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Veröffentlicht am 20.11.2024

Ideen in die Tat umsetzen

Moralische Ambition
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Es war bestimmt nicht das Cover dieses Buches, das mich aufmerken ließ. Denn dieses sagte mir absolut nichts. Doch der Name des Autors Rutger Bregman kam mir bekannt vor.

Bregman, der niederländische ...

Es war bestimmt nicht das Cover dieses Buches, das mich aufmerken ließ. Denn dieses sagte mir absolut nichts. Doch der Name des Autors Rutger Bregman kam mir bekannt vor.

Bregman, der niederländische Historiker, Autor und Aktivist hat bereits mehrere Bücher mit interessanten Zukunftsentwürfen geschrieben wie „Utopien für Realisten“ und „Im Grunde gut“. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2019 hielt er einen aufsehenerregenden Vortrag in dem er u.a. eine „gerechte Besteuerung für Reiche“ forderte.

Sein neuestes Buch „Moralische Ambition“ trägt den aussagekräftigeren Untertitel „Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt“. Damit wird deutlich, dass Bregman uns aufruft, endlich aktiv zu werden.
Okay, wer will schon sein Talent vergeuden? Wofür man es einsetzt, sagt Bregman, hängt davon ab, wie idealistisch und ambitioniert man ist.

Mittels eines Diagramms mit den Achsen Ambition und Idealismus versucht Bregman die Menschen grob in vier Kategorien einzuteilen: nicht idealistisch und nicht ambitioniert, nicht idealistisch und ambitioniert, idealistisch und nicht ambitioniert und – schließlich – ambitioniert und idealistisch.
Menschen, die zugleich ambitioniert und idealistisch sind, bilden (leider) eine Minderheit. Aber es sind die, die Bregman mit diesem Buch ansprechen, motivieren und inspirieren möchte. Denn diese können und wollen (hoffentlich) ihre Talente so einsetzen, dass sie etwas gestalten, das wirklich zählt für die Menschheit. Nur wie?
Denn es gilt ja dabei auch, Risiken einzugehen, Frustrationen auszuhalten und notfalls Wegbereiter für andere zu sein.

Bregman suggeriert, dass sein Buch vielleicht unbehaglich zu lesen ist vor allem für Leute über 30, die wenig Bereitschaft haben könnten den (mittlerweile bequemen oder eingefahrenen) Kurs ihres Lebens zu verändern. Natürlich richtet er seine Hoffnungen auf die Menschen, die am Anfang ihrer Berufslaufbahn sind, oder bereit sind, das Ruder noch einmal in eine ganz andere Richtung zu lenken, was ja nicht unbedingt eine Altersfrage sein muss, wie es seine späteren Beispiele zeigen.

Was sind das für Menschen, die genügend Ambitionen und Idealismus mitbringen? Sie wollen ihre eigenen Möglichkeiten und Talente ausschöpfen. Das Wohlergehen und die Weiterentwicklung der Menschheit ist ihnen ein Anliegen. Sie können sich vorstellen, ihre Karriere und Begabung einzusetzen, um an den wichtigen Fragen und Herausforderungen unserer Zeit zu arbeiten und die Welt ein Stück zu verändern.
Welche Menschen Jobs haben, die wirklich wichtig und systemrelevant für die Gesellschaft sind, haben wir ja in den Pandemiezeiten erleben können. Aber so viele Menschen hängen in Jobs fest, die nichts für das Wohlergehen von Mensch und Umwelt beitragen, eher im Gegenteil.

Im Buch werden viele davon als „Bullshit Jobs“ bezeichnet. Somit werden große Fragezeichen gesetzt an das, was in der Gesellschaft als sozialer Aufstieg, Erfolg, Prestige gesehen wird (Beispiel Beratungsjobs, Bankmanager etc.)
Bregman selber ist aktiv geworden und hat die "School For Moral Ambition" gegründet. Diese Bewegung möchte Menschen dazu bringen, ihr Verständnis von Erfolg zu überdenken, ihre Bullshit Jobs an den Nagel zu hängen, und persönlichen Erfolg anders zu sehen..

