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Veröffentlicht am 04.10.2024

Eine zweite Heimat

Und dahinter das Meer
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"Und dahinter das Meer" von Laura Spence-Ash, übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Feldmann, erschien (HC, geb., 364 Seiten) 2024 im mareverlag, Hamburg. Es handelt sich um ein sehr lesenswertes ...

"Und dahinter das Meer" von Laura Spence-Ash, übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Feldmann, erschien (HC, geb., 364 Seiten) 2024 im mareverlag, Hamburg. Es handelt sich um ein sehr lesenswertes Début der Autorin, die spät zum Schreiben fand ("alles hat seine Zeit", wie sie im Vorsatz zum Leseexemplar treffend bemerkt), das die Geschichte zweier Familien in Kriegs- und Nachkriegszeiten in Amerika (Boston) und England (London) auf sehr einfühlsame, emotionale Weise erzählt, die durch das Verschickungskind Beatrix (11), das sicherheitshalber 1940 von ihren Eltern Millie und Reginald Thompson zu den Gregorys nach Boston geschickt wird, miteinander verbunden sind.


In drei Teilen wird die Familiengeschichte, die auch ein Stück Zeitgeschichte ist und die Jahre 1940 bis 1977 umfasst, dargestellt: Wir erleben die Ankunft des Schiffes von Bea, wie sie fortan bei Nancy und Ethan Gregory und ihren beiden Söhnen William und Gerald genannt wird und die 5 Jahre von Bea in der Gastfamilie, die das Kriegsende markiert und die Rückkehr zu Millie Thompson von Beginn an vorsieht.


Nancy Gregory oder "Mrs. G." ist eine wunderbare Frau und Mutter, die sich sehnlichst eine Tochter wünschte. Dass Beatrix die Lücke füllen würde und auch ein Gleichgewicht in der Familie mit zwei sehr gegensätzlichen Jungs darstellen wird, hätte niemand vorhersagen können. Man spürt die Angst Beatrix vor der neuen Situation, aber auch die Herzlichkeit, in der alle sie in der Familie aufnehmen. So dauert es nicht lange, bis sie ein "zweites Zuhause" hat und sich mehr und mehr zu William hingezogen fühlt. Dieser wirkt im Roman etwas rastlos, getrieben und immer auf der Suche: Als sich beide im Teenageralter näherkommen, muss Beatrix zurück nach England. An Gerald, dem ruhigeren der beiden Brüder, ist diese Nähe zwischen William und Beatrix (die er auch sehr mag) nicht verborgen geblieben. Wird Beatrix den Kontakt zu der Familie Gregory halten? Werden alle an die wunderschönen Sommer auf der Insel in Maine, wo alle ausnahmslos sehr glücklich waren, zurückdenken?


Diesen Fragen widmet sich dieser Roman, der in der ersten Hälfte sehr detailliert die inneren und äußeren Welten der Gregory's und Thompsons beleuchtet. Die Emotionen und die Zerrissenheit von Beatrix gehen dabei sehr zu Herzen, da man sich in ein Mädchen von 11 Jahren, die alleine in die Fremde geschickt wird, vorstellen kann. Man freut sich aber auch mit Bea, wie gut sie sich bei der warmherzigen Familie Gregory einleben kann und wundert sich weniger, dass ihr früheres Leben in London (in Amerika war alles größer) nach und nach verblasst. Auch Unsicherheiten da sind, was sie der Mutter schreiben soll - und was lieber nicht. Sie spielt eine Art Vermittlerrolle zwischen dem anfangs 9jährigen Gerald und dem 13jährigen William, der alles andere als nach Harvard (wie sein Vater und sein Großvater) will, sondern grundsätzlich ganz weit weg; Bea ist nach und nach ein Teil der Familie, die sie ebenso liebt wie dies bei allen Familienangehörigen der Fall ist. Wir erleben Thanksgiving, Weihnachten und die unvergesslichen Sommer in Maine mit Beatrix, wo besonders Mrs. G. unglaublich glücklich ist. Aber auch die Schattenseiten; der Tod des Vaters in England, der Eintritt Amerikas in den zweiten Weltkrieg, der Angriff auf Pearl Harbor, lässt die Autorin nicht aus. So ist dieser vorwiegend zu nennende Familienroman auch ein Stück Zeitgeschichte, die besonders Amerika in Kriegs- und Nachkriegsjahren gesellschaftlich nachzeichnet. So interessiert sich eine Romanfigur besonders für die Kennedy's und man erlebt, wie John F. Präsident wird - und liest von seiner Ermordung. Der Roman ist einerseits sehr emotional und berührend, andererseits aber auch sehr tiefgründig; so geht es auch um "Ängste, die greifbar werden, wenn ein Land sich im Krieg befindet" (Zitat S. 76). So geht es auch um Briefe, die geschrieben, jedoch nie abgeschickt werden und um die Entfremdung zwischen Beatrix und Millie, ihrer Mutter in England: Lange wird es dauern, bis diese begreift, dass Mrs. G. in Boston ein großes Herz hat und ihre Tochter ebenso liebt wie sie selbst es tut. Noch länger, bis ihre Vorbehalte und ihre Eifersucht besiegt sind und beide sich annähern werden.


