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Veröffentlicht am 17.07.2024

Rache und Loyalität

City in Ruins
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Mit "City in Ruins" hat Don Winslow seine Mobster-Triologie um Danny Ryan beendet, den Mann, der in einen irischen Gangsterclan im Boston der 50-er Jahre hineingeboren wurde und ähnlich wie die Helden ...

Mit "City in Ruins" hat Don Winslow seine Mobster-Triologie um Danny Ryan beendet, den Mann, der in einen irischen Gangsterclan im Boston der 50-er Jahre hineingeboren wurde und ähnlich wie die Helden griechischer Tragödien eine enorme Fallhöhe erreicht. Den Bogen zur griechischen Tragödie schlägt Winslow nicht nur mit seinen Themen um Rache, Liebe, Femmes fatales, Aufbau und Niedergang von (Gangster-)Reichen, von Kriegen, in denen eigentlich alle verlieren. Er zitiert auch aus Äneis und Odyssee, ehe die ganze Wucht des Schicksal und der Verstrickung in Gewalt einen Mann erfasst, der eigentlich nur ein anständiger Mensch sein will.

Ich hatte die beiden vorangegangenen Bände gelesen und war vor allem vom ersten Teil begeistert - der zweite zeigte ein paar Schwächen, wie das beim Mittelband von Triologien ja häufiger der Fall ist. Den Abschluss wollte ich natürlich nicht verpassen und Winslow läuft in der Tat zu großer Form auf, packt viele Themen und Protagonisten der beiden ersten Bücher zusammen, entwickelt die Geschichte aber auch mit einem dramatischen Spannungsbogen weiter.

Danny Ryan hat es geschafft, in der Hotelbranche in Las Vegas zum Multimillionär aufzusteigen und seine kriminelle Vergangenheit hinter sich zu lassen - auch wenn weiterhin über ihn geredet wird. Seine Träume richten sich nicht mehr auf den Aufstieg in einer Gangstergesellschaft, es geht nicht mehr um die Flucht um sein Leben, sondern um ein Hotel einer ganz neuen Dimension. Glücksspiel, und damit eine Verbindung in die eher schillernde Vergangenheit interessiert ihn weniger.

Doch noch immer gibt es eine Staatsanwältin, die Ryan vernichten will. Als der Konflikt mit einem Konkurrenten um den Besitz eines Hotelgrundstücks eskaliert, wird Ryan von seiner Vergangenheit eingeholt. Wird er alles verlieren?

Andere Handlungsstränge führen zurück zur Gangsterfamilie der Morettis, die vor allem im ersten Band eine Rolle gespielt hatte. So konzentriert sich Winslow zwar auf seinen Protagonisten Danny Ryan, bringt aber auch die Ereignisse um die einstigen Verbündeten und späteren Feinde Ryans zu einem Abschluss.

Auch "City in Ruins" bewegt sich zwischen der Gewalt und Brutalität des Organisierten Verbrechens einerseits und der Suche nach Normalität andererseits. Einmal mehr muss Ryan ein großes Risiko eingehen, um die zu retten, die er liebt, und einmal mehr wird er nicht überall erfolgreich sein. Loyalität kann tödlich sein und Rache wird nicht immer am besten kalt gegessen. Ein stimmige Abschluss dieser wuchtigen Gangster-Saga.

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Veröffentlicht am 16.07.2024

Langer Abschied

Der Bademeister ohne Himmel
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Abschied und Verlust, Lebensüberdruss und kleine Freuden, Freundschaft und Teenager-Einsamkeit - mit "Der Bademeister ohne Himmel" schreibt Petra Pellini mit leichter Hand über schwere Themen. Die Autorin ...