Wie entstehen Veränderungen sonst noch?
Die Anthropologin Margaret Mead meinte: „„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“
Die Mehrheit findet sich einfach mit ihrer Mittelmäßigkeit ab. Das mag zwar provokant klingen, entspricht aber leider der Realität. Sie wartet lieber hinter den Gardinen beobachtend ab.

Die meisten Menschen können die Welt eben nicht verändern. Weil sie die Regeln befolgen und tun, was von ihnen erwartet wird. Sie sind vorhersehbar und gehen nie Risiken ein.
Wer stößt Veränderungen an? Bregman führt hier ein interessantes Bild der „Zeros“, „Ones“ und „Twos“ ein. Als „Zeros“ bezeichnet er Menschen, die keinen besonderen Ansporn benötigen, sondern mit einer Aktion beginnen. Andere brauchen jemanden, der sie anspricht und um Hilfe fragt, motiviert, dann sind sie sofort dabei (=Ones). Twos folgen dem Vorbild und der Ansprache. Das Wichtige ist derjenige, der in der Lage ist, eine Aktion anzustoßen, aber ohne die anderen geht es eben auch nicht.

Selbst bei Idealisten klaffen große Lücken zwischen Wort und Tat. Wokeness und Awareness sind ja gerade große Schlagwörter. Oft verharren diese Vertreter bei der Suche nach Begriffen und Bewusstsein. Es klafft oft genug eine große Lücke zu einem Aktivwerden an sinnvollen Stellen, so dass es zu Veränderungen kommen könnte.
“Noble Loser“ sind für den Autor jene, die die richtigen Intentionen haben, bei denen aber durch ihre fehlende Aktivität keine Auswirkungen folgen. Ja, diese Erkenntnis kann richtig wehtun, wenn man sich doch zu den „Guten“ zählt.

Die Autokratien sind in vielen Ländern stark im Vormarsch. In den USA wurde gerade erst ein Autokrat zum Präsidenten gewählt. Noch immer sterben Millionen Kinder an Krankheiten, die heute schon heilbar sind. Gerade erst haben wir eine Pandemie hinter uns, die nächste, vielleicht viel schlimmere, könnte jederzeit ausbrechen. Milliarden von Nutztieren werden unter furchtbaren Bedingungen gehalten, um geschlachtet zu werden.
Anstatt diese Probleme anzugehen, wird über Gendersternchen diskutiert.
Leider ist es so wie im Herrn der Ringe: es gibt eine helle und eine dunkle Seite der Macht. Es wird Zeit, dass mehr auf der hellen Seite arbeiten.


Hört sich das alles nach trockener Theorie an? Nein, Bregman verharrt nicht in der Theorie, sondern erzählt die Geschichten vieler Menschen, die den Lauf der Welt zum Besseren verändern konnten. Diese Geschichten fand ich extrem spannend, bewegend und motivierend. Hier ein paar Höhepunkte:
Thomas Clarkson, der sein ganzes Tun dem Ziel verschrieb, die Sklaverei abzuschaffen. Die Geschichte der ersten Abolitionisten und der Aktivitäten der Quäker.
Rosa Parks, ihr Busboykott und die Geschichte dahinter
Ralph Nader "Radical Nerds". Nader klagte General Motors an, unsichere Autos zu bauen. Er hat so Sicherheitsgesetze in Gang gebracht.
Besonders bewegt hat mich die Geschichte von Rob Mather.
Er organisierte ein 35 km Sponsorenschwimmen, um einen Fund für das Kleinkind Terri, das Opfer eines Brandes war, zu gründen. Selbst motiviert durch seinem Erfolg fuhr er mit dieser Arbeit fort in den folgenden Jahren, um einen Fund zur Malariaprävention aufzubauen. Heute ist dies eine große Hilfsorganisation: Against Malaria Foundation.
Oder der Holländer, der ein ganzes Dorf in Bewegung brachte, um jüdische Landsleute in der Zeit der deutschen Besetzung im 2. Weltkrieg vor der Verfolgung zu retten.

