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Veröffentlicht am 16.08.2024

Nur die Wahrheit zählt

Scandor
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Die Ideen, die Ursula Poznanski immer wieder für ihre Jugendromane und Thriller hat, finde ich jedes Mal richtig gelungen. Sie ist immer up-to-date, was neue technische Errungenschaften angeht und versteht ...

Die Ideen, die Ursula Poznanski immer wieder für ihre Jugendromane und Thriller hat, finde ich jedes Mal richtig gelungen. Sie ist immer up-to-date, was neue technische Errungenschaften angeht und versteht es diese in eine spannende Geschichte zu verpacken. Zuletzt habe ich "Die Burg" gelesen, wo es um eine Escape-Room-Spiel ging, welches durch eine KI gesteuert wurde. Diesmal haben wir einen neuartigen Lügendetektor, den titelgebenden Scandor.

Ich mag den Ausgangspunkt, wo hundert Kandidat:innen gegeneinander antreten, um diese Challenge zu gewinnen. Auch Philipp und Tessa haben eine dieser ominösen Münzen, die sie berechtigen, sich für das Spiel anzumelden. Philipp wurde seine zugespielt und Tessa stibitzt sie ihrem verhassten Onkel. Beide haben unterschiedliche Gründe antreten zu wollen und ahnen nicht, worauf sie sich eigentlich einlassen.

Die Geschichte wird großteils aus der Sicht der beiden Hauptfiguren erzählt, die wir in diesem Spiel begleiten, welches nicht ganz so einfach ist, als man denkt. Im Alltag der Kandidaten erleben wir sehr schnell, wie leicht uns kleine Lügen oder gedankenlose Bemerkungen über die Lippen kommen. Denn wie oft greift man täglich zu einer kleinen Notlüge oder einer Floskel, wie der Frage: "Wie geht es dir?" und man antwortet automatisch darauf: "gut". Und schwupps ist man aus dem Spiel.
Zusätzlich versuchen alle Teilnehmer ihre Gegner in die Falle zu locken, damit diese lügen oder spielen unfair. Für noch mehr Ansporn sorgt der für jeden Kandidaten individuelle hohe Einsatz, bei dem man sich seinen größten Ängsten stellen muss. Nur wer stets die Wahrheit sagt, wird am Ende gewinnen und bekommt das Preisgeld von fünf Millionen Euro.

Von Beginn an ist man als Leser mit dabei. Den Teilnehmern werden auf ihren Unterarmen Sensoren fixiert. Sie erhalten durch Wärmeströme neue Anweisungen oder bekommen durch einen Kältestrom signalisiert, dass sie ausgeschieden sind. Außerdem erhält jeder der Mitspieler einen Codenamen, der den anderen Teilnehmern nicht bekannt ist.
Sehr gelungen fand ich die kurzen Einblicke, die man erhält, wenn einer der Kandidaten ausscheidet und man den Moment "miterlebt". Umso besser erkennt man, wie schwierig die Aufgabenstellung eigentlich ist. Natürlich fragt man sich, was der Grund für diese Challenge sein könnte und gemeinsam mit Philipp und Tessa versucht man hinter das Geheimnis zu kommen.

Einer meiner Kritikpunkte bei Poznanskis Büchern ist für mich sehr oft die Charakterbildung. Diesmal habe ich nichts auszusetzen, denn Tessa und Philipp werden gut charaktisiert, sind authentisch und sehr unterschiedliche Figuren. Abwechselnd erhält man aus der Sicht von Tessa oder von Philipp Einblicke in ihre Challenge Aufgaben und wie sie sich im Spiel schlagen. Dabei sind sich die Beiden sympathisch und doch im Endeffekt Gegner, umso mehr Kandidaten ausscheiden.
Die restlichen Charaktere sind wirklich nur Nebenfiguren und spielen keine größere Rolle, bis auf wenige Ausnahmen.

Der Schreibstil von Ursula Poznanski ist für mich bereits auf den ersten Seiten zu erkennen. Sie schreibt flüssig, klar und einnehmend. Man weiß von Beginn an, dass nichts so ist, wie es scheint. Sehr schnell entwickelt sich ein Sog, der einem in die Geschichte zieht - so auch bei Scandor. Die Auflösung hat mir gut gefallen, auch wenn ich etwas "Größeres" dahinter erwartet habe. Für einen Jugendthriller hat das Ende allerdings gepasst und vorallem der Weg dorthin wurde spannend erzählt.