Abschied und Verlust, Lebensüberdruss und kleine Freuden, Freundschaft und Teenager-Einsamkeit - mit "Der Bademeister ohne Himmel" schreibt Petra Pellini mit leichter Hand über schwere Themen. Die Autorin hat in der Pflege demenzkranker Patienten gearbeitet, und ihre Erfahrung ist in dem Buch über die ungewöhnliche Freundschaft der 15-jährigen Linda und dem 86-jährigen demenzkranken Nachbarn Hubert anzumerken. Nicht nur wegen der unsentimentalen und zugleich respektvollen Schilderung des Verschwindens Hubert in seiner eigenen Welt, sondern auch in der Beschreibung letzter Wochen, Tage, Stunden, bei denen man spürt: Sterbebegleitung ist Pellini nicht fremd.

Eigentlich wollte sich Linda nur ihr Taschengeld aufbessern, als sie das Angebot von Huberts Tochter annahm, dreimal in der Woche Zeit mit dem alten Mann zu verbringen, während die polnische Pflegerin Ewa frei hat. Doch sie entwickelt ungeahnte Fürsorge und kreative Lösungen, um Hubert, dem ehemaligen Bademeister, ein paar schöne Momente zu verschaffen und bei allen Beschränkungen eine Art Kommunikation zu schaffen.

Dabei fantasiert Linda ständig über Selbstmord, spielt mit dem Gedanken, vor ein Auto zu laufen. Dass sie es doch nicht tut, liegt an Hubert und ihrem hochbegabten, aber sozial isolierten Freund Kevin. Was soll denn ohne sie aus den beiden werden! Zu ihrer geschiedenen Mutter hat Linda - pubertierender Teenager eben - ein ambivalentes Verhältnis.

So sehr es sich Linda auch wünschen mag - Hubert hat schon vor längerer Zeit eine Reise ohne Wiederkehr angetreten. Mit dem Sterben hat sich Linda schon länger auseinandergesetzt. Dennoch ist es ein Schock für sie, als der Tag kommt, an dem sie nicht mehr zu Hubert durchdringen kann. Noch atmet er, kann an guten Tagen gehen, doch zugleich rückt er in unerreichbare Ferne. Es ist Ewa, die mit viel Herz, ihrer Erfahrung in der Pflege auch von Sterbenden und der schwarzen Madonna von Czestochowa Beistand beim Abschiednehmen leistet.

Ich-Erzählerin Linda ist eine sympathische Protagonistin, mal schnodderiger Teenie, dann wieder nachdenklich und an den Herausforderungen reifend und wachsend. Pellini schafft es, nah an ihren Protagonisten dran zu sein und nicht, wie es bei diesem Thema auch möglich wäre, in die Kitschfalle zu tappen.

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Veröffentlicht am 09.07.2024

Frau. Berge. Freiheit.

Das Flüstern im Eis
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Von wegen Vollblutpolizist: Commissario Grauner ist zwar Mordermittler in Bozen, sein Herz hängt aber am Nebenerwerb als Viechbauer, an seinen 16 Kühen, dem Hof, und dem ruhigen ländlichen Leben. Lieber ...

Von wegen Vollblutpolizist: Commissario Grauner ist zwar Mordermittler in Bozen, sein Herz hängt aber am Nebenerwerb als Viechbauer, an seinen 16 Kühen, dem Hof, und dem ruhigen ländlichen Leben. Lieber früher als später will er in den vorgezogenen Ruhestand gehen, den Hof an die Tochter übergeben und sich mit seiner geliebten Alba auf die Alm verziehen. Doch Grauner kommt gar nicht dazu, dem Staatsanwalt seine diesbezüglichen Wünsche mitzuteilen in Lenz Koppelstätters "Das Flüstern im Eis". Es gilt, einen Mord zu ermitteln, seinen letzten Fall, so hofft Grauner.

Immerhin muss er dazu nicht in die verhasste Stadt, sondern in ein Südtiroler Dörfchen am Fuße des Ortlers. Der Leiter der dortigen Bergwacht ist dort tot aufgefunden worden, und die Mistgabel in der Brust macht es schwer, hier einen natürlichen Todesfall zu vermuten. Um sein Team zusammenzurufen, braucht Grauner nicht lange: Seine Mitarbeiter Tappeiner und Saltapepe sind bereits vor Ort, auf einer Hütte, um den Wettbewerb zweier Eiskletterinnen auf der Ortler-Nordwand zu verfolgen. Schließlich will Südtirolerin Tappeiner ihrem neapolitanischen Freund und Kollegen die Bergwelt schmackhaft machen.

