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ToniLudwig

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Freundschaft oder Obsession ?

Dius
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Im Jahre 2024 lag der Länderschwerpunkt der Leipziger Buchmesse auf den Niederlanden und der 1951 geborene Stefan Hertmans gehört zu den wichtigsten Vertretern der literarischen Szene der Niederlande und ...

Im Jahre 2024 lag der Länderschwerpunkt der Leipziger Buchmesse auf den Niederlanden und der 1951 geborene Stefan Hertmans gehört zu den wichtigsten Vertretern der literarischen Szene der Niederlande und Flanderns.
Die regelmäßige Veröffentlichung niederländischer Literatur ist eines der Verdienste des Diogenes-Verlages; die zuletzt von Hertmans erschienenen Romane wurden alle von Ira Wilhelm grossartig ins Deutsche übertragen.
Bei diesem 2024 im Original erschienenen Roman bedurfte sein Titel >>Dius<< freilich nicht der Übersetzung, in der lateinischen Sprache besteht ein Bezug zu >>göttlich<< oder >>heilig<<.

Heilig mutet es freilich nicht an, was der titelgebende Romanheld eingangs der Handlung so treibt, es ist eher ein Grenzüberschreitung, die Kunstvorlesung seines Dozenten zu stören und ihn gar daheim mit einem aberwitzig anmutendem Vorschlag aufzusuchen.
Der Beginn einer tiefen Freundschaft ? Oder doch einer Obsession ?

Dies freilich muss der Leser selbst entscheiden, der hineingezogen wird in eine entstehende Freundschaft, welche zunächst das Lehrer-Schüler-Verhältnis sprengt und die schliesslich ein ganzes Menschenleben an - und aushält.
Erzählt wird all dies aus der Perspektive von Anton, dem grüblerischen Dozenten und Analytiker, zehn Jahre älter als Dius und viel mehr der Theorie zugewandt als dem praktischen Leben.
Seine sensible Unentschlossenheit zeigt sich auch im Auf und Ab mit seiner Geliebten Lys, zunächst eine Affäre, später eine schier unerfüllbare Sehnsucht.

Und mittendrin Dius, ein unberechenbarer, kraftvoller junger Mann, bar jeglicher Konventionen, ein Meister des Praktischen im Herstellen von menschlichen Körpern nachempfundenen Möbelstücken, gleichsam aber auch ein feingeistiger Maler blutender Wunden, oft genug seiner eigenen.
Dius ist auf seine Art tatsächlich göttlich und verkörpert überwiegend die Mischung von Wahnsinn und Genie, dabei gänzlich aus seiner Zeit gefallen.
Anton verfällt ihm auf seine Art, mit Folgen, die ihn ungemein bereichern und erfüllen sollen, gleichwohl aber ein Leben lang eine Last bleiben werden.

Der beginnend in den 1980er Jahren zwischen Belgien und Bergamo angesiedelte Roman ist wie geschaffen für lange Abende am Kachelofen oder neuzeitlich halt in der Nähe vom Kamin, am besten mit einer Tasse Tee und der Möglichkeit, Musik zu hören und Kunstwerke zu betrachten.
Denn das Werk strotzt nur so von musikalischen Anspielungen und Beschreibungen,
von Gesualdos Madrigalen, einer verzauberten Welt voller Arien, Fugen, Passacaglien, Sarabanden oder Chorälen, Mahlers Urlicht, den letzten Sonaten von Schubert in der Interpretation von Alfred Brendel oder dem eindrucksvollen Klagelied von Dieterich Buxtehude.
Und damit nicht genug - es werden Gemälde beschrieben wie die Allegorie der Liebe von Bronzino, die den Leser immer wieder vor die Frage stellen - weiterlesen oder innehalten, um das Gemälde selbst zu betrachten.
Doch dies ist keineswegs ein störendes Moment, es fügt sich in die drängende Handlung ebenso ein, wie die vielen nachdenklichen Impulse, die uns Stefan Hertmans mit auf den Weg gibt:
über das Leben, welches etwas ist, was dir geschieht, nicht etwas, was du dir wünschst, über das Glück, den Widerschein unserer Vorurteile, den Verlust der Mitte (mit einem Bild von Asger Jorns), über den Kunstbetrieb und die Selbstgefälligkeit des Bürgertums wie über Sitz und möglichem Gewicht unserer Seele, über Jugend oder den Schatten der eigenen Selbstgefälligkeit.

