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Veröffentlicht am 17.09.2024

Unaufgeregt berührend.

Taumeln
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Sina Scherzants Debüt "Am Tag des Weltuntergangs verschlang der Wolf die Sonne" hat mich tief bewegt, weswegen ich ihrem zweiten Roman "Taumeln" voller Vorfreude entgegen gefiebert habe. Ich wurde nicht ...

Sina Scherzants Debüt "Am Tag des Weltuntergangs verschlang der Wolf die Sonne" hat mich tief bewegt, weswegen ich ihrem zweiten Roman "Taumeln" voller Vorfreude entgegen gefiebert habe. Ich wurde nicht enttäuscht. Sina Scherzant liefert wieder auf den Punkt ab und wieder kann ich nur schwer in Worte fassen, was genau diese Geschichte mit mir gemacht hat, im allerbesten Sinne.

Schon der Klappentext liest sich ungewöhnlich. Jeden Samstag trifft sich eine Gruppe von Menschen, um gemeinsam den Wald nach Luises Schwester zu durchkämmen. Gesucht wird Hannah, die vor beinahe 2 Jahren spurlos verschwunden ist. Luise ist Teil dieser bunten Truppe, die seit der ersten Stunde dabei ist und sich nach wie vor stoisch jeden Samstag trifft. Obwohl die Chancen auf eine "heiße Spur" mittlerweile gegen Null gehen. Obwohl sie zwar regelmäßig Zeit miteinander verbringen, aber sich im Grunde dennoch fremd geblieben sind. Warum also dieser Aufwand, jede Woche, Wind und Wetter zum Trotz?

Hier kommt Sina Scherzants besonderes Gespür für Zwischenmenschliches zum Vorschein. Behutsam widmet sie sich quasi reihum den verschiedenen Personen und lässt uns kleine, aber sehr intime Blicke in ihre Leben erhaschen. Schnell und schmerzhaft wird klar, was sie alle gemeinsam haben und was sie immer und immer wieder in diesen Wald treibt: Jede*r trägt ein Päckchen, sie alle straucheln, kämpfen und hadern mit ihrem Leben. Sei es durch einen großen Verlust, nagende Selbstzweifel oder häusliche Gewalt.

Mit einer sehr poetischen, jedoch niemals aufdringlichen oder gar kitschigen Sprache findet Scherzant treffende Worte für absurd Alltägliches und nahezu Unaussprechliches. Wer hier einen Krimi oder Psychothriller erwartet, wird leider enttäuscht werden. Es gibt keinen großen Knall, keine Auflösung in Wohlgefallen. Denn das bietet das Leben auch nicht immer. Doch wenn man sich einlässt, wenn man Vertrauen fasst in sich selbst und Andere, dann hat das Leben höchstwahrscheinlich mehr zu bieten als man denkt. Menschen taumeln, immer und überall, und kaum eine schreibt schöner darüber als Sina Scherzant.

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Veröffentlicht am 11.09.2024

Familiendrama in amerikanischer Tradition.

Genau so, wie es immer war
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Dies ist eine wunderbare Familiengeschichte in amerikanischer Tradition. Es war mein erstes Buch der Autorin Claire Lombardo und hat mich von den ersten Seiten an direkt begeistert und beeindruckt.

Lombardo ...

Dies ist eine wunderbare Familiengeschichte in amerikanischer Tradition. Es war mein erstes Buch der Autorin Claire Lombardo und hat mich von den ersten Seiten an direkt begeistert und beeindruckt.

Lombardo taucht tief ein in die Psyche ihrer Protagonistin und findet so treffender Worte für deren Gefühlsleben als Mutter mit einer postpartalen Depression. Auch die Plotttwists waren sehr gelungen - Schicht um Schicht wird freigelegt, wie bei einem literarischen Zwiebellook. Fantastisch! Ich konnt jedenfalls nixht mehr aufhören zu lesen, weil mir die Personen - trotz ihrer jeweiligen Fehler und Schwächen - allesamt ans Herz gewachsen sind. Ich war sehr gerne Gast in diesem Haus und möchte nun auch unbedingt den ersten Roman der Autorin lesen.