Es werden auf sehr einfühlsame Weise zwischenmenschliche Beziehungen nachgezeichnet, die sich durch die Ausgangssituation entwickeln - und auch die Folgen dieser Zeit für einige Romanfiguren, die sehr authentisch wirken. Ist die erste Hälfte des Romans etwas sehr detailliert, etwas langatmig und fast ausufernd, so entschädigt die zweite Romanhälfte umso mehr: Bewegt folgt man den Bildern aus der Vergangenheit der Gregorys, die immer wieder auftauchen durch spätere Besuche von Beatrix, die sehr emotional, menschlich und bewegend anmuten, was den Wert dieses Romans meiner Meinung nach am meisten unterstreicht: Er zeigt, wenn auch beispielhaft in der Darstellung der Thompsons in England und der Gregory's in Boston sehr bildhaft, wie sehr Familien durch Kriege auseinandergerissen werden können. So dauerte es Jahre, bis "die Mauern zwischen Millie und Beatrix nach und nach abgeräumt werden konnten" (Zitat S. 338). Lediglich das Erzähltempo hätte ich mir etwas ausgefeilter, ausgeglichener gewünscht (z.B. die Rückreise von Bea nach 5 Jahren in Boston ist etwas kurz geraten), hier sehe ich noch Potential.


Ein sehr lesenswerter Roman, den ich sehr gerne weiterempfehle, da er anhand der emotional feinfühligen, warmherzigen Beschreibung der Gefühlswelten zweier Familien in Kriegs- und Nachkriegszeiten auch historische und zeitgeschichtliche Ereignisse dokumentiert, die oftmals ein Nachspiel im Leben haben. Menschen aber auch lernen können, "über sich selbst hinauszuwachsen" und ihrem Herzen zu folgen. Auf der Shortlist des Buchpreises der Unabhängigen Buchhandlungen in Deutschland stehend, wünsche ich Laura Spence-Ash und ihrem Roman sehr viel Glück!


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Veröffentlicht am 23.07.2024

Adamsberg in der Bretagne

Jenseits des Grabes
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"Jenseits des Grabes" von Fred Vargas erschien (HC, geb., 526 S.) im Limes-Verlag, Penguin Randomhouse-Verlagsgruppe. Einige Jahre mussten Vargas-Fans auf diese Neuerscheinung warten, doch daran ist man ...

"Jenseits des Grabes" von Fred Vargas erschien (HC, geb., 526 S.) im Limes-Verlag, Penguin Randomhouse-Verlagsgruppe. Einige Jahre mussten Vargas-Fans auf diese Neuerscheinung warten, doch daran ist man als eingefleischter Fan der vielfach ausgezeichneten Autorin mittlerweile gewöhnt - zumal es in meinem Fall seit nun fast 30 Jahren meine Krimi-Lieblingsautorin ist. "Sur la dalle" - so der Titel im französischen Original (etwa: Auf der Platte) hat einen engen Bezug zu den Ermittlungen, die der unkonventionelle Jean-Baptiste Adamsberg und seine Brigade Criminelle (aus dem Pariser 13. Arrondissement) dieses Mal führen: Handlungsorte sind Combourg und Louviec in der Bretagne, in der auch der Kommissar bereits war, um eine Auszeichnung aus einem früheren Fall entgegenzunehmen: Allerdings freut er sich einzig auf Kommissar Matthieu, mit dem er später gemeinsam die Ermittlungen zu so einigen Mordfällen leiten sollte: Ein Wildhüter wurde mit zwei Messerstichen in die Brust ermordet - was Adamsbergs stets wache Ermittlungsinstinkte auf den Plan ruft...


