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Marielle_liest

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.09.2024

Zwischen Flucht, Furcht und der Inneren Zerrissenheit

Sobald wir angekommen sind
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Bei Ben Oppenheim dreht sich alles um seine jüdischen Wurzeln und was er glaubt, wie er sich deshalb zu verhalten hat. Außerdem pendelt sein Herz zwischen seiner Ex-Frau Marina, seinen beiden Kindern und ...

Bei Ben Oppenheim dreht sich alles um seine jüdischen Wurzeln und was er glaubt, wie er sich deshalb zu verhalten hat. Außerdem pendelt sein Herz zwischen seiner Ex-Frau Marina, seinen beiden Kindern und seiner neuen Freundin Julia.

Ben ist das reinste Nervenbündel und fürchtet sich vor so ziemlich allem - aktuell am meisten vor dem Ukrainekrieg, der seiner Meinung nach in Kürze in einem Atomkrieg und den Dritten Weltkrieg münden wird. Seine letzte Rettung ist die Flucht nach Brasilien und das zieht er Hals über Kopf durch.

🐆🌴☀️

Ich glaube, der Begriff „Anti-Held“ wurde für die Figur Ben Oppenheim erfunden, denn er verkörpert wirklich alles, was ich nicht sein möchte und was ich an anderen Menschen äußerst störend finde. Und für ihn ist sein Penis viel zu bedeutungsvoll.

Der Autor Micha Lewinsky nimmt uns in seinem Roman mit in den paranoiden, beeinflussbaren und ziemlich rückgratlosen Geist von Ben. Obwohl der Charakter an sich wirklich unsympathisch ist, gelingt es dem Autor, ihn auf äußerst ironische Weise als Negativbeispiel zu präsentieren. Am besten gefallen haben mir all die Stellen, an welchen Ben nicht den Mumm hatte, für das Richtige einzustehen und seine Meinung zu sagen. Das zeigt uns so wunderbar, wie wichtig es ist, dass wir genau das nicht tun und stattdessen den Mund aufmachen.

Es ist spannend, dass ich den Roman so gerne und schnell durchgelesen habe, obwohl Ben so ein aalglatter und charakterloser Typ ist. Ich denke, es liegt an seinen Mitmenschen, die das Gegenteil von ihm verkörpern. Denn seine Freundin, seine Ex-Frau und vor allem seine beiden Kinder sind tolle Charaktere, die meist kein Blatt vor den Mund nehmen.

Insgesamt war die Lesezeit für mich auf außergewöhnliche Weise unterhaltsam, lustig und lehrreich. Es wurden viele wichtige Themen angerissen, auch wenn in diesem Roman kein Raum war, um diese besonders zu vertiefen. Manchmal hat mich Ben zu sehr geärgert, auch wenn ich sicher bin, dass genau das beabsichtigt war.

Veröffentlicht am 24.08.2024

Urlaubslektüre der anderen Art

Heim schwimmen
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Das Ehepaar Joe und Isabel verbringt gemeinsam mit ihrer Tochter Nina und einem befreundeten Ehepaar eine Sommerwoche in einem Ferienhaus an der Côte d‘Azur. Dann taucht Kitty Finch auf und wirbelt die ...

Das Ehepaar Joe und Isabel verbringt gemeinsam mit ihrer Tochter Nina und einem befreundeten Ehepaar eine Sommerwoche in einem Ferienhaus an der Côte d‘Azur. Dann taucht Kitty Finch auf und wirbelt die erholsamen Ferien ganz schön durcheinander. Die junge Frau bezieht ein übriges Zimmer im Ferienhaus und freundet sich mit Nina an. Und dann sind da noch all die Geheimnisse, die die Urlauber*innen verbergen…

💦👙☀️🪻

Hui, war das ein Ritt! Für einen ganz kurzen Moment dachte, das könnte ein entspannter Sommerferien-Roman werden. Aber dieses Gefühl hielt nicht lange an, denn ganz schnell haben Verwunderung, Skurrilität und bizarre Begebenheiten das Zepter übernommen.

