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Veröffentlicht am 26.09.2024

Letzte Worte

Ein Schritt ins Leere
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Der junge Pfarrerssohn Bobby ist leider ein ziemlich miserabler Golfspieler. Als er wiedereinmal auf der Suche nach einem verschlagenen Ball ist findet er einen verunglückten Mann, der anscheinend im Nebel ...

Der junge Pfarrerssohn Bobby ist leider ein ziemlich miserabler Golfspieler. Als er wiedereinmal auf der Suche nach einem verschlagenen Ball ist findet er einen verunglückten Mann, der anscheinend im Nebel von den Klippen gestürzt ist. Während sein Begleiter Hilfe holt bleibt Bobby bei dem Mann und wird so Zeuge seiner letzten kryptischen Worte - "Warum habe sie nicht Evans geholt?". Der Fall wird schnell als Unglück zu den Akten gelegt und auch für Bobby ist die Sache erledigt, aber dann kommen ihm Zweifel.

In diesem Krimi von Agatha Christie ermitteln mal keine ihrer bekannten Figuren, Miss Marple, oder Hercule Poirot, sondern ein unbeteiligter Zeuge wird durch die Ereignisse in den Kriminalfall hineingezogen. Entsprechend laienhaft fallen die Ermittlungen aus, was allerdings Figuren und Leser ziemlich dicht zueinander bringt. Es ist ziemlich spannend, wenn man irgendwelche Überlegungen anstellt und beim Umblättern feststellt, dass hier genau die gleichen Überlegungen angestellt, die gleichen Schlüsse gezogen werden und auch ziemlich frustrierend, wenn wiederum ein paar Seiten weiter all diese Überlegungen ad absurdum geführt werden.

Generell ist dieser Fall einer der zwar sehr zum mitkriminalisieren einlädt, der aber so viele Möglichkeiten und falsche Spuren bietet, dass es einen wahnsinnig macht. Immer wenn Bobby und seine Mitstreiterin Frankie glauben den Fall gelöst zu haben, kann man sicher sein, dass die Beiden vollkommen daneben liegen mit ihren Verdächtigungen.

Ihrem üblichen Muster folgend führt AC einen überschaubaren Personenkreis ein, in dessen Mitte auch der Täter zu finden sein muss. Hauptfiguren sind hierbei, wie bereits erwähnt Bobby, Sohn eines Pfarrers ohne rechte Ziele im Leben und seine Sandkastenfreundin Frankie, eine waschechte Lady, die in ihrem priviligierten Leben recht schnell gelangweilt scheint und die Mörderjagd als willkommene Abwechslung sieht. Beide Figuren sind mir nur bedingt sympatisch, wobei ich mit Frankie und ihrem Leichtsinn noch etwas mehr gehadert habe. Bobby wird leider etwas widersprüchlich dargestellt, mal hat er heldenhaft die Situation unter Kontrolle und mal wirkt er neben Frankie wie ein etwas naives Landei.

Ich muss ehrlich zugeben, dass AC hier nicht ihre beste Arbeit abgeliefert hat und mehr als einmal habe ich die blasierte Art von Poirot, oder die ruhige Gelassenheit von Miss Marple vermisst. Die Geschichte erweist sich zum Ende hin als stark konstruiert, vieles wirkt, als wäre es extra so hingebogen, damit es zur Auflösung passt. Als Fan der Autorin verzeiht man ihr aber so was gern mal. Trotzdem hat mich der Fall gut unterhalten, was sicher auch daran lag, dass ich das Buch innerhalb einer Leserunde gelesen habe. Allein die finale Auflösung, die es in jedem AC Krimi gibt (das Versammeln aller Verdächtigen und die minutiöse Aufarbeitung der Geschehnisse) hat dem ganzen nochmal einen kleinen Dämpfer verpasst. Was sich die Autorin hierbei gedacht hat werden wir nie erfahren.

Ein Schritt ins Leere ist definitiv kein Buch, mit dem sich Neulinge an das Werk der Queen of Crime herantasten sollten. Da gibt es Besseres. Für Fans der Autorin ist das Buch mit seiner eher untypischen Art aber ein Muss.

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Wiedersehen mit Miss Marple

Miss Marple
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Miss Marple ist wohl eine der bekanntesten Hobbydetektivin der Literatur. In 16 Büchern ermittelt die alte Dame auf ihre unvergleichliche Art, ihre Figur und der Stil der Autorin sind noch heute Vorbild ...

