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Veröffentlicht am 03.09.2024

Gelungene Befreiung aus einer prägenden Mutter - Tochter Beziehung

Alle außer dir
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Marie lebt in Paris. Ihr Elternhaus in den Vogesen hat sie längst hinter sich gelassen, ihr Studium abgeschlossen und ihren Doktor gemacht. Sie ist fünfunddreißig, hat gerade entbunden und sich entschlossen, ...

Marie lebt in Paris. Ihr Elternhaus in den Vogesen hat sie längst hinter sich gelassen, ihr Studium abgeschlossen und ihren Doktor gemacht. Sie ist fünfunddreißig, hat gerade entbunden und sich entschlossen, die kleine Adèle allein großzuziehen. Die Erste, die Marie nach der Geburt anruft, ist ihre Mutter. Nach zehn Stunden Schmerz, Blutungen und einer nicht wirkenden Periduralanästhesie wirft die Mutter ihr vor, sie habe sich nicht gründlich genug auf die Geburt vorbereitet.

Sie wartete vor der Schule auf ihre Mutter, ganze Abende auf Männer, auf Antworten und am Tag der Geburt, auf die Pille, die ihr die Spannung aus der Brust nehmen soll. Das Warten hat sie gelernt.

Marie kann sich an keine Umarmung erinnern, aber vernünftig war die Mutter in ihren Verboten: kein Fernsehen, keine Barbie, keine Bluejeans, keinen Zucker, kein Mehl, keinen weißen Reis, alles zum Besten des Kindes, das sich nach Kohlehydraten verzehrte.

Als sie mit der Mutter durch die Stadt ging, schaute ein Mann, im Alter ihres Vaters sie an. Die Mutter ohrfeigte sie, alle blieben stehen, blickten auf die Szene.

Das soll dir eine Lehre sein, mit wildfremden Männern zu flirten. S. 100

Nicht mir galt die Ohrfeige, die dafür sorgte, dass sie zehn Jahre lang den Blick vor Männern senkte. Sie war einfach die Erstbeste, die sie stellvertretend für alle gutbürgerlichen Frauen dieser Stadt in Empfang nehmen musste, für all jene, die, stolz und hochnäsig, meine Mutter am Rand hatten stehen lassen. S. 102

Fazit: Maria Pourchet beschreibt eine verheerende Kindheit. Ihre Protagonistin setzt sich im Krankenhaus mit den Demütigungen auseinander. Der Rahmen ist passend, weil es auch hier unterschwellige Vorhaltungen hagelt. Tausend Worte fallen ihr rückblickend ein, die ihr das Gefühl gaben wertlos zu sein. Die sie geprägt haben, so wie ihre Mutter von der eigenen Mutter gebrieft wurde. Maries Mutter hat alle eigenen Selbstzweifel und das Gefühl der Unzulänglichkeit schonungslos, wie Gift in die Tochter sickern lassen. Die Tochter, nun selbst Mutter geworden, will ihr Erbe durchbrechen, ihrer Tochter neue Chancen für den eigenen Lebensweg mitgeben und muss deswegen in die schmerzliche Innenschau. Die Sprache der Autorin ist bewusst anklagend. Sie lässt ihre Protagonistin zurückgeben, was sie selbst erdulden musste. Am Ende wird die Geschichte versöhnlich, der Knoten ist gelöst, Marie spürt Luft in sich aufsteigen, wo vorher kein Raum war. Eine überaus kluge, gelungene Beschreibung einer Befreiung aus einer vergifteten Mutter – Tochterbeziehung.

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Veröffentlicht am 30.08.2024

Trauer empathisch erfasst

Mein drittes Leben
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Linda ist Kuratorin einer Kunststiftung und ihr Mann Richard Maler. Sie leben in einer Altbauwohnung in Leipzig, die mit Bildern dekoriert ist, die sie im Laufe ihrer Ehe ersteigert haben. Ihre gemeinsame ...

Linda ist Kuratorin einer Kunststiftung und ihr Mann Richard Maler. Sie leben in einer Altbauwohnung in Leipzig, die mit Bildern dekoriert ist, die sie im Laufe ihrer Ehe ersteigert haben. Ihre gemeinsame Tochter Sonja ist eines Vormittags auf ihr Fahrrad gestiegen, um zu ihrem Frauenarzt zu fahren. Sie hatte ihren ersten festen Freund und Linda motivierte sie, sich die Pille verschreiben zu lassen. Der Anruf aus dem Krankenhaus brüllte sie aus ihrem Alltag. Als Linda und Richard in der Klinik ankamen, war Sonja tot. Sie habe nicht gelitten, sei schon im Rettungswagen ins Koma gefallen und dann noch vor der Ambulanz multiorganversagen.