Fazit:
Der neue Jugendthriller von Ursula Poznanski hat mir sehr gut gefallen und mir unterhaltsame Lesestunden gebracht. Tolle Idee und gute Umsetzung, sowie eine passende Auflösung am Ende, die überrascht hat, aber nicht ganz so "groß" war, wie ich erwartet hätte.

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Veröffentlicht am 09.08.2024

Eine Reise in die Siebziger Jahre

Wenn die Welt nach Sommer riecht
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Wie habe ich mich gefreut, dass es noch einen weiteren Band um Sigi gibt, nachdem mir die Vorgänger "Die Welt war eine Murmel" und "Die Welt war voller Fragen" unheimlich gut gefallen haben.

Die stark ...

Wie habe ich mich gefreut, dass es noch einen weiteren Band um Sigi gibt, nachdem mir die Vorgänger "Die Welt war eine Murmel" und "Die Welt war voller Fragen" unheimlich gut gefallen haben.

Die stark biografische Reihe um Sigi Niedermayr hat mein Herz schon ab den ersten Band erobert. In "Wenn die Welt nach Sommer riecht" ist Siegfried mittlerweile dreizehn Jahre alt und das neue Jahrzehnt, die Siebziger Jahre, haben begonnen.
Ich bin ungefähr zehn Jahre jünger als unser Protagonist damals und freue mich bei der Lektüre jedes Mal, wenn es um Episoden geht, die ich ähnlich erlebt habe oder einfach das Lebensgefühl der damaligen Zeit spüren kann. Außerdem spielt der Roman in Österreich und ist deshalb für mich noch identischer.

Wie schon in den Vorgängerbänden, die man auch einzeln lesen kann, beginnt jedes Kapitel mit dem erwachsenen Sigi, der nach dem Tod der Mutter die Wohnung auflöst und allerhand Dinge findet, die starke Erinnerungen auslösen, wie der Fotoalbum von damals, als Sigi seine erste Kamera bekommen hat. In Rückblicken wird aus der Sicht des jungen Sigi erzähl, der nun nicht mehr Kind ist, aber auch noch nicht erwachsen.

Sigi erinnert sich an die Ferien bei seiner Tante, bevor er in die vierte Klasse Gymnasium der Unterstufe kommt. Tante Hermi führt eine Frühstückspension und erwartet erstmals Gäste aus Großbritannien. Sigi muss aushelfen, denn Tante und Onkel können kaum Englisch und auch beim Kochen sind seine Fähigkeiten gefragt.
In der Schule hat er nur in Latein Schwierigkeiten, aber auch seine interessierten Fragen in anderen Fächern sind größtenteils nicht erwünscht. Der stark autoritäre Erziehungsstil und der politische Umschwung sind Themen, die sich auf den ganzen 250 Seiten wie ein roter Faden durch die Handlung ziehen.
Pop-Musik, die ersten Hippies, Demos gegen den Vietnamkrieg usw. sind nun auch in den Dörfern am Land angekommen. Die Oberstufen Schüler beginnen sich aufzulehnen und schreiben erstmal eine Schülerzeitung. Sigi probiert seine erste Zigarette und erliegt (kurz) dem Alkoholzwang.

Ganz besonders hat mir Sigis Besuch bei seiner Tante Irmgard in Wien gefallen. Diese ist modern und aufgeschlossen und Sigi staunt erstmals über einen Farbfernseher und einen Toaster. Auch Tante Irmgards aufregendes Leben ähnelt kaum dem seiner Mutter, die zuhause den Launen und dem Desinteresse ihres Mannes ausgesetzt ist.
Ein Ausflug in den Prater in Wien war auch in meiner Kinderzeit noch etwas ganz besonderes und wurde meistens als Firmungsgeschenk geschenkt.
Erinnerungen hat auch ein Wandertag ins Salzbergwerk Hallstatt und ein Schikurs geweckt, den Sigis Klasse erlebt. Erstmals beginnt sich Sigi für ein Mädchen aus der Paralellklasse zu interessieren. Solche Klassenfahrten bleiben einfach immer im Gedächtnis und man denkt oft noch gerne daran zurück.

