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AndyRiedl

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.10.2024

Über Brüder und Beziehungen

Intermezzo
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Ich habe zumindest Überschriften über das neue Buch von Sally Rooney gelesen, bevor ich mit Dir Lektüre startete. In der Zeit heiß es, der Roman sei Rooneys bestes Werk bis dato, weil es sich tiefgründig ...

Ich habe zumindest Überschriften über das neue Buch von Sally Rooney gelesen, bevor ich mit Dir Lektüre startete. In der Zeit heiß es, der Roman sei Rooneys bestes Werk bis dato, weil es sich tiefgründig mit Trauer beschäftigt. Das machte mich vorsichtig. Ich mochte Rooneys vorherige Werke schon sehr und hatte die Befürchtung, dass „Intermezzo“ durch die Trauer-Komplexität nicht mehr so viel Spaß machen würde, wie ihre anderen Bücher. Und so begann ich die Lektüre zwar mit Vorfreude, aber auch mit etwas Skepsis. War dies das Buch, bei dem mich Rooney verlieren würde?
Die Befürchtungen waren vollkommen unbegründet. Rooneys „Intermezzo“ ist wieder sehr gut lesbar, weil sie ihrem Schreibstil treu geblieben ist und Zoe Beck als Übersetzerin das Ganze gut übertragen bekommen hat. Zudem hat das Buch als Startpunkt zwar einen Trauerfall, aber die Geschichte wird aus meiner Sicht mehr geprägt von der Beziehung der zwei Brüder Peter und Ivan untereinander und ihren Beziehungen mit den Frauen in ihrem Leben. Und dann sind die Beziehungen durch die Bruderbeziehung vielleicht etwas komplexer als in Rooneys mehr fokussierten Vorgänger-Werken.
Das ist für mich aber ein klares Plus. Gerade die Bruderbeziehung hat mich total abgeholt und auch selbst sehr beschäftigt. Die Charaktere sind erneut glaubwürdig und greifbar und Rooney spielt schön mit Vorurteilen, moralischen und gesellschaftlichen Standards. Mir hat das in Summe (Charaktere, Handlungsstränge und Erzählstil) sehr gut gefallen und ich empfehle die Lektüre sehr gerne weiter.

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Veröffentlicht am 16.10.2024

Auf einer Achterbahn zwischen indischem Freiheitskampf und aktueller Empire-Kritik

Antichristie
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Ich gebe zu, ich bin ein Fanboy. Ich habe Identitti sehr gern gelesen. Es hat mich auf eine Achterbahnfahrt mitgenommen und rasant durch seine Geschichte katapultiert. In Anti-Christie habe ich erst reingelesen ...

Ich gebe zu, ich bin ein Fanboy. Ich habe Identitti sehr gern gelesen. Es hat mich auf eine Achterbahnfahrt mitgenommen und rasant durch seine Geschichte katapultiert. In Anti-Christie habe ich erst reingelesen und es dann bestellt, weil mich der Ton und die Erzählebene direkt wieder angesprochen hat. Erst während der Lektüre habe ich dann festgestellt, dass es neben dem Gegenwarts-Erzählstrang von Durga noch einen Erzählstrang von Sanjeev in der Vergangenheit gibt, beide in London angesiedelt. Beide Erzählstränge sind über eine Zeitreise-Geschichte verbunden. Und während der Gegenwartsstrang leicht zugänglich und besser lesbar ist, überrascht der Vergangenheitsstrang mit dem indischen Widerstand in London zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Insgesamt hat es viele Fakten und Argumente. Zusammen ergibt das ein diffuses Bild der Nerd-Bytes und Bits, die Sanal wieder in die Geschichte verwebt. Und das macht die Geschichte länger und mit ihrer Komplexität schwerer lesbarer. Auf der anderen Seite finde ich das persönlich höchst spektakulär. Ich stehe auf genau diese Nerd- Häppchen. Geschichte und Gesellschaftskritik ist nicht einfach in Literaturform bearbeitbar, gerade wenn es mit einer gehörigen Portion Fantasie vermixt wird und gerade der von Sanyal bearbeitete Komplex ist einer der sich mir durch ihre Erzählung erst eröffnet hat. Und das hebt das Buch deutlich von anderen Formen der Unterhaltung ab. Es gibt nicht nur eine singuläre Perspektive auf die historischen Ereignisse wieder, sondern es führt die Leser auch hinab in die Tiefe dieser Ereignisse und zeigt Komplexitäten und Debatten auf (z.B. Gandhi vs. Savarkar). Und ich feiere das total.
Mir ist nicht klar, wie Mithu Sanyal das bewerkstelligt, zwischen Writer`s Room und Popkultur auf der einen Seite und klassischen historischen auf der anderen Seite über 530 Seiten eine Geschichte zu schaffen, die bildet, unterhält und einen nicht mehr loslässt (in der dazu Doctor Who eine wesentliche Rolle spielt). Für mich ist Mithu Sanyal damit eine echte Künstlerin der deutschen Literaturszene und ich empfehle auch dieses Buch mit Verehrung.