Es mangelt uns in der Gegenwart und Zukunft nicht an Herausforderungen. Da kann jeder von uns spontan anfangen aufzuführen: Klimawandel, Krieg, künstliche Intelligenz,…
Mir gefällt, wie Bregman es gelingt, seine theoretischen Ideen mit den praktischen Beispielen zu verbinden. Es mag sein, dass er sich vor allem an Menschen richtet, die bestimmte Fähigkeiten und Mittel im Rücken haben und die noch jung, dynamisch und flexibel sind. Aber seine Beispiele zeigen, dass das Leben jedem die Möglichkeit bieten kann, auch im kleinen Rahmen, seine Möglichkeiten und Talente in den Ring zu werfen.

Gerade die Geschichten der ambitionierten und idealistischen Menschen aus ganz verschiedenen Zeiten empfand ich als extrem motivierend und inspirierend. Sie regen an, sein eigenes Tun und Leben auch mal zu hinterfragen.

In unseren Zeiten sind positive Visionen für die Zukunft selten geworden. Auch die demokratischen Parteien scheinen heute kaum davon beflügelt zu werden.
Bregmans Buch liest sich sehr herausfordernd, regt zum Denken und auch zum Tun an.

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Veröffentlicht am 18.04.2024

Die unbekannte Frau hinter Adenauer

Gussie
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Wie Memorykärtchen, die gerade aufgedeckt werden, so kommt mir das wunderschöne Cover auf den ersten Blick vor. Man ahnt schon, dass es sich um eine aparte junge Frau handelt, die sich dahinter verbirgt. ...

Wie Memorykärtchen, die gerade aufgedeckt werden, so kommt mir das wunderschöne Cover auf den ersten Blick vor. Man ahnt schon, dass es sich um eine aparte junge Frau handelt, die sich dahinter verbirgt. Doch wer ist sie? Interessanterweise zeigt dieser Ausschnitt ein Gemälde einer Frau, die Gussie gerufen wurde. So lautet ja auch der Titel des Buches.

Wer verbirgt sich hinter diesem Rufnamen? Es ist Auguste Adenauer, geborene Zinsser, die zweite Ehefrau des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer. Das Gemälde war sein Lieblingsbild seiner Frau.

Ausgangspunkt dieses Romans, der die Biographie von Gussie Adenauer ins Zentrum stellt, ist das Jahr 1948. Gussie Adenauer ist erst 52 Jahre alt und liegt im Bonner Johannes-Hospital im Sterben. Um ihr Ende wissend blickt sie zurück auf ihr Leben, sie „reist zurück in der Zeit“. Wie beim Memory-Spiel wird ein Erinnerungskärtchen nach dem anderen aufgedeckt, bis vor unseren Augen ein Persönlichkeitsbild dieser Frau erscheint. Dabei kehren wir immer wieder zur sterbenden Gussie zurück.

Wir lernen Gussie als junges Mädchen kennen, eine Arzttochter, die 1919 den verwitweten Kölner Oberbürgermeister (seit 1917) Konrad Adenauer heiratet. Dieser ist 19 Jahre älter als sie, Vater von drei minderjährigen Kindern und hat unter tragischen Umständen seine Frau Emma verloren. Gussies Familie war mit der Familie Adenauer aus der Nachbarschaft bereits freundschaftlich verbunden. Dabei verabschiedet sie sich von ihren Zukunftsträumen „man kann nur ein Leben leben…“ (S. 157)

Gussie wird eine verliebte Ehefrau, eine liebevolle Stiefmutter und schenkt selber fünf Kindern das Leben. Der traurige Verlust des ersten Sohnes wenige Tage nach der Geburt begleitet sie ihr Leben lang.
Es ist sehr spannend, das Schicksal der Adenauers nach dem Ende des 1. Weltkriegs, durch die wilden 20iger Jahre bis zum Durchbruch des Dritten Reiches zu beobachten. In Gussies Leben verflechten sich Familiäres, Öffentliches und Politisches eng. Die junge Frau engagiert sich sozial und politisch.

