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Veröffentlicht am 28.08.2024

Vielschichtige und differenzierte Einblicke in eine uns fremde Kultur

Ein Chinese sagt nicht, was er denkt
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Ich hatte sowohl beruflich in Österreich schon mit Menschen aus China zu tun, als auch schon einmal die Gelegenheit, das Land auf einer kurzen Reise zu besuchen. Dabei sind mir viele Unterschiede aufgefallen, ...

Ich hatte sowohl beruflich in Österreich schon mit Menschen aus China zu tun, als auch schon einmal die Gelegenheit, das Land auf einer kurzen Reise zu besuchen. Dabei sind mir viele Unterschiede aufgefallen, die ich mir nicht erklären konnte. Umso neugieriger hat mich das Buch "Ein Chinese sagt nicht, was er denkt" von Christian Emil Schütz gemacht. Nach der Lektüre kann ich sagen: ich hatte viele Aha-Momente beim Lesen und kann nun viel besser die Hintergründe vieler kultureller Unterschiede und Missverständnisse einordnen.

Der Autor hat sich wirklich umfassend mit der chinesischen Kultur und dem Weltbild, das damit verbunden sind, beschäftigt. In das Buch fließen mehrere spannende Perspektiven ein: erstens die berufliche: der Autor hat sich auf das spannende Abenteuer eingelassen, gemeinsam mit einem chinesischen Geschäftspartner ein Unternehmen aufzubauen. Zweitens die private: er ist verheiratet mit einer chinesischen Ärztin und TCM-Therapeutin und kann dadurch auch noch einmal näher von der privaten Perspektive des engen Kontakts mit chinesischen Menschen erzählen (und auch seine Frau und deren Perspektive kommen in Erzählungen sowie Interviews zu Wort). Und drittens ergänzt er diese zwei persönlichen Perspektiven noch mit Wissen um die jahrtausendealte chinesische Kultur, die nicht von den letzten Jahrzehnten des Kommunismus, sondern noch viel tiefergehend von Konfuzianismus und Taoismus geprägt wurde und bis heute wird.

Persönlich, spannend und nahbar geschrieben, nimmt uns der Autor auf seine Reisen, geschäftlichen und privaten Begegnungen mit. Wir bereisen mit ihm China, gehen in chinesische Restaurants, lernen die Familie seiner Frau kennen und erleben den Aufbau und Betrieb seines Unternehmens (mehrere TCM-Praxen in der Schweiz) mit allen Höhen und Tiefen mit. Beim Lesen wundern wir uns gemeinsam mit dem Autor über kulturell erstmals unverständlich erscheinende Situationen, suchen mit ihm gedanklich sowie in Gesprächen mit Chinesinnen und kulturspezifischer Lektüre und staunen über die Erklärungen und kulturellen Unterschiede.

China scheint eine sich von Westeuropa in vielen Bereichen fundamental unterscheidende Kultur zu sein. Was im Westen privat und beruflich hochgeschätzt wird - etwa Ehrlichkeit, Direktheit und Vertrauen - wird in China je nach Situation als unhöflich oder als Schwäche ausgelegt... oder es wird auch einfach nicht geglaubt, dass das Gegenüber tatsächlich ehrlich sein könnte, weil das für viele Chines
innen besonders im beruflichen Kontext offenbar unvorstellbar ist.

Hierarchien, soziale Normen und "Das Gesicht wahren" spielen noch einmal viel stärker und anders eine Rolle als in Europa, gleichzeitig scheint es (leider) ebenfalls eine noch stärkere kulturelle Abwertung von Frauen zu geben... trotz deren durchaus immer wieder vorhandener Präsenz im Berufsleben auch in höheren Positionen. Die Frau des Autors ist auch schon in China eine angesehene Professorin und TCM-Ärztin und wird als solche durchaus respektiert.. ist aber gleichzeitig z.B. in ihrer Herkunftsfamilie ihrem Bruder untergeordnet, weil sie weiblich ist. Auch hier zeigt sich stark die vorhandene Ambivalenz der chinesischen Kultur, zwischen verschiedenen historischen und kulturellen Einflüssen (z.B. Unterordnung der Frau in der traditionellen chinesischen Kultur vs. starke Förderung der Gleichstellung der Geschlechter im Sozialismus) und den Anforderungen und globalen Prägungen der heutigen Zeit.

