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Veröffentlicht am 10.09.2024

Kleingartenverein mit Befindlichkeiten

Radieschen-Revolution
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Der introvertierte Gerd liest und bespricht Bücher. Jetzt soll er sich aufraffen, am Wochenende seiner Freundin Elfie zur Hand zu gehen, denn sie hat ein Beet gepachtet. Es werde ihm guttun, glaubt sie ...

Der introvertierte Gerd liest und bespricht Bücher. Jetzt soll er sich aufraffen, am Wochenende seiner Freundin Elfie zur Hand zu gehen, denn sie hat ein Beet gepachtet. Es werde ihm guttun, glaubt sie und strahlt ihn mit roten Wangen und zerzausten Haaren an. Gerd will nicht, bliebe am liebsten an seinem Schreibtisch sitzen, um in Dateien zu wühlen und Wortunkraut zu rupfen, aber das sagt er nicht.

Im Laufe des nächsten Vormittags lernt Gerd die anderen Gärtner kennen. Ekke taucht die Mistgabel in den Kompost und befördert alles an unverdautem und sperrigem Gestrüpp in die Büsche. Gerd packt an und erzählt von den Birnbäumen und seinem Opa, wie der die Kreissäge bedient hat. Ekke ist Lehrer, unterrichtet Werkeln und Kunst. Er kennt den Literaturkritiker Gerd aus der Zeitung.

Allmählich trudeln die anderen ein und kümmern sich um ihre Beete. Schon bald lernt Gerd die andere Seite der Kleingärtnerei kennen, die Vereinsmeierei. Erwin, der Obmann, will, dass der Tümpel zugeschüttet wird, zu gefährlich. Die Allgemeinheit müsse für den Heckenrückschnitt sorgen, damit die Anlage präsentabel ist. Ab 22 Uhr müssen alle das Gelände verlassen haben, dann muss Ruhe herrschen. Die Einhaltung der Vorschriften wird mit Argusaugen von einem der oberen Balkone beäugt und wenn nötig dokumentiert.

Gerd macht seine Elfie glücklich, weil er sich mit dem ganzen Körper in die Anlage hineinkniet. Umso tiefer geht sein Groll, als man Elfie und ihn des Vereins verweist. Doch Gerd hat vom Kompost geleckt und ruft sofort einen eigenen Kleingarten ins Leben, nicht so zur Freude Elfies, die wieder mehr Zeit mit Gerd und allem, was Gerd zur Verfügung steht, verbringen möchte.

Fazit: Christian Lorenz Müller hat eine feine Geschichte über eine Nachbarschaft geschrieben, die sich in der Stadt eine Insel geschaffen hat, um ihre Naturverbundenheit auszuleben. Doch wie immer, wenn mehrere Charaktere zusammengewürfelt werden, entwickeln sich Schwierigkeiten. Der Autor hat subtil die Befindlichkeiten aller Darsteller herausgearbeitet. Der Protagonist hängt sich voll rein, knüpft die Kontakte für das neue Projekt und andere wollen von ihm profitieren, sich mit seinen Federn schmücken. Mit feiner Ironie beleuchtet der Autor menschliche Abgründe. Am Ende haben alle Beteiligten an Lebenserfahrung gewonnen. Lesenswert.

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Veröffentlicht am 09.09.2024

So eine skurrile Geschichte

Armes Ding
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Oskar arbeitet auf dem Hof von Ola und Aud Blum. Die beiden Blum Töchter schenken ihm keine Beachtung. Zum Lohn bekommt er ein warmes Essen und ein Bett. An dem Tag, als er mit der Sense die Wiesen bearbeitet, ...

Oskar arbeitet auf dem Hof von Ola und Aud Blum. Die beiden Blum Töchter schenken ihm keine Beachtung. Zum Lohn bekommt er ein warmes Essen und ein Bett. An dem Tag, als er mit der Sense die Wiesen bearbeitet, bemerkt er auf dem Rückweg ein Geräusch im Unterholz, das zu laut war für ein gängiges Tier. Er späht ins Unterholz, sieht den Schatten einer kleinen menschenähnlichen Gestalt davon Preschen und setzt ihr nach. Das Wesen vor ihm bewegt sich auf allen Vieren, fast wie ein Hund, schlägt Haken und ist schnell verschwunden.