Vor Ort in Combourg bzw. Louviec stößt ein Teil der Brigade Criminelle um Adamsberg auf manch illustre Gestalt: Ein Nachfahre des Romantikers Francois-René de Chateaubriand, Josselin mit Vornamen, der dem Dorf Louviec durch seine Auftritte (die er eigentlich nicht mag) Touristenströme verschafft; die Sage um einen Hinkenden vom Schloss Combourg, der nachts durch die Straßen schleicht und hallende Geräusche von sich gibt; Johan, der Wirt des Wirtshauses "Zu den zwei Schilden", der die Teammitglieder und später ganze Gallionen von Polizisten und Personenschützern aufs Vortrefflichste 'bewirtet' und von Retancourt und ihren Fähigkeiten mehr als begeistert ist und einige mehr, von denen noch zu lesen ist: Leider hat Adamsberg nur einen Teil der Brigade mit nach Louviec genommen (Veyrenc, den er bereits aus seinem Heimatdorf in den Pyrenäen kennt und schätzt; Noel, Retancourt (Universalgöttin mit geballter Kraft, die sie in alles verwandeln kann - ausser in Feingefühl und Sanftmut - eine meiner Lieblingscharaktere) und Mercadet, IT-Spezialist par excellence mit dem Handicap, dass er alle 4 Stunden schlafen muss...) Über das Wiedersehen mit diesen habe ich mich mehr als gefreut, auch wenn ich Danglard, der mit den anderen in Paris zurückblieb, schmerzlich vermisst habe.


Da scheinbar wahllos weitere Personen mit Messerstichen (das Messer ist dasselbe wie beim Wildhüter, ein exquisites Ferrand-Messer) ermordet werden, hat Adamsberg und die Brigade einen längeren Aufenthalt in Louviec und eine (bzw. mehrere) Nüsse zu knacken: Unweit Louviec's befindet sich ein Dolmen, den Adamsberg sich für seine "gedanklichen Spaziergänge" auserkoren hat (und ihn später mit Leibwächtern aufsuchen sollte, da auch er zu den Mordopfern zählen könnte). Hier stellt Adamsberg fest:


"Wenn faktische Elemente sich sträuben und nicht erlauben, einen Täter zu benennen, dann hat man keine Wahl, als in der Welt der frei schwebenden Gedanken und im Schlamm versunkener Ideen einzutauchen" (Zitat S. 171)


Daher ist es unerlässlich, je verworrener die Mordfälle werden (auch für den Leser), dass Adamsberg seinen Dolmen von Zeit zu Zeit aufsucht und die 'vagen Ideen' in Form von Blasen aus dem schlammigen See an die Oberfläche gelangen können, er sie zu fassen bekommt und in Erkenntnisse umwandeln kann. Die Vergnüglichkeit des Lesens ist in allen Vargas-Krimis diesen "Kernstücken der Adamsberg'schen Ermittlungsweise" (seine einzige) zu finden: Entweder man liebt sie, oder man mag sie nicht.


Vargas gibt dem Leser durchaus Hinweise, den Mörder aufzuspüren: Wieso hat jedes Opfer ein befruchtetes Ei in der Hand? Was haben die Opfer gemeinsam? Spielt der Verein der "Schattenschützer" (die bereits eine Liste der Schattenschmutzer hat!) eine Rolle bei den Morden? Was hat der bereits seit Schulzeiten mit krimineller Energie versehene Inhaber des Möbelgeschäfts "Ihr Zuhause von A bis Z" im Industriegebiet Combourg mit den Morden zu tun?


Da sich die Brigade immer mal stärken muss, ist Johan einer große Stütze, der alle mit hervorragenden Speisen und Chouchon (das Vermächtnis der Druiden und eins der ältesten Getränke der Welt) versorgt und ganze Bataillone von Personenschützern problemlos bewirten kann (und natürlich zum Freund von Adamsberg wird im Laufe der Ermittlungen). Humor kommt in Form eines speziellen "Trunks" von Johan auf, der Mercadet problemlos wachhält und Johan fast zu einem Miraculix wird; aber auch in Form einer Schildkrötenformation, wenn auch der Hintergrund weniger lustig ist und man Angst um den Wolkenschieber (mit Streifschüssen bereits versehen) bekommt. Die Dialoge sind typisch für Vargas-Krimis und lassen einen als LeserIn schmunzeln; die Ureigenschaft der Bretonen kommt natürlich auch zum Tragen: "Die Bretagne, Land der ewigen Rebellion und der unmöglichen Unterdrückung" (Alexandre Dumas: Les Chroniques de la Régence, 1849, Zitat S. 227) - ein weiteres Merkmal der Fred-Vargas-Krimis.

