Eine eindringliche Zeitreise in die Abgründe eine Unrechts-Systems
Zurück unter MördernMichael Jensens "Zurück unter Mördern" ist ein Kriminalroman der besonderen Art, einer, der seine Stärke nicht aus konstruierten Spannungsbögen oder spektakulären Wendungen zieht, sondern aus der schonungslosen ...
Michael Jensens "Zurück unter Mördern" ist ein Kriminalroman der besonderen Art, einer, der seine Stärke nicht aus konstruierten Spannungsbögen oder spektakulären Wendungen zieht, sondern aus der schonungslosen Dokumentation eines historischen Verbrechens. Im Mittelpunkt steht die Hamburger Familie Lassally, deren Schicksal exemplarisch für die systematische Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland steht.
Was diesen Roman so wertvoll macht, ist seine präzise Recherche und bedrückende Authentizität. Michael Jensen gelingt es meisterhaft, die bürokratischen Mechanismen der Entrechtung nachzuzeichnen. Jene perfide Maschinerie aus Paragraphen, Formularen und Stempeln, die aus Deutschen Juden, aus Nachbarn Enteignete und aus Bürgern Rechtlose machte. Der Autor führt uns durch ein Dickicht von Verordnungen und Erlassen, zeigt, wie das Berufsbeamtengesetz von 1933 oder die Nürnberger Gesetze von 1935 nicht nur auf dem Papier standen, sondern von Beamten und Juristen mit erschreckender Effizienz umgesetzt wurden.
Die Familie Lassally eine angesehene Hamburger Familie mit bürgerlichem Status, Eigentum und gesellschaftlicher Stellung, die seit drei Generationen erfolgreich im Kaffeehandel etabliert ist, wird dabei nicht zur bloßen historischen Fußnote, sondern zu Menschen aus Fleisch und Blut. Michael Jensen zeigt, wie ihre Würde und Existenz Schritt für Schritt zermalmt wurde: zunächst der Verlust beruflicher Möglichkeiten, dann die sogenannte Arisierung von Geschäft und Immobilien, schließlich die völlige wirtschaftliche Vernichtung. Jeder dieser Schritte war legal abgesichert, von Behörden abgesegnet, in ordentlichen Akten dokumentiert. Legal, ordentlich und mit deutscher Gründlichkeit.
Besonders eindrücklich dürfte die Darstellung sein, wie Justiz und Verwaltung zu willfährigen Helfern wurden. Hier waren es nicht anonyme SS-Schergen, sondern Beamte in Amtsstuben, die mit Tinte und Stempel Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubten. Michael Jensen macht hier deutlich, dass die Shoa nicht erst in den Konzentrations- und Vernichtungslagern, sondern in den Schreibstuben deutscher Ämter begann, wo Aktenvermerke zu Todesurteilen werden konnten.
Der Roman verzichtet bewusst weitgehend auf reißerische Krimieffekte und gerade das macht ihn so kraftvoll. Die Spannung entsteht nicht durch erfundene Twists, sondern durch die historische Wahrheit selbst, durch das Wissen um das, was kommen wird, während die Lassallys noch versuchen, ihre Normalität zu bewahren und ihre Existenz zu retten. Diese erzählerische Entscheidung zeugt von großem Respekt vor den Opfern und der historischen Verantwortung.
"Zurück unter Mördern" ist weniger Krimi als vielmehr ein wichtiges Zeitdokument in literarischer Form. Ein Buch, das uns daran erinnert, dass die größten Verbrechen oft im Namen des Gesetzes begangen wurden. Es zeigt, wie eine Gesellschaft funktioniert, in der Recht zu Unrecht wird, in der Paragrafen zu Waffen werden. Michael Jensen gelingt damit etwas Wesentliches: Er macht Geschichte nicht nur nachvollziehbar, sondern erschreckend gegenwärtig.
Ein Buch, dass sich trotz oder wegen seine Authentizität nicht mehr aus der Hand legen lässt, dabei flüssig und sehr lesbar geschrieben. Ein Buch für alle, die abseits einschlägiger Sachliteratur verstehen wollen, wie aus einem Rechtsstaat ein Unrechtssystem werden konnte, wie aus Beamten und Juristen zunächst Totengräber einer noch jungen Demokratie und schließlich willfährige Vollstrecker eines Unrechtssystems wurden.