Schon beim ersten Auftritt von Kitty Finch war ich nicht sicher, ob das gerade wirklich so passiert, wie es aus Sicht eines Ferienhausgasts erzählt wird. Wie alle Szenen war auch diese in lebhafter und schöner Sprache geschildert, sodass sich sofort bunte Bilder in meinem Kopf entwickelten. Doch die Bilder waren so merkwürdig, dass ich schmunzeln musste.

Dieses Schmunzeln hat mich während der kompletten Lektüre begleitet. Im Verlauf des Buchs gibt es durchaus auch ernste Momente, denn die Charaktere haben mit ihrer eigenen Vergangenheit oder mit ihren Lebensumständen zu kämpfen. Doch der Autorin gelingt es, jeder Figur einen schrulligen und sonderbaren Stempel aufzudrücken. So ist es einfach okay, dass sich alle ein wenig komisch benehmen, dass vielleicht manchmal die Fantasie übernimmt oder dass sie sich gelegentlich im Ton vergreifen.

Mir hat diese verrückte Ferienwoche gut gefallen und ich habe mich durchweg unterhalten gefühlt - vor allem von den kuriosen und interessanten Haupt- und Nebenfiguren. Besonders gelungen fand ich die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen und diese unterschwellige Schwere, die sich permanent auf die gesamte Szenerie gelegt hat. Einen Hauch weniger Verwirrung hätte ich mir in manchen Momenten gewünscht.

Veröffentlicht am 05.07.2024

Zwei Schwestern, die Liebe und der Bär

Cascadia
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Zwischen Seattle und Vancouver, zwischen den USA und Kanada, zwischen dem Pazifik und dem Festland liegt San Juan Island, wo Sam mit ihrer Schwester Elena und ihrer Mutter lebt. Die beiden jungen Frauen ...

Zwischen Seattle und Vancouver, zwischen den USA und Kanada, zwischen dem Pazifik und dem Festland liegt San Juan Island, wo Sam mit ihrer Schwester Elena und ihrer Mutter lebt. Die beiden jungen Frauen verdienen gerade genug, damit es zum Überleben reicht, denn nebenbei müssen sie ihre kranke Mutter pflegen, was einem weiteren Vollzeitjob gleicht. Doch sie haben einander – die Schwesternliebe, sie haben Pläne und Träume von einer sorglosen Zukunft. Als könnte ein Bär, als könnte die Liebe, als könnte irgendetwas diese Zukunft zerstören!?

🐻💜

Naivität, bedingungsloses Vertrauen, auch ein wenig Arglosigkeit. Das kommt mir in den Sinn, wenn ich an Sam denke. Sie vergöttert ihre Mutter und noch mehr vergöttert sie Elena. Abhängigkeit – wenn sich ein Leben nur um die Existenz eines anderen Leben dreht, dann bekomme ich ein ungutes Gefühl. Doch ich verstehe Sam so sehr. Mit all ihren Ecken und Kanten ist die Protagonistin, ihr Handeln und ihre Gedanken, für mich so glaubwürdig und authentisch. Selbstlosigkeit, Hingebung, Aufopferung – das Glück ihrer Schwester bedeutet ihr mehr, als ihr eigenes Glück.

Gleichzeitig tut es weh, zu sehen, wie sie wirklich alles aufgibt, um den gemeinsamen Traum zu erfüllen. Wie sehr sie in der Zukunft lebt und wie wenig im Heute. Wie sehr sie alle anderen Menschen ablehnt, wie blind sie dem Wort ihrer Schwester glaubt.

