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Veröffentlicht am 24.08.2024

Waschmaschine Hera

Die Zeit der Frauen – Das Versprechen der Zukunft
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Nachdem Katharina und Carl Thiele erfolgreich sind mit ihrer Fabrik, steht nach der Produktion der Milchzentrifuge eine neue Erfindung im Raum: eine Waschmaschine soll den Frauen den Alltag erleichtern.

Beschwingt ...

Nachdem Katharina und Carl Thiele erfolgreich sind mit ihrer Fabrik, steht nach der Produktion der Milchzentrifuge eine neue Erfindung im Raum: eine Waschmaschine soll den Frauen den Alltag erleichtern.

Beschwingt geht es weiter, mit ihrem angenehm lockeren Schreibstil erzählt Susanne von Berg diesmal nicht nur vom Unternehmerpaar Katharina und Carl, sondern auch von den Arbeitern Ida und Alfons. So kommt es, dass auch von Frauenrechtsbewegungen und verbesserten Arbeitsbedingungen, insbesondere im Krankheitsfall, die Rede ist. Interessante Details über beschwerliche Tätigkeiten in der Fabrik fließen ein ins Geschehen, hier hätten eventuell noch Einzelheiten über Gefahren und Verletzungsrisiken hereingepasst. Auch sonst sieht man vieles durch die sogenannte „rosarote Brille“, denn auch im zweiten Band dieser Reihe gibt es kaum Rückschläge, das Positive und Vorwärtsgerichtete überwiegt. Bergs Figuren sind recht gut charakterisiert, sodass man die (meist) charmanten Personen bald bildhaft vor Augen hat. Trotz mancher Unglaubwürdigkeit liest sich dieses Buch überaus angenehm und hat entsprechenden Unterhaltungswert, Negatives umgibt uns in der Realität ohnehin viel zu oft.

Ein angenehm zu lesender Roman mit wissenswerten Aspekten, der durch seine Leichtigkeit sehr gut vom Alltag ablenkt. Da für mich noch eine Frage offen ist, bin ich schon neugierig, wie es weitergeht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.08.2024

Verlust

Mein drittes Leben
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Linda verliert ihre siebzehnjährige Tochter und somit jeglichen Sinn in ihrem Leben. Ihr Mann Richard verarbeitet diesen schweren Schicksalsschlag ganz anders als Linda, die sich völlig in sich zurückzieht. ...

Linda verliert ihre siebzehnjährige Tochter und somit jeglichen Sinn in ihrem Leben. Ihr Mann Richard verarbeitet diesen schweren Schicksalsschlag ganz anders als Linda, die sich völlig in sich zurückzieht. Ein Kampf zurück zu einem lebenswerten Alltag, der momentan kaum zu bewältigen zu sein scheint, wird von Daniela Krien sehr deutlich dargelegt.

Im ersten Teil dieses Buches erzählt Linda von ihrem Leben danach, einem Leben nach dem schmerzlichsten Verlust, den es überhaupt geben kann, dem Verlust der einzigen Tochter, die zwar nicht perfekt, aber eben ihre Tochter war. Lindas Dasein allein auf einem abgelegenen Hof mit Hund und Hühnern steht im Mittelpunkt, rasch kann man sich in ihre Stimmung hineinversetzen, in ihre Trauer, ihre Verzweiflung. Über gedankliche Rückblenden und kurze Episoden erfährt man immer wieder ein Puzzlestück vom „Davor“, sodass sich bald ein Bild zusammensetzt von Lindas Alltag aus glücklichen Zeiten. Wird es so etwas Ähnliches wie Glück jemals wieder geben?

In einem zweiten Teil geht es wieder zurück nach Leipzig, wo sich Linda langsam ihrem früheren Leben annähert, außer Haus geht und Freunde trifft. In dieser Phase verliere ich die Hauptfigur dann und wann, nämlich in jenen Momenten, in welchen der Fokus auf reichlichen Geldreserven liegt und auf eleganten Menschen bei gehobenen Kunstveranstaltungen. Auch wenn Lindas karitative Spenden natürlich richtig sind und dieser Weg zu ihrem früheren Ich führt, gefällt mir der erste Abschnitt viel besser. Besonders schön finde ich die Rolle von Freya, einer Freundin der verunglückten Tochter. Über ihr erneutes Auftauchen gegen Ende des Buches freue ich mich sehr. Und natürlich ist es schön, dass Linda und Richard nicht gänzlich auseinanderdriften, sondern sich trotz der sehr unterschiedlichen Trauerbewältigung immer eine gewisse Gesprächsbasis findet. Der Abschluss der Geschichte vereint Trauer und Hoffnung auf beeindruckende Weise, sodass ich gerne auf das Gelesene zurückblicke.

Ein Schreibstil, der einfach die Tatsachen auf den Punkt bringt, eine Handlung, welche schwierigste Herausforderungen und deren Bewältigung behandelt, Figuren, die authentisch ihre Gedanken und Gefühle preisgeben – ein Roman, den ich gerne in Händen gehalten habe und daher ebenso gerne weiterempfehle.