Im letzten Drittel steigt die Spannung an; viele Vernehmungen und Verhöre liegen vor der Brigade und Matthieus Leuten, die vor Ort unterstützen - und könnten hier wegen des Großaufgebots an organisierter Kriminalität wie auch an Personenschützern für etwas Verwirrung sorgen. Einige LeserInnen mag das stören; mich aber hat der neue Kriminalroman von Fred Vargas eher amüsiert und ich hatte unterhaltsame Lesestunden in einer meiner französischen Lieblingsregionen: Der Bretagne!

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Veröffentlicht am 24.06.2024

Die unverblümten Briefe aus der Rathbone Road

Gute Ratschläge
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"Gute Ratschläge" von Jane Gardam erschien (HC, geb., 316 S.) im Verlag Hanser Berlin, 2024.

In Großbritannien bereits seit den 70er Jahren (sie begann mit 43 Jahren zu schreiben, als ihr drittes Kind ...

"Gute Ratschläge" von Jane Gardam erschien (HC, geb., 316 S.) im Verlag Hanser Berlin, 2024.

In Großbritannien bereits seit den 70er Jahren (sie begann mit 43 Jahren zu schreiben, als ihr drittes Kind eingeschult wurde) eine literarische und mit einigen Preisen ausgezeichnete Größe, wurde sie in Deutschland erst sehr viel später bekannt: Das "Gardam-Universum" konnte man erstmals in Übersetzung in der Trilogie um 'Good Old Filth' betreten. Seit dieser Zeit habe ich es nicht mehr verlassen, da ich von jedem Roman Gardam's sowohl sprachlich wie auch thematisch mehr als begeistert bin und mich über jede Neuerscheinung freue; so auch diese:


Elizabeth Peabody, 51, zurückgekehrte Diplomatengattin aus der Londoner Rathbone Road, in der natürlich weitere Expats wohnen, hat die Angewohnheit, ihren Nachbarn Briefe zu schreiben, in denen sie ihnen stets 'gute Ratschläge' gibt. Die Nachbarin Joan, die so ganz anders geartet ist als Eliza, beschließt eines Tages, Mann und Kinder zu verlassen, um die Welt zu bereisen, was Eliza wiederum veranlasst, Joan zahlreiche Briefe zu schreiben, die sie an eine Adressenliste richtet, die in den nahen Osten und nach Asien führt: Eine Antwort erhält sie nie, doch das scheint ihrer Schreibwut keinen Abbruch zu tun, ganz im Gegenteil....


Inhalt dieses herrlich zu lesenden Romans ganz in der Manier und dem unnachahmlichen Schreibstil der Autorin sind nun diese Briefe, die Eliza erst ermahnend (Joan möge doch zurückkommen) und später mehr oder wenig erzürnt absendet (oder auch nicht; das weiß sie später selbst nicht mehr so genau). Spätestens nach dem Auszug von Henry, ihrem Ehemann, der fortan mit Charles, dem Mann von Joan zusammenlebt, ist nichts mehr für Eliza, wie es zuvor gewesen war. Doch wie war es eigentlich?


Die Briefe strotzen vor Seitenhieben auf die britische upper class, die des öfteren durch den Kakao gezogen wird. Darunter jedoch merkt man nach und nach, dass die Absenderin dieser Briefe, Eliza, auch trotz ihrer Unverblümtheit eine dünnhäutige, sensible Seite hat, die vor vielen Jahren auch vor Verletzungen nicht gefeit war. So geraten die Briefe an Joan auch in eine Art Selbstreflexion und Tagebuch, in denen Eliza von ihrem tristen Eheleben erzählt und von einer Frau, die sich eher als Randfigur verstand (sie wusste nie, welche Leute etwas für sie waren). Sie beschreibt die Gargarys, die Baxters, Anne Robin, die Kinderbuchautorin, die auch Schreibseminare hält, an denen Eliza teilnehmen soll, da sie sich, nun alleinstehend und zunehmend verwirrter, "mit etwas beschäftigen sollte", so Anne. Allerdings beschäftigt sich Eliza bereits: Sie bedient die Spüle und ist ein wichtiger Mensch für einen jungen Mann in dem Hospiz, in dem sie arbeitet: Barry, dem gegen Ende des Romans eine Schlüsselrolle zukommen sollte und dem Eliza sehr zugetan ist.