Drama allerdings auch am Gletscher, denn die iranische Kletterin, die sich mit einer italienischen Konkurrentin den Wettkampf geliefert hat, ist zwar als erste am Gipfel, erreicht aber nicht die Talstation. Nur einer ihrer Eispickel wird nahe einer Gletscherspalte gefunden. Und nicht nur das - mit einem weiteren Toten schwillt die dörfliche Mordrate gewaltig an. Immerhin: Grauners landwirtschaftliches Know-How kommt unerwartete gelegen, den Kreis der Verdächtigen einzuengen. Saltapepe muss sich unterdessen Höhenangst, Felsen und ewigem Eis stellen, um Zeugen zu vernehmen. Immerhin kann der Hüttenwirt einen verdammt guten Espresso zubereiten.

Worum es bei dem Plot geht, ließ sich zumindest teilweise früh erahnen. Das machte allerdings gar nichts und tat weder Spannung noch Lesevergnügen Abbruch, denn sowohl der unorthodoxe Grauner als auch der seinem süditalienischen Element enthobene Saltapepe sind sympathische und sehr menschelnde Ermittler. Koppelstätter schreibt flüssig und lebendig und es macht Spaß, seinen Protagonisten buchstäblich durch Berg und Tal zu folgen.

Nicht zuletzt sind es die Naturbeschreibungen und die Faszination Bergsteigen, die in diesem Buch eine Rolle spielen, zusammen mit kernigen Bergführern, Schicksalsgemeinschaften auf sturmumtösten Hütten und Freundschaften, die Raum und Zeit überwinden. Mit dem Blick auf die Situation junger Frauen im Iran und die blutige Unterdrückung der Proteste - zuletzt mit dem Motto "Frau. Frieden. Freiheit" hat "Das Flüstern im Eis" auch einen unerwartet aktuellen Bezug.

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Veröffentlicht am 08.07.2024

Ministerin mit Geheimnissen

Dunkler Abgrund
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Clara Lofthus, erst seit wenigen Monaten Witwe und nun alleinerziehende Mutter von Zwillingen, wird zur neuen norwegischen Justizministerin ernannt. Einerseits bringt sie das ihrem Ziel näher, Gesetze ...

Clara Lofthus, erst seit wenigen Monaten Witwe und nun alleinerziehende Mutter von Zwillingen, wird zur neuen norwegischen Justizministerin ernannt. Einerseits bringt sie das ihrem Ziel näher, Gesetze voranzubringen, die Kinder besser vor Misshandlungen schützen. Andererseits muss sie feststellen, dass sie rund um die Uhr verfügbar sein muss und nur noch wenig Autonomie in ihrem durchgetakteten Arbeitsalltag hat.

Das aber ist nur das geringste ihrer Probleme: Denn mit der Bergung eines vor 30 Jahren bei einem Unfall in ihrem westnorwegischen Heimatfjord versunkenen Autos wird das Interesse eines Lokaljournalisten an ihr geweckt. Dann verschwinden ihre Zwillingssöhne und sie findet eine Nachricht von Entführern vor. Die Polizei dürfe sie nicht einschalten, sonst würden die Kinder getötet. Wie kann sie als Politikerin im Rampenlicht der Öffentlichkeit versuchen, das Verschwinden ihrer Kinder aufzuklären?

"Dunkler Abgrund" von Ruth Lillegraven ist eine Fortsetzung von "Tiefer Fjord", vor ein paar Jahren erschienen. Wer das erste Buch gelesen hat, kennt bereits einige der Geheimnisse von Clara Lofthus, die sie nun einzuholen scheinen. Doch auch ohne Kenntnis dieses Buches wird schnell klar, dass Clara einiges zu verbergen hat und ihre persönliche Geschichte Abgründe hat.