Linda liebt ihren Mann, er hat nichts falsch gemacht, sich nur eines Tages umgedreht und den Blick nach vorn gewandt, während ihrer in die Vergangenheit gerichtet blieb. Linda zieht aus, hat eine Viertelstunde von ihrem alten Leben entfernt, einen kleinen Hof gefunden, mit Garten, Schafen, Hühnern und einem alten struppigen Hund.

Richard besucht sie regelmäßig, richtet Grüße von seiner Familie und ihren Freunden aus und sie erkundigt sich nach ihnen, missbraucht ihn als Brücke zur Welt.

Die Freunde verstehen es nicht. Sie fühlen sich bestraft, ohne sich schuldig gemacht zu haben. S. 30

Sie erträgt das Mitleid in ihren Augen nicht, wie sie sich abwenden, weil sie ihren Schmerz nicht fühlen können. Die aufmunternden Worte, „wird schon wieder!“. Nichts wird mehr, wie es einmal war, sie weiß das. Ihr Eremitendasein – oft trifft sie tagelang niemanden – hat ihr die Eitelkeit genommen, die Perfektion ist weitergezogen.

Fazit: Daniela Krien zeigt die Geschichte einer Frau, die alles verliert. Der Schmerz des Undenkbaren lässt sie in tiefe Depression versinken und im Niemandsland verharren. Alle Möglichkeiten, den Verlust zu verarbeiten, sind misslungen. Die Stimmung ist melancholisch gedrückt. Hund und Garten geben den Tagen der fragilen Protagonistin Struktur, Betäubungsmittel Schlaf. Ganz zart, mit den ersten Knospen im Vorfrühling, erwacht in der Trauernden ein Funke Gefühl, eine Anteilnahme an den Schicksalen anderer Menschen. Die Autorin hat die Gefühlswelten empathisch erfasst und die Schwere brillant ohne unnötige Übertreibungen gezeigt. Ich mag ihre nüchterne, unaufgeregte Schreibweise sehr, meine klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 29.08.2024

Unbedingte Leseempfehlung für alle, die Literatur lieben

BILLIE »Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden«
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Sybilla Schwarz, von allen Billie genannt, wächst als junges Mädchen neben ihren zwei Schwestern und drei Brüdern in Greifswald auf. Ihr Vater ist der Ratsherr der Stadt und sehr beschäftigt, die Mutter ...

Sybilla Schwarz, von allen Billie genannt, wächst als junges Mädchen neben ihren zwei Schwestern und drei Brüdern in Greifswald auf. Ihr Vater ist der Ratsherr der Stadt und sehr beschäftigt, die Mutter wacht streng über die Töchter. Billie hat sich das Lesen beigebracht und streift zuweilen durch die Bibliothek ihres Vaters. Die Finger streichen entzückt die Buchrücken entlang. In ihrer Kammer taucht sie in die Heldenepen Homers, die Oden Horaz´, Vergil und Ovid ein und bemächtigt sich der lateinischen Sprache. Sie konkurriert mit ihrem Bruder Georg, der privat unterrichtet wird und so vermessen ist, sich für die Schöpfung der Menschheit zu halten, allein weil er ein Junge ist. Doch wozu das alles? Zuerst würde ihre Schwester Regina heiraten, dann Emerenzia und am Ende sie selbst.

Die Gerüchte mehren sich, dass die Katholiken gegen die Protestanten aufbegehren, sie zu unterwerfen und dann gibt Wallenstein ihnen das Recht dazu. Er hat den gottesfürchtigen Männern erlaubt nicht nur Greifswald zu besetzen, sondern rückt mit einem 40.000 Mann starkem Heer an, der Dreißigjährige Krieg beginnt. Oberstleutnant Guitzardo besetzt ihr Haus und enteignet Billies Vater. Jetzt fläzt der feiste dekadente Mann in ihrer Bibliothek, nascht das Konfekt, trinkt den Wein, den man ihm offerierte und lässt sich von Billie und der Magd Inés bedienen.

Billie lernt ihre Nachbarin Judith kennen, die mit Vater und Schwester auf der Flucht ist. Sie ist das schönste Mädchen, das Billie je gesehen hat und Judith inspiriert sie zu den schönsten Liebesversen. Bei Kerzenschein versucht sie ihre Sehnsucht zu stillen, indem sie zarte Worte aus ihrem zerrissenen Herzen tropfen lässt.