Mit der Machtübernahme der Nazis ändert sich das Leben der Familie komplett. Konrad Adenauer wird observiert, verfolgt, er muss fliehen, sich verstecken, wird inhaftiert. Sein Leben ist in Gefahr. In dieser Zeit erdrückt die Last, die Gussie zu tragen hat, sie fast.
Am Ende stehen Verhöre der Gestapo, eine unmenschlich erzwungene Entscheidung und Lagerhaft. Gussie Adenauer stirbt nur wenige Jahre nach dem Krieg an den Folgen dieser Ereignisse. Sie erlebt nicht mehr, wie ihr Mann der erste Bundeskanzler wird. Er wird sie um fast 20 Jahre überleben.

„Die wenigen Mutigen kommen ihr in den Sinn. Sie haben mit ihrem Leben bezahlt. Wärest du dazu bereit gewesen, Gussie? Es ist nur menschlich, vor der eigenen Angst in die Knie zu gehen. Widerstand ist ein großes Wort. Wer sind wir, uns ein Urteil anzumaßen?“ (S. 79)

Fazit:
Der Autor Christoph Wortberg wagt ein Buch, das von Anfang an das tragische Ende offenlegt und nie aus den Augen verliert. Das ist sehr berührend. Es gibt ihm die Möglichkeit, dass Gussie, ihr Leben nochmal vor Augen, kommentieren und gewichten kann. Gleichzeitig zieht sich so ein Hauch von Melancholie durch die Seiten.

Sehr gelungen empfinde ich, dass der Autor Christoph Wortberg bei den Rückblickskapiteln eine gewisse Chronologie einhält und zwischendurch immer wieder zur sterbenden Gussie zurückkehrt. Denn auch noch in den letzten Tagen zeigt sie ihre besondere Persönlichkeit.
Die Zeitstränge lassen sich gut einordnen, da kleine (nachempfundene) datierte Briefzitate an und von Gussie den Kapiteln vorangestellt werden. Nebenbei wird so auch die Zeitgeschichte durch Gussies Augen erlebbar.

Man bekommt einen sehr berührenden Eindruck von Gussies Charakter. Ihre Emotionen, ihre Sicht auf die Zeit und auch die Zweifel an den eigenen Entscheidungen sind sehr gut nachvollziehbar.

Von Anfang an beweist die junge Frau großen Mut, Empathie und Stärke. Man kann sich kaum vorstellen, wie ihr Mann seine Familie, gesellschaftliche und politische Aufgaben je ohne sie hätte bewältigen können.

Besonders berührt haben mich ihre Jahre im Dritten Reich, in denen sie vor schier unlösbare Aufgaben gestellt wird und an der Grausamkeit der nationalsozialistischen Machthaber zugrunde geht. Die Atmosphäre der Bedrohung, Angst, Ausweglosigkeit ist selbst beim Lesen sehr beklemmend. Hier gehen die Geschehnisse unter die Haut.
Dem Buch liegt eine sehr gründliche Recherche zugrunde. Die Romanform schenkt dem Autor gegenüber einem biographischen Sachbuch einige Freiheiten. So können wir als Leser*in auch viel besser in die Gefühlswelt Gussies eintauchen.

Der Schreibstil ist bildhaft, knapp und mit einer großen Tiefe, sodass ich das Buch ungern aus der Hand legte. Von mir aus hätte es gern noch ausführlicher und länger sein dürfen.

Auguste Adenauer werde ich gewiss nicht so schnell vergessen durch diese sehr bewegende und tiefgründige Darstellung.

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Verständlicher Zugang zu komplexen Zusammenhängen

Organisch
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Giulia Enders hat vor einem Jahrzehnt mit ihrem Sachbuch „Darm mit Charme“ bereits als Medizinstudentin ein fulminantes Debüt abgeliefert. Für Laien gut verständlich ist sie damals mit viel Witz, Charme ...

