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Veröffentlicht am 24.09.2024

Schottischer Noir vom Feinsten

Die April-Toten
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Glasgow war schon immer ein gefährliches Pflaster. Als dort und in der Umgebung zwischen 1970 und 1980 zahlreiche Kohleminen, Stahlwerke und Werften geschlossen wurden, führte dies zu Massenarbeitslosigkeit ...

Glasgow war schon immer ein gefährliches Pflaster. Als dort und in der Umgebung zwischen 1970 und 1980 zahlreiche Kohleminen, Stahlwerke und Werften geschlossen wurden, führte dies zu Massenarbeitslosigkeit und sozialem Elend. Im Gefolge davon kam es zu einem rasanten Anstieg der Kriminalitätsrate, was dazu führte, dass die schottische Großstadt schnell den Ruf hatte, „Crime Capital of Europe“ zu sein. Soweit der Hintergrund, vor dem Alan Parks Harry McCoy-Reihe einzuordnen ist, deren Startpunkt das Jahr1973 ist.

Mit „Die April-Toten“ sind wir im Jahr 1974 angekommen, und wie bereits der Titel verrät, konzentriert sich die Handlung auf den Zeitraum zwischen dem 12. und 22. April. Und natürlich sind alle wieder mit an Bord, die wir bereits aus den Vorgängern kennen: Harry, der durch ein Magengeschwür gesundheitlich angeschlagen ist. Wattie, mittlerweile stolzer Vater, der mit Schlafmangel kämpft. Murray, ihr Boss, der Wattie genau auf die Finger schaut, hat er ihm doch die Leitung in seinem ersten Fall, dem Mord an Jamsie Dixon übertragen. Dieser ein Handlanger von Harrys frisch aus dem Gefängnis entlassenen Freund und Unterweltgröße Stephie Cooper, was letzteren zum Auftraggeber gemacht haben könnte. Harry wäre hier als Leitender fehl am Platz, ist er doch Stephie gegenüber (meist) loyal. Auch wenn sie auf verschiedenen Seiten stehen.

Die Handlung ist komplex, wie von Parks gewohnt, und deckt wieder verschiedene Bereiche ab, zwischen denen es Zusammenhänge gibt. Ein amerikanischer Ex-Militär bittet Harry um Hilfe bei der Suche nach seinem Sohn, der spurlos von der US-Marinebasis am Holy Loch verschwunden ist. Ein junger Mann wird bei seinem Versuch, eine Bombe zu bauen, getötet, aber die Special Branch schließt die IRA aus. Ein dubioser Ex-Colonel, der junge Männer um sich schart, die ihm helfen sollen, seine Vision von einem besseren Schottland in die Tat umzusetzen. Ein Landhaus, in dem während einer Durchsuchung schockierendes Bildmaterial gefunden wird. Nicht zu vergessen Stephies Rachefeldzug gegenüber den illoyalen Mitgliedern seiner kriminellen Organisation.

Hochspannend, intelligent, mit sympathischen Charakteren und einer ausgeklügelten Story. Hart, stellenweise brutal und blutig, direkt in der Sprache (wie immer hervorragend übersetzt von Conny Lösch) und mit jeder Menge schwarzem Humor.

„Die April-Toten“ ist der vierte Band mit Harry McCoy und Co., und, wie die Vorgänger, astreiner schottischer Noir vom Feinsten. Damit man die Personen, ihre Entwicklung und ihre Beziehungen zueinander einordnen kann, empfiehlt es sich, die Reihe chronologisch zu lesen. Es lohnt sich. Unbedingt!

Veröffentlicht am 04.09.2024

Veni, vidi, solvi - Ich kam, sah und löste

Das größte Rätsel aller Zeiten
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Willkommen in Creighton Hall, Heimat der Gemeinschaft der Rätselmacher, einer Gruppe liebenswerter Sonderlinge, die eine Passion für die Erstellung von Knobeleien eint. Labyrinthe, Puzzles, Schiebekästchen, ...

Willkommen in Creighton Hall, Heimat der Gemeinschaft der Rätselmacher, einer Gruppe liebenswerter Sonderlinge, die eine Passion für die Erstellung von Knobeleien eint. Labyrinthe, Puzzles, Schiebekästchen, aber natürlich auch die Wortspiele, bei denen man um die Ecke denken muss, um die Lösung zu finden. Meisterin dieses Fachs ist die als Squire bekannte Pippa Allsbrook, verantwortlich für das herausfordernde Kreuzworträtsel in der Wochenendausgabe der Times (wer schon einmal versucht hat, es zu lösen, weiß wovon ich spreche). Und jene Pippa findet eines Nachts auf den Stufen des Hauses eine Hutschachtel, darin einen männlichen Säugling. Seine Herkunft ist auf die Schnelle nicht auszumachen, also nimmt sie sich dessen an, gibt ihm den Namen Clayton und sorgt fortan für ihn.

