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Veröffentlicht am 24.02.2025

Musik und Gefühle

Für Polina
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Hannes ist das ungewöhnliche Kind einer unkonventionellen jungen Mutter. Er zeigt autistische Züge und ist ganz auf das (ruhige) Leben mit Mama Fritzi und dem vertraulichen Zusammensein mit Polina, der ...

Hannes ist das ungewöhnliche Kind einer unkonventionellen jungen Mutter. Er zeigt autistische Züge und ist ganz auf das (ruhige) Leben mit Mama Fritzi und dem vertraulichen Zusammensein mit Polina, der gleichaltrigen Tochter von Fritzis Freundin, eingestellt. Sein ganz besonderes musikalisches Talent und seine Kreativität mag er nicht in der Öffentlichkeit präsentieren. Dass er dennoch als Erwachsener Konzerte gibt, geschieht nicht der Gage wegen, sondern aus Liebe - und Verzweiflung.

Würger wählt für seinen Roman einen ruhigen, sachlichen Stil, passend zum Charakter seines Protagonisten; denn nüchtern und kommentarlos beobachtet Hannes seine Umwelt und reagiert auf sie. Der Autor schreibt einfühlsam, bleibt dabei aber distanziert und wird niemals melodramatisch. Er greift mehrere Themen auf, doch Freundschaft und Liebe stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Um sie und die (Klavier-)Musik dreht sich alles in Hannes´ Leben. Was er nicht in Worten ausdrücken kann, das sagt er mit seiner Musik - und niemand kann ihrer Kraft widerstehen.

„Für Polina“ erweist sich als eindrucksvoller Roman, dessen Protagonist nicht so leicht in Vergessenheit gerät; wirklich lesenswert.

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Veröffentlicht am 08.09.2024

Eindrucksvoll

Wünsche
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Es sind schmerzliche Erfahrungen, die das Kind Mượn Thị Văn während der Flucht aus Vietnam macht. Der Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, das Zurücklassen der Heimat und des geliebten Großvaters, die ...

Es sind schmerzliche Erfahrungen, die das Kind Mượn Thị Văn während der Flucht aus Vietnam macht. Der Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, das Zurücklassen der Heimat und des geliebten Großvaters, die stets gegenwärtige Lebensgefahr - all das versteht die Autorin auf eindrückliche Weise dem Leser zu vermitteln. In nur wenigen Sätzen kommt die ganze Dramatik einer Flucht zum Ausdruck, wobei das Kind seine eigenen Wünsche auf die Dinge seiner Umgebung überträgt: "Die See wünschte, sie wäre ruhiger." Jeder einzelne Satz ist eingebettet in ganzseitige Illustrationen. Sehr eindrucksvoll, aber farblich zurückhaltend erzählen die Bilder der Illustratorin Victo Ngai von der Flucht, den Gefahren und Emotionen der Menschen, erweitern und interpretieren den Text.
Mit dem Bilderbuch „Wünsche“, geschrieben aus Kindersicht, lässt sich Kindern das Thema Flucht und Flüchtlinge gut verständlich vermitteln.


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Veröffentlicht am 15.08.2024

Frei wie ein Vogel

Wie ein Vogel
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Vögel spielen im Leben der kleinen Gerda und ihrer Familie eine große Rolle. Manche werden in Käfigen gehalten, andere wiederum können frei umherfliegen - auch über die Mauer, die Deutschland während ...

Vögel spielen im Leben der kleinen Gerda und ihrer Familie eine große Rolle. Manche werden in Käfigen gehalten, andere wiederum können frei umherfliegen - auch über die Mauer, die Deutschland während Gerdas Kinderzeit in zwei unterschiedliche Staaten teilt. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte, wie eine Metapher für die Bewohner der beiden deutschen Republiken.
Zu Beginn ihrer Erzählung macht Gerda uns mit ihrer Familie bekannt, in Schwarz-Weiß-Bildern, wie sie lange Zeit noch in der DDR als Fotos üblich waren. Doch der Alltag des kleinen Mädchens besteht nicht nur aus Grau- und Weißtönen, sondern vor allem aus farbigen Erlebnissen und einem liebevollen Miteinander in der Familie.
Aus der Sicht des Kindes beschreibt Raidt ihr Leben in Ostberlin. Politik spielt für sie noch keine Rolle; sie erlebt ihren Kindergarten- und später Schulalltag mit seinen negativen und positiven Aspekten, unangenehmen und schönen Erlebnissen und schließlich den Tag der Maueröffnung. Die zahlreichen, teilweise ganzseitigen Illustrationen verdeutlichen den Text und vermitteln einen guten Einblick in Gerdas Umgebung. Die Aufmachung des Buches erinnert an ein Schulheft oder -Kladde, eine Art kindliche Erinnerungsbuch.
Am Schluss des Büchleins erklärt eine kurze, für Kinder leicht zu verstehende Passage in wenigen Sätzen die Situation der beiden deutschen Staaten; eine passende Gelegenheit für den Vorleser, eigene Erfahrungen hinzuzufügen oder auf Fragen einzugehen.