Auch für einen neuen Blick auf die aktuelle weltpolitische Lage - z.B. den Ukrainekrieg und die chinesische Position dazu - ist das Buch sehr erhellend. In einem kurzen Exkurs wird in einem Zwischenkapitel von der interkulturellen Zusammenarbeit des Autors mit einem sibirischen Kinderchor berichtet und dabei differenziert und klug auch die russische Kultur und deren eigenständige Position, geprägt sowohl von westlichen als auch von asiatischen Einflüssen, diskutiert, und in diesem Zusammenhang auch auf Vladimir Putins Handlungen und Kommunikation eingegangen.

Aus rein westlicher Perspektive betrachtet war dieses nach vielen Jahrzehnten der scheinbaren Annäherung Russlands an den Westen eine große Überraschung und Enttäuschung. Wenn man sich aber mit den Prinzipien der chinesischen Kultur und insbesondere mit den 36 Strategemen beschäftigt hat (die Putin als hochgebildeter Mensch sicherlich kennt und die ihm als Russen näher stehen als den Westlern), in denen es insbesondere um Langfristigkeit, um List und Täuschung als Zeichen von Intelligenz und Stärke und um Verschleierung der eigenen Absichten geht, erscheinen die aktuellen weltpolitischen Ereignisse weit weniger überraschend.

Damit schließt sich der Bogen dazu, wem ich diesen Buch von Herzen empfehlen kann: nicht nur allen, die beruflich oder privat mit China zu tun haben, sondern auch allen kulturell interessierten Menschen, die auch unabhängig von China ihren Blickwinkel in Bezug auf interkulturelle Unterschiede und deren Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft besser verstehen möchten.

Mit seiner differenzierten Betrachtungweise und den vielen Beispielen erweitert das Buch auch sehr den Blick darauf, in wie vielen Bereichen des Zusammenlebens und Wirtschaftens interkulturelle Unterschiede eine enorme Rolle spielen können, und sensibilisiert damit am Beispiel der chinesischen Kultur auch insgesamt für den Kontakt mit anderen Kulturen. Durch das Beispiel Russlands wird außerdem deutlich, dass der Einfluss der chinesischen Kultur und Denkweise weit über China alleine hinausgeht und zumindest für ein Verständnis aller asiatischen Länder sehr hilfreich sein kann.

Das Buch empfiehlt sich also nicht nur für alle, die mit China beruflich zu tun haben, sondern generell für alle Menschen, die privat oder beruflich mit anderen Kulturen in Kontakt kommen und ihren Horizont erweitern möchten.

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Veröffentlicht am 28.08.2024

Inspirierend - multiperspektivisch - zum Nachdenken anregend

Denkende Affen?
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"Denkende Affen" von Stephanie Clasemann ist ein hochspannendes Sachbuch über die Natur des Menschen. Es nimmt uns auf eine unterhaltsame und inspirierende Reise mit, bei der wir als Lesende angeregt werden, ...

"Denkende Affen" von Stephanie Clasemann ist ein hochspannendes Sachbuch über die Natur des Menschen. Es nimmt uns auf eine unterhaltsame und inspirierende Reise mit, bei der wir als Lesende angeregt werden, über viele spannende Fragen nachzudenken, z.B. was ist überhaupt Wissen? Kann ich etwas wirklich sicher wissen? Welche Menschenbilder und Weltbilder gibt es und wie wirken sich diese darauf aus, wie ich mich in der Welt wahrnehme? Was sagen Neurowissenschaften und Religionen zur Natur des Menschen? Was hat es mit spirituellen Erfahrungen und anderen Bewusstseinswelten auf sich?

Ich habe schon einige Bücher gelesen, die sich jeweils mit einzelnen dieser Themen beschäftigt haben... aber noch kein einziges, das alle davon so klug und differenziert vorstellt, mit interessanten Geschichten verständlich macht und miteinander verbindet. Dieses Buch zeichnet ganz besonders aus, dass es überhaupt nicht dogmatisch ist und keine bestimmte Weltsicht vermitteln möchte, sondern tatsächlich offen und vorurteilsfrei den bunten Pluralismus an Weltanschauungen darstellt und nachvollziehbar macht, den es tatsächlich gibt. Damit wirkt es gerade in einer eher polarisierten Zeit sehr wohltuend und verbindend.

