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Veröffentlicht am 05.10.2024

Berührend, authentisch und gut recherchiert

Suche liebevollen Menschen
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In "Suche liebevollen Menschen" erzählt Julian Borger die wahre Geschichte seines Vaters Robert "Bobby" Borger und einiger weiterer jüdischer Kinder aus Wien, die 1938/1939 etwa zwischen 8 und 14 Jahre ...

In "Suche liebevollen Menschen" erzählt Julian Borger die wahre Geschichte seines Vaters Robert "Bobby" Borger und einiger weiterer jüdischer Kinder aus Wien, die 1938/1939 etwa zwischen 8 und 14 Jahre alt waren und vor dem Holocaust gerettet werden konnten.

Nach der NS-Machtübernahme 1938 in Wien wurden bekanntlich die Bedingungen für die dort lebenden Juden immer schlimmer und viele suchten nach einer Möglichkeit, zu fliehen. Leider war das sehr schwierig, weil kaum andere Länder bereit waren, die Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen Visas auszustellen.

So suchten einige Eltern verzweifelt nach einer Möglichkeit, zumindest ihre Kinder erst einmal in Sicherheit bringen zu können, und später hoffentlich nachzureisen, auch wenn das bedeutete, sich von ihnen trennen zu müssen und sie alleine mit dem Zug von dem Wiener Westbahnhof aus ins Ausland zu schicken, in ein ungewisses Schicksal, zu Pflegefamilien in Großbritannien, die sie nur aus ein paar Briefen kannten. In Großbritannien versuchten die Kinder dann, mit bescheidenen Sprachkenntnissen und meist ohne relevante Kontakte, ihr Möglichstes, um ihre Eltern auch nachkommen lassen zu können. Manche schafften es, andere nicht. Manche konnte später wieder mit ihrer Familie vereinigt werden, andere mussten später erfahren, dass ihre Angehörigen im Holocaust ermordet worden waren und nur sie überlebt hatten.

Die Großeltern von Julian Borger gaben also, so wie einige andere Eltern, im Manchester Guardian in Großbritannien eine Anzeige auf, in der sie ihre Kinder und deren Qualitäten anpriesen, in der Hoffnung, liebevolle Pflegeeltern für sie zu finden. So etwa die Kurzanzeige der Familie Borger im Original: "I seek a kind person who will educate my intelligent boy, aged 11, Viennese of good family. Borger, 5/12 Hintzerstrasse, Vienna 3."

Auf diese Anzeigen konnten sich nun Menschen aus Großbritannien melden, die bereit waren, eine gute Tat zu vollbringen und ein jüdisches Kind aus Wien bei sich als Pflegekind aufzunehmen und damit zu retten (und leider auch manche, die einfach nur eine billige Arbeitskraft suchten, die sie ausbeuten konnten). Robert Borger hatte Glück und landete tatsächlich bei liebevollen Menschen, und auch seine Eltern konnten später nach Großbritannien nachkommen. Er wurde erwachsen, heiratete, wurde selbst Vater von vier Kindern (eines davon der Autor) und Psychologe. Und doch nahm er sich später das Leben (ein spätes Opfer Hitlers, wie seine alte Pflegemutter bestürzt kommentierte), was seinen Sohn, neben all der Trauer, veranlasste, die Geschichte seines Vaters genauer zu erkunden und ihn erst die Details dieser erfahren ließ.

Julian Borger, der Sohn, hat keine Mühen gescheut, um neben der Geschichte seines Vaters und seiner eigenen Herkunftsfamilie auch möglichst viele Geschichten der anderen Kinder aus den Anzeigen im Guardian zu recherchieren und deren Lebenswege im Buch zu dokumentieren. Tatsächlich konnte er sieben weitere Kinder bzw. deren Nachkommen aufspüren und viele Informationen über deren Geschichten recherchieren: vereinzelt lebten diese selbst noch, ansonsten hatten sie ihren eigenen Kindern viel davon erzählt und manche sogar Interviews dazu gegeben, Tagebücher geführt oder Memoirs geschrieben.

So ist es ein sehr spannendes, berührendes und gut lesbares Buch geworden, in dem die Geschichten der insgesamt acht Kinder und ihrer Familien beim Lesen vor dem inneren Auge lebendig und nachfühlbar werden. Von den meisten Kindern und ihren Familien gibt es sogar Fotos im Buch, das schafft noch eine stärkere Verbindung zu ihnen.