Große Empfehlung für Liebhaber guter Familiengeschichten!

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Veröffentlicht am 10.09.2024

Geht unter die Haut.

Kleine Monster
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Highlight-Alarm! Das ist ein großartiges Familiendrama, das tief unter die Haut geht.

Jessica Lind ist eine Meisterin der beklemmenden Atmosphäre. Sie blickte hinter den "schönen Schein" und zeigt mir ...

Highlight-Alarm! Das ist ein großartiges Familiendrama, das tief unter die Haut geht.

Jessica Lind ist eine Meisterin der beklemmenden Atmosphäre. Sie blickte hinter den "schönen Schein" und zeigt mir einer treffend klaren Sprache auf, wie unverarbeitete Traumata der Vergangenheit uns im Hier&Jetzt einholen können. Ein tiefer, behutsamer und verletzlicher Blick auf die Abgründe der menschlichen Seele. Vergangenheit und Gegenwart werden immer wieder wie Folien übereinander gelegt, sodass Bilder verschwimmen und Grenzen unscharf werden. Was ist wahr und was ist gut erinnerte Einbildung? Wer ist tatsächlich das Monster, wer Opfer und wer Täter? Ihre Einblicke in die Ambivalenz der Elternschaft haben mir mehr als einmal den Atem stocken lassen.

Eine absolut schonungslose Geschichte, von mir gibt es eine große Empfehlung!

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Veröffentlicht am 08.09.2024

2x H + 1x O = H2O.

Am Himmel die Flüsse
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Elif Shafak zu lesen bedeutet immer in einen absoluten Lesesog zu geraten. Für mich gibt es keine vergleichbare Autorin, die so dicht und dennoch so spannend schreibt und meinen Kopf gleichzeitig mit großartigen ...

Elif Shafak zu lesen bedeutet immer in einen absoluten Lesesog zu geraten. Für mich gibt es keine vergleichbare Autorin, die so dicht und dennoch so spannend schreibt und meinen Kopf gleichzeitig mit großartigen Geschichten und Wissen füllt.

In ihrem neuen Roman zeigt sie mit ihrem einzigartigen Erzähltalent, wie Regionen, Menschen und Dinge durch ein einziges Element miteinander verbunden sind. Sei es als unscheinbarer Regentropfen, unterirdischer Fluss, reißender Strom oder alles verschlingende Sturzflut - Wasser ist überlebenswichtig und faszinierend, aber auch beängstigend in seiner Kraft und Unberechenbarkeit.

Dies wird schon auf den ersten Seiten dieses Romans deutlich. Denn in Ninive im Jahr 630 v. Chr. ahnt König Assurbanipal noch nicht, dass der kleine Regentropfen, der sich in seinem Haar verfängt, 1840 als Schneeflocke in London auf Baby Arthurs Gesicht landet. Dieser Wassertropfen begleitet 2014 Narin und ihre Großmutter im Lalisch-Tal, um 2018 wieder auf einem Hausboot in London in Zaleekhahs Küchenspüle zu fallen. 2x H, 1x O: H2O. Zusammen ergeben die einzelnen Elemente eine Einheit, ein Wassemolekül. Ebenso wird aus den einzelnen Geschichten und Schicksalen in diesem Roman mit der Zeit ein fein komponiertes Werk, in dem alles ineinaderfließt und sich - wie der Wassertropfen auch - in einem stetigen Wandel befindet.

In Shafaks Romanen gibt es so vieles zu entdecken, zu verstehen und zu lernen. Shafak hat mir Zusammenhänge begreiflich gemacht, von denen ich zuvor kaum etwas gehört oder verstanden habe. Das alte Mesopotamien mit seinen kostbaren Kulturgütern, die Entzifferung der Keilschrift, die Arbeit einer Hydrologin, unterirdische und verbaute Flüsse, durch Wasser übertragbare Krankheiten und vor allem die Geschichte und das große Leid der Eziden. Shafaks Blick auf ihre Figuren ist klar und liebevoll. Trotz der unglaublichen Breite an Themen und der Schwere, die jedem Erzählstrang innewohnt, verliert sie nie die alltäglichen, lebensbejahenden Kleinigkeiten aus den Augen.