Wir begegnen z.B. Karl Popper und seinem kritischen Rationalismus genauso wie John Bowlby und Mary Ainsworth und ihrer Bindungstheorie, dem Dalai Lama, Simone de Beauvoir und Simone Weil, Sokrates und Plotin, der amerikanischen Neurowissenschaftlerin Lisa Miller und ihrer Forschung zur Verbindung von Spiritualität und der Bewältigung von Depressionen, sowie dem Medium Varda Hasselmann und ihren Archetypen der Seele. Dabei erhalten wir einen kurzen, prägnanten Einblick in die jeweiligen Ideen und Weltbilder, der Lust auf Weiterrecherchieren macht.

Besonders mochte ich die kleinen Geschichten und Fallbeispiele, die überall ins Buch eingebaut sind, z.B. zur Insel der Gehörlosen (Wie würde sich die menschliche Wahrnehmung und Weltsicht verändern, wenn keiner mehr hören könnte? Und wie würde man dann damit umgehen, wenn man nach langer Zeit mal wieder jemand Hörenden treffen würde? Könnten wir überhaupt glauben, dass er einen Sinn mehr hat als wir?) oder zum Vogelfänger (jemand möchte Papageien vor dem Vogelfänger retten und bringt ihnen einen Satz bei, mit dem sie sich gegenseitig warnen sollen... aber Worte, ohne den Inhalt zu verstehen, erreichen ihr Ziel nicht... als Gleichnis für mystische Erfahrungen und die Schwierigkeit von deren Weitergabe bei der Institutionalisierung von Religionen).

Ich kann das Buch also allen von Herzen empfehlen, die sich für Philosophie, Psychologie, Religion, Spiritualität und ähnliche Themen interessieren und einen offenen Geist haben oder entwickeln möchten. Es ist ein sehr bereicherndes, unterhaltsames und kluges Buch und liefert nicht nur viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren, sondern auch im Anhang Literaturhinweise, um die angesprochenen Themen bei Interesse zu vertiefen.

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Veröffentlicht am 28.08.2024

Vom Licht, das wir mit einem Menschen verlieren... und vom Licht, das bleibt

Wohin das Licht entflieht | Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2025
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"Wohin das Licht entflieht" ist ein Buch über Emmy, die ihre geliebte ältere Schwester durch Suizid verloren hat. Emmy ist 16, besucht eine auf Musik spezialisierte Schule, eifert ihrer Schwester nach, ...

"Wohin das Licht entflieht" ist ein Buch über Emmy, die ihre geliebte ältere Schwester durch Suizid verloren hat. Emmy ist 16, besucht eine auf Musik spezialisierte Schule, eifert ihrer Schwester nach, bewundert sie und möchte in ihre Fußstapfen treten. Beth ist 21, und seit fünf Jahren Mitglied einer bekannten Girlband, und als solche reich und beliebt, aber auch von den Medien und bösartigen Internetkommentaren verfolgt, hatte mehrere Aufenthalte in Entzugskliniken hinter sich, war in einer tiefen Krise und verzweifelt, und hat in dieser Situation keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als sich das Leben zu nehmen.

Wir lernen Emmy unmittelbar nach dem Suizid ihrer Schwester kennen und begleiten sie durch die ersten Tage danach, und dann durch die darauf folgenden Wochen und Monate. Wir erleben sie in ihrem Umfeld, spüren ihre zunehmende innere Verhärtung und Entfremdung von Eltern, Freundinnen und Partner, die widersprüchlichen Gefühle, die unmittelbare, tiefe Trauer, die alles verzehrende Wut und die Suche nach Schuldigen. Und doch gibt es auch so viele lichte Momente, so viel Verbindung zwischen Emmy und den Menschen, die um sie kämpfen, so viel tiefe Liebe, die spürbar ist, und schließlich doch eine sehr hoffnungsvolle Entwicklung in Richtung Zukunft.