Die Melancholie des Textes etwa wird deutlich in einem meinem Lieblingssätze :
>> ...viel zu wissen fällt uns leicht, etwas zu erkennen hingegen schwer ...<< .

Ob Anton je die verborgene Botschaft unter der Schreibtischplatte wird lesen können, die ihm sein Freund Dius in den Zeiten grösster Vertrautheit hineingetischlert hat ?

Und schließlich noch ganz am Rande : in einer kurzen Sequenz wird eine der drastischsten Trennungen in Form einer Haushaltshalbierung beschrieben - köstlich.

Wer noch immer nicht von diesem Buch überzeugt ist, der begebe sich zu seinem Buchladen des Vertrauens, bestaune das Cover und lese dort den ersten Satz des Romans - ihm werden nach dem sicheren Erwerb des Romans (dem lediglich ein Lesebändchen fehlt) etliche Stunden Freude und Erkenntnisgewinn sicher sein.

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Veröffentlicht am 27.01.2025

Mit der Kraft der Musik gegen die Einsamkeit

Für Polina
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Nur wenige Monate vor seinem 40. Geburtstag erscheint bei Diogenes der bereits fünfte Roman des Autors und Journalisten Takis Würger.
Und wieder wird der Leser sofort hineingenommen in eine ...


Nur wenige Monate vor seinem 40. Geburtstag erscheint bei Diogenes der bereits fünfte Roman des Autors und Journalisten Takis Würger.
Und wieder wird der Leser sofort hineingenommen in eine Geschichte mit ihrem unvergleichlichen Sprachfluss, aus der es kein Entkommen gibt.
Und man will dies auch gar nicht, zu fesselnd ist bereits die Begegnung der beiden Frauen Fritzi und Güneş, die sich im Krankenhaus Siloah nach der Geburt ihrer Kinder kennenlernen und anfreunden.
Als es der wunderbaren Fritzi auf unnachahmliche Art und und Weise gelingt, den vordergründig wunderlichen Heinrich Hildebrand zu überreden, mit ihrem Kind in seine Villa in der Moorlandschaft einziehen zu dürfen, kommen auch Güneş und ihre Tochter Polina immer öfter zu Besuch.
Und dies berührt auch das introvertierte Kind von Fritzi, den schweigsamen Hannes Prager, der eher beobachtet und kaum spricht.
Die so unterschiedlichen Kinder spielen zusammen in der schwefeldurchtränkten Moorlandschaft, sie lachen und weinen miteinander.
Während Polina, das aufgeweckte Mädchen, Fragen zu Leben und Tod stellt, lauscht Hannes dem Klang der Stimmen nach und schläft nur zu Chopins 1. Klavierkonzert ein.

Und so wird der Zufluchtsort von Hannes allmählich das verstimmte Klavier in der Moorvilla, während Polina unfreiwillig für längere Zeit in Instanbul heranwächst.
Nach der Rückkehr von Güneş und Polina brechen die letzten Tage der Unschuld an und Hannes spürt langsam aber zuverlässig eine tief in seinem Inneren verwurzelte Verbundenheit zu seiner Freundin seit Kindestagen.

Doch das Leben hält andere Prüfungen für die beiden bereit, zwar treffen sich beide Heranwachsende wieder, lachen und schlafen miteinander und doch kappt die räumliche Trennung und eine aus der Not geborene Lüge letztlich ihr inniges Verhältnis.

Nun begleiten wir Hannes durch die Jugendlichkeit seines Lebens, das Arbeitsleben hinterlässt körperliche Spuren, doch es gibt neben einem wunderlichen Chef auch einen Freund an seiner Seite, dessen Unerschütterlichkeit in besten Sinne des Wortes zum Überleben von Hannes beiträgt.
Es ist ein abenteuerlicher Weg, den der junge Mann einschlägt, obschon aus dessen Sicht gar nicht so viel passiert, er hat das Glück, mit einer Frau zusammen zu wohnen, die seine Eigenheiten nebst seiner ausgefallene Tätigkeit akzeptiert, auch seine Verbindung zum alten Hildebrandt reisst nicht ab, doch auch dieser hat die Spur zu Polina verloren.

