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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.12.2024

Krimi der besonderen Art

Kalmann
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“Kalmann” bietet eigentlich das perfekte Setting für einen düsteren, nordischen Kriminalroman. Aber mithilfe seines eigenwilligen Protagonisten ändert Joachim B. Schmidt die Stimmung und lässt einen 34-jährigen ...

“Kalmann” bietet eigentlich das perfekte Setting für einen düsteren, nordischen Kriminalroman. Aber mithilfe seines eigenwilligen Protagonisten ändert Joachim B. Schmidt die Stimmung und lässt einen 34-jährigen isländischen Forrest Gump die Geschichte erzählen. Dessen Naivität lässt einen manchmal schmunzeln, seine Warmherzigkeit und sein Mut berühren einen und die Verspottungen der anderen machen wütend; kurz gesagt: Kalmann ist ein sonderbarer Geselle, den man schnell ins Herz schließt. Dennoch weiß man bis zur Auflösung nicht, ob man ihm trauen kann, denn neben seiner Gutmütigkeit neigt er zu Wutausbrüchen und man erfährt eben nur den Teil der Handlung, den er selbst preisgibt.
Trotz des eher simpel gestrickten Erzählers zeigt Schmidt in voller Bandbreite sein schriftstellerisches Können. Wortgewandtheit, treffsichere Formulierungen und ein dennoch angepasster Erzählton machen das Buch aus. Besonders gut gelungen sind auch die Darstellungen zwischenmenschlicher Beziehungen.

“Kalmann” ist ein spannender, warmherziger und zugleich intelligenter Krimi, der den “Dorfdeppen” zum ungewöhnlichen (Anti-)Helden macht und zeigt, dass man niemanden vorschnell verurteilen sollte. ⭐️4,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 07.11.2024

Eindringlich und wichtig

Meine dunkle Vanessa
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Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das so starke Emotionen in mir ausgelöst hat wie “Meine dunkle Vanessa”: Wut, Ekel, Mitleid. Bei manchen Szenen hat sich alles in mir zusammengezogen.
Zwischen ...

Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das so starke Emotionen in mir ausgelöst hat wie “Meine dunkle Vanessa”: Wut, Ekel, Mitleid. Bei manchen Szenen hat sich alles in mir zusammengezogen.
Zwischen zwei Zeitperspektiven springend erfahren wir die Geschichte der 15-jährigen Vanessa, die von ihrem 42-jährigen Lehrer nach und nach durch Grooming gefügig gemacht und nicht nur emotional, sondern auch sexuell missbraucht wird. Wir erleben hautnah, wie sie über die Jahre hinweg einfach nicht von ihm loskommt, welche ambivalenten Gefühle sie hat, wie der Lehrer es durch Manipulation schafft, dass sie selbst sich als Schuldige fühlt. Vanessas Gefühls- und Gedankenwelt sind dabei extrem authentisch dargestellt.
Besonders gut hat die Autorin auch den inneren Kampf der Protagonistin aufgezeigt, ihren Schmerz, als sie merkt, dass ihre über die Jahre aufrecht gehaltene Fassade der Liebesgeschichte bröckelt und sie sich eingestehen muss, dass sie doch das Opfer ist, das sie nie sein wollte.
Es wird deutlich, dass die psychischen Folgen eines solchen Traumas weitreichender sind, als man zunächst annimmt.

Der Roman bekommt eine große Empfehlung von mir, allerdings nur für diejenigen, die solch harte Kost ertragen können; denn er bereitet Bauchschmerzen, steckt den Finger tief in die Wunde und beschreibt sehr explizit. Und ist genau deshalb so wichtig. ⭐️4,5/5⭐️

*Übersetzt von Ulrike Thiesmeyer

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Veröffentlicht am 03.10.2024

Beeindruckend

Das große Spiel
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Richard Powers verwebt in seinem neuen Roman “Das große Spiel” (Original: “Playground” - auf mehreren Ebenen großartig gewählter Titel) die Schicksale vier verschiedener Personen mit den großen Fragen ...

Richard Powers verwebt in seinem neuen Roman “Das große Spiel” (Original: “Playground” - auf mehreren Ebenen großartig gewählter Titel) die Schicksale vier verschiedener Personen mit den großen Fragen der heutigen Zeit: Kann der Klimawandel aufgehalten werden? Wie viel Hoffnung können wir in die KI setzen?
Dreh- und Angelpunkt ist die pazifische Insel Makatea; sie taucht als Schauplatz immer wieder auf und dient als solcher auch dem Finale des Buches, wenn die vier Protagonisten aufeinandertreffen.

Da es viele Zeit- und Perspektivwechsel gibt, verlangt das Buch einige Konzentration; zwischenzeitlich kommt etwas Verwirrung auf, doch nach und nach kann man die verschiedenen Stränge miteinander verbinden und bekommt ein ganzheitliches, klares Bild.

Besonders hervorheben möchte ich die Kapitel aus der Sicht der Forscherin Evelyne Beaulieu. Sie ist eine Pionierin auf ihrem Gebiet, setzt sich als Frau in einer männerdominierten Wissenschaftswelt durch und bricht mit patriarchalischen Rollenbildern.
Ihr innerer Konflikt ist ebenso nachvollziehbar dargestellt wie die Faszination, die die Unterwasserwelt auf sie ausübt. Die Entdeckungen auf ihren Forschungsreisen waren für mich auch die größte Stärke des Romans: Der einzigartige Lebensraum Ozean mit seinen schillernden Bewohnern wird so lebensecht und detailliert beschrieben, dass es sich anfühlt, als ginge man selbst auf einen Tauchgang.