Gardam schafft urkomische, ironisch-sarkastische Beschreibungen der "beigen, gepflegten, attraktiven, selbstsicheren, eloquenten Frauen der upper class, die sich königlich amüsieren" (Zitat S. 128). Auch die Herrenclubs, in denen Henry verkehrt, und die es noch immer gibt, werden nicht ausgenommen: "Hier erstrecken sich die Weiten des Schweigens, der Undurchschaubarkeit und der Geheimniskrämerei", so Gardam.

In einem weiteren Brief an Joan fragt Eliza diese, ob sie diese in Dhakar (ihr langjähriges Domizil) besuchen dürfe, da es ihr in letzter Zeit nicht sehr gut gehe: In ihrer Not wendet sie sich auch an den Priester, Nick Fish - der jedoch keine Zeit für sie zu haben scheint. Als dessen Frau einen unerwarteten Termin hat, springt Eliza dennoch als Aushilfs-Nanny für dessen 3 Kinder ein, was nicht folgenlos in der ein oder anderen Weise bleiben sollte....


Miss Ingham, die älteste Bewohnerin der Rathbone Road, wird in Gardam'scher Manier wie folgt beschrieben: "Finger schwer von Diamanten, Handvenen voll mit lila Tinte", was wiederum einen Einblick in den ihr eigenen Humor gibt. Von außen betrachtet, mag es wie Halluzinationen aussehen, die sich in das letzte Romandrittel mehr und mehr einschleichen; Eliza selbst fühlt sich verwirrt, doch andererseits blitzen messerscharfe Erkenntnisse durch, in dem sie sich jahrelang als benutzt fühlt, programmiert von Toten, von ihrer Cousine Annie mit ihrem ausgeprägten Sinn für ein geordnetes Leben, von deren Mutter, von idiotischen viktorianischen Sitten.


Auch wenn gegen Romanende vieles geklärt wird, was dem Leser zunächst unklar war, so habe ich nur einen Kritikpunkt: Zeitweise war es schwierig, zu erkennen, was wahr und was erfunden war; die Botschaft, die ich in "Gute Ratschläge" sehe (abgesehen von den herrlich skurrilen Szenen, die voller Komik sind, mitunter auch tragisch), ist jedoch unverkennbar jene, wie wichtig es ist, zu lieben, zu verzeihen und vor allem sich selbst und die eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen. Auch über so manche positive Entwicklung freut man sich am Ende mit Eliza.


Fazit:


Ein weiteres Juwel am Firmament des Jane-Gardam-Universums: Sie verfügt über eine virtuose, scharfzüngige und stellenweise urkomische Sprachkraft, verbunden mit knochentrockenem britischen Humor in Reinkultur, die hier Stück für Stück die Bigotterie der sog. besseren Gesellschaft entlarvt. Eine Leseempfehlung meinerseits (verbunden mit dem Rat, dass Neueinsteiger zuerst die Trilogie um Filth lesen) und 4*.

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Veröffentlicht am 29.05.2024

Gluthitze im Luberon/Provence

Glutroter Luberon
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Der Historiker und Autor von Reiseführern (besonders Frankreich, aber auch U.K.) war mir von seinen hervorragenden Sachbuch-Reiseführern her bekannt; nicht jedoch seine Krimis: "Glutroter Luberon" von ...

Der Historiker und Autor von Reiseführern (besonders Frankreich, aber auch U.K.) war mir von seinen hervorragenden Sachbuch-Reiseführern her bekannt; nicht jedoch seine Krimis: "Glutroter Luberon" von Ralf Nestmeyer ist der 4. Band der Reihe um den französischen Commissaire Olivier Malbec, der hier einen kniffligen Fall im Luberon, Département Vaucluse - inmitten der schönen Provence zu lösen hat. Erschienen ist der Kriminalroman (tb, 235 S.,) 2024 im emons-Verlag.