Mag auch die eine oder andere Person im Roman - wie etwa der Vater von Hannes - etwas holzschnittartig wirken, stört dies den Fluss der Erzählung in keiner Weise.
Denn der Autor bleibt immer bei seiner Figur und zieht den Leser in einen Sog, dem sich keiner entziehen kann.
Klar, dass die Schönheit und Kraft der Musik eine herausragende Rolle spielt (auch Igor Levit kommt an einer Stelle vor und eine zum Schaudern strenge lettische Klavierlehrerin) und zum Innehalten (damit das Buch nicht so schnell zu Ende geht) empfiehlt es sich nachdrücklich, wieder einmal Chopin zu hören.
Ob die Geschichte vielleicht doch gut ausgeht, oder das Leben in seiner ganzen Vielfalt dem geläuterten Protagonisten erneut einen Streich spielt, wird der Leser selbst herausfinden.

Es erwarten ihn dabei Staunen, Lachen und Weinen, Freundschaft und Einsamkeit, Mitgefühl, sehnsüchtige und unerwiderte Liebe, Verlust und Trauer, schlichtweg alles, was das Leben bereithält und dies ist in Zeiten des aktuellen Lärms der Welt eine überbordernde Menge an gelungener Unterhaltung.
Ganz deutliche Leseempfehlung !!

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Veröffentlicht am 28.08.2024

Baruch Haschem - Guten Morgen Israel

Juli, August, September
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Die kapp 40jährige mehrfach ausgezeichnete deutsche Schriftstellerin Olga Grjasnowa veröffentlicht zum Ende des Sommers 2024 (im September !) nun schon ihren fünften Roman mit dem Titel >>Juli, August, ...


Die kapp 40jährige mehrfach ausgezeichnete deutsche Schriftstellerin Olga Grjasnowa veröffentlicht zum Ende des Sommers 2024 (im September !) nun schon ihren fünften Roman mit dem Titel >>Juli, August, September<<, der wie die ersten beiden Bücher wieder bei Hanser erscheint.

Es verwundert nicht, dass die in Aserbaidschan geborene Autorin eigene Familienschicksale aufgreift und verarbeitet, wurde sie doch selbst in eine russisch-jüdische Familie geboren, studierte unter anderem auch in Israel und ist mit einem Künstler verheiratet, der freilich kein Pianist ist.

Aber natürlich ist dies keine Autobiografie, denn meisterlich verwebt Grjasnowa ihre intimen Kenntnisse jüdischen Familienlebens in eine fiktive Geschichte, die so leichtfüssig daherkommt, wie nur selten in der Gegenwartsliteratur.

Doch Vorsicht : Leichtigkeit bedeutet nicht Oberflächlichkeit, zu tief sind die Familien in ihrer unheilvollen Vergangenheit behaftet und schwere Kränkungen schwelen nur dürftig unter der Oberfläche und können jederzeit flammend hervorbrechen.

Lou, die Hauptprotagonisten ist in zweiter Ehe mit Sergej verheiratet, einem international erfolgreichen Pianisten, dessen Ruhm und Selbstsicherheit jedoch zu bröckeln scheinen.
Sie beschäftigen - mit hinreichend schlechtem Gewissen - eine Putzfrau, die auch aus dem >>heruntergekommenen russischen Reich<< stammt, versuchen ihrer fünfjährigen Tochter Rosa musikalische Früherziehung beibringen zu lassen und halten - wenn auch überwiegend nur noch mittels Sex - die Ehe zumindest nach aussen intakt.

Den seelischen Traumen der Vergangenheit, die unweigerlich auf allen jüdischen Familien lasten, versuchen sie zu entgehen, indem sie einem Alltag ohne jüdischen Ritualen nachgehen, Kerzen an Chanukka entzünden, aber Besuche der Synagoge an den Feiertagen für entbehrlich halten.

