leerstelle“ in ihrem Leben und dem Leben des “Töters“ befreit und kann ihr Leben normal weiterleben.
Mir hat diese autofiktionale Erzählung gefallen, wenn auch nicht so gut wie “Die Marschallin“, eine weitere Familiengeschichte, die sich mit den Großeltern väterlicherseits beschäftigt. Zora del Buono ist auf jeden Fall eine Autorin, die ich im Auge behalten werde.

Veröffentlicht am 26.05.2024

Tödliche Dolchstöße

Mord stand nicht im Drehbuch
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Zu Beginn des Romans “Mord stand nicht im Drehbuch“ beschließt Autor Anthony Horowitz, die Zusammenarbeit mit Privatdetektiv Daniel Hawthorne nach den drei vertraglich vereinbarten Romanen zu beenden. ...


Zu Beginn des Romans “Mord stand nicht im Drehbuch“ beschließt Autor Anthony Horowitz, die Zusammenarbeit mit Privatdetektiv Daniel Hawthorne nach den drei vertraglich vereinbarten Romanen zu beenden. Sie sind nie gleichberechtigte Partner oder gar Freunde geworden, obwohl sie einige sehr gefährliche Situationen gemeinsam gemeistert haben. Horowitz will sich vor allem um sein Theaterstück “Mindgame“ kümmern, das im Vaudeville Theatre im Londoner West End Premiere hat. Doch dann kommt alles anders. Bei der Premierenfeier im Theater erscheint Harriet Throsby, die gefürchtete Kritikerin der Sunday Times und gibt ein vernichtendes Urteil ab, wobei sie jeden einzelnen Anwesenden kränkt und beleidigt. Als die Schauspielerin Sky Palmer noch am selben Abend den Text der noch nicht erschienenen Rezension vom Handy vorliest, ist das Entsetzen groß. Am nächsten Morgen wird die Kritikerin in ihrem Haus ermordet aufgefunden, erstochen mit einem der mittelalterlichen Dolche, die der Produzent an das Team verteilt hatte. Sehr schnell gerät Horowitz in den Fokus der Ermittlungen, denn immer mehr Indizien weisen auf ihn als Täter. Er wird verhaftet und bittet Hawthorne um Hilfe. Dem gelingt es, den Autor nach einer Nacht aus dem Gefängnis zu holen, aber ihnen bleibt nur wenig Zeit, um den wahren Täter zu finden. Jeder der Anwesenden am Premierenabend hatte guten Grund, Harriet Throsby zu töten. Hawthorne geht jedoch auch Spuren nach, die in die Vergangenheit verweisen, zum Beispiel liest er die Bücher der Kritikerin.
Auch dieser Roman weist die Besonderheit auf, dass der reale Autor Horowitz als fiktive Figur Teil der Handlung ist und als Ich-Erzähler eine ebenso spannende wie geheimnisvolle Geschichte erzählt. Den wahren Täter kann man nicht erraten, und keinen Augenblick habe ich geglaubt, dass er es war, obwohl er auch als Täter in einem früheren, nie untersuchten Todesfall eines anderen Kritikers in Frage kommt. Unterhaltsam ist auch das konstante Namedropping von bekannten Figuren aus dem Showbiz und der Literatur mit hohem Wiedererkennungswert. Ich werde mit Sicherheit weitere Titel der Serie lesen und empfehle den Roman ohne Einschränkung.

Veröffentlicht am 28.04.2024

Mit Lügen die Wahrheit ans Licht bringen

Das Waldhaus
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Die 37jährige Hannah Davidson kehrt in ihr Elternhaus in London zurück, und sich nach seinem Krankenhausaufenthalt um ihren dementen Vater zu kümmern. 23 Jahre zuvor war ihre wunderschöne Mutter ...