Inhalt:


In der Nähe von Gordes im Luberon wird durch Zufall die Leiche einer jungen Frau entdeckt, die in einer Borie (einer alten Hütte, in denen früher Arbeiter lebten, die im Ockerabbau beschäftigt waren) abgelegt wurde. Wie sich herausstellt, hat sie vor einigen Wochen entbunden und die Borie ist der Fund-, jedoch nicht der Tatort. Malbec mit seinem Team nimmt die spärlich vorhandenen Spuren auf; wobei ihm auffällt, dass die Tote Spuren von Ockerpigmenten unter den Fingernägeln und an den Füßen hat. Gemeinsam mit Sgt. Leila Bouzidi, die für seine frühere Kollegin, die sich im Erziehungsurlaub befindet, neu im Team ist, begibt er sich auf die Suche nach Informationen über die Minen und den Ockerabbau in der Gegend. Schwierig gestaltet sich die Ermittlung, da die Tote von niemandem vermisst wird und bisher nicht identifiziert werden konnte. Und wo ist der Säugling, der bisher unauffindbar ist? Hier denkt sich Malbec einen klugen Köder aus und spannt die Medien, besonders die ehrgeizige Journalistin Susanne Bois, in die Ermittlungen aktiv ein. Wie immer ist die Zeit der weitere Gegner der Ermittler: Werden die Ockerspuren am Opfer Malbec und Bouzidi zum Täter führen?


Meine Meinung:


Ralf Nestmeyer entführt den Leser in den Luberon, in dem er zum einen Commissaire Malbec einen kniffligen Kriminalfall lösen lässt, der nicht vorhersehbar ist und mit einigen Wendungen aufwartet; zum anderen aber auch sehr viel Atmosphäre in den Krimi hineinbringt, in dem er die wunderschöne Landschaft des Luberon mitsamt einiger Orte wie Carpentras, Gordes, Roussillon, Trouvac u.a. sehr gut beschreibt: Ich hatte direkt Lust verspürt, diesen mir noch unbekannten Teils unseres Nachbarlands - von dem ich einen Katzensprung entfernt wohne und an dessen Grenze ich unmittelbar aufwuchs - zu bereisen! Besonders die Informationen zu den Ockerminen und dem Ockerabbruch wie auch der Verwendung von Ocker fand ich ebenso interessant wie Monsieur le Commissaire. Auch das Privatleben Malbecs kommt nicht zu kurz; wie alle Franzosen liebt er gutes Essen und der Luberon ist ein Zentrum der begehrten 'truffes' - der Trüffeln, die sicher sehr gut schmecken.


Gegen Ende des Krimis wird es durchaus turbulent: Malbec und Bouzidi entgehen knapp der Waldbrandkatastrophe, denn die Gluthitze und der ausbleibende Regen haben die ganze Region zu einer "Zone rouge" werden lassen; die Bürgermeister sind in Alarmbereitschaft. Nestmeyer greift also kritisch die Klimaveränderungen und deren Auswirkungen auf und beschreibt den Wassermangel auf dramatische (und leider jetzt bereits und zukünftig) in realer Weise; auch knappe Budgets, Unterbesetzung im ländlichen Frankreich in den Kommissariaten werden nicht ausgespart.


Die atmosphärischen Anteile und Landschaftsbeschreibungen des Luberon und der Orte, in denen der Krimi verortet ist, haben mir sehr gefallen; auch die falschen Fährten, die der Autor auslegte. Insgesamt jedoch finde ich, könnte er in Sachen Spannung noch eine Schippe drauflegen.


Fazit:


Mir hat der gelungene Mix zwischen Kriminalroman und landschaftlichen Beschreibungen des Luberon und seiner interessanten Historie sehr gefallen und ich habe "Glutroter Luberon" gerne gelesen, da es mir einen bisher noch unbekannten Teil Frankreichs 'ganz nebenbei' näherbringen konnte! Daher von mir eine Empfehlung; ich werde das Lesen der Vorgänger wohl baldigst nachholen und vergebe 4 glutrote Krimisterne.

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Veröffentlicht am 09.05.2024

Kirschenzeit - oder zu spät für Tarte Clafoutis

Reichlich spät
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Bei "Reichlich spät" (Originaltitel 'So late in the day') von Claire Keegan; übersetzt ins Deutsche von Hans-Christian Oeser, erschien (HC, geb., 64 Seiten) handelt es sich um eine Erzählung, die im Steidl-Verlag, ...