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Veröffentlicht am 16.07.2024

Kluge Gesellschaftskritik

Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens
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Gabriele Reuter lässt ihren Roman, erstmals erschienen im Jahre 1895, mit einem fröhlichen Fest beginnen. Die fast siebzehnjährige Agathe, voller Neugier und Träume auf eine wundervolle Zukunft, feiert ...

Gabriele Reuter lässt ihren Roman, erstmals erschienen im Jahre 1895, mit einem fröhlichen Fest beginnen. Die fast siebzehnjährige Agathe, voller Neugier und Träume auf eine wundervolle Zukunft, feiert ihre Konfirmation im Kreis ihrer Familie. Konfirmation heißt aber auch Abschied von der Kindheit und Vorbereitung auf das Erwachsenenleben. Für höhere Töchter Ende des 19. Jahrhunderts bedeutet das die Einführung in die Gesellschaft und ihre Verheiratung. Im Idealfall haben sie sich zu richten nach "Des Weibes Leben und Wirken als Jungfrau, Gattin und Mutter" - einem Werk im Prachteinband, das Agathe als Geschenk zur Konfirmation erhält. Wird die lebensfrohe Agathe die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen?
Voller Empathie erzählt Reuter vom Erwachsenwerden Agathes und ihrem Schicksal als „höhere Tochter", wobei sie sich eines klaren Schreibstils und deutlicher Worte bedient. Sehr einfühlsam schildert sie Agathes Seelenleben.
„Plötzlich wusste ich, wozu ich auf der Welt war: zu künden, was Mädchen und Frauen schweigend litten." schrieb sie einmal. Und tatsächlich, so authentisch kann tatsächlich nur eine Frau die intensiven Empfindungen und widerstreitenden Gefühle einer jungen Frau, hin- und hergerissen zwischen Pflichtbewusstsein und eigenen Wünschen, wiedergeben. Auf diese Weise entsteht ein farbiges Sittengemälde, das uns sehr eindrucksvoll die gesellschaftlichen Konventionen und Zwänge des Wilhelminischen Zeitalters, denen Mädchen und Frauen unterworfen waren, vor Augen führt.

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Veröffentlicht am 09.07.2024

Intensives Leseerlebnis

Am Himmel die Flüsse
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Wasser - das Schicksal der Menschheit hängt ganz entscheidend von diesem Element ab; es ist überlebenswichtig, kann aber auch zerstörerisch sein. In ihrem neuen Roman erzählt Elif Shafak aus der Perspektive ...

Wasser - das Schicksal der Menschheit hängt ganz entscheidend von diesem Element ab; es ist überlebenswichtig, kann aber auch zerstörerisch sein. In ihrem neuen Roman erzählt Elif Shafak aus der Perspektive ganz unterschiedlicher Menschen, in deren Leben Wasser eine große Rolle spielt. Ihre Protagonisten entstammen verschiedenen Epochen und Kulturkreisen, doch sie alle zieht es an den uralten Ort Ninive, der in dem antiken Zweistromland Mesopotamien liegt.
Die Autorin verwebt wahre Geschichten mit Phantasie; in ihrem wunderbar bildhaften Schreibstil lässt sie die Vergangenheit lebendig werden und entführt den Leser in frühere Zeiträume und fremde Kulturen. Dabei verknüpft sie das Thema Wasser mit etlichen anderen, immer wieder aktuellen Problemen.
„Am Himmel die Flüsse“ ist ein Buch, das auf einem hohen Niveau unterhalten will und ein intensives Leseerlebnis verspricht.

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