Die Aussicht auf eine Feier zum 90. Geburtstag von Lou's Tante Maya auf Gran Canaria verheisst daher kein unbeschwertes Vergnügen.

Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer aufgeweckten Tochter Rosa, jedoch ohne ihren Mann, machen sich die drei dennoch auf den Weg, um mit Mutters dominanter Schwester Elena und deren gesamter Familie den Geburtstag von Maya zu begehen, es könnte ja mit ihr die letzte Zusammenkunft sein.

Und natürlich brechen gnadenlos alsbald alte Verwundungen auf, erweist sich der erhoffte Zusammenhalt als trügerische Idylle, zeigen sich die unterschiedlichen Familien in ihrem brüchigen Glanz, obschon unter der Oberfläche nicht mal mehr wie einst die Karriere im Vordergrund steht, sondern bereits eine Nicht-Scheidung als grosser Erfolg gilt.

Die gemeinsamen Schreckenserlebnisse der Familie, insbesondere von Maya und ihrer verstorbenen Schwester, die auch den Namen Rosa trug, werden zu Anekdoten verwoben, die rückblickend die eigene Persönlichkeit durch tiefgreifende Einschnitte in die Realität ungerechtfertigt und unverhältnismässig glorifiziert.
Gesichert bleibt nur die traurige Gewissheit, dass die gesamte Verwandtschaft von Rosa und Maya, alle ihre Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen im Holocaust umgebracht wurden, als die beiden noch selbst Kinder waren und zu den elf Prozent jener jüdischen Kinder gehörten, die in Europa überlebt hatten.
Wie immer in dieser Familie wird über vieles gesprochen, jedoch nicht über Liebe, Geld, Krankheiten und Angst; Gefühle sind tief im Inneren einzementiert.
Brüllen gehört ebenso zu einer normalen Familienkonstellation wie die gegenseitigen Vorwürfe zum Lebensstil, zur Ehe und zur Identität :
>>Wann bist du bloß so deutsch geworden?<<.

Warum Lou's Mutter vorzeitig die Kanarische Insel verlässt und Lou kurzentschlossen versucht, sich in Tel Aviv ihrer eigenen immerwährenden Unsicherheit zu stellen, wie und wodurch ihr Vertrauen in die eigene Ehe immer heftiger bröckelt, ob sie in Yad Vashem oder auf dem Friedhof in Haifa Antworten auf das Schweigen der noch Lebenden findet - auf all diese Ereignisse kann der Leser im dritten Teil des Buches gespannt sein, welches nach den ersten beiden Kapiteln >>Juli, August<< überraschenderweise nicht mit September übertitelt ist.

Ein unterhaltsamer Roman, welcher konzeptionell ein wenig an die kürzlich gesendete überaus erfolgreiche Fernsehserie >>Die Zweiflers << erinnert, hier jedoch literarisch aufbereitet, komisch, liebenswert, anstrengend, nachdenklich und lesenswert.

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Veröffentlicht am 23.04.2024

Familiäre Bande

Treibgut
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Erneut beweist die amerikanische Schriftstellerin Adrienne Brodeur in ihrem Roman >>Treibgut>Litte Monsters>geschafft


Erneut beweist die amerikanische Schriftstellerin Adrienne Brodeur in ihrem Roman >>Treibgut<< ihre aussergewöhnliche Fähigkeit, dem Leser verwobene Familiengeschichten mit erzählerischer Bravour nahezubringen.
Unter dem Titel >>Litte Monsters<< erschien der Roman 2023, für Rowohlt liegt er nun in deutscher Übersetzung von Karen Witthuhn vor, überdies mit einem exzellent gestalteten Schutzumschlag und einem (seltener werdenden) Lesebändchen.