Elena ist für mich eine schwierige Figur, für welche ich anfangs ein wenig, nach dem ersten Drittel überhaupt keine Sympathie mehr empfinden konnte. Sie ist für mich so schwer zu greifen, ihr Handeln ist für mich nur selten nachvollziehbar. Im letzten Drittel bricht sie mir das Herz. Doch das ist ein rein subjektives Empfinden meinerseits.
Insgesamt ist „Cascadia“ unglaublich fesselnd. Die Autorin schreibt wunderschön und bis kurz vor Schluss war mir nicht klar, wie die Geschichte enden würde. Dass der Roman aus Sams Perspektive geschrieben ist, ist ein großer Gewinn für das Buch. Denn sie ist zwar speziell, aber für meinen Geschmack die Person, der ich lieber zuhören möchte. Ach und dann ist da ja noch der Bär – was es mit ihm auf sich hat, musst du aber selbst lesen. Das ist zu interessant und darf nicht gespoilert werden!

Eine Leseempfehlung für ein aufreibendes und durchaus berührendes Buch mit ganz viel Raum, um zwischen den Zeilen zu lesen, zum Nachdenken und Mitfühlen.

Veröffentlicht am 02.07.2024

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Die Hungrige
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Lydia ist eine junge Vampirin und wagt ihre ersten Schritte in ein selbstbestimmtes Leben. Doch damit entstehen auch Herausforderungen, die sich vordergründig um ihre eigene Existenz drehen - sie muss ...

Lydia ist eine junge Vampirin und wagt ihre ersten Schritte in ein selbstbestimmtes Leben. Doch damit entstehen auch Herausforderungen, die sich vordergründig um ihre eigene Existenz drehen - sie muss Nahrung finden. Nachdem sie zuvor von ihrer Mutter regelmäßig mit Schweineblut versorgt wurde, steht sie nun mit leeren Händen, leerem Magen und leeren Adern da. Doch eigentlich will Lydia keine Menschen essen.

Und dann sind da noch all die gesellschaftlichen Herausforderungen, die ihr neues Leben in einem Künstlerinnenloft und das Praktikum in einer Galerie mit sich bringen. Kann eine Vampirin einen Zugang zur ganz gewöhnlichen, menschlichen Welt finden?

🧛🏽‍♀️🧛🏽‍♀️🧛🏽‍♀️

Claire Kohda ist mit diesem Roman etwas gelungen, das mir im Großen und Ganzen sehr gut gefallen hat. Sie platziert eine Sagengestalt in eine Coming-of-Age-Story und lässt uns an den Problemen von Lydias Erwachsenwerden teilhaben.

Lydia kämpft mit dem Anderssein, mit den zwei Seelen in ihrer Brust, mit der Akzeptanz ihres inneren Dämons. Doch auch sehr menschliche Themen beschäftigen sie. Denn als junge Frau ist sie plötzlich mit S
xismus konfrontiert und mit japanischen und malaysischen Wurzeln erlebt sie Ausgrenzung nicht nur durch ihre unüblichen Essensgewohnheiten als Vampirin.

Überhaupt ist Lydia gezwungen, ihre wahre Identität geheimzuhalten, ihren Dämon zu verstecken, immer nur ihre menschliche Seite zu präsentieren. Gerade diese Passagen, die so viel von ihrer Seele zeigen, waren für mich am stärksten. Denn eigentlich ist der Wunsch doch so menschlich, sich nur von seiner guten Seite zu zeigen, sich anzupassen und sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Umso schöner war es schließlich, dass es ganz ohne Rebellion und ohne Durchbrechen der Grenzen nicht klappt. Denn Lydias wahres Ich hat mir am Ende am besten gefallen.

An einigen Stellen hätte ich gerne noch so viel mehr erfahren, sodass ich dafür ein Pünktchen abziehe. Durch ein oder zwei Fortsetzungen ließe sich das aber beheben. 😉

Veröffentlicht am 15.05.2024

Zwischen rauer Wildnis und dem Wunsch nach einem Ausweg

Die Tage des Wals
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Manod ist 18 Jahre alt und lebt kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester und ihrem Vater auf einer Insel vor der walisischen Küste. Das Leben dort ist hart und ganz der Witterung ...