Ich habe aus diesem Buch unglaublich viel für mich mitgenommen, habe mitgelacht und mitgelitten. Dieser Roman hat viele Leser*innen und 5 Sterne verdient!

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Veröffentlicht am 02.09.2024

Schmerzhaftes, beeindruckendes Debüt. Highlight!

Die schönste Version
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Jella und Yannick, glücklich am Strand, ein Anfang? Schnitt. Jella und Yannick, gemeinsame Wohnung, sie schreit, er schreit. Eine Meinungsverschiedenheit, normal. Schnitt. Jella und Yannick, in der Küche. ...

Jella und Yannick, glücklich am Strand, ein Anfang? Schnitt. Jella und Yannick, gemeinsame Wohnung, sie schreit, er schreit. Eine Meinungsverschiedenheit, normal. Schnitt. Jella und Yannick, in der Küche. Seine Hände an ihrem Hals, er drückt zu. Schnitt. Jella auf der Polizeiwache. Schnitt.

Der Beginn dieses Romans hat mir das Blut in den Adern gefrieren lassen. Was wie ein Thriller beginnt, ist Alltag für so viele Frauen, für zu viele Frauen: Häusliche Gewalt, Gewalt in der Beziehung, internalisierter Frauenhass, Femizide. Wie konnte es soweit kommen? Jella und Yannick waren doch ein glückliches Paar, führten eine ernsthafte Beziehung?

Ruth-Maria Thomas erzählt es uns. Ihr Debüt geht dorthin, wo es richtig weh tut und bleibt da. Zwingt uns hinzusehen, in die Abgründe, die hinter (Beziehungs-)Fassaden lauern. Jella leidet seit ihrer Kindheit und Jugend unter massiven Selbstwertproblemen. Da ist immer das Gefühl, nicht gut genug zu sein, als Mädchen und Frau nicht zu genügen. Selbst nach diversen sexuellen Übergriffen sucht sie die Schuld bei sich. Im ausrangierten, kaputten Theaterspiegel ihrer Mutter sieht sie sich - ein Sprung mitten durch das Glas. Einmal falsch aufkommen und alles liegt in Scherben.

Jellas Geschichte ging mir sehr nahe; auch deswegen, weil ich wie sie meine Kindheit und Jugend in den 00er und den frühen 10er-Jahren verbracht habe und diese Sozialisation (vor allem die weibliche!) auch meine war. Diverse Zeitschriften wie Mädchen oder Bravo, in denen frau nachlesen konnte, was SIE tun muss, um IHM zu gefallen. "Beziehungstipps", die vor Misogynie nur so triefen. Teenie-Stars, die dünn, dünner, am dünnsten sind. Kein Wunder also, dass Frauen auch 2024 noch glauben, SIE wären das Problem. Der Stachel sitzt tief.

Ruth-Maria Thomas erzählt von kaum wahrnehmbaren Verschiebungen von Grenzen; so banal, dass sie anfangs nicht auffallen. Von winzig kleinen Verletzungen, wie kleinste Glasscherben, die dennoch verletzen und Spuren hinterlassen. Ihr Stil ist, passend dazu, messerscharf und klar. Der Text ist durchzogen von abgehackten Sätzen und Gedankensplittern, kantig, unperfekt und ungeschliffen. Ohne Verschnörkelungen, die ablenken und dennoch voller treffender Bilder.

"Die schönste Version" hat mich sehr beeindruckt und tief berührt. Zeitgemäße Literatur in point. DAS sollten Mädchen und junge Frauen heute in der Schule lesen, statt den verstaubten "Klassikern". Der Buchpreis 2024 wäre meiner Meinung nach mehr als verdient.

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