Oskar beeilt sich zum Hof der Blums zurückzukommen denn heute ist ein Fleischtag. Seine Gedanken kreisen um den kleinen Derwisch, das merkt auch Ola Blum, der ihn während des Essens aufzieht. Doch Oskar schaut nur betreten zu Boden und schweigt. In der Nacht stiehlt er einen Laib Brot und die bernsteinfarbene Flasche mit den Worten Dosic und Morphium auf dem Etikett. Im Schuppen findet er noch Nylonschnur, ein Seil, die Axt und eine Taschenlampe. Er packt seinen Rucksack und macht sich auf den Weg.

An der Stelle angekommen, wo er Tags zuvor das Geräusch hörte, schleicht er etwas weiter in den Wald, präpariert das Brot und bastelt eine Falle, mit der man Kleinsttiere stellt. Er macht sich auf den Rückweg, um noch ein wenig zu ruhen. Am nächsten Morgen schaut er sich sein Nachtwerk an. Und weil Oskar so einsam ist, wie ein neunzehnjähriger Bursche, der mit zwölf von seiner Familie verstoßen wurde nur sein kann, fängt er das arme Ding und nimmt es mit zum Blumhof.

Als er es in seine Stube gebracht hat, baut er ihm ein Nest aus Decken und legt es hinein. Er betrachtet es genauer, es stinkt intensiv nach modrigem Wald, die Haare stehen verfilzt ab. Er prüft den Puls, weil er befürchtet, dass er das Morphium überdosiert hat, doch es schläft nur und Oskar wartet.

Fazit: Selten habe ich eine so abgefahrene Geschichte gelesen. Matias Faldbakken hat einen einfach strukturierten Protagonisten geschaffen, der seiner Einsamkeit und Melancholie zu entkommen versucht, indem er ein junges Mädchen fängt. Nachdem er das arme wilde Ding gezähmt hat, bringt er ihm das Sprechen und Benehmen bei. Oskar ist der Einzige, zu dem das Mädchen Vertrauen findet. Die Stimme erzählt aus der Sicht eines auktorialen Erzählers. Zu Anfang ist die Geschichte spannend, dann schlüpfrig und voller Ironie. Später wechselt das ungleiche Paar den Ort und die Entwicklung nimmt einen rasanten Lauf ins Tragische. Die Nebendarsteller sind charakterlich fein ausgearbeitet. Die Zeit, in der die Geschichte spielt, ist mir unklar geblieben. Das Ende hat viele Fragen aufgeworfen. Insgesamt keine runde Geschichte, aber definitiv skurril.

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Veröffentlicht am 06.09.2024

Amüsante Geschichte über ganz normale Menschen

Aus dem Haus
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Ihr Elternhaus, das idiotische selbst gebaute Haus, in das sie gezogen sind, als sie vierzehn war. Nichts unterstreicht die gesamte Familientragödie besser, als dieses Scheißhaus, in dem sich ein Wasserschaden ...

Ihr Elternhaus, das idiotische selbst gebaute Haus, in das sie gezogen sind, als sie vierzehn war. Nichts unterstreicht die gesamte Familientragödie besser, als dieses Scheißhaus, in dem sich ein Wasserschaden an den nächsten reiht.

Sie waren vom fröhlichen Süddeutschland ins kühle Kassel, mit den distanzierten Menschen gezogen, wo der Privatwagen alles über den finanziellen Stand des Menschen auszusagen scheint. Wer keinen Führerschein hat gilt als mental minderbemittelt. Die Kinder finden ihren Wert, indem sie sich mit den Berufen der Väter brüsten.

Mit der Entscheidung nach Kassel zurückzuziehen, nahm das familiäre Unglück eine Rundung, die famos ins Rollen kam. Zuerst das Grundstück, das nicht ihr eigenes war. Es gehört der Stiefmutter des Vaters, die, die immer ein wenig wunderlich und zutiefst religiös war. Dann das HAUS, das von außen einen gediegenen Anschein macht, es aber in sich hat. Außerdem die Baufirma, die ihren Eltern viel mehr Geld abknöpfte, als vereinbart.