Die computerlastigen Szenen rund um Todd haben mich zwar inhaltlich weniger interessiert, dennoch muss ich betonen, dass Powers es schafft, alles gut verständlich für Laien zu erklären, ohne große Längen aufkommen zu lassen.
Generell konnte ich aus jeder einzelnen Perspektive etwas Neues mitnehmen und der Lesefluss wurde nie unterbrochen.

Ein kleiner Kritikpunkt ist für mich das zu schnell aufkommende und lieblos abgehandelte Ende; nachdem so kleinschrittig und bedächtig daraufhin gearbeitet wurde, kommt das Finale viel zu abrupt. Positiv ist jedoch, dass es viel Deutungsspielraum lässt und man sich auf diese Weise auch nach dem Lesen noch mit dem Buch auseinandersetzen muss. ⭐️4,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Spannend und emotional

Die Entführung
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Unternehmerstochter Leni und ihre beste Freundin Ronja werden entführt. Die Lösegeldforderung: drei Millionen Mark. Obwohl die Familien alles tun, was die Entführer verlangen, fallen Schüsse.
Siebzehn ...

Unternehmerstochter Leni und ihre beste Freundin Ronja werden entführt. Die Lösegeldforderung: drei Millionen Mark. Obwohl die Familien alles tun, was die Entführer verlangen, fallen Schüsse.
Siebzehn Jahre später scheint der Fall längst gelöst zu sein, als eine skelettierte Leiche aufgefunden wird und alle damaligen Ermittlungen infrage stellt.

Petra Johann hat mich mit “Die Entführung” mal wieder komplett überzeugt. Auf gut 500 Seiten führt sie ihre Leserinnen an der Nase herum und überrascht mit einer absolut unvorhersehbaren Auflösung.
Die Charaktere sind gut gezeichnet und nahbar. Ich mochte es sehr, dass wir auch einen Einblick in das Privatleben der Ermittler
innen bekommen.
Den ersten Teil fand ich persönlich etwas stärker als den zweiten, hier werden die Emotionen enorm gut dargestellt; sowohl die der beiden entführten Mädchen, als auch die der Familien. Der Fokus wurde darauf gelegt, was das Verbrechen mit den Angehörigen macht. Die Situation war so nervenaufreibend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Aber auch der zweite Teil ist spannend, denn hier eröffnen sich gefühlt mit jedem weiteren Kapitel neue Fragen, auf deren Beantwortung man bis zum Schluss warten muss.

Insgesamt ist “Die Entführung” ein Krimi mit Sogwirkung, der ohne blutige Gewaltdarstellungen auskommt, dafür ein überraschendes Ende hat. Die Charaktere wachsen einem ans Herz, Familie und Freundschaft spielen eine große Rolle. ⭐️4,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 23.08.2024

Eindringlich

Cujo
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Cujo ist ein liebenswürdiger Bernhardiner, der keiner Fliege etwas zuleide tun würde.
Bis er von einer tollwütigen Fledermaus gebissen wird und sich das Virus nach und nach in ihm ausbreitet.
Und so ist ...

Cujo ist ein liebenswürdiger Bernhardiner, der keiner Fliege etwas zuleide tun würde.
Bis er von einer tollwütigen Fledermaus gebissen wird und sich das Virus nach und nach in ihm ausbreitet.
Und so ist die extreme Hitze in diesem Sommer nicht die einzige tödliche Gefahr in Castle Rock …

“Cujo” ist ein echter King-Klassiker. Und wieder einmal wurde ich beim Lesen bzw. Hören positiv überrascht. Klingt der Klappentext erst einmal nach trashigem Horror, bietet der Roman doch so viel mehr.
King lässt uns tief eintauchen in die Leben der Familien Trenton und Camber. Manche würden es als unnötige Ausschweifungen bezeichnen, ich hingegen liebe es, wie King fiktive Personen beschreibt, als gäbe es sie wirklich. Wir erfahren von den Sorgen und Problemen der Charaktere und binden uns Stück für Stück mehr an sie. Und so sind wir auch hautnah dabei, wenn Donna und Tad immer weiter in die Misere rutschen und sehen, wie viele unglückliche Zufälle dazu führen, dass sie in ihre missliche Lage kommen.
Ihr Überlebenskampf ist der Kern der Geschichte und obwohl ich dessen Ausgang schon kannte (da ich zuvor “Klapperschlangen” gelesen habe), waren jene Szenen unfassbar spannend, emotional und für mich als Mutter kaum zu ertragen.

Insgesamt ist “Cujo” wieder ein Roman, der mich sehr berührt hat und mit dessen Figuren ich von Anfang an (eine der gruseligsten Szenen ist die erste) mitgefiebert habe. Wer einen Splatter-Roman erwartet, wird sich langweilen, wer die Ausschweifungen des Autors genauso liebt wie ich, sollte das Buch unbedingt lesen.
Ich habe mich für die Hörbuchversion entschieden, die wieder einmal grandios von David Nathan eingesprochen wurde. Er versteht es wie kein Zweiter, dem King'schen Universum Leben einzuhauchen. ⭐️4,5/5⭐️



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