Die Handlung umfasst einen Rahmen von April bis Oktober 2016, zu einer Zeit, als sich deren Protagonisten noch zuversichtlich zeigten, dass Hillary Clinton als Nachfolgerin von Barak Obama als amerikanische Präsidentin ins Weisse Haus einziehen wird.
Nur Adam Gardener, der Vater der Geschwister Ken und Abby Gardener, trauert da noch Bernie Sanders hinterher, doch der ambitionierte Meeresbiologe, ebenso exzentrisch wie egoistisch, verliert ohnehin zunehmend den Boden unter den Füssen (nahezu sprichwörtlich auf seinem Boot), da er an einer bipolaren Störung leidet und im Ergebnis eines eingangs köstlich beschriebenen Arztbesuches eigenmächtig die Medikamentierung durch Lithium und Seroquel absetzt, um noch einmal kurz vor seinem 70. Geburtstag für vermeintlich bahnbrechende Entdeckungen des Verhaltens von Buckelwalen gefeiert werden zu können.

Seine Kinder Ken und Abby können unterschiedlicher kaum sein.

Ken wuchs 38 Jahre ohne seine Mutter Emily auf, sie starb bei der Geburt seiner Schwester, da war er erst dreieinhalb, diesen Verlaust hat er nie verwunden.
Doch aus seiner Sicht hat er es nun >>geschafft<< : Status und Geld verleihen ihm Macht, die ihn nach der Heirat mit Jenny, die aus einer reichen Dynastie stammt, nur noch unabhängiger von ihrer Familie erscheinen lässt.
Dennoch fühlt er sich zurückgesetzt und nicht anerkannt, woran auch die teueren Sitzungen bei einem Psychiater kaum etwas ändern können. Auch gegenüber seiner Schwester verhält er sich ambivalent und bezichtigt sie gar, Schuld am Tode ihrer Mutter zu sein. Grosszügigkeit kennt er nur sich selbst gegenüber und diese ist zumeist materiell.

Seine kluge Frau Jenny, nunmehr Hausfrau und Mutter der pubertierenden Mädchen Frannie und Tessa, hat früh gegen ihre Eltern rebelliert und erträgt die erkaltete Ehe mit ihrem Mann Ken immer öfter nur noch durch abendlichen exzessiven Weingenuss, trotz mehrfacher Aufenthalte in Entzugskliniken und der Angst, von ihren Töchtern als Alkoholikerin entdeckt zu werden.

Abby hingegen ist Künstlerin, besitzlos, unorganisiert und nur mässig erfolgreich, sie verarbeitet gesammelte Treibholzstücke in ihren Bildern und Skulpturen.
Und sie ist schwanger von einem verheirateten Mann, verschweigt dies jedoch zunächst auch ihrer besten Freundin Jenny.

Und als wären diese familiären Probleme nicht genug, greift in das Geschehen auch noch Steph ein, eine Polizistin im Alter von Abby und Mutter eines neugeborenen Sohnes. Mehr oder weniger durch Zufall erfährt sie von ihrer eigenen Mutter, dass diese am Rand einer glamourösen Gala ungewollt schwanger wurde, der Vater nichtsahnend : Adam Gardener.

Aus der Sicht der genannten Personen wird nun eine Geschichte verwoben, die sich ebenso geistreich wie genussvoll zu einem prallen Lesevergnügen entwickelt.

Wir erkunden die schwierigen Beziehungen von Ken und Abby zueinander, die sich erst -auch körperlich- aneinander klammerten, um sich dann doch im Lichte ihrer unaufgearbeiteten Kindheit zu entfremden ebenso wie die Sicht ihres Vaters auf die heranwachsenden Geschwister, der sich selbst so grossartig findet und doch seine Kinder insgeheim als kleine Monster bezeichnet.
Kleine Monster heisst auch das Gemälde, welches Abby gemalt hat, um dem 70. Geburtstag ihres Vaters einen gebührenden Rahmen zu geben und welches ihre ganze Zerrissenheit facettenreich offenbart und ihren Bruder so unfassbar wütend stimmt.

Doch vom Verlauf dieser Feier hat ein jeder andere Vorstellungen und der Leser ahnt, dass dieses Fest in einer Katastrophe enden könnte.

In diesem Roman wird weder gewertet, noch wird der Stab über die Protagonisten gebrochen - psychologisch sauber nachempfunden entwickeln sie sich auf ihre Art in unterschiedliche Richtungen und in wechselnden Intensitäten und Verantwortungen.

