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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.01.2025

Witzig und mit Freude an der Sprache

Widder Willi will aber!
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Oh ja, schon auf dem Cover zeigt sich das kleine Widderlamm von seiner trotzigen und mutwilligen Seite. Widder Willis recht sture Stimmung erkennt man deutlich an seiner Mimik und den verschränkten „Armen“. ...

Oh ja, schon auf dem Cover zeigt sich das kleine Widderlamm von seiner trotzigen und mutwilligen Seite. Widder Willis recht sture Stimmung erkennt man deutlich an seiner Mimik und den verschränkten „Armen“. Wer genau hinschaut, kann auch schon einen weiteren Protagonisten der Geschichte entdecken. Genau, da schaut keck ein Steinbock-Kitz herab.

Widder Willi schiebt seine schneckenförmigen Hörner, was gelegentlich heftig juckt und missmutig stimmen kann. Gleich als die Erzählerin ihn vorstellen möchte, grätscht Willi bereits dazwischen. Das ist witzig und ungewöhnlich, zeigt aber deutlich Willis Stimmungslage.

Ja, Widderlamm Willi befindet sich ganz offensichtlich mitten in seiner Trotz- und Autonomiephase. Die vorlesenden Eltern nicken wissend und die Kinder können es Willi bestens nachfühlen.
Eigentlich sind die erwachsenen Schafe durchaus bereit, Willi mit einzubeziehen, mit ihm zu spielen, Gutes zu tun. Aber sie haben es schwer, es Willi auch recht zu machen. Dann bekommt eben das Gatter einen groben Tritt ab und Opa hat es am Ende im Kreuz. Der kleine Hornträger hat heute seinen „Widderwilli“-Tag, an dem alles nach seinen Wünschen laufen soll.

Schließlich bricht über und in Willi ein heftiger Gewittersturm aus, weil sich die Welt einfach nicht nach seinen Wünschen richten mag.
Doch Widder Willi bleibt nicht einsam in seiner Rotz- und Regenpfütze. Er lernt den kleinen Steinbock „Hörnchen“ kennen, der, wir ahnen es, vor allem bockig ist, ein „Keinbock“ wie Willi feststellt.

Ob den beiden der onkelhafte Ratschlag hilft, dass sie mal über ihren Schatten springen sollen? Was die beiden nun zusammen anstellen, ist der reinste Spaß für die große und kleine Leserschaft. Denn mit viel Freude an der Bewegung, an der Sprache, am gemeinsamen Tun und viel Humor ist Trotz, Sturheit und Unlust rasch vergessen.

Fazit:
Was für ein herrliches Buch für die drei- bis fünfjährigen Kinder und die dazugehörigen Erwachsenen. Die fröhliche, humorvolle Sichtweise und der ausgeprägte Sprachwitz werden allen großen Spaß machen. Der Erzählstil ist sehr abwechslungsreich vom Eingreifen des kleinen Widders in die Erzählhaltung bis zu den Sprechblasen, die auch die kleinen gehörnten Trotzköpfe ganz direkt zu Wort kommen lassen.

Mir hat besonders gut gefallen, dass ganz direkt Redewendungen aufgegriffen und hinterfragt werden, die einem als Erwachsenen Kindern gegenüber gelegentlich über die Lippen kommen. Rasch wird einem klar, wie wenig diese den Kindern sagen. Am Ende muss man als Erwachsener selber überlegen, woher besagtes Sprichwort überhaupt kommt und was es eigentlich aussagt. Wie schön, dass es da eine ganz lustige überraschende Lösung gibt.
Toll, dass nicht nur die Kinder angeregt werden, sich in die anderen Personen hineinzuversetzen. Sondern auch die Erwachsenen dürfen schmunzeln, eigene Positionen und Aussagen überdenken.
Willi und Hörnchen zeigen, wie man offen für neue Begegnungen und kreative Lösungen sein kann.
Die zauberhaften Illustrationen haben warme, gebrochene und angenehme Farbtöne. So herrlich kommen die Stimmungslagen der Tiere zur Geltung. Ein Genuss!

Ganz kleiner Kritikpunkt: Warum muss wieder die Mutter die Sanfte sein, die Träumelein aus dem Bäumelein schüttelt? Das war mir doch etwas zu klischeehaft.
Auf jeden Fall bekommt man Lust, Widder Willi und seinen neuen Freund den Steinbock Hörnchen wieder zu treffen. Und tatsächlich gibt es demnächst eine Fortsetzung, die neugierig macht.

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Veröffentlicht am 29.11.2024

Die Zuflucht in eisiger Höhe

Über allen Bergen
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Dieser Roman hat mich sehr überrascht, weil meine Erwartungshaltung eine gänzlich andere war, als das, was das Buch mir am Ende schenkte.

Der zwölfjährige Vadim aus Paris ist väterlicherseits jüdisch-russischer ...

Dieser Roman hat mich sehr überrascht, weil meine Erwartungshaltung eine gänzlich andere war, als das, was das Buch mir am Ende schenkte.