Sehr gut gefallen hat mir auch die multimediale Gestaltung des Buches: wir erleben die Geschehnisse nicht nur aus Emmys Sichtweise, sondern durch WhatsApps, Medienartikel und vieles mehr kommt eine vielschichtige Perspektive hinein. Diese Gestaltung macht es auch sehr angenehm und kurzweilig zu lesen und ist gleichzeitig ein guter Spiegel eines weiteren Themas des Buches: der Welt der (a)sozialen Medien und was diese insbesondere mit den Menschen macht, die in der Öffentlichkeit stehen sowie der Themen öffentliche Person(a) - für die Öffentlichkeit war Emmys Schwester nicht Beth, sondern Lizzie - vs. private Person.

Ich habe selbst als Jugendliche einen nahen Angehörigen durch Suizid verloren und war auch deshalb sehr neugierig auf dieses Buch. Von Anfang an hat es mich absolut gepackt, weil ich sehr schnell gespürt habe: hier schreibt eine Autorin, die echt weiß, wovon sie spricht. Die nicht nur klischeehafte Vorstellungen im Kopf hat, wie es sein könnte, jemanden durch Suizid verloren zu haben, sondern die das echt nachfühlen kann. Auf der Suche nach einer Antwort darauf, woher das kommt, ob aus eigener Erfahrung oder einer ungewöhnlich tiefen Empathiefähigkeit (vielleicht auch beidem), habe ich einen Artikel der Autorin gefunden, indem sie diese Frage beantwortet: sie hat selbst einen guten Freund durch Suizid verloren. Wer darüber mehr lesen will, sucht am besten nach "Paper aeroplanes from this side of the wall - lessons of love and loss on the death of a friend" von Sara Barnard.

Dieses Buch empfiehlt sich für alle, die bereit sind, sich auf ein so tiefes und dunkles Thema einzulassen und die gerne nachfühlen möchten, wie es sein kann, jemanden durch Suizid zu verlieren, und durch welches breite Spektrum an heftigen Gefühlen man dabei gehen muss. Es ist für mich weit mehr als ein Jugendbuch, ich finde es auch für Erwachsene sehr interessant zu lesen.

Mit seiner so authentischen Darstellung des Themas kann es auch dabei helfen, all jenen, die das Glück hatten, so eine schlimme Erfahrung nicht selbst machen zu müssen, zu vermitteln, wie es davon Betroffenen gehen kann... und damit insgesamt für mehr Verständnis für Trauernde und besonders für Hinterbliebene nach Suizid sorgen. Damit empfehle ich es auch insbesondere allen Menschen in sozialen Berufen (z.B. Lehrkräften, Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen,...) als Weiterbildung und Empathietraining. Trotz des dunklen Themas ist es auch ein Buch mit vielen hoffnungsvollen Momenten tiefer menschlicher Verbindung, Humor und überwiegend sehr sympathischen Figuren. Ein tolles Buch und definitiv eines meiner Jahreshighlights - absolute Empfehlung!

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Veröffentlicht am 27.08.2024

Der Genozid an den Armeniern und der Versuch einer Vergeltung

"Ich habe getötet, aber ein Mörder bin ich nicht"
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Mit "Ich habe getötet, aber ein Mörder bin ich nicht" hat Birgit Kofler-Bettschart ein sehr wichtiges Sachbuch über ein oft vergessenes Kapitel der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben: den ...

Mit "Ich habe getötet, aber ein Mörder bin ich nicht" hat Birgit Kofler-Bettschart ein sehr wichtiges Sachbuch über ein oft vergessenes Kapitel der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben: den Völkermord an den Armeniern durch die Türken, und die Vergeltungsaktion Nemesis einiger junger armenischer Männer danach, Anfang der 1920er.

Der Völkermord an den Armeniern durch die Türken während des 1. Weltkrieges ist - wie man auch in diesem gut recherchierten Buch sieht - eine vielfältig belegte historische Tatsache und etwas, wovon sogar Hitler Kenntnis hatte und was er als Rechtfertigung für seine eigenen abscheulichen Taten genommen hat, von ihm ist offenbar die Aussage belegt, dass ja auch der Völkermord an den Armeniern nach zwei Jahrzehnten niemanden mehr interessiere. Gleichzeitig ist es nach wie vor im Kontakt mit der Türkei ein heikles politisches Thema und wird dort nicht unter dieser Bezeichnung diskutiert, geschweige denn aufgearbeitet. Umso mehr Chapeau, Frau Kofler-Bettschart, sich diesem wichtigen Thema anzunehmen.