Bei "Reichlich spät" (Originaltitel 'So late in the day') von Claire Keegan; übersetzt ins Deutsche von Hans-Christian Oeser, erschien (HC, geb., 64 Seiten) handelt es sich um eine Erzählung, die im Steidl-Verlag, Göttingen 2024 erschienen ist.

Vorausschicken möchte ich, dass ich von "Kleine Dinge wie diese" mehr als begeistert war und den glasklaren, perlenden Schreibstil der Autorin faszinierend finde: In "Reichlich spät" findet sich zwar kein Bill Furlong, aber dafür zwei Hauptprotagonisten, die reichlich Grund dazu geben, zwischen den Zeilen zu lesen (was ich sehr mag) und sich eigene Gedanken zur recht kurzen Erzählung zu machen: Trotz der Kürze bietet Claire Keegan hier jede Menge Interpretationsmöglichkeiten und Spielraum, die sie dem geneigten Leser anbietet...


Man begleitet Cathal, der einen recht eintönigen Bürojob ausübt, an einem sonnigen Tag Ende Juli in Dublin, wo die Geschichte spielt: Sein Chef (10 Jahre jünger als Cathal und stets korrekt gekleidet) rät ihm, nach Hause zu gehen und fragt ihn, ob es ihm gut gehe. Auch einer Kollegin gegenüber (er meidet Menschen und Konversation, besonders Frauen) äußert er sich auf diese Frage mit einem "bestens": Dem Leser bzw. der Leserin dürfte bald klar werden, dass sich seine wahren Gefühle nicht mit dieser Aussage decken: Er hatte sich diesen Tag vermutlich gänzlich anders vorgestellt.


Vor zwei Jahren hatte er Sabine, eine zierliche brünette Frau bei einer Konferenz in Toulouse kennengelernt; wie sich herausstellte, arbeitete sie auch in Dublin (Gallery) und beide freundeten sich an: Sabine schien ihm "in sich selbst zu ruhen und gleichzeitig für alles um sie herum empfänglich zu sein" (Zitat), was ihn sofort für sie einnahm. Wie sich herausstellte - er wollte, dass sie zu ihm zog, konnte fabelhaft kochen; auch wenn sie den Einkauf teurer Lebensmittel nicht scheute. Cathal spielte mit der Möglichkeit, Sabine zu heiraten und fragte sie eines Tages....


Der erste Streit bahnt sich wegen recht teurer Kirschen an, aus denen Sabine (in der Normandie aufgewachsen) Tarte Clafoutis backen wollte; später nörgelt Cathal über den Verlobungsring, der (Sonderanfertigung des Juweliers) einen Aufpreis beinhaltete.....


Mit Cathal lernen wir einen wütenden Mann kennen, der das absolute Gegenteil von Bill Furlong zu sein scheint: Selbst in einem frauenverachtenden Haushalt aufgewachsen, passt ihm nicht, dass "sie (Sabine) nicht hören wollte und gut die Hälfte der Dinge auf ihre Weise tun wollte" (S. 35); das war für Cathal Teil des Problems. Der Dialog zwischen den beiden, was im Kern Frauenfeindlichkeit ausmache (Frage von Sabine an Cathal), fand ich sehr interessant und richtig. Eine Kollegin von Cathal beschreibt die irischen Männer, die hierbei nicht sonderlich gut abschneiden (was ich nicht beurteilen kann, jedoch annehme, dass sich diese Aussage nicht nur auf irische Männer beschränkt). Leider kann Cathal das Muster nicht erkennen, mit dem er selbst aufwuchs und das er in seiner Beziehung zu Sabine lebt; daher hält sich mein Mitleid sehr in Grenzen, würde ihm aber Veränderung wünschen. Sabine wiederum kann ich nur zu ihrer Entscheidung beglückwünschen.


Der Stil von Claire Keegan, die hier das Scheitern einer Beziehung skizziert und jedes Wort treffend gewählt, keines zuviel ist, gefällt mir sehr: Sie schreibt pointiert, unaufdringlich und doch beharrlich in Sätzen durchscheinender Klarheit. Ich kann diese Erzählung absolut weiterempfehlen und hoffe, dass sie eine gute Diskussionsgrundlage z.B. in Paarbeziehungen ist, in denen es vielleicht gerade 'kriselt' und finde besonders positiv, dass die Autorin hier viel Spielraum für eigene Interpretationsmöglichkeiten und Gedanken gegeben hat. Dies ist in wenigen Worten das Markenzeichen von Claire Keegan.


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