Es ist ein Buch, das zu Tränen rührt, traurig und wütend macht, aber gleichzeitig auch Hoffnung gibt durch die Geschichten des Gerettet-Werdens, der Überlebens und der guten Menschen, die es auch in noch so dunklen Zeiten ebenfalls gibt, und die zur Rettung dieser Kinder beigetragen haben. Und es ist ein sehr aktuelles Buch, das nachdenklich macht nicht nur über diese dunkle Zeit vor vielen Jahrzehnten, sondern auch über die heutige Zeit und unseren Umgang mit Menschen, die flüchten müssen, über Abweisung, Unterstützung, Resilienz und transgenerationale Weitergabe von Traumata. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 03.10.2024

Macht so richtig Lust auf Texel!

Texel - ReiseGenuss
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Das Büchlein "Texel - Kulinarik, Menschen, Geschichten" ist einfach wunderschön gestaltet. Schon das Titelbild mit dem charakteristischen Leuchtturm, den Dünen und dem Meer lädt ein, die Insel zu besuchen. ...

Das Büchlein "Texel - Kulinarik, Menschen, Geschichten" ist einfach wunderschön gestaltet. Schon das Titelbild mit dem charakteristischen Leuchtturm, den Dünen und dem Meer lädt ein, die Insel zu besuchen. Schlägt man das Buch auf, so findet man ein sehr persönlich geschriebenes Begrüßungswort, aus dem die Begeisterung der Autorinnen für die Insel schon spürbar wird, zusammen mit einer Karte der Insel. Darauf folgen fünf Kapitel zu den verschiedenen Regionen der Insel (Süden, Westen, Norden, Osten und Mitte) sowie Spezialkapitel zu Themen wie "Aktive Kulinarik", Strandpavillons, zum Texelschaf und zu Museen. Abgerundet wird das Buch mit einigen allgemeinen Informationen über die Insel, spezielle Feiertage, interessante Daten und Fakten und Empfehlungen zu An- und Abreise am Schluss.

Wer sich für einen bestimmten Teil Texels interessiert, kann das jeweilige Kapitel aufschlagen und findet dort Informationen zu touristischen Highlights, Restauranttipps, besonders schönen Orten, Möglichkeiten für kulturelle und sportliche Aktivitäten, kulinarische Verkostungen und vieles mehr. Und sogar einige Rezepte für typische Spezialitäten der Insel finden sich in dem Buch.

Es wird deutlich, dass der Genuss und die Vermittlung der Liebe zu dieser wunderschönen Insel im Vordergrund steht: das Buch ist optisch mit vielen farbigen Bildern in hoher Druckqualität angereichert, es liest sich angenehm mit kurzen Texten, Zitaten und persönlichen Geschichten über die Menschen der Insel. Wir lernen Menschen mit Visionen kennen, die ihre beruflichen Visionen auf Texel verwirklichen, denen die Schönheit der Natur und der Genuss am Herzen liegen und die das auch gerne allen Besuchern vermitteln. Nachhaltigkeit, Bio und ein fairer Umgang mit Mensch und Natur ist auch ein Thema, das sich durch das Buch zieht.

Ich kann dieses Buch allen, die sich für Texel interessieren, nur wärmstens empfehlen. Ebenfalls empfiehlt es sich als Geschenk für Menschen, die man gerne für eine Texelreise begeistern möchte - die Chancen, dass diese nach der Lektüre dorthin fahren wollen, sind bei diesem wunderschönen, inspirierenden Buch sehr hoch!

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Veröffentlicht am 22.09.2024

Alte chinesische Mythologie neu interpretiert

A Song to Drown Rivers
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Das Buch "A song to drown rivers" der chinesisch-australischen Autorin Ann Liang fällt zuerst durch sein wunderschönes Cover mit Farbschnitt auf. Ich habe schon lange kein so wunderschön und liebevoll ...

Das Buch "A song to drown rivers" der chinesisch-australischen Autorin Ann Liang fällt zuerst durch sein wunderschönes Cover mit Farbschnitt auf. Ich habe schon lange kein so wunderschön und liebevoll gestaltetes Buch mehr gesehen, die Hardcover-Ausgabe ist absolut edel, fühlt sich angenehm an und es macht Freude, das Buch in der Hand zu haben. Unter dem Schutzumschlag befinden sich zwei Referenzen auf etwas, was im Buch vorkommt.

Der Inhalt des Buches steht der äußeren Form in nichts nach: es ist von Anfang an spannend erzählt, mit detailliert ausgearbeiteten, authentischen Charakteren und einer Geschichte, die tatsächlich auf eine der Legenden der Vier Schönheiten des Antiken Chinas zurückgeht und modern interpretiert wird.