Giulia Enders hat vor einem Jahrzehnt mit ihrem Sachbuch „Darm mit Charme“ bereits als Medizinstudentin ein fulminantes Debüt abgeliefert. Für Laien gut verständlich ist sie damals mit viel Witz, Charme und Liebe zu Details in ein Thema abgetaucht, das bis dahin eher leicht verschämt angesprochen wurde. Man hatte das Gefühl, Hinweise und Wissen über seinen Darm mitgenommen zu haben, die man im Alltag gut umsetzen kann. Dazu haben auch die humorvollen anschaulichen Illustrationen ihrer Schwester beigetragen. Ich habe das Buch mehrfach verschenkt und weiterempfohlen.
Da war es ja klar, dass ich ihr zweites Buch unbedingt haben muss. Mit dem Titelbild wird das Sachbuch „Organisch“ vielleicht nicht bei jeder/m Leser/in große Freude wecken. Ich finde es aussagekräftig und auch ästhetisch gelungen.

Anders als in ihrem Erstling befasst sich die Autorin in diesem Buch mit verschiedenen zentralen Organen und Systemen des Körpers. In fünf Kapiteln werden jeweils die Lunge, das Immunsystem, die Haut, die Muskeln und das Gehirn ins Zentrum gestellt.
Die Kapitel werden jeweils eingeleitet mit recht persönlichen Erinnerungen an bestimmte Familienmitglieder und damit verbundene Themen wie z.B. Verlust, Kraft o.ä., die dann zu den jeweiligen Organen führen. Man lernt etwas über dessen Eigenarten und Auswirkungen. Manches weiß man schon, anderes lernt man hier auf verständliche Weise kennen. Auch Neues aus der Medizin und Forschung wird angesprochen.

Die Autorin bringt eine eigene Sichtweise auf die organischen Abläufe im Körper ein. Sie möchte die oft verwendeten Metaphern, die sich auf Maschinelles beziehen, ersetzen. Stattdessen überträgt sie organische Prozesse und Prinzipien auf das menschliche Leben und ein friedliches gesellschaftliches Zusammenleben.
Es wird ein verständlich aufbereitetes Wissen rund um den Körper vermittelt. Dieses Wissen führt zu einem anderen, besseren Verhältnis zum eigenen Körper. Das Ziel ist, den Blick auf den Körper zu verändern, sich mit ihm als Team zu sehen.

Man lernt, wie man Signale des Körpers erkennen und einordnen kann. Auf den Körper zu hören, heißt innere Rhythmen und Bedürfnisse wahrzunehmen. Eine neue Perspektive auf die Organe und körperliche Systeme könnte motivieren, die Lebensführung dementsprechend zu ändern und den Alltag anders zu strukturieren.
Im Bereich der Haut ist mir da besonders die Macht der Berührung und im Kapitel Gehirn die große Rolle des Schlafes im Bewusstsein geblieben.
Giulia Enders schreibt immer noch lebendig und empathisch, allerdings wird manchem – wie mir - vielleicht Witz und die Lockerheit ihres ersten Sachbuches fehlen. Andere Leser schätzen vermutlich nun eher den sachlicheren Ton.

Eigentlich sind die recht persönlichen Einführungen in die Kapitel ganz nett, haben mir persönlich aber für das Verständnis der organischen Abläufe nicht viel gebracht. Stattdessen kontrastieren sie eher mit der folgenden sachlichen Perspektive und dem ernsthafteren Ton.
Dadurch, dass mehrere Organe thematisiert wurden, gelingt es nicht, weiter in die Tiefe zu gehen. Dafür wird das vernetzte Zusammenwirken der Organe und Systeme im Körper deutlicher.

Insgesamt ist es der Autorin gut gelungen, ihren Lesern einen verständlichen Zugang zu den, genau betrachtet, sehr komplexen Zusammenhängen zu vermitteln.

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Veröffentlicht am 04.09.2024

Eine magische Ermutigung

Das magische Funkeln
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Das Bilderbuch „Das magische Funkeln“ kann ich mir wunderbar für 3 bis 4 jährige Kinder vorstellen. Hier haben viele Kinder noch einmal sehr sensible Phase, haben mit Schüchternheit und Unsicherheiten ...