Jahrzehnte später, 25 Jahre sind vergangen, Clayton lebt noch immer in Creighton Hall und kümmert sich hingebungsvoll um die mittlerweile betagten Rätselmacher. Aber eine fehlt, denn Pippa, seine Ziehmutter ist gestorben. Aber selbst aus dem Grab heraus spürt er ihre Fürsorge, will sie ihn doch dazu ermutigen, den sicheren Kokon zu verlassen und in die Welt hinaus zu ziehen, um das Rätsel seiner Herkunft zu lösen. Und zu diesem Zweck hat sie ihm verschlüsselte Hinweise hinterlassen, die ihm schnitzeljagdmäßig Stück für Stück seinem Ziel entgegenbringen.

Samuel Burrs Debüt hat alles, was einen unterhaltsamen en glischen Roman auszeichnet, den man am liebsten in einem Rutsch lesen möchte: Eine liebenswerte Gemeinschaft, verbunden durch eine gemeinsame Passion. Ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Und nicht zuletzt die stimmige Atmosphäre eines britischen Landsitzes.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt und erhält so eine ganz besondere Dynamik. Vergangenheit und Gegenwart wechseln sich ab, wobei die Beschreibung der früheren Jahre nicht nur den Hintergrund der gemeinsamen Geschichte der Rätselmacher bildet sondern auch auf das Hier und Heute hinführt, in dem Clayton sich auf die Suche nach seinen Wurzeln begibt. Für ihn gilt es nicht nur, die kryptischen Hinweise zu seiner Herkunft zu entschlüsseln, sondern sich auch in einer Welt zurecht zu finden, die ihm bisher fremd war. Stück für Stück wächst er an den Herausforderungen, entwickelt Selbstvertrauen und wird erwachsen.

Ein wunderbares Buch über Freundschaft jenseits der Altersgrenzen, warmherzig, klug und mit liebenswerten Protagonisten, das nicht zuletzt dazu ermutigt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Nachtrag: Die eingeschobenen Rätsel fand ich allerdings nicht sonderlich herausfordernd, hätten gerne etwas raffinierter sein dürfen

Veröffentlicht am 22.08.2024

Die Dogs auf dem Weg nach Calais

Winterwölfe
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Die Schlacht von Crécy ist geschlagen, die Truppen König Edwards III. haben über die Franzosen gesiegt. Aber nicht alle von Loveday FitzTalbots „Essex Dogs“ haben überlebt, waren sie anfangs noch zu zehnt, ...

Die Schlacht von Crécy ist geschlagen, die Truppen König Edwards III. haben über die Franzosen gesiegt. Aber nicht alle von Loveday FitzTalbots „Essex Dogs“ haben überlebt, waren sie anfangs noch zu zehnt, hat die Gruppe aus Engländern, Walisern und Schotten mittlerweile ihren engen Zusammenhalt verloren und ist auf sechs Männer zusammengeschrumpft. Und auch der erhoffte Reichtum aus dem Feldzug ist ausgeblieben. Die Zahlmeister des Königs, von denen sie ihren wohlverdienten Lohn erhalten sollten, sind spurlos verschwunden oder tot, und alles, was sie an Wertvollem von den Toten auf dem Schlachtfeld erbeuten, müssen sie auf Anordnung des Königs abliefern. Und da sie nicht mit leeren Händen heimkehren wollen, fügen sie sich dessen Befehl und machen sich auf den Weg Richtung Calais, um die gut gesicherte Hafenstadt einzunehmen. Wie erwartet wird dieser Marsch allerdings kein Spaziergang, sondern entwickelt sich zu einer Mission, die Leib und Leben bedroht und einmal mehr von Entbehrung, Erschöpfung und blutigen Auseinandersetzungen geprägt ist.