Wir erleben diese Geschichte durch die Augen von Xishi, einer außergewöhnlich schönen und zugleich intelligenten, mutigen und bescheidenen jungen Frau aus einem armen Dorf im ländlichen China, die auserwählt wird (und sich bewusst dafür entscheidet), als Konkubine ins Reich des verfeindeten Herrschers, ins Nachbarland Wu, zu gehen, ihn zu bezaubern, sein Herz zu gewinnen und für ihr Heimatland zu spionieren. Das Buch nimmt sich Zeit, diesen Weg ausführlich zu schildern, und zwar nicht nur die Zeit am Hof des Feindes, sondern auch die ausführliche Vorbereitungszeit, in der Xishi nicht nur die bei Hof erwartete Etikette erlernen muss, sondern auch das Verbergen ihrer Gefühle. Im Hintergrund gibt es dann noch eine aufkeimende Liebesgeschichte zwischen ihr und dem jungen Militärstrategen Fanli, der sie für ihre Mission schult. Und auch im fremden Reich ist nicht alles so, wie Xishi es erwartet hätte...

Für einen historischen Roman weist dieses Buch eine besondere Erzählqualität auf und schafft es außerdem, nicht nur so spannend zu sein, dass man es in einem Zug durchlesen möchte, sondern auch zum Nachdenken über Feindbilder, Polarisierungen und die Natur des Krieges anzuregen. Damit ist das Buch gleich auf mehreren Ebenen wertvoll und ich empfehle es allen, die sich für chinesische Geschichte und Mythologie interessieren und auf intelligentem Niveau gut unterhalten werden möchten.

Nur mit Vorbehalt empfehle ich es allen, die sehr mitfühlend sind, und insbesondere Schwangeren und Eltern von kleinen Kindern: es werden nämlich nicht nur, wie in vielen historischen Romanen, diverse Kriegsgräuel an erwachsenen Menschen detailliert beschrieben geschildert, sondern leider auch die bestialische Ermordung eines Kleinkindes durch Soldaten, und diese Schilderung wiederholt sich gleich mehrmals im Buch, ganz am Anfang und später wieder (in Xishis Erinnerungen, es handelt sich dabei um ihre kleine Schwester und es soll damit gezeigt werden, was für einen tiefen Grund sie hat, das verfeindete Königreich Wu zu hassen). Diese Schilderungen haben mir als Mutter eines kleinen Kindes im Herzen sehr weh getan, selbst wenn es sich um eine fiktive Geschichte handelt.

Davon abgesehen handelt es sich aber um ein sehr gut geschriebenes, spannendes Buch, das ich definitiv empfehlen kann!

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Veröffentlicht am 20.09.2024

Wer sind wir als erfolgreiche Frauen ohne Kinder?

Glück
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"Glück", das neue Buch von Jackie Thomae, die mit einem ihrer vorigen Bücher, "Brüder", auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist, polarisiert. Das zeigt sich schon in den bisherigen Rezensionen, ...

"Glück", das neue Buch von Jackie Thomae, die mit einem ihrer vorigen Bücher, "Brüder", auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist, polarisiert. Das zeigt sich schon in den bisherigen Rezensionen, die von überschwänglich bis zu sehr enttäuscht die ganze Palette abdecken.

Ich habe vor dem Lesen ebenfalls sehr kontroversielle Diskussionen dazu mitbekommen, die mich erst neugierig auf das Buch gemacht haben, sodass ich es mir besorgt und gelesen habe. Vorab, wie man auch an den 5 Sternen sieht: ich bin sehr froh, das Buch gelesen zu haben! Ein tolles Buch, das mit einer schönen und treffenden Sprache den Zeitgeist eines ganz bestimmten sozialen Milieus in Bezug auf unerfüllten Kinderwunsch sehr genau einfängt!

Es geht um zwei Frauen, die den Versprechen der Feminismus gefolgt sind und sich beruflich verwirklicht haben. Zwei sehr erfolgreiche Frauen mit Karrieren, die sich sehen lassen können, und mit genug Geld für einen sehr angenehmen Lebensstil. Marie-Claire (MC) Sturm, die als Radiomoderatorin arbeitet. Und Anahita Martini, aus einer erfolgreichen persischen Ärztefamilie stammend, die es nach einem kurzen Abstecher in die Schullaufbahn nun zur erfolgreichen Regionalpolitikerin gebracht hat.