Sie hatte die Mutter einmal gefragt, warum sie das HAUS nicht verkaufen, jetzt da es abbezahlt war. Doch die Vorstellung, jemand könnte sich ernsthaft für dieses Objekt interessieren, war vollkommen abwegig. Und die Eltern waren mit den Kräften am Ende, erledigt, es war zu spät, sie konnten nicht mehr, sagte die Mutter, die die größte Schwarzseherin war, neben ihrem Mann, dem besten Realitätsverweigerer.

Wenn der Vater die Mutter verärgert, warum weiß er nicht, schließt die sich tagelang in ihrem Zimmer ein und sieht fern. Die Tochter war während ihres Studiums noch jedes Wochenende nach Hause gefahren, was bei ihrer Mitbewohnerin zu resigniertem Kopfschütteln geführt hatte. Heute beobachtet sie ihre Eltern aus der Ferne, ein wöchentlicher Anruf muss genügen, bei dem die Tochter auf die subtilen Zwischentöne der Eltern lauscht, ob der sich anbahnenden neusten Katastrophe.

Fazit: Die Autorin lässt ihre Ich erzählende Protagonistin gekonnt ihre Herkunftsfamilie beschreiben. Das familiäre Bild ist ironisch überzeichnet. Die Mutter leidet frustriert unter der Andersartigkeit ihres Mannes, der sich unter ihrer Zickigkeit wegduckt und geduldig auf baldige Gesprächsbereitschaft wartet. Das Leben scheint ihnen jede Fülle vorzuenthalten und sie gnadenlos benachteiligt zu haben. Die Lebensfreude sinkt proportional mit der Zunahme der Unstimmigkeiten. Beide kreisen pessimistisch in ihrer kleinen Welt um Dramen. Veränderung ist angstbesetzt, denn, nicht auszudenken, wenn alles noch schlimmer wird. Eine amüsante Geschichte über ganz normale Menschen mit Unzulänglichkeiten, die ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 30.08.2024

Feinsinnige Geschichte, die es in sich hat

Mein Mann
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Seit dreizehn Jahren liebt sie ihren Mann über alles und ist voller Angst, ihn zu verlieren. Sie leidet unter ihrer vollkommenen Liebe, darunter zurück geliebt werden zu müssen, unter der Erwartung, dass ...

Seit dreizehn Jahren liebt sie ihren Mann über alles und ist voller Angst, ihn zu verlieren. Sie leidet unter ihrer vollkommenen Liebe, darunter zurück geliebt werden zu müssen, unter der Erwartung, dass er ihre riesige Leere füllt.

Ihr Beruf als Englischlehrerin macht ihr seit fünfzehn Jahren große Freude. Eine Stunde lang steht sie im Zentrum der Aufmerksamkeit und kontrolliert die Zeit. Am liebsten sind ihr die Montage, wenn sie mit neuem Schwung die Klasse erobert.

Wenn sie nach Hause kommt, korrigiert sie die Arbeiten ihrer Schülerinnen. Sie achtet darauf, immer ein aufgeschlagenes Büchlein neben sich liegen zu haben, in das sie ihre Deklinationen schreibt. Sie mag es nicht, wenn er früher zu ihr kommt und sie am Computer sitzen sieht, es wirkt so gewöhnlich. Normalerweise bereitet sie dann das Essen vor und wartet auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzend, den Blick in ein Buch gerichtet, im Moment ist es der Liebhaber von Dumas, im Schein einer schmeichelnden Lampe. Sie weiß, dass sie ihm so am besten gefällt, ihrem Mann. Um 21 Uhr 20 beschleunigt ihr Herzschlag und sie weiß, dass sie in Alarmbereitschaft ist. Noch ein kurzer Blick in den Spiegel, den Rock zurechtgerückt. 21 Uhr 30, sein Auto hält, die Tür schlägt zu und dann fährt der Schlüssel ins Schloss.

Gestern ist er eingeschlafen, ohne ihr „Gute Nacht“ zu wünschen, deshalb dreht sie sich am Morgen von ihm weg, als er sie umarmen will. So sind die Regeln, die muss sie einhalten.

Schon damals hat er ihr mit einer Grippe die Flitterwochen versaut. Sie waren in einem der schönsten Hotels, in dem er sieben Tage lang im Bett lag. Fast wäre die Erholung und die Unterhaltung, auf die sie sich doch so gefreut hat, an ihr vorbeigegangen.