Wie bereits in „Essex Dogs“ behält der Historiker Dan Jones die verbürgten Fakten im Blick und nutzt sie als Hintergrund für seine Trilogie, in der es nicht, wie leider viel so oft in historischen Romanen darum geht, höfische Pracht und ritterliche Gefühle zu feiern. Jones konzentriert sich auf die Schicksale derjenigen, die ganz am Ende der Nahrungskette stehen, die aus welchen Gründen auch immer ihr Leben in die Waagschale werfen, um ihr Auskommen zu sichern. Sie werden zu beliebig ersetzbaren Schachfiguren für die Könige und Feldherren. Allerdings sollte man auch deren Abhängigkeit von den Geldgebern nicht außer Acht lassen, die, sofern sie nicht über die nötigen Mittel verfügen, ihre Kriege finanzieren und im Hintergrund nicht nur Intrigen spinnen, sondern auch ihre Profitinteressen nicht aus dem Blick verlieren.

Aus dieser Verbindung von Fakten (am Ende des Buchs gibt es die zehnseitigen Anmerkungen des Historikers plus Literatur-Liste) und Fiktion entsteht so ein unterhaltsamer und fesselnder historischer Roman über eine von kriegerischen Auseinandersetzung geprägte Epoche des dunklen Mittelalters, der die Vorfreude auf den abschließenden Band der Trilogie schürt.

Veröffentlicht am 20.08.2024

Heiße Eisen

Paradise City
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In seinen Thrillern nimmt sich Jens Lapidus immer wieder gesellschaftlich relevanter Themen an, die aktueller nicht sein könnten. So auch in „Paradise City“, seinem neuesten Buch, in dem er ein düsteres ...

In seinen Thrillern nimmt sich Jens Lapidus immer wieder gesellschaftlich relevanter Themen an, die aktueller nicht sein könnten. So auch in „Paradise City“, seinem neuesten Buch, in dem er ein düsteres Bild von Schwedens Zukunft zeichnet. Allerdings könnte aber auch aus naheliegenden Gründen diese dystopische Story in einem x-beliebigen westeuropäischen Land verortet sein, sind doch die Herausforderungen, vor denen Politik und Gesellschaft aktuell stehen, überall nahezu gleich.

Worum geht es? In Stockholm nimmt die Kriminalität rasant zu, was im Wesentlichen der sozialen Ungleichheit und der wachsenden Zahl der Migranten zugeschrieben wird. Bandenkriege, Drogenhandel und Schießereien gehören zum Alltag, die Polizei richtet Sonderzonen ein, was allerdings nicht den gewünschten Effekt hat. Es bilden sich Parallelgesellschaften, die Gewalt eskaliert weiter, also zieht man, um die Bevölkerung zu schützen, hohe Mauern um diese Gebiete, deren Bewohner sie zukünftig nur noch nach intensiven Sicherheitskontrollen verlassen oder betreten dürfen. Zusätzlich werden strafverschärfende Maßnahmen eingeleitet. Nach drei Verurteilungen erhält der Bewohner eines sozialen Brennpunkts den Status eines BOP, was bedeutet, dass er zum einen den Anspruch auf die Sozialleistungen wie z.B. Krankenversicherung verliert, zum anderen nach dem vierten Verstoß lebenslänglich weggesperrt wird.

Eine dieser Sonderzonen ist Järva, Paradise City genannt, und ausgerechnet dort will die Innenministerin eine Wahlkampfveranstaltung abhalten. Natürlich kommt es, wie es kommen muss. Es gibt Tumulte, Handgemenge, Ausschreitungen, Verhaftungen. Schüsse fallen, und die Ministerin wird entführt, nicht zuletzt, weil ihre Personenschützerin sich an die Vorschriften des Regelwerks gehalten und nicht der Situation angemessen reagiert hat. So sehen es zumindest ihre Vorgesetzten.

Es steht außer Frage, dass man alles tun muss, um die Ministerin zu befreien. Fakt ist allerdings, dass die Offiziellen, in diesem Fall Sondereinheit und SÄPO, um Leib und Leben fürchten und sich nicht ins Innere von Paradise City trauen.

Unter den Verhafteten ist auch Emir, ehemaliger Mixed Martial Arts Kämpfer, mittlerweile bereits dreimal verurteilt, nierenkrank und auf regelmäßige Dialyse angewiesen. Um diese zu finanzieren treibt er Schulden ein und begeht mit Isak, seinem Freund aus Kindertagen, in Järva Raubüberfälle, bei denen reichlich Geld zu holen ist. Das war auch an diesem Tag geplant, hat aber in einer Katastrophe geendet. In dem Tumult trifft Emirs Kugel versehentlich den Kopf seines Freundes, Emir selbst wird verhaftet, inhaftiert und wartet nun auf seinen Prozess. Ihn guckt man sich für die Befreiungsaktion aus.