Die Beschreibung der Familienwelt von Zerrissenheit und Macht, Lügen und Vertuschungen und deren Zusammenspiel mit echt empfundenen Gefühlen, mit Enttäuschungen, Liebe und Einsamkeit fesseln den Leser und lassen den Rezensenten eine deutliche Leseempfehlung aussprechen.

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Veröffentlicht am 06.03.2024

Der Lärm des Lebens in leisen Tönen

Der Lärm des Lebens
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In der Rahmenhandlung versuchen die beiden Stuttgarter Schauspielstudenten Jörg Hartmann und Hüseyin (Michael Cirpici) Anfang der 1990er Jahre an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin auf nahezu übergriffige ...

In der Rahmenhandlung versuchen die beiden Stuttgarter Schauspielstudenten Jörg Hartmann und Hüseyin (Michael Cirpici) Anfang der 1990er Jahre an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin auf nahezu übergriffige Weise bei der damaligen künstlerischen Leiterin Andrea Breth auf ihr eigenes Talent aufmerksam zu machen und erhalten von ihr schließlich eine schier unlösbare Hausaufgabe : Ein Vorsprechen der ersten Szene von Goethes Clavigo unter Verweis auf die legendäre Inszenierung von Fritz Kortner mit Thomas Holtzmann und Rolf Boysen, 1969 (!) am Schauspielhaus Hamburg.

Mit Einfallsreichtum gehen die beiden Freunde der Sache nach, vielleicht eine grandiose Form der Selbstüberschätzung ?

Wie die Sache ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten; gleich im nun folgenden Handlungsstrang wendet sich der Autor seinem schwer an Demenz erkrankten Vater zu.

Hartmann erzählt - und wer sich fragt, ob dies erneut sein muss - ein schreibender Schauspieler -, wird alsbald seine Vorurteile über Bord werfen können, denn Hartmann kann nicht nur Schauspiel, er kann auch schreiben.
Dabei versucht er gar nicht erst, sich hinter seiner Prominenz zu verstecken, er ist eben d e r Faber aus dem Dortmunder Tatort, wo er unter allen Ermittelnden ohnehin schon in Charakter und Darstellung eine exponierte Figur ist.

Die Eindrücklichkeit des nicht als Roman bezeichneten Textes resultiert aus den Betrachtungen der Endlichkeit unseres Lebens, exemplarisch nachspürbar durch die Krankheit des Vaters und dem immerwährenden Kreislauf, als Heranwachsender und eigener Familienvater doch wieder zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit gegenüber den eigenen Eltern aufzuwenden und Nähe zur erweiterten Familie erst wieder auf Beerdigungen zu erfahren.

Nachdenkliches auch über Themen wie Pflegenotstand, das Überleben der Großeltern in Nazideutschland und der unfassbare Rechtsruck in der heutigen Zeit, über den Mauerfall und die verschenkten Gestaltungsmöglichkeiten der Gesellschaft in der Folge, über Fluch und Segen des Berufes, der Umgang miteinander in der Pandemie und etliches mehr.
Grandios an diesem Text ist : Hartmann moralisiert nicht, er stellt sich und seine Ansichten immer wieder in Frage, hat Selbstzweifel (>>Jeder will an das glauben, was er lebt. Wir alle verdrängen die Fragen, die wehtun, die uns zwingen würden, unser Leben zu ändern.<<) und schon sich selber nicht (>>...ich westdeutsches In-Watte-Gepacktes!<<).

Aber keine Angst - das Buch ist nicht bedeutungsschwanger überfrachtet, es ist vielmehr durchzogen von einem heiteren Grundton mit unzähligen lustigen Episoden aus der eigenen Kindheit oder im Zusammensein mit seinen eigenen Kindern.
>>Durch die Kindheit seiner Kinder erlebt man wieder die eigene. Und sieht in seinen Eltern die eigene Zukunft.<<
Die von seinem Vater mitgegebene Lebenskunst, Gefühle zuzulassen und zu zeigen, ermöglichte das Schreiben dieses Textes und ist ein grosses Geschenk an die Leser.

Dies hat auch der Rowohlt Verlag Berlin erkannt, der das kleine Büchlein fein mit einem Lesebändchen ausgestattet hat.