Das Buch ist grundsätzlich sehr wertig gestaltet, mit Landkarten der entsprechenden Gebiete ganz am Anfang, einem Interview einer Armenien- und Genozidspezialistin ganz am Ende, und einer sehr sorgfältig dokumentierten Darstellung sowohl des Völkermords an den Armenien als auch der Vergeltungsaktion Nemesis. Für Lesende, die sich bisher noch nicht viel mit dem Thema beschäftigt habe, ist es durchaus anzuraten, das Interview der Spezialistin ganz am Anfang zu lesen, dann lässt sich auch der Rest des Buches noch einmal besser verstehen und einordnen.

Den größten Teil des Buches nehmen die verschiedenen Vergeltungsaktionen ein. Mutige, entschlossene junge armenische Männer (gelegentlich unterstützt von wenigen Frauen, wobei die Rächer selbst ausschließlich Männer waren) haben sich - zeitweise durch den kurz unabhängigen Staat Armenien unterstützt - zur Geheimaktion Nemesis zusammengeschlossen und eine Liste der 100 am schwersten an der Planung des Völkermordes Beteiligten erstellt, um so viele wie möglich von diesen zu ermorden... einerseits aus Rache, andererseits, damit diese nicht noch weitere Verbrechen gegen das armenische Volk planen konnten. Monate- bis jahrelang wurden die Betreffenden ausspioniert, verfolgt und auf eine günstige Gelegenheit für die Attentate gewartet.

So gelang es, zumindest einige der Drahtzieher des Völkermordes auszuschalten - und gleichzeitig, das war ein weiteres Ziel - die Weltöffentlichkeit auf den Völkermord an den Armeniern aufmerksam zu machen, etwa im Rahmen der vielbeachteten Gerichtsprozesse nach zweien der Attentate, in denen nicht nur das Attentat an sich, sondern vor allem auch der historische Kontext eine große und medial stark rezipierte Rolle spielten.

Es ist ein Buch, das beim Lesen schon einiges an Mitdenken und Aufmerksamkeit fordert. Insbesondere, wenn man mit dem Thema noch nicht viele Berührungspunkte hatte. Wenn man sich darauf einlässt, ist es aber ein sehr gut recherchiertes und spannend geschriebenes Buch zu einem wichtigen Thema, das viel Wissen vermittelt, das dabei hilft, auch die Konflikte in der Kaukaususregion, etwa im Herbst 2023 um Berg-Karabach, noch einmal besser einordnen und verstehen zu können. Es hilft auch dabei, den 1. und 2. Weltkrieg mit all ihren Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den dahinterstehenden Militärbündnissen in einem noch einmal differenzierteren Licht zu sehen: so hatten etwa Deutschland und Österreich-Ungarn schon beim Völkermord der Türken an den Armeniern im 1. Weltkrieg eine unrühmliche Rolle, da sie diesen aufgrund des Bündnisses mit der Türkei ebenfalls zu leugnen versuchten.

Aufgrund des Themas ist es natürlich kein Unterhaltungsbuch für gemütliche Lesestunden, sondern ein sehr heftiges, hartes Buch zu sehr schlimmen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zu lesen, auf welch brutale Art im Rahmen des Völkermordes selbst Zivilisten, Frauen, Kinder und Greise unbarmherzig vernichtet wurden, ist zutiefst erschütternd, und reiht sich in andere unvorstellbare Verbrechen der Menschheitsgeschichte ein, steht diesen in nichts nach. Umso tröstlicher, dass zumindest ein paar der Verantwortlichen nicht ungestraft davon gekommen sind, hier mein Respekt vor der mutigen Operation Nemesis, die ich tatsächlich auch, dem Zitat eines der Attentäters entsprechend, nicht als Mörder im herkömmlichen Sinne ansehen würde (die Operation war, mit wenigen Ausnahmen, auch immer sehr bestrebt, keine Unschuldigen zu verletzen).