Fazit: Mein Dank an Stefan Cordes, der die Geschichte Billies aus der Vergessenheit reißt und mir dieses außergewöhnliche Mädchen vorstellt. Der Autor hat eine sympathische Heldin geschaffen, die man kennenlernen möchte. Wie mutig sie sich den Autoritäten entgegengestellt hat und jede Konsequenz in Kauf nahm, um sich ihre Integrität zu bewahren. Wie hart das Schicksal mit ihr umgegangen ist, hat der Autor, der sich empathisch in die dunkle Zeit des 17. Jahrhunderts hineinversetzt hat, als Frauen Männer zu schmücken und sich einzig unterzuordnen hatten, anschaulich gezeigt. Ich habe mich in Stefan Cordes Sog ziehen lassen und jedes Ereignis mit Spannung erwartet. So eine feine historische Aufarbeitung ist ihm gelungen, dass ich denke, dass wir auch im 21. Jahrhundert mehr Frauen wie Billie brauchen können. Unbedingte Leseempfehlung für alle, die Literatur lieben.

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Veröffentlicht am 26.08.2024

Fulminant

Brennende Himmel
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Winter 2019. Riccardo Giordano hat mit seinem Leben abgeschlossen. Er ist ein heruntergekommener Mittdreißiger. Seinen Sohn Niccolò, angehender Jurist, wie er selbst einmal, sieht er nur vier Mal im Jahr. ...

Winter 2019. Riccardo Giordano hat mit seinem Leben abgeschlossen. Er ist ein heruntergekommener Mittdreißiger. Seinen Sohn Niccolò, angehender Jurist, wie er selbst einmal, sieht er nur vier Mal im Jahr. Jetzt sitzt er betrunken am Strand von Camporontondo und sieht die Dämonen von damals und auch wenn er es nicht fühlt, weiß er, dass er es nicht wert ist weiterzuleben.

Camporontondo 2000. Teresa Vasta sitzt mit ihren Eltern im Auto, auf dem Weg zum Ferienhaus. Mutters Atem stinkt nach Cynar und Merit, als sie Teresa anbrüllt, sie solle das scheußliche Schlampenzeug ausmachen, drei Ave-Maria und ein Vaterunser beten. Teresa nimmt die Kopfhörer runter, Britney, Avril und Cher verstummen.

Obwohl Teresa ihrer Mutter beim Auspacken helfen sollte, macht sie das Gleiche wie jedes Jahr nach ihrer Ankunft. Sie läuft runter zum Meer, setzt sich in den Sand und schaut der Sonne dabei zu, wie sie ihre Haut streichelt. Einige Meter entfernt beobachtet sie drei Jungs beim Ballspiel, bewundert ihre athletischen Körper in den knielangen Badehosen. Einer findet ihren Blick, fixiert ihn, lächelt, ohne Beteiligung der Augen und erzeugt in Teresa ein mulmiges Gefühl.

Paloma Winter 2019. Niccolò ist ein durchtrainierter achtzehn jähriger, führt seine Freunde charismatisch, nennt sie Gefährten und zieht nächtelang Lines. Zwischendurch schleppt er Frauen ab, die ihm einen guten Job machen oder zumindest ihre Pflichten an ihm erfüllen. Er ist ein Gott, studiert mehr schlecht als recht, drückt aber jeden Morgen Gewichte. Seine Mutter Teresa hasst er die meiste Zeit wegen ihrer Gottbesessenheit und ihrer Nörgelei, er sei wie sein Vater. Sein Stiefvater Fabrizio ist Chirurg, er schenkt Niccolò das Nötigste, Motorrad zum sechzehnten, Porsche zum Achtzehnten.