Miss Marple ist wohl eine der bekanntesten Hobbydetektivin der Literatur. In 16 Büchern ermittelt die alte Dame auf ihre unvergleichliche Art, ihre Figur und der Stil der Autorin sind noch heute Vorbild für viele Krimiautor*innen. Hier nun huldigen zwölf von ihnen der Queen of Crime, Agatha Christie und interpretieren Miss Marple auf ihre ganz persönliche Art.

Der Leser begleitet die alte Dame so zum Beispiel auf einer Reise nach New York, trifft sie aber auch in ihrem Heimatort St.Mary Mead, immer dabei viele, ebenfalls aus den Originalbüchern bekannte Figuren, wie ihr Neffe Raymond, oder Colonel Bantry. Die verschiedenen Autoren greifen auf Bekanntes zurück und ziehen oft Querverweise zu anderen Fällen. Wer die Krimis um Miss Marple kennt, wird sich hier direkt wohl und wertgeschätzt fühlen. Es wird so eine Verbindung zum Original geschaffen, man hat nicht das Gefühl etwas völlig Neues zu lesen, für mich ist dies ein Zeichen von Respekt.

Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass einem als Leser nicht unbedingt jede Geschichte gleich gut gefällt. Ich habe mich bei allen gut unterhalten gefühlt. Bei Einigen konnte man tatsächlich vergessen, dass sie nicht von Agatha Christie selbst geschrieben wurden. Bei Anderen spürte man es eher. Fans von AC werden gewisse Nuancen erkennen, auch sind die Geschichten im Ton moderner, spielen natürlich einige Zeit später als die Originale und das wird auch thematisiert.

Ich habe mich definitiv gut unterhalten gefühlt. Aufgrund ihrer Kürze sind die Geschichten schnell zwischendurch weggelesen, allerdings fehlt dadurch, das in den Romanen mögliche, mit kriminalisieren. Ich würde das Buch definitiv Fans als Ergänzung empfehlen, aber auch solchen Krimilesern, denen die Originale vielleicht zu angestaubt und konstruiert sind. Diese kommen so der sympathischen alten Dame vielleicht etwas näher und entdecken so wie zeitlos die Krimis von AC letztlich sind.

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Zwischen Dort und Hier

Als wir Schwäne waren
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Reza wird im Iran geboren und kommt schon früh mit seinen Eltern nach Deutschland. In einer typischen Hochhaussiedlung im Ruhrgebiet findet die kleine Familie ihr neues Zuhause, ihre neue Heimat, doch ...

Reza wird im Iran geboren und kommt schon früh mit seinen Eltern nach Deutschland. In einer typischen Hochhaussiedlung im Ruhrgebiet findet die kleine Familie ihr neues Zuhause, ihre neue Heimat, doch wie Heimat fühlt es sich nicht an.

Ich hatte bereits viel über Behzad Karim Khanis erstes Buch gehört, es aber noch nicht gelesen. Als ich dann im Rahmen einer Leserunde die Möglichkeit bekam, seinen neuen Roman zu lesen, war ich begeistert. Kahni schreibt unglaublich, seine erzählerische Kraft ist in jedem Wort, in jedem Satz zu spüren. Sein Stil ist mitreißend, sehr direkt, klar, schonungslos, auf den Punkt und zeugt von einer guten Beobachtungsgabe. Eine Beobachtungsgabe, wie sie auch seine Hauptfigur Reza zu haben schein.

Der Roman erzählt von Kindheit und Jugend im sozialen Brennpunkt. Eine heruntergekommene Siedlung am Stadrand, die meisten Deutsche, die früher hier lebten sind längst weggezogen, haben sich "weiterentwickelt" zu ihrem kleinbürgerlichen Leben mit Reihenhaus und eigenem Auto. Zurückgeblieben sind Familien wie die von Reza, eine aus verschiedenen Nationalitäten und Religionen zusammengewürfelte Gemeinschaft, in denen man meist für sich bleibt. Selbst die Kinder bilden nur Zweckgemeinschaften, um irgendwie dem Alltag zu entfliehen, der nicht selten bestimmt ist von Armut und Gewalt.