Veröffentlicht am 17.08.2024

Im Hörsaal

Pi mal Daumen
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Im Hörsaal während einer Mathematikvorlesung treffen Oscar und Moni erstmals aufeinander: zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – der hochbegabte Sechzehnjährige mit Adelstitel, der überbehütet ...

Im Hörsaal während einer Mathematikvorlesung treffen Oscar und Moni erstmals aufeinander: zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – der hochbegabte Sechzehnjährige mit Adelstitel, der überbehütet aufgewachsen ist und die 53jährige Oma, die neben drei Jobs und Enkelbetreuung noch in der Uni Gleichungen aufstellt und Beweise herleitet, obwohl man sie zuerst für die schrill angezogene Kantinenkraft gehalten hat.

Voller Humor steckt dieser Roman, der durchaus realistische Hochschulszenen beinhaltet. Immer wieder beschreibt Alina Bronsky Momente, die einen zum Schmunzeln bringen und sorgt mit ihrem flotten Schreibstil für gute Unterhaltung. Ihren Figuren, allen voran natürlich Oscar und Moni, haucht sie glaubwürdig Leben ein, sodass man sie rasch bildhaft vor Augen hat. Einerseits fließt die Erzählung aus Oscars Sicht leicht dahin, andererseits verbergen sich aber auch ernste Hintergründe im Geschehen.

Bei Pi mal Daumen handelt es sich um eine ungewöhnliche Geschichte mit noch ungewöhnlicheren Protagonisten, welche den Leser überzeugen können, sofern man hinter ihre Äußerlichkeiten blickt und ihnen selbst Gelegenheit bietet, sich auf den jeweils anderen einzulassen. Schön!

Veröffentlicht am 17.08.2024

Abgründe

Bevor es geschah
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Wie jedes Jahr veranstaltet die Familie Haynes ein Barbecue auf dem Anwesen der verwitweten Mutter. Alle vier Kinder samt Ehe- bzw. Lebenspartnern und eigenen Kindern sind geladen. Wer allerdings meint, ...

Wie jedes Jahr veranstaltet die Familie Haynes ein Barbecue auf dem Anwesen der verwitweten Mutter. Alle vier Kinder samt Ehe- bzw. Lebenspartnern und eigenen Kindern sind geladen. Wer allerdings meint, hier von einem idyllischen Zusammentreffen zu lesen, der ist auf dem Holzweg.

Die Geschichte beginnt mit einer wesentlichen Szene und schwenkt dann zurück zu den Vorbereitungen des Familienfests, dazwischen noch weiter zurück, um relevante Ereignisse zu erzählen. Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass jede Person sonderbare Charakterzüge hat und wohlgehütete Geheimnisse, über die man mit niemandem spricht. Abgründe tun sich auf hinter einer perfekten Fassade, welche seit Jahrzehnten erfolgreich aufrechterhalten wird. Die krankhafte Dynamik im Familiengeschehen wird immer augenscheinlicher. Die Figuren sind vielfältig und bleiben doch ein Schatten ihrer selbst, austauschbar inmitten einer Familie, welcher es um Geld, Macht und Einfluss geht.

Spierers Schreibstil ist eingängig und von Eloquenz geprägt. Die Atmosphäre beim Barbecue und rund um die Haynes ist perfekt eingefangen, düster, geheimnisvoll, rätselhaft. Eine unterschwellige Anspannung ist beim Lesen spürbar, das Ende bleibt orakelhaft.

Ein Roman, bei dem Oberflächen abgeschliffen werden, Verstecktes zutage tritt, Vergangenes haften bleibt, Künftiges übersehen wird. Interessant und lesenswert.

Veröffentlicht am 12.08.2024

Vorwärts

Der geheime Wert der Zeit
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Friedrich Karmann ist ein begnadeter Uhrensammler und Lebemann. Auf der Jagd nach der ältesten Schwarzwälder Uhr, muss er feststellen, dass er für Geld nicht alles kaufen kann. Der Besitzer des begehrten ...

Friedrich Karmann ist ein begnadeter Uhrensammler und Lebemann. Auf der Jagd nach der ältesten Schwarzwälder Uhr, muss er feststellen, dass er für Geld nicht alles kaufen kann. Der Besitzer des begehrten Guts stellt Karmann drei Aufgaben, welche zu erfüllen sind.

Ähnlich einem Märchen der Gebrüder Grimm nimmt sich dieser nachdenklich stimmende Roman aus. Es geht um Gleichnisse und Prioritäten. In ruhigem Stil beschreibt Autor Thomas Erle die Einsamkeit Karmanns, die dessen Leben ebenso prägt wie seine extreme Sammelleidenschaft. Wem begegnen wir in unserem Leben, wofür bemessen wir unsere Zeit? Setzen wir diese bestmöglich ein? Viele Fragen tauchen auf, schmerzlich wird Karmann bewusst, dass um Geld nicht alles zu kaufen ist und die Zeit nur vorwärts läuft.

Ein sehr schönes Buch um die Vergänglichkeit und den Wert des Augenblicks. Ich empfehle es gerne weiter.