Das Bilderbuch „Das magische Funkeln“ kann ich mir wunderbar für 3 bis 4 jährige Kinder vorstellen. Hier haben viele Kinder noch einmal sehr sensible Phase, haben mit Schüchternheit und Unsicherheiten zu kämpfen. Nicht anders ergeht es dem Bärenjungen in dieser Geschichte.

Anders als seine Geschwister hat das kleine Bärenkind noch nicht seinen eigenen Namen gefunden. So soll es doch wohl ein Name sein, der die Eigenschaften und Bestimmung des Jungbären genau beschreibt.

Der kleine Bär verrät niemanden, was ihn bedrückt: er fühlt sich im Innern noch gar nicht wie ein Bär. Er hat noch nicht zu sich selbst gefunden. Dies hindert ihn daran, zusammen mit den Geschwistern Abenteuer zu erleben.
Mit der Hilfe der magischen Feder eines Feuervogels gelingt es ihm, seine innere Kraft zu finden.

Die Geschichte handelt über den Schritt eines kleinen Wesens zur Selbstwahrnehmung. Die Kinder erleben, wie der kleine ängstliche Bär den Glauben an sich selber und Selbstbewusstsein erlangt und sich gleich für Schwächere einsetzt.
Die Gestaltung des Buches ist außerordentlich ansprechend gelungen und hat mich gleich bezaubert. Die feinen Illustrationen sind mehr oder weniger realistisch. Mir gefällt auch sehr die Farbpalette mit gebrochenen Farbtönen, den typischen Farben des Waldes. Die Ausnahmen bilden der farblich prächtige magische Feuervogel und seine Feder. Die leuchten natürlich ganz besonders gegen den dunklen Hintergrund. Die goldenen Sprenkel auf dem Cover verleihen ihnen eine ganz spezielle Magie.

Die Schrift ist sehr gut lesbar. Die Handlung ist kurz, einfach und überschaubar, dass die Kleinen nicht überfordert sind. Ein absoluter Augenschmaus.

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Veröffentlicht am 14.08.2024

Erwachsenwerden in Yorkshire

Unser Buch der seltsamen Dinge
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Die Autorin Jennie Godfrey ist in Yorkshire aufgewachsen. Ihre Kindheit wurde von den Ereignissen, die den Hintergrund ihres Debütromans bilden, sehr geprägt. Ich könnte mir schon vorstellen, dass sie ...

Die Autorin Jennie Godfrey ist in Yorkshire aufgewachsen. Ihre Kindheit wurde von den Ereignissen, die den Hintergrund ihres Debütromans bilden, sehr geprägt. Ich könnte mir schon vorstellen, dass sie viel von ihren eigenen Gefühlen in dem Alter der 12 jährigen Miv, der Erzählerin der Geschichte, mitgegeben hat.

Wir tauchen ein in das Jahr 1979 in Yorkshire, im Norden Englands. Die Konservativen haben gerade die Unterhauswahlen gewonnen. Margaret „Maggie“ Thatcher wird Premierministerin des Landes. “Maggie, The Milk Snatcher“ tituliert man sie, weil sie den Kindern die Schulmilch nimmt. Für die Menschen in Yorkshire sind die Zeiten nach dem Strukturwandel und der Deindustrialisierung in den 60iger und 70iger Jahren finster. Nur die alten, leer stehenden Fabrikruinen erzählen noch die Geschichte einer blühenden Textilindustrie und des Bergbaus. Die „Eiserne Lady“ Thatcher bringt nur noch mehr Armut, Arbeitslosigkeit und Abwandern der Industrie.

Bislang haben die Leute in den kleinen Gemeinden die Häuser nicht abgeschlossen, die Kinder spielten vom Morgen bis zur Abenddämmerung draußen, die Nachbarn tratschten und klatschen bei einer Tasse Tee.

