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Veröffentlicht am 27.12.2025

Eine eindringliche Zeitreise in die Abgründe eine Unrechts-Systems

Zurück unter Mördern
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Michael Jensens "Zurück unter Mördern" ist ein Kriminalroman der besonderen Art, einer, der seine Stärke nicht aus konstruierten Spannungsbögen oder spektakulären Wendungen zieht, sondern aus der schonungslosen ...

Michael Jensens "Zurück unter Mördern" ist ein Kriminalroman der besonderen Art, einer, der seine Stärke nicht aus konstruierten Spannungsbögen oder spektakulären Wendungen zieht, sondern aus der schonungslosen Dokumentation eines historischen Verbrechens. Im Mittelpunkt steht die Hamburger Familie Lassally, deren Schicksal exemplarisch für die systematische Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland steht.

Was diesen Roman so wertvoll macht, ist seine präzise Recherche und bedrückende Authentizität. Michael Jensen gelingt es meisterhaft, die bürokratischen Mechanismen der Entrechtung nachzuzeichnen. Jene perfide Maschinerie aus Paragraphen, Formularen und Stempeln, die aus Deutschen Juden, aus Nachbarn Enteignete und aus Bürgern Rechtlose machte. Der Autor führt uns durch ein Dickicht von Verordnungen und Erlassen, zeigt, wie das Berufsbeamtengesetz von 1933 oder die Nürnberger Gesetze von 1935 nicht nur auf dem Papier standen, sondern von Beamten und Juristen mit erschreckender Effizienz umgesetzt wurden.

Die Familie Lassally eine angesehene Hamburger Familie mit bürgerlichem Status, Eigentum und gesellschaftlicher Stellung, die seit drei Generationen erfolgreich im Kaffeehandel etabliert ist, wird dabei nicht zur bloßen historischen Fußnote, sondern zu Menschen aus Fleisch und Blut. Michael Jensen zeigt, wie ihre Würde und Existenz Schritt für Schritt zermalmt wurde: zunächst der Verlust beruflicher Möglichkeiten, dann die sogenannte Arisierung von Geschäft und Immobilien, schließlich die völlige wirtschaftliche Vernichtung. Jeder dieser Schritte war legal abgesichert, von Behörden abgesegnet, in ordentlichen Akten dokumentiert. Legal, ordentlich und mit deutscher Gründlichkeit.

Besonders eindrücklich dürfte die Darstellung sein, wie Justiz und Verwaltung zu willfährigen Helfern wurden. Hier waren es nicht anonyme SS-Schergen, sondern Beamte in Amtsstuben, die mit Tinte und Stempel Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubten. Michael Jensen macht hier deutlich, dass die Shoa nicht erst in den Konzentrations- und Vernichtungslagern, sondern in den Schreibstuben deutscher Ämter begann, wo Aktenvermerke zu Todesurteilen werden konnten.

Der Roman verzichtet bewusst weitgehend auf reißerische Krimieffekte und gerade das macht ihn so kraftvoll. Die Spannung entsteht nicht durch erfundene Twists, sondern durch die historische Wahrheit selbst, durch das Wissen um das, was kommen wird, während die Lassallys noch versuchen, ihre Normalität zu bewahren und ihre Existenz zu retten. Diese erzählerische Entscheidung zeugt von großem Respekt vor den Opfern und der historischen Verantwortung.

"Zurück unter Mördern" ist weniger Krimi als vielmehr ein wichtiges Zeitdokument in literarischer Form. Ein Buch, das uns daran erinnert, dass die größten Verbrechen oft im Namen des Gesetzes begangen wurden. Es zeigt, wie eine Gesellschaft funktioniert, in der Recht zu Unrecht wird, in der Paragrafen zu Waffen werden. Michael Jensen gelingt damit etwas Wesentliches: Er macht Geschichte nicht nur nachvollziehbar, sondern erschreckend gegenwärtig.

Ein Buch, dass sich trotz oder wegen seine Authentizität nicht mehr aus der Hand legen lässt, dabei flüssig und sehr lesbar geschrieben. Ein Buch für alle, die abseits einschlägiger Sachliteratur verstehen wollen, wie aus einem Rechtsstaat ein Unrechtssystem werden konnte, wie aus Beamten und Juristen zunächst Totengräber einer noch jungen Demokratie und schließlich willfährige Vollstrecker eines Unrechtssystems wurden.

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Veröffentlicht am 02.10.2025

Ein rasanter Politthriller vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges

Der Wortschatz des Todes
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Martin von Arndt hat mit "Der Wortschatz des Todes" einen Politthriller vorgelegt, der den Leser sofort in seinen Bann zieht. Schon die ersten Seiten machen deutlich: Hier geht es um mehr als nur einen ...