Was diesen Lebensbereich angeht, ist es für die beiden Frauen also wirklich gut gelaufen. Und nun sind sie 39, partnerlos und kinderlos, und schon seit einigen Jahren quält sie dieses Thema: der aufkommende Kinderwunsch und die Frage, ob und wie sie sich diesen nun noch schnell erfüllen können, bevor "der Zug endgültig abgefahren ist" (mit diesen und weiteren bekannten Metaphern zum Thema herannahende Menopause spielt das Buch).

Das Buch beginnt mit einer Szene, bei der MC Sturm sich bei ihrer Gynäkologin befindet, die ihr mitteilt, dass ihre fruchtbaren Jahre fast vorbei seien: "Sie hatten fünfundzwanzig Jahre Zeit, Mutter zu werden, sehen Sie's mal so. Das ist ein Vierteljahrhundert." (S. 10)

Schon da habe ich Leserin sehr stark mit Marie-Claire Sturm mitgefühlt! Was für ein Hohn diese Aussage doch ist, einer 39-jährigen gegenüber! Als ob Frauen wirklich realistisch so viel Zeit hätten, ihren Kinderwunsch zu realisieren! Welche 12- oder 14-jährige kann sich denn ernsthaft damit befassen? Ja, selbst, welche 18-, 20- oder 22-jährige aus einem sozialen Milieu, das von ihr beruflichen Erfolg und Unabhängigkeit erwartet (und dieser Druck auf junge Frauen ist in manchen Teilen der Gesellschaft mittlerweile enorm)?

Ja, die Menstruation hat im Jugendalter eingesetzt (bei Marie-Claire mit 12), doch danach hat eine Frau aus dem sozialen Milieu von Marie-Claire Sturm doch locker bis Ende 20, Anfang 30 von allen (in diesem speziellen Milieu!) gesagt bekommen, dass sie noch viel zu jung für Kinder sei und noch viel Zeit hätte... bis dann auf einmal keine Zeit mehr zu sein scheint!

In dieser Zeit, in der es scheinbar noch zu früh bis in Bezug auf die Umstände schwierig gewesen wäre, Mutter zu werden, war Marie-Claire auch, wie wir schon früh im Buch erfahren, zwei Mal ungeplant schwanger, und hat die Schwangerschaften abgebrochen, was sie jetzt hinterfragt bis bereut.

Auch mit Anahita Martini kann ich mitfühlen: lastet auf ihr doch der starke Erfolgsdruck ihrer Familie und hat es einige Zeit gedauert, bis sie in diesem Bereich in den Augen ihrer Familie bestehen konnte... so lange, dass währenddessen kaum Raum war, sich überhaupt damit zu beschäftigen, ob sie auch eine Seite in sich hätte, die sich Kinder wünschte! Ich kenne so viele Frauen, denen es ähnlich geht wie den beiden, und das hat viel mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den Erwartungen gerade an Frauen, die das Potential haben, beruflich sehr erfolgreich zu sein, zu tun.

Wir begleiten also diese beiden Frauen im Buch innerlich durch diesen Konflikt, erleben mit, wie sie sich begegnen, und machen nach ca. 2/3 des Buches einen Zeitsprung um drei Jahre in das Alter 42. Zwischendurch gibt es immer wieder kürzere Kapitel, die aus der Sicht weiterer Frauen im Leben der beiden (z.B. Anahitas Schwägerin, die Mutter von drei Kindern ist; MCs jüngere Halbschwester, die ebenfalls kinderlos ist oder eine Frau, die auf einer griechischen Insel teure Privat-Retreats im 5-stelligen Bereich für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch anbietet), was für mich interessante weitere Perspektiven auf das Thema einbringt - natürlich aus demselben sozialen Milieu, in dem das ganze Buch spielt, es handelt sich ja um Verwandte oder Bekannte der beiden Hauptcharaktere.

Was mag ich an diesem Buch? Ich finde es sehr authentisch. Ja, wirklich, authentisch. Und zwar für ein ganz bestimmtes soziales Milieu, das ich ebenfalls gut kenne.

In anderen Rezensionen wird teilweise kritisiert, wie privilegiert die beiden Frauen seien. Ja, das sind sie, aber das ist für mich noch kein Kritikpunkt am Buch. Gute Literatur darf für mich alle sozialen Milieus schildern und es dürfen darin alle möglichen Charaktere vorkommen - ob diese Milieus nun sonderlich sympathisch und die darin vorkommenden Charaktere Sympathieträger oder Sympathieträgerinnen sind oder nicht.