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Veröffentlicht am 29.09.2024

Hinter der Brutalität wartet eine ganz feine Gefühlswelt

Sing, wilder Vogel, sing
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„Sing, wilder Vogel, sing“ von Jacqueline O’Mahony wird offiziell als historischer Roman betitelt. Dieser Titel tut dem Buch aus meiner Perspektive etwas unrecht, weil es zuvorderst ein großartiger Roman ...

„Sing, wilder Vogel, sing“ von Jacqueline O’Mahony wird offiziell als historischer Roman betitelt. Dieser Titel tut dem Buch aus meiner Perspektive etwas unrecht, weil es zuvorderst ein großartiger Roman ist, abseits seiner zeitlichen Ansiedlung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Fokus steht die Geschichte von Honora, die aus Irland in die USA migriert. Auf ihrem Lebensweg erlebt Honora viele schreckliche Dinge. Jacqueline O’Mahony versucht dabei gar nicht, diese zu beschönigen und „Sing, wilder Vogel, sing“ raubt einem stellenweise mit der gezeigten Brutalität den Atem.

Was das Buch nun trotzdem zu einem bemerkenswert tiefgreifenden Roman macht, sind die Schichten hinter der erlebten Brutalität. Einerseits sind Honoras analytische Gedankenmuster sehr spannend. Sie hat einen scharfen Blick auf das Verhalten anderer Personen und erkennt deren innerste Beweggründe. Andererseits ist „Sing, wilder Vogel, sing“ ein Buch, dass immer Hoffnung vermittelt. Es wird erkannt, dass auch der Tod nichts Erschreckendes ist. Und im Leben wird eine große Bedeutung auf den eigenen Mut und die eigene Macht gelegt, auch in aussichtslosen Situationen.

Und so folgt man Honora gerne von einer Station zur nächsten, und fragt sich, welche Herausforderungen ihr wieder begegnen werden. Am Ende konnte ich das Buch dann auch nicht mehr aus den Händen legen, weil die Spannungskurve mich nicht mehr losgelassen hat. Das alles gepaart mit einer Geschichte aus einer weiblichen Perspektive lässt mich den Titel vollumfänglich empfehlen.

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Veröffentlicht am 29.08.2024

Natur & Literatur in einer TOP-Kombination

Das Wesen des Lebens
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Dieses Buch vertritt eine klare These. An Hand der Stellerschen Seekuh wird verdeutlicht, wie sehr die Menschheit in das Gleichgewicht der Natur eingreift. Der Mensch sorgt dafür, dass Arten aussterben ...

Dieses Buch vertritt eine klare These. An Hand der Stellerschen Seekuh wird verdeutlicht, wie sehr die Menschheit in das Gleichgewicht der Natur eingreift. Der Mensch sorgt dafür, dass Arten aussterben und ist sich oftmals seiner Rolle gar nicht bewusst. Aber wie interessant kann das sein, wenn man hierfür auf das Beispiel einer Seekuh zurückgreift? Sehr interessant und mitreißend.
Iida Turpeinens Romans erstreckt sich über mehrere Jahrhunderte und hat mehrere Hauptakteure. Von dem Entdecker der Seekuh, über das Ehepaar, dass dafür sorgt, dass die Knochen der Seekuh gefunden werden, bis hin zum Präparateur der Seekuh final in Helsinki zeichnet die Autorin auf eine spannende und bekömmliche Art die Lebenslinien ihrer Charaktere nach. Das Ganze ist äußert kurzweilig und eindrücklich. Wer Bücher von Jasmin Schreiber mag wird hier auch auf ihre Kosten kommen. Ob sich die beiden kennen? Sie würden sich mögen. Von mir eine klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 14.07.2024

Jahreshighlight

Man sieht sich
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"Man sieht sich" ist ein toller Roman. Es ist definitiv eines meiner liebsten Bücher dieses Jahres bisher. Ich muss dazu sagen, dass ich einen Hang zum Kitsch habe. Das Buch könnte Personen verschrecken, ...

"Man sieht sich" ist ein toller Roman. Es ist definitiv eines meiner liebsten Bücher dieses Jahres bisher. Ich muss dazu sagen, dass ich einen Hang zum Kitsch habe. Das Buch könnte Personen verschrecken, die diesen Hang zum Kitsch nicht teilen. Ansonsten ist das Buch schnell
zusammengefasst: es werden die Lebensgeschichten von Frie und Robert erzählt, von der Kindheit bis nach dem 50igen Geburtstag. Dabei ist das Buch aufgeklärt unterwegs und geht über viele Themen, die sich bei der Persönlichkeitsentwicklung von Menschen, Kinderwunsch und -erziehung, aber auch dem Umgang mit Sexualität und dem eigenen Körper im reiferen Alter ergeben, nicht einfach so hinweg. Robert und Frie zu folgen macht Spaß. Es ist wie einen guten Indiefilm zu sehen. Man wird in die Welt des Jazz und an die Musikhochschule entführt, mitgenommen nach Südtirol und in die ein oder andere Studenten-WG. Man sieht das dreckige Geschirr in der Spüle stehen, genau wie die Berglandschaften in der Abendsonne.
Und am Ende will man am liebsten, dass es noch weitergeht.

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