Fazit: Ich mag die französische Klangfarbe von Maud Ventura. Alles ist leise und sehr genau beobachtet. Sie lässt ihre Protagonistin in permanente Innenschau gehen, zeigt, wie kontrollierend und selbstbezogen sie ist. Jede kleinste Veränderung im Verhalten ihres Mannes lässt sie das schlimmste vermuten und mit Selbstzweifeln martern. Die Abhängigkeit ist übergroß. Die Protagonistin erlebt die gesamte Kaskade an Gefühlen, die uns sabotieren können. Eifersucht, Neid, Missgunst, Minderwertigkeit und versucht sich durch ihren Alltag zu hangeln. Ihre Kompensationsversuche erregen Mitgefühl. So wenig wie ich über den Charakter ihres Mannes erfahre, so sehr dreht sich die Welt um seine anstrengende Frau. Das Ende hat mich völlig überrascht. Ich bin erleichtert, dass ich nicht in der Haut der Protagonistin stecke. Meine Leseempfehlung für diese feinsinnige Geschichte, die es in sich hat.

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Veröffentlicht am 30.08.2024

Leichter Unterhaltungsroman

Juli, August, September
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Lou ist promovierte Kunsthistorikerin und Mutter. Nachdem sie von ihrem ersten Mann verlassen wurde, der sich dem Studium seiner Religion widmen wollte, ging Lou möglichst weit weg. Sie schrieb sich an ...

Lou ist promovierte Kunsthistorikerin und Mutter. Nachdem sie von ihrem ersten Mann verlassen wurde, der sich dem Studium seiner Religion widmen wollte, ging Lou möglichst weit weg. Sie schrieb sich an der Columbia ein und zog nach New York, wo sie Sergej kennenlernte. Obwohl sie nahezu ein Paar waren, fehlte die letzte Konsequenz, denn Lou wollte sich nicht mehr binden. Da Sergej weltweit Konzerte gab, verloren sie sich aus den Augen.

Erst nach ihrem Studium trafen sie sich in Berlin wieder und bekamen ihr erstes Kind. Lous Mutter kam mit Lou aus Aserbaidschan nach Berlin. Sie arbeitete als Klavierlehrerin und konnte sich eine kleine Wohnung leisten. Jetzt lebt Lou mit Sergej in seiner großzügigen Altbauwohnung und es fehlt ihr an nichts, deshalb fühlt sie sich manchmal wie eine Betrügerin, die sich etwas erschlichen hat, das ihr nicht zusteht. Genau dieses Gefühl gibt ihr ihre Schwiegermutter, als wäre Lou nicht gut genug für ihren Sohn.

Wenn Sergej sich auf seine Konzerte vorbereitet, taucht er tagelang ab und ist kaum ansprechbar. Bei seinem letzten Auftritt bekam er im Angesicht des Publikums und dem Wissen über dessen Erwartungen solche Atemnot, dass er fürchtete ohnmächtig zu werden. Und dann wird Lous Großtante neunzig und Lous Mutter will unbedingt, dass Lou sie zu der Feier begleitet.

Fazit: Olga Grjasnowa hat einen leichten Unterhaltungsroman geschaffen. Die Protagonistin ist Jüdin, die, wie der Rest der Familie in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen ist. Während der Rest der Familie nach Israel zieht, geht ihre Mutter mit ihr nach Berlin und fortan sind die beiden die Außenseiter. Während Lous Mutter um ihre Existenz kämpfte, haben die anderen in Israel ihre schicken Appartements, auf dem Grund, der ihnen nicht gehört, abbezahlt und lassen es sich gut gehen. Missgunst ist der innerfamiliäre Tenor und Scham über die Schande, die der Großvater über alle hat hereinbrechen lassen. Die Autorin versucht recht schwere Themen abzuarbeiten, bleibt dabei aber im Oberflächlichen verhaftet. Die flockige Sprache kaschiert das Tragische und war mir zu flach. Da sich der Roman jedoch gut liest, kann ich mir vorstellen, dass er bei den Leser*innen, die leichte Literatur bevorzugen, gut ankommen wird.

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