Klar sind Marie-Claire Sturm und Anahita Martini nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Frauen mit Kinderwunsch. Aber ich empfinde sie durchaus als sehr repräsentativ für ihr bestimmtes soziales Milieu - das der sehr privilegierten, beruflich erfolgreichen Karrierefrauen, dieses wird hier sehr authentisch gezeichnet.

Würde ich mich mit den beiden Frauen anfreunden wollen? Eher nicht. Beide zeigen einige Charaktereigenschaften, die sie mir nicht sehr sympathisch machen. Und auch sie selbst haben im Buch wenig tiefgehende Freundschaften, in denen beide Seiten sich gegenseitig wirklich erkennen und tiefgründig austauschen. Aber auch das ist wiederum authentisch und passt zu den Charakteren.

Worum geht es in dem Buch nicht? Es geht nicht um die ganze Palette unerfüllten Kinderwunsches. Es geht - mit einer kurzen Ausnahme gegen Ende des Buches - (fast) nicht um Kinderwunschbehandlungen und all das Leid, aber auch die Chancen, die sie mit sich bringen. Und es geht nicht um Paare, die miteinander einen unerfüllten Kinderwunsch haben, vielleicht auch schon in deutlich jüngerem Alter.

Wer zu diesem Thema also eigene Erfahrungen mitbringt, die möglicherweise noch sehr weh tun, der oder die lese das Buch nicht oder mit Vorsicht. Wer sich mit sehr hohen Anforderungen erfolgreicher Frauen an mögliche Partner schwer tut, betrachte das Buch ebenfalls mit Vorsicht. Denn der Hauptgrund, warum die beiden Frauen noch keine Kinder haben, ist, dass sie bis Ende 30 keinen Mann gefunden haben, der ihren Ansprüchen genügt und der mit ihnen eine Familie gründen wollte.

Um von der Lektüre profitieren zu können, braucht es ein tiefes, emotionales Sich-Einlassen auf das spezifische soziale Milieu des Buches und ein Mitfühlen mit sehr privilegiert wirkenden Frauen, die aber dennoch an ihrer Situation leiden. Wenn man das in der eigenen Lebenssituation gerade kann, dann ist es ein sehr gewinnbringendes Buch, wie ich finde. Dann lässt sich Einblick in ein Milieu gewinnen, das man vielleicht aus eigener Erfahrung nicht so gut kennt (oder doch, und sich und seine Bekannten in einigem erkannt fühlt) und auch nicht unbedingt nur schätzt, aber das dennoch interessant ist. Und es lässt sich mit den Charakteren im Buch mitfühlen, auch wenn sie nicht nur sympathisch sind.

Damit erfüllt das Buch eines der Hauptkriterien, die ich an gute Literatur stelle: uns soziale Milieus samt der darin lebenden Menschen so authentisch nachfühlen zu lassen, als wären wir Teil dafür. Dadurch unsere Empathie zu schulen und unseren Horizont zu erweitern.

Auch ein weiteres Kriterium guter Literatur erfüllt es für mich: es regt sehr zum Nachdenken und Diskutieren an. Über die verschiedenen Schattierungen von Feminismus, darüber, was Erfolg im Leben ist, über Partnerwahl und Familie, konservative und progressive Familienmodelle, das Wesen eines Kinderwunsches (z.B. muss ich Kinder generell, auch fremde, toll finden, um einen authentischen Kinderwunsch haben zu dürfen?), die Erwartungen an Frauen, die Schattenseiten mancher feministischer Forderungen (nach Stärke, Unabhängigkeit, keinen Partner brauchen, Selbstverwirklichung,...) und vieles mehr. Bei mir wird das Buch emotional und gedanklich sicher noch einige Zeit nachwirken.

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Das innere Meer - nach innen blickend sieht man auch im Außen mehr

Die Kunst des InnSæi
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Innsaei - das innere Meer

Innsaei - nach innen sehen

Innsaei - von innen heraus sehen

Das alles ist das isländische Konzept Innsaei... und noch so viel mehr... und darum geht es in diesem besonderen ...

Innsaei - das innere Meer

Innsaei - nach innen sehen

Innsaei - von innen heraus sehen

Das alles ist das isländische Konzept Innsaei... und noch so viel mehr... und darum geht es in diesem besonderen Buch.