Gewalt zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Man beobachtet sie in den Familien, in der Schule, unter den Kindern und es ist erschreckend, wie schnell sie als Lösung für Alles etabliert wird. Woher diese Gewaltbereitschaft gerade bei Reza kommt bleibt leider unklar, vorgelebt wird ihm eigentlich etwas ganz anderes von seinen Eltern. Speziell vom ruhigen, eher resignierten Vater. Der Leser kann nur vermuten, warum Reza sich entwickelt wie er es eben letztlich tut, warum Gewalt und Kriminalität seine Antwort sind. Leider lässt der Autor hier vieles im Dunkeln, dadurch bleibt Reza für den Leser immer auf Distanz, man versteht sein Handeln oft nicht. Die wenigen Erklärungen, die gegeben werden scheinen oft nicht unbedingt stimmig, laufen meist darauf hinaus, dass immer die Anderen Schuld sind, dass das System einen im Stich lässt, dass die Vorurteile zu groß sind, dass einem keine andere Wahl gelassen wird. Da sind die Berufsabschlüsse der Eltern aus dem Iran, die in Deutschland nicht anerkannt werden und dem Vater nur eine Arbeit als Taxifahrer lassen, oder die deutsche Nachbarin, die aus dem Fenster auf die Kinder einbrüllt, damit die direkt lernen, dass hier in Deutschland Zucht und Ordnung herrschen. Das beginnt mit unterschiedlichen Ansichten zum Thema Respekt und endet mit Unverständnis zu den verschiedensten Eßgewohnheiten.

Der Autor hat es auf unvergleichliche Weise geschafft, einen Lebensweg zu zeigen, wie er stellvertretend für viele Geflüchtete steht. Während der Lektüre bin ich zwischen den verschiedensten Emotionen hin und her geschwankt. Ich war traurig, erschrocken, geschockt, war man am Anfang des Buches noch voller Verständnis und Mitgefühl für den kleinen entwurzelten Jungen, wurde man später nur noch wütend. Eine Wut, die mir unangenehm ist, die sich aber leider in jener Wut widerspiegelt, die derzeit in großen Teilen der Bevölkerung zu spüren ist. Zu diesem Punkt wurde dann auch innerhalb der Leserunde sehr intensiv diskutiert und es wurde einmal mehr klar, dass es einen unglaublichen Redebedarf auf beiden Seiten gibt. Khani hat eine Geschichte niedergeschrieben, die die Leser unglaublich polarisiert.

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Veröffentlicht am 01.09.2024

Vater, Ehemann, Killer

Der Profi
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Kabuto ist ein eher unscheinbarer, ruhiger Vertreter für Schreibwaren und stets bemüht seiner Ehefrau so wenig wie möglich zur Last zu fallen. Doch Kabuto hat noch eine andere Seite, eine Seite von der ...

Kabuto ist ein eher unscheinbarer, ruhiger Vertreter für Schreibwaren und stets bemüht seiner Ehefrau so wenig wie möglich zur Last zu fallen. Doch Kabuto hat noch eine andere Seite, eine Seite von der seine Familie nichts ahnt, er ist Auftragskiller und zwar ein ziemlich guter.

Der Profi ist das vierte auf deutsch erschienene Buch des erfolgreichen japanischen Autors, das dritte, das ich bisher von ihm gelesen habe. Ich bin durch Bullet Train auf den Autor aufmerksam geworden und war direkt von seinem Stil fasziniert. Wie alle Figuren in Kotaro Isakas Büchern ist auch die von Kabuto ziemlich besonders, oder besser speziell. Auf der einen Seite der stille, fast duckmäuserische Ehemann und Vater, der nach einem Mitternachtssnack sucht, der möglichst keine Geräusche beim essen verursacht, damit die schlafende Ehefrau nicht geweckt wird. Auf der anderen Seite der analytisch und brutal vorgehende Killer, der im Auftrag des "Arztes" besonders schwierige "Operationen" durchführt. Dadurch das er selbst Familie hat macht er sich immer öfter Gedanken über seine Opfer, die ja auch irgendjemandes Kind, Ehepartner, Elternteil sind und letztlich will er aussteigen und seinen Job aufgeben.