Die 37jährige Hannah Davidson kehrt in ihr Elternhaus in London zurück, und sich nach seinem Krankenhausaufenthalt um ihren dementen Vater zu kümmern. 23 Jahre zuvor war ihre wunderschöne Mutter Jen, eine Fotografin, im Wald ermordet aufgefunden worden. Der Täter wurde nie gefasst. Die Familie wurde durch dieses Verbrechen zerstört. Hannahs Bruder Reece, ein erfolgreicher Medienstar, hält den Vater für den Täter und hasst ihn. Er hat den Kontakt zum Vater und zu seiner Schwester vor vielen Jahren abgebrochen. Hannah will endlich herausfinden, was damals wirklich geschah. Auch den damaligen Ermittler Chris Manning lässt der ungelöste Fall nicht los. Hannah nimmt Kontakt zu ihm auf. Er warnt sie, vorsichtig zu sein. Da Hannah ihrer Mutter immer ähnlicher geworden ist, spricht der Vater sie mit „Jen“ an und sagt mehrfach, dass es ihm leidtut. Was hat das zu bedeuten? Hannah macht sich diese Ähnlichkeit zunutze, u.a., indem sie die Kleidung ihrer Mutter trägt und sich schminkt wie sie und bringt sich dadurch in Lebensgefahr. Sie stößt auf immer mehr Ungereimtheiten und Informationen, die wichtig sein könnten. Zu den Verdächtigen gehören schließlich neben ihrem Vater und Bruder auch der Nachbar Mr. Roberts und sein Sohn Marcus, ehemals ein Freund ihres Bruders, zu dem sie sich damals und auch jetzt wieder hingezogen fühlt.
Der spannende Roman mit zahlreichen überraschenden Wendungen liest sich gut. Die Charakterisierung der Figuren ist sehr gelungen, vor allem die Protagonistin Hannah, deren verpfuschtes Leben – sie wurde drogenabhängig, Alkoholikerin und kriminell – zeigt, wie sich eine solche familiäre Katastrophe auf die Betroffenen auswirkt. “Das Waldhaus“ ist eine weitere Geschichte einer dysfunktionalen Familie, aber eine wirklich lohnende.

Veröffentlicht am 28.04.2024

Staub des Lebens

Wo die Asche blüht
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In Ngueyn Phan Que Mais Roman “Wo die Asche blüht“ geht es um den Vietnamkrieg und seine Folgen für die Überlebenden in Vietnam und die amerikanischen Veteranen. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: 1969 ...


In Ngueyn Phan Que Mais Roman “Wo die Asche blüht“ geht es um den Vietnamkrieg und seine Folgen für die Überlebenden in Vietnam und die amerikanischen Veteranen. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: 1969 und 2016 mit einem Epilog im Jahr 2019. Zwei Schwestern, - 18 und 16 Jahre alt - leben in äußerster Armut in einem Dorf. Betrüger haben die Familie um ihre gesamten Ersparnisse gebracht. Sie haben außerdem fast alles verloren, weil sie ihre Schulden an Geldverleiher nicht zurückzahlen können. Die Schwestern lassen sich von einer Freundin überreden, mit ihr nach Saigon zu gehen und dort als Barmädchen zu arbeiten. Sie begreifen erst später, dass von ihnen erwartet wird, dass sie sich für ein paar Dollar prostituieren, wovon vor allem ihre Chefin profitiert. Die ältere Schwester lässt sich auf eine Beziehung mit dem Soldaten Dan ein, der sie schwängert und im Stich lässt. Dan leidet auch Jahrzehnte später noch unter PTBS und lässt ich von seiner Frau Linda überreden, nach Vietnam zurückzukehren und seine Probleme endlich aufzuarbeiten. Er hat ihr allerdings nie von seiner Beziehung zu Kim alias Trang und dem Kind erzählt. In einem zweiten Handlungsstrang sucht der Amerasier Phong nach seinem unbekannten Vater, einem farbigen GI. Er wurde vor einem Waisenhaus ausgesetzt und hat nur wenige glückliche Jahre mit einer katholischen Nonne erlebt. Dann kamen die Vietcong und damit Umerziehungslager, Gewalt und Hass. Aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe wurden diese Menschen als Staub des Lebens bezeichnet.
Die Autorin verdeutlicht in ihrem exzellent recherchierten Roman, dass aus den Beziehungen zwischen amerikanischen Soldaten und Vietnamesinnen Zehntausende von Kindern hervorgingen, die später Ausgrenzung und Hass ausgesetzt waren, vor allem, wenn sie eine andere Hautfarbe hatten, und nie eine Chance auf ein normales Leben bekamen. Dieser grausame Krieg hat niemand genützt, sondern viele Opfer gefordert und Traumatisierte auf beiden Seiten hinterlassen. Der Roman informiert nicht nur über weniger bekannte Seiten dieses Krieges, er überzeugt vor allem durch seine geschickt fiktionalisierte Form der Informationen und persönlichen Erfahrungen der Autorin. Allerdings wirkt die Zusammenführung der verschiedenen Handlungsstränge mit ihrem jeweiligen Personal zum Schluss hin etwas unwahrscheinlich. Dennoch ist dies ein sehr lesenswertes Buch, das ich gern empfehle.