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Veröffentlicht am 26.08.2024

Amour fou in Sauerland

Der Drahtzieher
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Zugegeben, bei dem Buchtitel "Der Drahtzieher" hatte ich erst mal an politische Intrigen und Ränkespiele gedacht, zumal bei einem Roman, der in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts spielt, Doch Sarah ...

Zugegeben, bei dem Buchtitel "Der Drahtzieher" hatte ich erst mal an politische Intrigen und Ränkespiele gedacht, zumal bei einem Roman, der in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts spielt, Doch Sarah Pines Debütroman ist vor allem eine Amour Fou, die in Südafrika beginnt und im Hochsauerland ihre Talfahrt erlebt. Denn im Sauerland, nahe Iserlohn, hat Theodor Hasselt seine Fabrik, in der Drähte produziert werden. Damit steht er in der Hierarchie der örtlichen Gesellschaft gleich hinter seinem besten Freund, dem Stahlfabrikanten Albert - was nichts an der unterschwelligen Rivalität der beiden Männer ändert.

Eigentlich ein bodenständiger Westfale, verlässt Theodor zu Beginn des Buches seine Heimat, um in Südafrika ein Eisenbahnprojekt vom Kap nach Kairo voranzutreiben. Daraus wird zwar nichts, doch auf der Farm seines Onkels, auf der Theodor unterkommt und trotz des deutschen Ambientes so gar nicht angetan vom afrikanischen Leben ist, trifft er seine Cousine Alba, praktischerweise nicht direkt mit ihm verwandt, da aus der ersten Ehe der Tante.

Alma wirkt zwar merkwürdig passiv, doch zugleich äußerst verführerisch und ist, wie Theodor bald feststellt, alles andere als prüde. Als sie eine Schwangerschaft vortäuscht, nimmt er sie mit ins Sauerland und schnell kristallisiert sich heraus, dass das Paar nicht miteinander kann, aber auch nicht ohne. Monogam ist keiner von beiden, doch Theodor, der eigentlich nicht aus dem Glashaus heraus mit Steinen werfen sollte, ist voller Eifersucht, vor allem, als er in Albert einen Nebenbuhler wittert.

Was eigentlich voller Intensität und Leidenschaft begonnen hat, wird im Verlauf des Romans vor allem zum Leiden. Albas Weigerung, ihm ihre Untreue zu gestehen, raubt dem selbstbewussten Patriarchen den letzten Nerv. Immer mehr ist das Verhältnis von Psychoterror geprägt, während beide gleichzeitig voller Unsicherheiten und Verlangen sind.

Sprachlich mal fein ziseliert, mal brachial, zeichnet Pines eines Gesellschaft im Umbruch, in der Theodor am Alten festhalten will, an den klaren Regeln einer Klassengesellschaft, während sich am Horizont große Veränderungen abzeichnen, die im Sauerland allerdings nur fernes Donnergrollen sind. Vor allem ist "Der Drahtzieher" das Psychogramm einer leidenschaftlichen Beziehung, die in gegenseitiger emotionaler Zerfleischung endet.

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Veröffentlicht am 21.08.2024

Episodenroman aus der Zeit der Pandemie

Café Royal
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Wer Marco Balazanos Romane wie "Ich bleibe hier" oder "Wenn ich wiederkomme" kennt, muss sich bei "Café Royal" ein wenig umstellen. Zwar zeigt Balzano auch in seinen früheren Werken wechselnde Perspektiven ...

Wer Marco Balazanos Romane wie "Ich bleibe hier" oder "Wenn ich wiederkomme" kennt, muss sich bei "Café Royal" ein wenig umstellen. Zwar zeigt Balzano auch in seinen früheren Werken wechselnde Perspektiven seiner Figuren auf, doch die bleiben überschaubar und ziehen sich durch die ganze Handlung.