Es ist schwer, über "Dunkler Abgrund" zu schreiben, ohne zu spoilern. Nur so viel: Es gibt zahlreiche überraschende Wendungen in diesem düsteren norwegischen Pageturner. Clara ist eine ambivalente Protagonistin, das Bild, das sie nach außen vermittelt, wird ihrer komplizierten Persönlichkeit nicht gerecht. Doch nicht nur die frischgebackene Ministerin hat einiges zu verheimlichen. Immer wieder schildert die Autorin auch die kargen und dramatischen Gebirgslandschaften des Vestlands, das die Kulisse für eine dramatische Zuspitzung bildet.

"Dunkler Abgrund" ist ein geschickt gestrickter Thriller in der Tradition von Scandinavia Noir, in dem Gewalt eher unter der Oberfläche brodelt und die Figuren sich ihren inneren Dämonen stellen müssen. Schmerzliche Wahrheiten inbegriffen.

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Veröffentlicht am 30.06.2024

Altersweise, aber nicht altersmilde

Altern
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Elke Heidenreich ist 81. Da weiß man, die verbleibende Lebenszeit ist begrenzt. Eigentlich weiß man das auch irgendwann nach dem 40. oder 50. Geburtstag - es ist weniger übrig, als hinter uns liegt. In ...

Elke Heidenreich ist 81. Da weiß man, die verbleibende Lebenszeit ist begrenzt. Eigentlich weiß man das auch irgendwann nach dem 40. oder 50. Geburtstag - es ist weniger übrig, als hinter uns liegt. In ihrem Buch "Altern" setzt sich Heidenreich mit dem Altwerden, dem Altsein, dem Selbstgefühl und dem Blick der Gesellschaft auf "die Alten" auseinander. Da sie sich jahrzehntelang mit Büchern und Lesen befasst hat, greift sie auch hier zur Literatur, findet Tröstliches, Kritisches, Diskussionswürdiges.

Es ist ein kluges Buch geworden - altersweise, aber nicht altersmilde. Mit kritischem Blick und mancher Spitze hat die Autorin all die Jahre gelebt, da will sie jenseits der 80 nicht die liebe, pflegeleichte Alte werden. Sie hat keine Angst, anzuecken, wenn sie sich dem Zeitgeist verweigert und auch Thesen äußert, die durchaus kontrovers sein können.

"Altern" ist ein sehr persönliches Buch. Und es regt an, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, gerade wenn man eben keine 30 oder 40 mehr ist, wenn die Zeit im Berufsleben absehbar in die letzte Runde geht, wenn Kinder aus dem Haus und Eltern gestorben sind. Es ist durchaus tröstlich - es ist keineswegs alles vorbei. Und es beschönigt nicht: Die Einschränkungen, die Grenzen, sie kommen. Wie auch die Einschläge von Verlust, wenn Freunde aus der gleichen Generation sterben. Wenn der Verlust dieser Freunde zu Einsamkeit führen kann. Überhaupt, die Einsamkeit - "Altern" macht deutlich, wie wichtig ein funktionierendes soziales Netzwerk ist.

Heidenreich ist ehrlich: Das lebenswerte, erfüllende Leben im Alter ist stark abhängig von Gesundheit und der finanziellen Ausstattung. Alt, arm und krank zu sein - das ist ein himmelweiter Unterschied zu ihrem aktiven Leben, in dem Arbeit weiter eine wichtige Rolle spielt. Sie zieht Vergleiche zu dem Altern ihrer Mutter - und sie setzt sich mit Sterben und Tod auseinander, unprätentiös, nichts beschönigend aber auch nicht bereit, sich von Ängsten beherrschen lassen. Heitere Gelassenheit und Akzeptanz des Unumgänglichen, so könnte man die Haltung beschreiben. Mit 80, so versichert sie, ist vieles vielleicht nicht mehr möglich, doch die Lust am Leben muss noch nicht vorbei sein - und gewinnt angesichts des Wissens um seine Endlichkeit nur noch mehr Tiefe.