Neben der humorvollen Erzählung aus Sigis Kindermund, schwingen im Hintergrund immer die gesellschaftlichen und politischen Werte dieser Zeit mit. Die Nazivergangenheit wird auch 25 Jahre nach Kriegsende totgeschwiegen oder ignoriert. Bei manchen Ereignissen ist man entsetzt und froh, dass sich seit damals viel geändert hat. Allerdings gibt es auch noch immer Themen, die sich auch heute kaum oder zu wenig geändert haben. Ein weiterer nostalgisch-kritischer Rückblick des Autors.

Fazit:
Ich habe mich in Sigis Universum wieder wunderbar wohlgefühlt. Wie schon die beiden Vorgänger hat mir auch "Wenn die Welt nach Sommer riecht" unterhaltsame Lesestunden bereitet und mich an meine eigene Kinder- und Jugendzeit erinnert. Ich spreche auch diesmal wieder eine Leseempfehlung aus!

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Veröffentlicht am 04.08.2024

Kriegstraumata

Die Frühstücksfrauen - Ein Geheimnis in Pommern
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Gleich vorweg: Das Cover ist zwar schön, passt jedoch inhaltlich nicht wirklich zu dieser Geschichte, die kein leichter Wohlfühlroman ist. Es geht nämlich um die Flucht vor der roten Armee aus Pommern ...

Gleich vorweg: Das Cover ist zwar schön, passt jedoch inhaltlich nicht wirklich zu dieser Geschichte, die kein leichter Wohlfühlroman ist. Es geht nämlich um die Flucht vor der roten Armee aus Pommern und wie diese Traumata an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Ein Thema, welches mich oft beschäftigt. Meine Eltern sind zwar nicht aus Pommern und die Familie meines Vaters musste nicht flüchten, die meiner Mutter wurde jedoch aus Mähren (ehemalige Tschechoslowakei) vertrieben. Meine Eltern erlebten den zweiten Weltkrieg als junge Erwachsene bzw. Teenager mit. Und ich bin mir sicher, dass ihre Verhaltensweisen sehr durch den Krieg geprägt wurden und diese Traumata auf eine Weise an die nächste und übernächste Generation weitergegeben wird.

Aber genug gequassselt. Worum geht es genau in "Die Frühstücksfrauen"?
Die titelgebenden Frühstücksfrauen sind eine Runde junger Mütter, die sich vor einigen Jahren kennengelernt haben und Freundinnen geworden sind. Dabei hat jede von ihnen einen anderen Background. Für den Inhalt des Romans sind diese monatlichen Treffen jedoch nur ein Randthema, denn es geht hier um sehr viel mehr!

In "Ein Geheimnis in Pommern" lernen wir Marlene kennen. Ihr Mann hat sie vor noch nicht allzu langer Zeit wegen einer anderen Frau verlassen. Die gemeinsame Tochter, die fünfjährige Paola, lebt bei der nun alleinerziehenden Marlene, deren Mutter Editha an beginnender Demenz leidet. Diese verliert sich immer mehr in Kindheitserinnerungen und ist eine verbitterte alte Frau, die im Pflegeheim lebt. Das Verhältnis zwischen ihr und Marlene war nie wirklich gut. Die Vergangenheit wurde nie aufgearbeitet und Editha war Marlene gegenüber nie liebevoll. Umso überraschter ist Marlene, als ihre Mutter von ihr möchte, dass sie eine Schatulle aus ihrem ehemaligen Elternhaus in Pommern, dem heutigen Polen, holt. Marlene hält die Idee für abwegig, denn in den letzten siebzig Jahren ist kaum ein Stein auf den anderen geblieben. Steht das ehemalige Elternhaus überhaupt noch? Was würden die momentanen Besitzer wohl sagen, wenn sie dort plötzlich auftaucht und nach einer Schatulle sucht, die sicher nicht mehr vorhanden ist?
Trotzdem macht sich Marlene auf in die alte Heimt ihrer Mutter, von der sie so überhaupt keine Ahnung hat. Gemeinsam mit der toughen Alix, eine der Frühstücksfrauen, beginnen sie ihre Reise ins Ungewisse....