"Café Royal" ist eher ein Episodenroman, der fast ausschließlich in der Mailänder Via Marghera und dem dortigen Café Royal spielt, in dem seine Figuren sich begegnen, arbeiten, vorbeiflanieren. Jedes Kapitel ist eine neue Geschichte, und auch wenn sich einige Figuren wiederholen, handelt es sich doch eher um ein Kaleidoskop der Mailänder Gesellschaft, einen Mikrokosmos während und nach der Corona-Epidemie.

Oft geht es um Liebe und Einsamkeit, um Kommunikationsprobleme zwischen Paaren oder Generationen, um Aufbruch und Ausbruch. Fremde begegnen sich, alte Freunde erkennen einander nicht mehr, ein Blick zum Nachbartisch kann eine neue Hoffnung oder ein Spiegel von Verzweiflung sein.

Das Leben geht weiter, auch in der Pandemie.

Gut geschrieben, aber die Vorgänger haben mir mit ihrer durchgehenden Handlung besser gefallen. Dennoch geben auch diese Skizzen gute Einblicke in das Innenleben von Balzanos Figuren.

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Veröffentlicht am 18.08.2024

Clicks, Populismus und ein verschwundenes Mädchen

VIEWS
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Mit seinem Thriller "Views" sorgt Marc-Uwe Kling für Spannung mit aktuellen Bezügen. BKA-Ermittlerin Yasira Saad leitet die Ermittlungen im Fall einer verschwundenen 16-Jährigen. Was zunächst nicht zu ...

Mit seinem Thriller "Views" sorgt Marc-Uwe Kling für Spannung mit aktuellen Bezügen. BKA-Ermittlerin Yasira Saad leitet die Ermittlungen im Fall einer verschwundenen 16-Jährigen. Was zunächst nicht zu alarmierend gesehen wird - es kommt schließlich immer wieder vor, dass rebellierende Teenager nach einem Streit zuhause für ein paar Tage verschwinden - bekommt Brisanz, als ein verstörendes Video auftaucht, dass eine brutale Gruppenvergewaltigung der jungen Frau durch mehrere dunkelhäutige Männer zeigt. Das Video geht viral, schnell kocht die populistische Volksseele, eine Gruppe namens Aktiver Heimatschutz bildet sich und will die Täter, oder gleich Afrikaner überhaupt jagen. Die Initialen kommen nicht von ungefähr.

Und mit der libanesischstämmigen Ermittlerin wollen auch die Innenministerin und die Behördenleitung ein Gesicht vorweisen können, das eben kein alter weißer Mann ist. Yasira und ihr Team geraten immer mehr unter Druck, je mehr populistische Strömungen die Tat aufgreifen und für ihren Hass gegen Ausländer und Asylbewerber nutzen. Demonstrationen und Gegendemonstrationen heizen zunehmende Gewaltbereitschaft auf, längst hat der Vermisstenfall eine politische Dimension erreicht.

Es ist längst keine Zukunftsvision, die Kling hier aufzeigt. Die Reaktionen auf die in Kandel von einem Asylbewerber ermordete 15-Jährige, auf den Mord an der 15-Jährigen Susanne aus Mainz vor einigen Jahren haben gezeigt, wie schnell rechtsextreme Gruppen solche Taten ausnutzen, um gegen Geflüchtete zu hetzen. Die Demonstration in Chemnitz, der Sturm auf den Reichstag, Reichsbürger und ihre Verschwörungstheorien - das ist alles keine Phantasie eines Autors. Insofern viel Gegenwartsbezüge mit einem Focus auf die Rolle der Polizei, die zwischen den Fronten aufgerieben zu werden droht und sich nach rechtsextremen Vorgängen in den eigenen Reihen um ein besseres Image bemühen muss.