Wir sehen nun wie sich der Alltag auch hier verfinstert, denn es geht ein Serienmörder um. Nein, der Yorkshire Ripper, der 13 junge Frauen brutal ermordete und 7 weitere versuchte zu töten, ist leider keine Fiktion, sondern Teil der realen Hintergründe des Romans. Es ist keine Überraschung, dass die Frauen in Yorkshire sich von diesem Monster bedroht fühlen, sich als ängstlich und verletzlich empfinden, besonders, wenn sie allein oder nachts unterwegs sind. Es sind Jahre der Angst, die die Frauen und die Familien teilweise lebenslang prägen.
In dieser finsteren Atmosphäre, der Situation des Niedergangs und der Bedrohung baut die Autorin ihre Szenerie auf: die Schule, ein Laden an der Ecke, die Kirche, die unterschiedlichen Wohngegenden, die Kulisse der verfallenen Industriegebäude.

Ein wohltuender Kontrast ist, dass wir daneben auch ein bisschen nostalgisch in das Leben am Ende der 70iger Jahre aufgefangen werden. Die Kinder spielen noch sehr frei und unkontrolliert, für Teenager ist die „Röhrenjeans“ das Must-have, die beiden Protagonistinnen gehen gerade über von der Zeit mit der Holly-Hobbie-Puppe zum ersten Glitzer-Lipgloss.

In dieser Umgebung wächst also die Hauptperson der Geschichte auf: die 12jährige Mavis, genannt Miv. In ihrem Haushalt lebt der Vater und dessen Schwester Tante Jean. Die Tante ist zu ihnen gezogen, weil sich Mivs Mutter offensichtlich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet. Seit zwei Jahren scheint sie im Haus nur teilnahmslos und stumm vor sich hin zu vegetieren, wenn sich nicht wieder einen ihrer regelmäßig notwendigen Aufenthalte im Krankenhaus hat. Mivs Vater verdrückt sich gern abends mal aus dieser Situation, z.B. auf ein schnelles Bier in den Pub. Doch Mivs Leben ist liebevoll und behütet.

Tante Jean : „There’ll be trouble at t’mill“ ist nicht glücklich über Thatcher und den Niedergang Yorkshires und mit der Situation durch den Serienmörder schon mal gar nicht. Die Bedrohung durch den Yorkshire-Ripper macht auch ihnen zu schaffen, als Miv heimlich ein Gespräch zwischen ihrem Dad und Tante Jean belauscht.
Hört sie recht? Die beiden erwägen einen Umzug, fort von Yorkshire? Das würde den Verlust von Mivs bisherigem Leben bedeuten!

Oh nein! Was würde aus ihrer Heimat, in die sie verwurzelt ist, Cricket, der geliebten Freundin Sharon? Unvorstellbar! Denn neben allen Problemen gibt es hier viele liebenswerte Menschen. Mivs rettender Gedanke ist, die Identität des Mörders selber auf eigene Faust aufzuklären. Dann gäbe es keinen Grund mehr für einen Umzug. Schließlich hat sie ja die „5 Freunde“-Bücher verschlungen!
Inspiriert von Tante Jean, die ihr ganzes Alltagsleben mit Listen für alles und jedes strukturiert, startet Miv eine eigene Liste der auffälligen Dinge. Hier führt sie Buch über die Menschen, mit denen sie in Kontakt kommt und hofft so, dem Ripper auf die Spur zu kommen. Ihre beste Freundin Sharon hat Miv enthusiastisch zur Mitarbeit überredet. Bald ist Miv von ihrer Idee vollkommen besessen.

Miv erzählt von den „Ermittlungsarbeiten“ über einen längeren Zeitraum. Es ist eine Zeit des Umbruchs zur Jugendlichen. Natürlich verändert sie sich. Im Laufe der Zeit werden aus Miv und Sharon Teenager. Während Miv sich auf ihre Verfolgungsidee fixiert, merkt sie, dass Sharon allmählich erwachsener wird. Ihre berührende Freundschaft öffnet sich für zwei tolle Jungs, dem pakistanischstämmigen Ishtiaq. und Paul. Doch die Liste wird das Geheimnis der Mädchen bleiben.