Neben den Ereignissen in der Gegenwart, reisen wir auch in die Vergangenheit. In den Kapiteln, die mit "Editha" gekenntzeichnet sind, erleben wir die Geschichte aus der Sicht des damals erst achtjährige Mädchens und ihrer Familie während den Kriegsjahren. Sind die ersten Jahre am Land in Hinterpommern noch relativ ruhig gewesen, ändert sich das sehr schnell, als die deutsche Wehrmacht den Rückzug antritt und die rote Armee einfällt. Die Bewohner der Region müssen Hals über Kopf fliehen und alles zurücklassen. Die Erlebnisse der Flucht sind sehr bewegend geschildert und haben mich tief berührt.
Es ist nicht die erste Geschichte, die ich lese, die von der Flucht vor der roten Armee erzählt. Immer wieder bin ich entsetzt über die Strapazen und die Grausamkeit, die Willkür und die Verzweiflung der Menschen.

Marlene kommt der Vergangenheit ihrer Mutter nach und nach auf die Spur. Ihre Reise in der Gegenwart und ihre Recherche in Polen war mir jedoch ein bisschen zu leicht und zu unglaubwürdig. Hier lief mir vieles zu glatt, was wohl auch an der Straffung des Inhaltes liegt.
Als Protagonistin entwickelt sich Marlene hingegen von einer unsicheren und von Selbstzweifeln geplagten Frau zu einem stärkeren und selbstbewussteren Menschen. Zusätzlich erfährt sie endlich etwas über ihre Wurzeln und kann ihre Mutter und deren Sprachlosigkeit, wie auch ihre strenge Art, ein bisschen besser verstehen.

Der Schreibstil ist flüssig, fesselnd und emotional. Eva Seifert erzählt bildhaft und mitreißend.

Obwohl an manchen Stellen die Handlung etwas zu glatt läuft, tut das der Geschichte keinen Abbruch. Wie fast immer bei Romanen auf zwei Zeitebenen, habe ich auch hier den Vergangenheitsstrang lieber gelesen.

Fazit:
Ein bewegender Roman auf zwei Zeitebenen, dessen Titel und Cover eine leichte und vorallem andere Geschichte vortäuschen. In den Frühstücksfrauen geht es jedoch um Vertreibung und Flucht der Kriegskinder und der (nicht vorhandene) Aufarbeitung der Vergangenheit, sowie die Traumata der nächsten Generation(en). Mich hat der Roman - trotz der kleinen Kritikpunkte - sehr bewegt und empfehle ihn gerne weiter!

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Veröffentlicht am 27.07.2024

Alte Schuld

Kleine Monster
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Bei vorablesen habe ich das Buch von Jessica Lind "Kleine Monster" entdeckt. Der Klappentext hat mich angesprochen und als ich las, dass die Autorin nur 30 km von meinem Heimatort entfernt geboren wurde ...

Bei vorablesen habe ich das Buch von Jessica Lind "Kleine Monster" entdeckt. Der Klappentext hat mich angesprochen und als ich las, dass die Autorin nur 30 km von meinem Heimatort entfernt geboren wurde und im Buch auch Sankt Pöltens als Setting gewählt wurde, wusste ich, dass ich meine Punkte einlösen und diesen Roman lesen muss.
Gestern, nach Beenden des Buches, habe ich auch noch Teile eines Interviews mit Mareike Fallwickl und Jessica Lind auf Instagram gesehen, welches sehr interessant war.