Manod ist 18 Jahre alt und lebt kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester und ihrem Vater auf einer Insel vor der walisischen Küste. Das Leben dort ist hart und ganz der Witterung und den Naturgewalten ausgesetzt. Anpassung ist nötig und nur für das Einfachste bleibt Raum und Zeit. Doch Manod ist eine besondere junge Frau, die sich von den anderen Inselbewohner:innen deutlich unterscheidet. Durch ihre Neugier und ihr Interesse, das sich weit über die Grenzen der Insel erstreckt, durch ihre überdurchschnittlich gute Bildung und ihr Wissen, das sie sich sowohl in der Wildnis als auch in der Schule auf dem britischen Festland angeeignet hat, sticht sie heraus. Als die beiden Forschenden Joan und Edward vom Festland zur Insel kommen, um das dortige Leben zu dokumentieren, bemerken auch diese die besondere junge Frau und machen sie zu ihrer Assistentin. Und plötzlich eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten für Manod und vielleicht sind ihre Träume und Wünsche doch gar nicht so fern, wie sie ihr bisher schienen.

🐋🦭🦞

Ein Wal strandet gleich zu Beginn des Buchs am Strand der Insel, die Manods Heimat ist. Und dieser Wal begleitet uns während des kompletten Buchs durch seine unauffällige Anwesenheit. Ebbe und Flut lassen ihn auftauchen und wieder verschwinden, das Meer umspült ihn, bedeckt ihn und legt ihn wieder frei. Er verwest, wird zur Nahrungsquelle für andere Tiere und die Natur nimmt ihn wieder auf, macht ihn zum Teil eines Kreislaufes, eines Ökosystems. Doch auch die Menschen nutzen seinen Kadaver, allerdings vorwiegend die Menschen vom Festland. Bis er sich zum Schluss nun doch noch in ein bleibendes Denkmal für die Inselbewohner:innen verwandelt.

Der Wal durchläuft nach seinem Tod eine Entwicklung – einen Prozess, der sich eigentlich vollkommen im Hintergrund abspielt. Und trotzdem ist diese Entwicklung präsent, ebenso wie Manod eine Entwicklung durchläuft und am Ende auch die Insel und die ganze Welt. Denn gerade kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ist alles im Wandel, auch wenn es für die Handlung des Buches nur beiläufig auf der walisischen Insel zu spüren ist. Denn hier steht Manods Entwicklung im Vordergrund, die sich in meinen Augen von einem klugen Mädchen zu einer selbstbewussten und scharfsinnigen jungen Frau verwandelt.

Die Autorin erschafft mit Manod eine sehr sympatische Protagonistin, die so lebendig und wild ist, dass mir das Herz aufgeht. Durch die Verwendung einer wunderschönen poetischen Sprache strahlt Manods einzigartiges Wesen in die Welt hinaus. Sie ist so vielseitig und wissensdurstig, sie ist eine liebenswürdige und fürsorgliche große Schwester und sie ist naturverbunden und geerdet. Und natürlich macht sie Fehler, so wie wir alle, doch sie lernt daraus, zieht die richtigen Schlüsse und steckt neue Ziele. Ich finde Manod wirklich grandios.

Die Handlung von "Die Tage das Wals" ist sehr leise. Es passiert nicht besonders viel und so lebt der Roman vor allem durch seine bildgewaltige und poetische Atmosphäre und durch Naturbeschreibungen, die mich die raue Küste fühlen lassen. So ist diese Geschichte vor allem etwas zum Abtauchen, Genießen und Entschleunigen. Gespickt ist das Buch außerdem mit ungewöhnlichen Inseltraditionen, mit Bräuchen und Liedern und vor allem mit vielen Geheimnissen. Schließlich bleiben einige Lücken zurück, die wir als Leser:innen mit unseren eigenen Gedanken schließen dürfen.

Ich habe das Buch sehr gemocht und es kam für mich zur richtigen Zeit. Aktuell entdecke ich meine Liebe für den poetischen Sprachstil und der ist in diesem Buch wirklich hervorragend gelungen. Ein ruhiger Romane mit viel Platz für dich selbst, mit versteckten Informationen, die du zwischen den Zeilen findest und mit einer fantastischen und bewundernswerten Hauptdarstellerin. Eine Leseempfehlung von mir!