In einer Szene hören Yasira und ihr Kollege Michael im Auto eine Queen-CD, Bohemian Rhapsody:"Is this the real life? Is this just phantasy?" Während die Suche nach Tätern und Tatorten zu keinerlei Erkenntnissen führt, wird das für Yasira ein Leitmotiv. Was, wenn alles ganz anders ist? Wenn der Fakt einer verschwundenen 16-jährigen, deren Instagram-Profil Bilder liefert, für einen deep Fake ausgenutzt wird? Ist das überhaupt möglich?

Gleichzeitig wird Yasira zunehmend zur Zielscheibe von Hassfantasien selbsternannter Rächer deutscher Frauen und Mädchen - auch mit dem Hass im Netz, gerade in der frauenverachtenden und gewaltverherrlichenden Variante, ist Klings Buch sehr aktuell.

Über weite Strecken habe ich das Buch sehr gerne gelesen, am Ende allerdings hatte ich das Gefühl, dass Gewalt des drastischen Effekts willen geschildert wird, dass die Wahrscheinlichkeit des Szenarios abnimmt und das Ganze an Glaubwürdigkeit verliert, während gleichzeitig der Vermisstenfall immer mehr in den Hintergrund rückt.

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Veröffentlicht am 16.08.2024

Bandenkrieg in Malmö?

Tode, die wir sterben
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Zwei Ermittler mit privat-beruflichem "Gepäck", der tragische Tod eines 13-Jährigen bei einem Drive by-Shooting in Malmö und ein Polizeiapparat voller Intrigen: "Tode, die wir sterben" von Roman Voosen ...

Zwei Ermittler mit privat-beruflichem "Gepäck", der tragische Tod eines 13-Jährigen bei einem Drive by-Shooting in Malmö und ein Polizeiapparat voller Intrigen: "Tode, die wir sterben" von Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson ist ein gelungener Auftakt für eine neue Schwedenkrimi-Serie mit komplexen Plot und zwei gegensätzlichen Partnern, die sich noch zusammenraufen müssen.

Svea Karhuu ist die Arbeit mit einem Partner nicht gewohnt - Jahrelang war sie als verdeckte Ermittlerin im Einsatz. Nachdem sie in Notwehr bei einem Undercover-Einsatz einen Kollegen tötete, wird sie gewissermaßen in Malmö geparkt, um aus der Schusslinie zu kommen, während interne Ermittlungen laufen. Zusammen mit dem langjährigen Mordermittler Jon Nordh soll sie den Tod des 13-jährigen Rashid aufklären.

Die Anzeichen weisen erst einmal auf einen Bandenkrieg hin - Der Junge geriet vor einer Pizzeria in die Schusslinie, in dem Lokal befanden sich zwei Gangmitglieder. Ein älterer Mann, der geistesgegenwärtig reagierte, konnte das Schlimmste verhindern, indem er die beiden jungen Männer umriss, als er den Schützen in einem Auto sah.

Karhuu, die zwar aus dem hohen Norden Schwedens kommt, aber aufgrund ihres Äußeren nicht gerade typisch nordisch aussieht, hat den Verdacht, dass sie aufgrund ihres Aussehens in einen Fall in einem Migrantenviertel einbezogen wurde und ist darüber nicht gerade erfreut. Hinzu kommt, dass Nordh nicht gerade politisch korrekt ist und ausgesprochen launisch erscheint. Was verständlich ist: Seit wenigen Monaten ist er Witwer und alleinerziehender Vater, seine Frau verunglückte tödlich mit seinem Freund und Kollegen, mit dem sie, wie sich herausstellte, eine Affäre hatte. Monatelang war Nordh krankgeschrieben, diese Ermittlung, angegliedert an das Dezernat für Bandenkriminalität, ist vielleicht die einzige Chance, wieder an seine berufliche Karriere anzuknüpfen.

Indiskretionen, die aus dem Dezernat an die Öffentlichkeit gelangen, machen es dem Ermittlerpaar nicht einfacher. Die mutmaßlichen Anschlagsopfer geben sich zugeknöpft, dann kommt der ältere Mann aus der Pizzeria bei einem Brand ums Leben. Zufall? Oder ist ein rechtsextremer Täter nach dem Vorbild früherer Serienmörder auf der Suche nach Migranten? Und welche Rolle spielt ein Jugendlicher, der nach den Schüssen dem Fahrzeug des Schützen auf einem Motorroller folgte?