Gleichzeitig ist es auch im Rahmen der Prävention und des Einsatzes für Frieden und Völkerverständigung so wichtig, darüber Bescheid zu wissen. Ich wünsche dem Buch deshalb eine breite Leserschaft und dem Thema eine differenzierte Diskussion, speziell auch in Schulen, was leider aufgrund bekannter Gründe nicht einfach sein wird.

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Veröffentlicht am 27.08.2024

Ein Buch über bedingungslose Liebe, Mut und Resilienz

Hauptsache geliebt
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Die meisten Frauen, die schon einmal schwanger waren, kennen den Spruch "Hauptsache gesund", der oft so locker-flapsig dahergesagt wird. Meistens geht es dabei darum, dass das Geschlecht des Kindes nicht ...

Die meisten Frauen, die schon einmal schwanger waren, kennen den Spruch "Hauptsache gesund", der oft so locker-flapsig dahergesagt wird. Meistens geht es dabei darum, dass das Geschlecht des Kindes nicht so wichtig wäre, denn am wichtigsten sei, dass es gesund sei. Wir wünschen uns ja alle ein gesundes Kind, für das Kind und für uns selber... natürlich... oder?

Und doch... manche Kinder sind nicht gesund. Manches davon kann schon während der Schwangerschaft festgestellt werden und dann stehen die Eltern oft vor schwierigen Entscheidungen.

"Hauptsache geliebt" ist die wahre Geschichte einer bedingungslosen Liebe einer Mutter für ihr Kind... auch und gerade wenn dieses Kind eben nicht gesund ist... und lange nicht klar ist, auch nach der Geburt, welche Beeinträchtigungen es dauerhaft davon tragen wird, wie es sich entwickeln wird und sogar, ob es überhaupt überleben wird. Und doch!

Diese Mutter liebt ihr Kind so sehr, sie ist an seiner Seite, sie kämpft für das Kind, schon in der Schwangerschaft und dann danach, setzt sich wie eine Löwin für die besten Behandlungen ein und nimmt uns in diesem Buch mit durch diese berührende Zeit. Beim Lesen hoffen und bangen wir mit dem Kind, dass es überlebt... und es überlebt!

Im ersten Teil des Buches begleiten wir die Mutter und ihr (drittes) Kind durch Schwangerschaft, Geburt und die schwierige Zeit danach, mit langen Spitalsaufenthalten und Hoffen und Bangen um das Leben des Kindes.

Es ist auch ein sehr persönliches Buch über die Bewältigung einer Krise und über Resilienz. Die Autorin nimmt uns mit auf ihren Weg, teilt ihre persönlichen Gedichte, Erinnerungen, Tagebucheinträge, Märchen, ein inneres Gespräch mit dem Tod und vieles mehr. Das hat eine wichtige Rollenvorbildfunktion und damit zeigt die Autorin: so habe ich das gemacht, als ich durch eine schwere Krise gegangen bin. Das sind Anregungen, aus denen du dir mitnehmen kannst, was dich anspricht, wenn du Anregungen brauchst, um selbst eine Krise zu bewältigen. Damit macht sie Hoffnung und Mut.

Im zweiten Teil des Buches finden sich weitere Anregungen und Methoden zur Bewältigung von Krisen, wie Atemtechniken, Achtsamkeitsübungen, innere Verbindungen und Imaginationen, heilsame Mantras und kreative Schreibübungen.

Und schließlich endet das Buch zutiefst hoffnungsvoll mit einer Liste zum Thema "Mein reich gewordenes Leben".

Mich hat dieses Buch zutiefst berührt und ich ziehe meinen Hut vor der unbedingten Lebensbejahung und immerwährenden Hoffnung auch in dunklen Zeiten, die die Autorin in diesem Buch vermittelt. Diese Geschichte macht auch mir Hoffnung, dass ich - egal, welche Zeiten kommen, ganz besonders in Bezug auf die Themen Schwangerschaft, Geburt und Kinder-Haben - auch ich in mir die Ressourcen finden kann, diese gut zu bewältigen. Danke dafür!

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