In "Kleine Monster" geht es um Pia und Jakob, die von der Lehrerin ihres Sohnes in die Schule beordert werden. Ihr siebenjähriger Sohn Luca soll mit einer Mitschülerin alleine im Klassenzimmer gewesen sein und es soll etwas passiert sein. Näheres erfahren wir als Leser:innen nicht. Pia und Jakob werden aus dem Elternchat der Klasse entfernt. Sie sind sprach- und hilflos, denn auch Luca schweigt zum Vorkommnis.
Durch diesen Vorfall, der vorallem Pia sehr beunruhigt, werden Erinnerungen aus ihrer Kindheit wieder lebendig. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass das Verhalten von Kindern widersprüchlich sein kann. Mit immer größer werdender Distanz beobachtet sie ihren Sohn und fühlt sich dabei immer schuldiger. Immer öfters erinnert sie sich an Szenen aus ihrer Kindheit. Gemeinsam mit ihrer Adoptivschwester Romi und ihrer kleinen Schwester Linda, die bei einem Unglück ums Leben gekommen ist, waren sie die "Wir drei sind eins" Mädchen. Durch das bis heute anhaltende Schweigen der Eltern über den Unfall von Linda, kommt in Pia wieder vieles hoch, was sie nicht los lässts. Doch wie zuverlässig sind Pias Erinnerungen?
Keiner der Familienmitglieder hat das Unglück richtig verarbeitet. Was ist an diesem Tag genau passiert, als Linda verunglückt ist? Warum wollte ihre Mutter nie darüber sprechen? Und wieso hat ihre Schwester Romi das Elternhaus so bald wie möglich verlassen und den Kontakt zu allen abgebrochen?

Viele dieser Fragen werden beantwortet, aber nicht alle bzw. nicht vollständig. Wer hier öfters mitliest weiß, dass ich offene Enden hasse. Trotz mancher nicht auserzählten Handlung war für mich die Geschichte trotzdem rund und passend.

Der Roman wechselt zwischen Gegenwart und der Kindheit Pias, die aus ihrer Sicht erzählt wird. In Rückblenden erleben wir Pias Gefühlswelt und die Sprachlosigkeit, die damals zwischen ihr und den Eltern herrschte. Die belastende Situation in der Gegenwart und Pias Misstrauen sind dadurch jederzeit greifbar.
Die Figuren sind lebendig und facettenreich gezeichnet. Mit Pias Handlungen war ich zum Ende hin immer weniger einverstanden, auch wenn ich ihre Unruhe verstand, ihre Handlungen aber nicht nur auf ihre traumatische Kindheit zurückführen konnte.

Jessica Lind erzählt in gefühlvoller und klarer Sprache, wie die eigene Kindheit in der neuen Familie, die man gründet, Raum einnehmen kann. Verhaltensweisen der Eltern werden übernommen oder ins Gegenteil umgekehrt. Es geht um Trauer, Schuld, fehlendes Vertrauen, Ausgrenzung, Mutter-Kind-Beziehung, zwischenmenschliche Beziehungen, Gerüchte und Verhaltensweisen. Manche Szenen sind düster und bereiten Gänsehaut.
Das Hauptaugenmerk liegt nicht, wie durch den Klappentext vermutet, in der Gegenwart, sondern eher im Vergangenheitsstrang. Dieser nimmt aber immer wieder Bezug zur aktuellen Handlung.

Das Setting war für mich spannend, weil ich selbst einige Jahre in Sankt Pölten gewohnt und auch gearbeitet habe. Viele Plätze waren für mich deshalb nicht fremd und ich hatte immer ein Bild vor Augen.

Erwähnenswert ist auch das interessante Cover mit dem Waldpanorama und dem See, der eine größere Rolle in der Geschichte spielt. Dazu ist das Bild wie ein Fenster geteilt, wo eine kleine Hand sich nach vorne schiebt. Man bekommt das Gefühl, dass dieses Kind das Fenster zu öffnen versucht.

Fazit:
Eine außergewöhnliche Geschichte auf nur 256 Seiten über Kindheitstraumata, Sprachlosigkeit und Selbstzweifel. Ich habe das Gefühl, dass dieser Roman noch lange nachhallen wird.
Die Autorin werde ich auf jeden Fall im Auge behalten und hoffen, dass sie bald in ihrer Heimatstadt eine Lesung abhalten wird.

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Veröffentlicht am 24.07.2024

Über Renaturierung und das Leben der Wölfe

Wo die Wölfe sind
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Ich muss zugeben, dass mir das Thema Wölfe mehr liegt, als die Seevögel und das Meer des ersten Romans der Autorin. Außerdem ist das Thema zur Zeit auch sehr präsent. Erst vor ein paar Tagen habe ich wieder ...