Bei ihren Ermittlungen müssen Karhuu und Nordh noch manches Mal umdenken, während weitere Tote den Druck der Polizeichefin verstärken. Gleichzeitig müssen sie erst einmal Vertrauen zueinander aufbauen und lernen, an einem Strang zu ziehen.

Ein komplexer Plot und ein Ermittlerteam mit Ecken und Kanten, dazu Gegenwartsbezüge zu politischen und gesellschaftlichen Problemen geben diesen Buch den Mix, den ich an skandinavischen Kriminalromanen so reizvoll finde. Das Ende lässt erkennen, dass es noch mehr mit Karhuu und Nordh geben dürfte.

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Veröffentlicht am 08.08.2024

Mord vor der Hochzeit

Zorniges Herz
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Hochzeitsvorbereitungen können schon unter normalen Umständen stressen. Polizeichefin Katze Burkholder in einer Kleinstadt in Ohio bekommt mit gleich zwei Morden wenige Tage vor ihrer Hochzeit in Linda ...

Hochzeitsvorbereitungen können schon unter normalen Umständen stressen. Polizeichefin Katze Burkholder in einer Kleinstadt in Ohio bekommt mit gleich zwei Morden wenige Tage vor ihrer Hochzeit in Linda Castillos "Zorniges Herz" gleich im Doppelpack mehr Arbeit, als sie eigentlich gerade gebrauchen konnte.

Wieder einmal stellt Castillo Burkholder, die früher zu den Amischen gehörte und nun ein ambivalentes Verhältnis zu der Religionsgruppe hat, in den Mittelpunkt. Dabei fließt dank der Hochzeitsvorbereitungen noch mehr "Privates" als ohnehin in den mittlerweile 14 Vorgängerbänden ein.

Der Tod eines 21 Jahre alten Amischen während seiner "Rumspringa" wirft Rätsel auf: Ersten wurde er grausam mit einer Armbrust getötet - eine nicht ganz übliche Mordwaffe. Zweitens galt der junge Mann als allseits beliebt, hilfsbereit und sympathisch. Wer kann ihn so gehasst haben?

Der zweite Mordfall betrifft eine junge Frau, übel zugerichtet und, wie sich herausstellt, Teilzeitprostituierte aus einer mehrere Dutzend Meilen entfernten Stadt. Zwei Fälle, die nicht zusammenzupassen scheinen. Die beiden Opfer lebten schließlich in verschiedenen Welten, Rumspringa hin oder her, wenn junge Amische vor der entdgültigen Entscheidung zur Annahme aller Regeln eine Zeit der Freiheit haben.

Die Ermittlungen in der Community sind einmal mehr schwierig - Amische wollen nicht viel mit der Polizei zu tun haben. Doch mit Hartnäckigkeit und auf ihr Bauchgefühl hörend stößt Burkholder auf ein paar Ungereimtheiten, die ein neues Licht auf das Mordopfer werfen. Auch unter den Amischen gibt es dunkle Geheimnisse. Wird Kate Burkholder es überhaupt zur eigenen Hochzeit schaffen?

Bei Castillos Burkholder-Romanen ist das Reizvolle der Blick auf die abgeschlossene Welt der Amischen, die lieber für sich bleiben und den Kontakt zu den "Englischen" auf das Notwendige beschränken, aber doch auch nicht so ganz isoliert vom 21. Jahrhundert bleiben können. Gerade die Beschreibungen und Dialoge in dieser für Außenstehende geheimnisvollen Welt machen den Reiz des Buches aus. Für den Plot legt Castillo eine Reihe von Spuren und Verdächtigen aus, die den Spannungsbogen hoch halten.

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