Martin von Arndt hat mit "Der Wortschatz des Todes" einen Politthriller vorgelegt, der den Leser sofort in seinen Bann zieht. Schon die ersten Seiten machen deutlich: Hier geht es um mehr als nur einen klassischen Kriminalfall. Von Arndt gelingt es, reale politische Konflikte, die Schatten der Geheimdienste und das Leben von Dissidenten in einem atmosphärisch dichten Spannungsbogen zu verweben.

Die Handlung kreist um die Aufklärung des Mordes an einem russischen Dissidenten – ein Szenario, das erschreckend nah an aktuelle politische Realitäten anschließt. Die Protagonistin Irina Starilenko, russischstämmige ehemalige BKA-Ermittlerin, wird durch ihre Nachforschungen in ein Geflecht aus Intrigen, Verrat und tödlichen Machtspielen hineingezogen. Von Arndt treibt die Geschichte in einem rasanten Tempo voran: Ortswechsel, überraschende Wendungen und das ständige Gefühl, dass jeder Schritt ins Verderben führen kann, halten die Spannung hoch.

Allerdings hat dieses Tempo auch seinen Preis. Mehrfach werden enge Vertraute und Freunde der Protagonistin in die Handlung hineingezogen. Das erzeugt zwar Dramatik und Tempo, hinterlässt jedoch auch den Eindruck, dass die Figuren vor allem als Schachfiguren für die Erhöhung des Spannungsniveaus dienen. Auch die Auflösung des Mordfalls hinterlässt einen ambivalenten Eindruck: Zwar ist sie logisch nachvollziehbar und fügt die verstreuten Puzzleteile geschickt zusammen, gleichzeitig wirkt der finale Durchbruch jedoch fast zu einfach.

Trotz dieser kleinen Schwächen überwiegt der Eindruck eines fesselnden Thrillers, der es versteht, Spannung mit politischer Relevanz zu verbinden. Von Arndt schreibt klar, präzise und mit einem Gespür für dramatische Szenen. Besonders stark sind die Passagen, in denen die Atmosphäre der Bedrohung spürbar wird und die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber den Mechanismen politischer Macht sichtbar wird.

"Der Wortschatz des Todes" ist ein packender, temporeicher Politthriller, der aktuelle Themen rund um den Ukraine-Krieg mutig aufgreift und seine Leserschaft von der ersten bis zur letzten Seite in Atem hält. Auch die weiter zurückliegende Geschichte der Ukraine wie der Holodomor oder der Maidan liefern einen wichtigen Hintergrund, um den heutigen Konflikt einzuordnen. Insofern bleibt das Buch ein überzeugendes Beispiel für spannende Literatur mit politischem und historischem Tiefgang.

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Veröffentlicht am 22.08.2024

Solider Polit-Krimi mit viel österreichischem Kolorit

Freunderlwirtschaft
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"Freunderlwirtschaft" von Petra Hartlieb ist ein gelungener Polit-Krimi, der den Leser mit auf eine atmosphärisch dichte Reise ins österreichische Milieu nimmt. Die Autorin schafft es, die einzigartige ...

"Freunderlwirtschaft" von Petra Hartlieb ist ein gelungener Polit-Krimi, der den Leser mit auf eine atmosphärisch dichte Reise ins österreichische Milieu nimmt. Die Autorin schafft es, die einzigartige Stimmung und die Eigenheiten der österreichischen Gesellschaft präzise und mit einem feinen Gespür für Details einzufangen. Das Buch lebt von seinem authentischen Lokalkolorit, das Hartlieb mit spürbarer Liebe zu Land und Leuten zeichnet.

Der Krimi dreht sich um die dunklen Machenschaften und Verstrickungen im politischen Wien, und dabei gelingt es der Autorin, die subtilen Verflechtungen der "Freunderlwirtschaft" - ein typisches österreichisches Phänomen - treffend darzustellen. Die Charaktere sind sorgfältig ausgearbeitet und spiegeln die österreichischen Politik treffend wider, was dem Roman einen lebendigen und realistischen Anstrich verleiht. Die Dialoge sind scharf und oft humorvoll, was dem Buch eine angenehme Leichtigkeit verleiht.

Zwar ist die Spannung nicht die stärkste Seite des Romans, und auch das Ende bietet keine allzu großen Überraschungen, doch tut dies dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Vielmehr liegt die Stärke des Buches in der geschickten Verknüpfung von Gesellschaftskritik und Unterhaltung. Man wird nicht nur gut unterhalten, sondern auch dazu angeregt, über die politischen und sozialen Verhältnisse nachzudenken.

Die Einführung der Protagonistin Alma Oberkofler und deren Intention Polizistin zu werden, werden nicht weiter fortgeführt, was stark darauf schließen lässt, dass der Roman der Beginn einer Reihe ist.

Für Leser, die Interesse an einem Polit-Krimi mit starkem regionalen Bezug haben und die österreichische Kultur schätzen, ist "Freunderlwirtschaft" definitiv eine lohnenswerte Lektüre. Petra Hartlieb hat einen soliden Roman geschaffen, der durch seinen Charme und seine treffende Gesellschaftsanalyse besticht.