Fazit: Ich habe selten eine so gut aufgebaute Geschichte gelesen. Mattia Insolia führt absolut gelungene Charaktere ein. Die Mutter der Protagonistin ist voller Selbsthass, die Wut, die sie an ihrer Tochter auslässt, gleicht einem Personenzug, der das Bremsen vergisst, als er in den Bahnhof einfährt. Der Vater ist machtlos und voller Schuldgefühle. Er kann seiner Tochter nicht beistehen, versinkt in Depression. Der Protagonist ist selbstgefällig, fremd – und selbstzerstörerisch, sein Frauenhass erschreckt. Ein Bilderbuchnarzisst, frei von jeder Empathiefähigkeit. Ich habe den moralischen Finger gehoben und gleich wieder heruntergenommen, weil ich weiß, dass es Menschen gibt, die zutiefst krank in ihrer Seele sind. Selten hat mich ein Autor in eine Welt gezerrt, die ich ihm so glaube. Er hat Niccolò durch die harte Schule des Lebens getreten. Die Klangfarbe Mattia Insolias gleicht einer Arie von Puccini. Die Geschichte ist temporeich und entwickelt einen Sog, dem ich mich, trotz aller heftiger Ereignisse, die in ihrem Schrecken nicht vorauszusehen sind, unmöglich entziehen konnte. Das Buch habe ich in kurzer Zeit gelesen, mir mit mehreren Ach du meine … Das kann doch nicht … Was … Um … Luft verschafft. Rasant! Fulminant! Erschütternd! Ganz große Kunst!

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Veröffentlicht am 23.08.2024

Unbedingt lesenswert

Die Geschichten in uns
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Benedict Wells zeigt uns in diesem Buch, wie der Weg zu einer guten Geschichte aussehen kann. Im ersten Teil seines gut strukturierten Buches stellt er sich uns vor. Er blickt zurück, holt Erinnerungen ...

Benedict Wells zeigt uns in diesem Buch, wie der Weg zu einer guten Geschichte aussehen kann. Im ersten Teil seines gut strukturierten Buches stellt er sich uns vor. Er blickt zurück, holt Erinnerungen an seine Kindheit hervor. Wie sehr ihn die Krankheit seiner Mutter und die lockere Weltanschauung seines Vaters prägte. Darüber, wie schuldig er sich mit sechs Jahren fühlte, als sich die Eltern trennten. Zuerst lebte er bei seiner Mutter, die in ihre Schweizer Heimat zurückging, dann bei seinem Onkel. Die erste Phase der Stabilität erlebte er in dem staatlich – katholischen Grundschulheim in Bayern. Hier waren alle gleich versehrt, hatten alle ihre Bilder im Kopf.

Als er mit dem Schreiben anfing, achtete er nicht auf die Ratschläge von Freunden und Familie, zuerst einmal etwas Solides zu machen. Er pfiff auf den Grundstock, zog nach Ostberlin, wo Wohnraum sanierungsbedürftig, aber günstig war, suchte sich mehrere Jobs und fand seinen Schreibrhythmus. In den ersten Jahren suchte er seine Stimme für die verschütteten Gefühle, nach der Liebe und Wärme, die es zu Hause auch geben konnte. Nach mehreren Kritiken von seinem ehemaligen Deutschlehrer und Freunden, verschwand der Glaube an sein Schreibtalent, die immer gleichen Fehler schlichen sich ein.

Im zweiten Teil zeigt der Autor, wie ein Roman entsteht. Er spricht über den Funken, aus dem die Idee geboren werden kann. Das Davor, die Planung, Charaktere, Dialoge, Szenen, Kulisse und Ausschmückungen. Vom ersten Aufschreiben, alles in die Tasten zu hauen, was kommt, ohne zu kritisieren. Und das Überarbeiten, Kürzen und Straffen.

Wie findet man die richtige Sprache, die eines Teenagers, eines Akademikers oder einer zerrissenen fünfzigjährigen, wie die richtigen Wörter. Auch er hält das Show don´t tell, das szenische Schreiben, das die Leser in den Roman zieht für wichtig, rät jedoch zum Maßhalten und dazu, das Zeigen nicht an das Tempo zu verschenken.

Fazit: Benedict Wells hat eine schöne Möglichkeit gefunden, die Kunst des Schreibens zu beleuchten und die Methodik, die hinter jeder guten Geschichte steht zu vermitteln. Was dieses Buch so angenehm macht, ist die Persönlichkeit des Autors. Er teilt seine eigenen Erfahrungen und Misserfolge mit den geneigten Lesern. Zeigt, wie wichtig das Vermögen ist durchzuhalten und sich nicht entmutigen zu lassen. Dieses Buch reiht sich in die Liga Stephen King, Sol Stein, George Saunders und Haruki Murakami, die er auch erwähnt. Die alle ähnliches geschrieben haben, begleitet von biografischen Einblicken. Es liest sich wunderbar ermutigend und motivierend, selbst den Stift zur Hand zu nehmen und das weiße Blatt mit Leben, Geschichten, Abenteuern zu füllen. Unbedingt empfehlenswert!

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