Für mich ist es etwas zutiefst Natürliches, in Kontakt mit meiner Intuition, meinem Bauchgefühl, meinem inneren Kompass zu sein. Doch begegne ich oft Menschen, denen das schwer fällt oder die gar nicht wissen, was damit gemeint sein könnte. Die sich hauptsächlich daran orientieren, was sie denken, und oft verwirrt sind, weil das logische Denken für alles unendlich viele Pro- und Kontra-Argumente finden kann. Schon lange frage ich mich, wie man diesen Menschen eine Brücke hin zu mehr Kontakt mit der eigenen Intuition bauen könnte, wenn sie sich das wünschen.

Dieses schöne Büchlein bietet mir diese Brücke. "Die Kunst des InnSaei" holt Menschen, die überwiegend im Mainstream-wissenschaftlichen Denken geprägt sind, genau dort ab und führt sie über Geschichten, kreatives Schreiben, Achtsamkeitsübungen und vieles mehr hin zu mehr Kontakt mit dem eigenen inneren Kompass.

Es ist kein komplett esoterisch-spirituelles Buch - zum Glück, denn sonst würde es auch niemanden abholen können, der oder die nicht eh schon sehr im Kontakt mit dem eigenen Fühlen ist - und die Autorin hat selbst studiert und ist mit modernen wissenschaftlichen Ansätzen sehr vertraut.

Im ersten Kapitel geht die Autorin darauf ein, was überhaupt InnSaei sein könnte und bezieht sich dabei auch auf aktuelle wissenschaftliche Studien zum Thema Intuition mit ein, die z.B. belegen, dass Fachwissen plus Erfahrung kombiniert mit Intuition in den meisten Bereichen die besten Ergebnisse erzielen. Dadurch zeigt sich auch, dass gute Intuition eben nicht nur aus dem Blauen heraus kommt, sondern durchaus oft in langjähriger Erfahrung verwurzelt ist, aus der das Unbewusste dann Erkenntnisse ableitet.

Im zweiten Kapitel geht es um die heilende Kraft der Intuition. Dabei bezieht sich die Autorin nicht nur auf wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre persönliche Geschichte sowie die Geschichten anderer Menschen, sondern auch auf antike Mythen wie z.B. die der Göttin Inanna und ihrer dunklen Schwester und Schattenseite Ereshkigal.

In den folgenden Kapiteln geht es um das innere Meer, das Meer in uns, und die Verbindung von allem auf dieser Welt miteinander sowie darum, von nach innen und dann wieder von innen nach außen zu blicken.

Insgesamt lädt das Buch dazu ein, uns wieder mehr mit unserem Inneren zu verbinden und zu erkunden, wer wir tief im Inneren wirklich sind, wer wir sein möchten und welche Spuren wir auf dieser Welt hinterlassen möchten. Sich darauf einzulassen, kann zutiefst Sinn stiftend sein und auch dabei unterstützen, dunkle Zeiten und tiefe Krisen zu überwinden.

Das hat die Autorin selbst erlebt, als sie in ihrer beruflichen Laufbahn und auch privat an einem Punkt angekommen war, an dem sich alles sinnlos anfühlte, und es aber geschafft hat, diesen zu überwinden, sich wieder mehr mit sich selbst zu verbinden, zu spüren, was ihr Weg ist und diesen mutig zu gehen. Dass sie das so ehrlich mit den Lesenden teilt, macht das Buch noch sympathischer und authentischer für mich.

Ich mag auch die vielen Journaling- und Achtsamkeitsübungen, die im Buch vorgestellt werden. Da ich mich mit diesen Themen schon ausführlich beschäftigt habe, kannte ich schon so einige, dennoch war noch einiges Neues dabei, z.B. das Aufmerksamkeits-Journal, in dem wir eingeladen sind, alles zu notieren, was unsere Aufmerksamkeit erweckt, darüber dann zu reflektieren, wiederkehrende Themen zu entdecken und so mehr über uns und unseren momentanen Blickwinkel auf die Welt zu lernen.

"Die Kunst des Innsaei" ist ein schönes Buch, geschrieben von einer in vielfältigen Feldern tätigen und umfassend gebildeten Autorin, die zeigt, dass sie weiß, wovon sie spricht. Im Buch wird auch ein Film zu dem Thema erwähnt, den sie gedreht hat und den ich mir nun unbedingt anschauen möchte. Ich kann das Buch also allen, die sich für Intuition, Kreativität, Sinnfindung und Persönlichkeitsentwicklung interessieren, wärmstens empfehlen.

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