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Veröffentlicht am 24.11.2025

Starke Atmosphäre, schwacher Plot

Knochenkälte
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Mit "Knochenkälte" legt Simon Beckett den siebten Band seiner beliebten David-Hunter-Reihe vor. Wie gewohnt überzeugt das Setting: Die Atmosphäre ist dicht, die Schauplätze sind sorgfältig gewählt und ...

Mit "Knochenkälte" legt Simon Beckett den siebten Band seiner beliebten David-Hunter-Reihe vor. Wie gewohnt überzeugt das Setting: Die Atmosphäre ist dicht, die Schauplätze sind sorgfältig gewählt und strahlen jene Mischung aus Kälte, Isolation und unterschwelligem Unbehagen aus, die Fans der Reihe schätzen. Beckett versteht es weiterhin gut, Umgebungen so zu beschreiben, dass man sich mitten im Geschehen fühlt.

Leider kann der Roman erzählerisch nicht durchgehend an diese Stärke anknüpfen. Der Thriller packt zwar in einzelnen Momenten und bietet kurze Spannungsphasen, verliert sich aber immer wieder in langgezogenen Passagen, die den Lesefluss bremsen. Manche Szenen wirken überflüssig oder rein funktional, als müssten sie nur die Handlung von einem Punkt zum nächsten tragen. Dadurch entsteht stellenweise Leerlauf.

Zudem wirkt der zugrunde liegende Fall überkonstruiert und zu vorhersehbar. Überraschungsmomente bleiben rar, und viele Entwicklungen lassen sich früh erahnen. Das nimmt der Geschichte einen Teil jener Intensität, die Beckett sonst so gut zu erzeugen weiß.

Insgesamt ist "Kochenkälte" solide geschrieben und atmosphärisch stark, erreicht jedoch nicht die Kraft der besten David-Hunter-Romane. Wer die Reihe mag, wird das Wiedersehen mit dem bekannten Setting schätzen – sollte aber keine außergewöhnliche Spannung erwarten.

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Veröffentlicht am 24.02.2024

Blutleer statt "Blutrot"!

Blutrot
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"Blutrot" ist der zweite Teil von Lilja Sigurðardóttirs Reihe um die private Wirtschaftsermittlerin Áróra Jónsdóttir. Der Island-Krimi beginnt durchaus vielversprechend. Guðrun, die Ehefrau des wohlhabenden ...

"Blutrot" ist der zweite Teil von Lilja Sigurðardóttirs Reihe um die private Wirtschaftsermittlerin Áróra Jónsdóttir. Der Island-Krimi beginnt durchaus vielversprechend. Guðrun, die Ehefrau des wohlhabenden Unternehmers Flosi wurde entführt und die Entführer fordern ein Lösegeld von 2 Millionen Euro für deren Freilassung. Durch Flosis schottischen Steuerberater Michael wird Áróra als Unterstützung an die Seite des Ehemanns der Entführten gestellt. Gegen die Forderung der Entführer involviert Áróra aber auch umgehend die isländische Kriminalpolizei unter Leitung des Kommissars Daniel, der sich stark zu Áróra hingezogen fühlt.

Schnell werden Ungereimtheiten offenbar und der Fall entwickelt sich in eine andere Richtung, als zunächst angenommen. Jedoch lässt die Spannung bald nach, da die Handlung sich in vorhersehbaren und stereotypen Bahnen bewegt. Die Wendungen, die die Autorin einführt, sind leider wenig überraschend und lassen den Leser bereits frühzeitig erahnen, wie sich die Geschichte entwickeln wird. Dies führt zu einer deutlichen Abnahme der Spannung und des Nervenkitzels, der für einen Krimi so entscheidend ist. Einige Kapitel haben dabei keinen wirklichen Einfluss auf die Handlung, ohne dabei einen eigenen Handlungsstrang zu erzeugen und wirken im Nachgang obsolet. Einzig Áróras Suche nach ihrer auf Island verschollenen und vermutlich ermordeten Schwester bildet eine stringente Nebenhandlung, die als Brücke zu den bisher zwei weiteren Büchern der Reihe bildet, aber in diesem Band nicht wirklich vorangetrieben wird.

Obwohl Sigurðardóttir zweifellos über das Talent verfügt, eine atmosphärische Stimmung zu erzeugen und durch die Kürze der Kapitel durchweg ein hohes Tempo aufrecht zu erhalten, fehlt es "Blutrot" letztendlich an Originalität und überraschenden Wendungen, um als wirklich fesselnder Krimi zu überzeugen. Leser, die nach einem Buch mit tiefschürfender Spannung und unvorhersehbaren Wendungen suchen, könnten von diesem Werk eher enttäuscht sein. Für mich blieb "Blutrot" weitgehend blutleer.

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