Ich muss zugeben, dass mir das Thema Wölfe mehr liegt, als die Seevögel und das Meer des ersten Romans der Autorin. Außerdem ist das Thema zur Zeit auch sehr präsent. Erst vor ein paar Tagen habe ich wieder von einer Wolfssichtung im angrenzenden Bundesland gelesen und die Meinungen dazu sind noch immer zwiegespalten und ähneln dem im Roman sehr. Denn auch in "Wo die Wölfe sind" geht es um die Wiederansiedlung dieser wunderschönen Wesen, die jedoch auch gefahren für Weidetiere bringen.

In den schottischen Highlands, den Cairngorms, sollen Wölfe wieder angesiedelt werden, um den Rothwildbestand zu regulieren und die Renaturierung der Natur und das Ökosystem wiederzustellen. Die Wolfsbiologin Inti Flynn und ihr Team statten die Wölfe mit Halsbändern und einer Nummer aus, damit sie deren Bewegungen in den umliegenden Wäldern überwachen können. Die einzelnen Rudel sollen sich entwickeln und die neue Heimat annehmen. Doch dann wird ein Farmer tot aufgefunden und die Einwohner fühlen sich noch mehr von den Wölfen bedroht. Es beginnt eine Jagd, die nicht nur die Wölfe, sondern auch das Team der Wissenschaftler und ganz besonders Inti umfasst.

Wie schon in ihrem ersten Roman ist auch diesmal die Protagonistin eine Einzelgängerin und hat ein schweres Schicksal hinter sich. Schon als Kind war Inti von Wölfen fasziniert. Von ihrem Vater hat sie gelernt die Natur zu schätzen und mit ihr zu leben. Doch Inti ist auch eigenwillig, aufbrausend und sie verhält sich nicht wirklich diplomatisch gegenüber den Schafbauern der Gegend, die gegen die Wiederansidlung der Wölfe sind.
Inti misstraut den Menschen und fühlt sich zu Tieren mehr hingezogen - was ich selbst gut nachvollziehen kann. Zu Inti fand ich eher Zugang, als zu Franny aus "Zugvögel".
Durch jede Zeile konnte ich die Liebe und ihr Verständnis für die Lebensart der Wölfe fühlen. Die Natur- und Landschaftsbeschreibungen sind sehr gelungen und man begleitet Inti durch die Schottischen Highlands und auf den Wegen ihrer Schützlinge.
Trotzallem versteht es die Autorin den Leser immer wieder darauf hinzuweisen, dass es sich um Raubtiere und keine Kuscheltiere handelt.
Inti hat zusätzlich die "Mirror-Touch-Synästhesie, eine seltene "Krankheit" oder Gabe, bei der man die Schmerzen anderer Menschen am eigenen Leib spürt.

Charlotte McConaghy hat neben dem Thema der Wolfsansiedlung und deren Probleme und Tücken, weitere Handlungsstränge miteingeführt. Dabei kommt es auch zu Rückblicken in die Kindheit von Inti und ihrer Zwillingsschwester Aggy und Intis Synästhesie spielt ebenfalls eine größere Rolle. Es gibt einige überraschende und auch dramatische Wendungen und als Leserin von Krimis und Thrillern war ich zusätzlich gespannt, welche Bestie hinter dem Tod des Farmers steckt - Mensch oder Tier?

Man bemerkt, dass sich die Autorin mit dem Thema wirklich stark auseinandergesetzt hat und uns unwissenden Leser:innen sehr viel vermitteln kann. Sie versteht es großartig, ihre Figuren lebendig werden zu lassen und ein Thema, welches ihr am Herzen liegt, zu transportieren. Zusätzlich lassen die Landschafts- und Naturbeschreibungen lebendige Bilder vor meinem inneren Auge entstehen. Der Schreibstil der Autorin ist einfach unverwechselbar und hat mir schon in ihrem Debüt sehr gut gefallen.

Zum Ende hin wird es richtig spannend, jedoch war ich mit der Auflösung nicht ganz zufrieden. Sie war mir nicht plausibel genug.


Fazit:
Ein weiterer Roman von Charloette McConaghy über "Climate Fiction", wobei vieles davon schon zur Realität wird. Eine Ode an die Wölfe und an die Renaturierung der Natur. Ich empfehle den Roman sehr gerne weiter!

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