Das Buch erzählt Kabutos Geschichte vor und nach seinem Tod. Während im ersten Teil Kabuto selbst zu Wort kommt, der Leser quasi seinem eigenen inneren Monolog lauscht und Szenen seiner Ehe und seiner Arbeit mitverfolgt, tritt im zweiten Teil mehr sein Sohn, mittlerweile selbst Vater eines kleinen Sohnes, in den Fokus.

Gerade im ersten Teil hatte ich Schwierigkeiten ins Buch zu finden, die Geschichte konnte mich nicht richtig packen, weil ihr der Witz und die Leichtigkeit fehlt, den ich aus den anderen Büchern kenne. Kabuto ist so ein ganz anderer Held als beispielsweise Lemon und Tangerine, aber wie er dann sein Gewissen entdeckt und mehr und mehr mit seiner "Arbeit" hadert, wird er dem Leser sympatisch. Tatsächlich habe ich meine Meinung über ihn im Verlauf des Buches geändert.

Für mich kann das Buch nicht ganz mit seinen Vorgängern mithalten, natürlich findet man stellenweise gut dosierten Humor, aber im Großen und Ganzen ist das Buch eher nachdenklich und melancholisch, durchzogen mit einigen blutigen Szenen. Mir persönlich haben die eingestreuten Hinweise auf Figuren und Ereignisse der anderen Bücher sehr gefallen, die Welt der Profikiller ist eben klein. Hier wurde eindeutig an die treue Leserschaft des Autors gedacht, es ist aber trotzdem nicht zwingend nötig die anderen Bücher zu kennen.

Mit der Bewertung habe ich etwas gehadert, anfangs schienen mir vier Sterne zu viel, drei allerdings wieder zu wenig, so würde ich letztlich wohl gute 3,5 vergeben, wenn das möglich wäre.

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Veröffentlicht am 30.07.2024

Viele Verdächtige

Das Sterben in Wychwood
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Ex Polizist Luke Fitzwilliam möchte auf dem Bahnsteig nur kurz nach den Rennergebnissen in der Zeitung schauen und schon ist sein Zug weg. Muss er halt den Nächsten nehmen und in dem trifft er auf eine ...

Ex Polizist Luke Fitzwilliam möchte auf dem Bahnsteig nur kurz nach den Rennergebnissen in der Zeitung schauen und schon ist sein Zug weg. Muss er halt den Nächsten nehmen und in dem trifft er auf eine recht redselige alte Dame, die ihn sehr an seine unzähligen Tanten erinnert. Sie erzählt ihm eine etwas hahnebüchene Geschichte über mehrere Morde in ihrem beschaulichen Städtchen und das sie nun auf dem weg zu Scotland Yard ist. Kurz darauf liest Luke von ihrem Unfalltod in der Zeitung, ebenso von dem einer der Personen, von denen sie während der Zugfahrt erzählt hat.

Der Krimi bietet wieder ein typisches AC Setting, direkt zu Beginn werden wichtige Personen dem Leser vorgestellt und schon gibt es den ersten Todesfall innerhalb einer Dorfgemeinschaft. Die Hauptfigur wird eher zufällig in das Geschehen hineingezogen und beginnt die Ermittlungen. Hier kommt mal keine von ACˋs bewährten Ermittlerfiguren zum Zug, nur Inspector Battle hat ganz am Ende einen kleinen Gastauftritt.

Verdächtige gibt es in dieser Geschichte wie Sand am Meer, was das Mitkriminalisieren für den Leser nicht leichter macht. Da sich die Zeugin Miss Pinkerton vor ihrem Tod recht vage und geheimnisvoll ausgedrückt hat, kann man über Motiv und Täter lange nur spekulieren. Die Autorin schafft es wieder auf ihre ganz spezielle Weise falsche Spuren zu legen und irgendwie jede der Figuren an einem gewissen Punkt der Geschichte verdächtig erscheinen zu lassen, ohne das man konkrete Anhaltspunkte nennen könnte.

Absolut typisch kommt die Auflösung klassisch, als Geständnis des Täters, zum Schluss und man muss einmal mehr den Hut ziehen angesichts dieser Auflösung, die ebenso überraschend, wie schlüssig ist. Immer wieder frage ich mich an diesem Punkt, ob AC direkt zu Beginn des Buches schon genau dieses Ende im Sinn hat und einfach Alles passend "hinbiegt", oder, ob sich die Geschichte im Verlauf verändert und der Täter/die Täterin für die Autorin genauso überraschend kommt wie für den Leser.

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