Hat er denn eine Wahl? Nein, zumal damit gedroht wird, Isak die notwendige Behandlung zu verweigern, was einem Todesurteil gleichkommt. Emir würde begnadigt, sein Status revidiert, was auch seine finanziellen Probleme lösen würde. Fünf Tage bleiben bis zur nächsten Dialyse, in diesem Zeitraum muss die Aktion abgeschlossen und die Ministerin befreit sein, andernfalls wird nicht nur Emir an Nierenversagen sterben.

„Paradise City“ ist ein dystopischer Thriller mit jeder Menge Action, der aber zugleich auch einiges an Denkanstößen durch die Fokussierung auf Themen bietet, die aktuell für unsere westlichen Gesellschaften relevant sind. Natürlich bleibt das eine oder andere Klischee nicht aus, vor allem dann, wenn es darum geht, die Verantwortlichen für die Entführung zu entlarven und zur Rechenschaft zu ziehen. Häufige Szenenwechsel sorgen für hohes Tempo und halten die Spannung auf einem konstant hohen Level. Auch wenn die Ähnlichkeiten von Ausgangslage, Setting und Hauptfigur mit John Carpenters Film „Die Klapperschlange“ kaum zu übersehen sind…ich habe Emir gerne auf seiner Mission begleitet, ihm die Daumen für einen erfolgreichen Abschluss gedrückt und mich über seine persönliche Entwicklung gefreut. Daumen hoch!

Veröffentlicht am 08.08.2024

Über Herkunft, Familie und das Verschwinden einer Klasse

Die Arbeiter
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Martin Becker schämt sich seiner Herkunft nicht. Im Gegenteil. Er setzt in seinem autofiktionalen Roman „Die Arbeiter“ seiner Familie, stellvertretend für die Arbeiterklasse, ein Denkmal. Berührend und ...

Martin Becker schämt sich seiner Herkunft nicht. Im Gegenteil. Er setzt in seinem autofiktionalen Roman „Die Arbeiter“ seiner Familie, stellvertretend für die Arbeiterklasse, ein Denkmal. Berührend und voller Emotionen schreibt er über (s)ein Aufwachsen in einer Familie, die zu kämpfen hat.

Der Vater Bergmann, die Mutter Näherin. Vier Kinder, eines davon adoptiert und lebenslang auf Hilfe angewiesen. Das Geld ist knapp, aber vielleicht hat ja die Lottofee irgendwann ein Einsehen. Wenigstens müssen sie keine Miete zahlen, auch wenn die Schulden für das kleine Reihenhaus selbst nach dem Tod noch nicht komplett getilgt sind. Das bisschen Wohlstand auf Pump erkauft. Wenn das Geld reicht, das jährliche kleine Glück. Eine Woche Urlaub am Wattenmeer. Nicht in einem schicken Hotel, sondern in einer schlichten Ferienwohnung. Viel Bier, Kurze und Kippen, billiges Fleisch auf dem Tisch.

Ein Leben, in dem man sich jeden Tag krumm legt, und das in Gestalt eines frühen Todes seinen Tribut fordert: „Das waren wir. Eine Familie aus der Vergangenheit. Aus der Kleinstadt, aus dem Reihenhaus. Das nie ganz uns gehörte. Wie alles. Ohne Geld, mit geringer Lebenserwartung. Arbeit taktet die Tage durch, bis sie stottern, bis sie gezählt sind.“ (S. 11)

Heute würde man diese Lebensumstände prekär nennen, damals waren sie in Arbeiterfamilien fast schon normal. Und so erinnert Becker nicht nur seine eigene Familiengeschichte, sondern erzählt auch von einer Klasse, die im Aussterben begriffen ist. Unter anderem, weil viele der typischen Arbeitsplätze in Bergbau und Schwerindustrie verschwunden sind, aber auch, weil die Automation in vielen Bereichen Einzug gehalten hat.

Martin Beckers Roman ist eine Geschichte des Erinnerns und des Abschiednehmens, voller Liebe und Melancholie. Keine Verklärung von Herkunft und Mangel à la „wir waren zwar arm, aber glücklich“, sondern ein wertfreies Betrachten aus der Distanz. Er versteht, denn auch wenn er qua Bildung den „Aufstieg“ geschafft, die Vergangenheit vordergründig hinter sich gelassen und Frieden mit ihr geschlossen hat, ist es ihm doch bewusst, dass er diese nie ganz abstreifen kann. Sie hat sich tief in ihm eingebrannt hat und wird immer ein Teil von ihm bleiben. Und das ist auch gut so.