Abwechselnd mit den Kapiteln aus Mivs Sicht, erleben wir in weiteren Kapiteln die Blickwinkel von Erwachsenen, auf die Mivs scharfes Auge des Verdachts fällt. Denn die Leute in ihrem Ort sind nicht so harmlos, wie sie an der Oberfläche erscheinen. Manche Wahrheiten sind dann schwer zu ertragen. Miv stochert herum, bringt Dinge in Gang, die sich selbst weiter entwickeln. Mal in positive Richtungen aber auch in negative.
Aber sie muss auch viele „seltsame Dinge“ revidieren, weil sich die Verdachtspersonen als harmlos, liebenswert, warmherzig und absolut unschuldig herausstellen. Miv lernt fürs Leben.


Fazit
Das farblich positiv anmutende Cover stellt ein kleines Rätsel dar, was wir nun gut lösen können. Die Zettel ordnen wir Mivs Liste zu, die Milchflaschen Mrs. Thatcher. Was will uns der Rabe sagen? Mag man ihn als dunklen Boten sehen? Ich schätze Raben eher als clevere helle Köpfe, Knobler und Problemlöser. Vielleicht findet ihr die Lösung.

Der Roman erzählt eine Coming-of-age-story aber auch eine kleine Gesellschaftsstudie vor recht deprimierenden, düsteren Hintergrund. Dabei hat man nie das Gefühl, dass dies Miv vollkommen herunterzieht. Miv ist durchaus klar, wie nah und gefährlich die Bedrohung ist, vor allem als sie erfährt, dass das 19 jährige Opfer Josephine Whitaker aus Halifax nur wenig älter ist als sie. Aber sie hat eine gewisse Resilienz entwickelt.

Mit Miv hat die Autorin eine unvergessliche Hobbydetektivin geschaffen. Sie hat diesbezüglich einen guten Instinkt, auch wenn sie nicht immer versteht, was sie da eigentlich aufgedeckt hat. Interessant ist, dass sie aber den Blick auf ihr eigenes Zuhause bis zuletzt vermeidet. Anfangs ist sie noch sehr naiv, aber sie macht eine nachvollziehbare Entwicklung durch.

Die Blickwinkel der erwachsenen Charaktere in einzelnen Kaptieln fand ich erhellend und nachvollziehbar. So wird manches klar, was Miv noch nicht interpretieren kann. Manche Charaktere hätten aber noch mehr Aufmerksamkeit verdient.
Ein Charakter, der nie dargestellt wird, aber immer wie ein Schatten über allem schwebt, ist der sogenannte „Yorkshire Ripper“. Er vernichtete nicht nur das Leben der ermorderten Frauen, sondern raubte auch tausenden von Frauen ihr Recht, sich sicher zu fühlen und frei zu bewegen. Das ist in der Geschichte durchaus zu spüren. (Der Täter Peter Sutcliffe wurde von der Polizei 1981 gefasst und zu lebenslanger Haft verurteilt.)

In die Handlung sind auch einige dunkle Realitäten einer kleinbürgerlichen Gesellschaft verwoben wie Mobbing, Rassismus, häusliche Gewalt Ausgrenzung, Pädophilie, Sexismus, Bigotterie, Ehebruch, Suizid, Alkoholismus. Miv stochert halt in alle dunklen Ecken und wird mit harten Tatsachen über ihre Mitmenschen konfrontiert. In dieser geballten Form hat man manchmal das Gefühl, dass es Miv förmlich anzuziehen scheint.
Wie gut ist es, dass sie auch die positiven Überraschungen, Mitgefühl, Liebe, Zusammenhalt und Solidarität erlebt.

Der Schreibstil ist sehr angenehm und nie zu kindlich, wenn aus Mivs Sicht erzählt wird. Allerdings ist mir das Erzähltempo manchmal etwas zu langatmig gewesen, da hätte mehr Tempo gutgetan. Bei Miv fehlen auch die gelegentlich frechen Kommentare eines Teenagers. Sie ist schon sehr Ich- bewusst und wenig impulsiv, ansonsten ist sie ein sehr liebenswerter Charakter.

Ein wunderbares Buch für diesen Sommer! Ich würde es als Buch für Jugendliche und Erwachsene bezeichnen, denn beide können es mit Spannung und Freude lesen.

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