Der zwölfjährige Vadim aus Paris ist väterlicherseits jüdisch-russischer Herkunft. 1942 wird die Lage für die Familie im von Nazi-Deutschland besetzten Paris äußerst gefährlich. Der russischstämmige Vater, ein Schuhmacher, hat sich mit seinen Arbeitsgeräten anfangs in die eigene Wohnung zurückgezogen, nun muss er untertauchen. Mutter Sophie flüchtet sich mit dem Sohn zu ihrer Arbeitsstelle bei der wohlsituierten Familie Dorselles. Diese besorgt dem asthmakranken Vadim eine Möglichkeit, aus der akuten Gefahrenzone zu entkommen.
Dafür wird aus Vadim kurzerhand Vincent Dorselles, so der Name des Sohnes der Familie, der im Internat lebt. Unter diesem Namen reist er Richtung französische Alpen. Vadim aka Vincent hat bislang Paris noch nie verlassen. Doch nun muss er nicht nur die große Stadt, sondern auch sämtliche Bindungen und sein altes Ich hinter sich lassen.

Auf der zunehmend winterlich werdenden Zugfahrt wird er von einer Ordensschwester begleitet. Ziel ist das letzte Dorf des Chamonix-Mont-Blanc-Tals, unweit der Schweizer Grenze. Vallorcine („Bärental“) ist eigentlich eine Ansammlung mehrerer kleiner Weiler am Fuße der Aiguilles Rouges. Das abgelegene Tal ist nur über den Bergpass über den Col des Montets zu erreichen. Im Winter sind Straßen und Wege aufgrund der Lawinengefahr meist unpassierbar.

Vadims/ Vincents Zug sollte eigentlich durch den (damals noch recht neuen) Eisenbahntunnel zwischen Montroc und Vallorcine fahren. Doch dieser ist durch einen Lawinenabgang unpassierbar. Die Nonne atmet auf: ein Mitglied der Familie, die den Jungen aufnehmen wird, übernimmt ihn am letzten Eisenbahnhalt. Nun beginnt das Bergabenteuer des Jungen mit dem anspruchsvollen Aufstieg in das abgeschiedene Tal durch Schnee und Eis – und zu Fuß durch den Eisenbahntunnel.

Man ahnt, warum der Roman in drei große, nach Farben benannte Teile eingeteilt ist. Er startet mit „weiß“, denn im Tal hat der Winter mit Eis, Schnee und Lawinen das Regiment übernommen. Nun erleben wir, wie der Junge sich mit „Vincent“, seinem neuen Ich, arrangiert und in die familiäre und dörfliche Gemeinschaft eintaucht. Mit ihm lernen wir, wie man in vollkommener Abgeschiedenheit unter diesen harten Lebensbedingungen im Winter (über)lebt.

Vom Krieg, der Verfolgung, den Gräueltaten bekommen wir hier, im Winter abgeschnitten von der Zivilisation, nichts mit. Auch wenn später das Weiß schwindet und das Grün der Natur sich die Bahn bricht, ist das Zeitgeschehen ein schwaches Hintergrundrauschen. In Vincents Welt sind vor allem die Geborgenheit in seiner Ersatzfamilie, der Zusammenhalt in der dörflichen Gemeinschaft, die atemraubende Natur der Bergwelt und die Entwicklung des Jungen wichtig.

Drei Jahreszeiten lang, die weiße, grüne und gelbe, dürfen wir mit Vincent in das Leben der Bergbewohner eintauchen. Fast wird Vincent einer der Ihren. Braungebrannt und kräftig lernt er mit den Tieren und den anstehenden Arbeiten auf dem Land umzugehen und teilt die Initiationsriten der Jugendlichen. Er atmet endlich wieder gesund und frei und öffnet sich ganz der Natur um ihn herum.

Fazit
Die Geschichte wird ganz aus der Sicht des Jungen Vincent/ Vadim erzählt. Der Junge nimmt seine Umwelt hochsensibel wahr, verknüpft Worte und Dinge mit Farbwahrnehmungen und verfügt über eine bemerkenswerte künstlerische Begabung. Das ist natürlich auch für uns Lesende ein besonderes Erlebnis, die Natur der Berge und ihre Bewohner durch seine Augen betrachten zu können.

Auf jeden Fall ist dieser Roman auch eine „Coming of age“ – Erzählung, ein Entwicklungsroman. Wir haben vor Augen, wie Vincent äußerlich, wie auch innerlich wächst und sich verändert. Sein Hineinwachsen in sein Dasein als „Vincent“ ist beeindruckend. So wird er zu einem sehr authentischen Charakter.

Die anderen Charaktere des Buches sehen wir mit Vincents Augen. Moinette, seine 10 jährige Begleiterin, hat etwas von einem kleinen Kobold. Vincent weiß zu schätzen, dass sie ihm ohne Vorbehalte alles was er wissen musste eröffnet und geschenkt hat. Auch die anderen Charaktere werden von Vincent liebevoll dargestellt und skizziert. Die Vallorcins wachsen einem rasch ans Herz.

Die Handlung spielt 1943 mitten im 2. Weltkrieg, doch in dem Bergtal scheint die Zeit still zu stehen oder das Tal wäre wie aus der Zeit gerissen. Aber wie Vincent/ Vadim, der es in Paris hautnah erlebt hat, und die Bewohner*innen des Tales sind wir uns stets dessen bewusst, was außerhalb des Tales geschieht.
Mit dieser Bedrohungslage im Hinterkopf können wir uns dennoch wie auch der Junge auf die Schönheiten und Besonderheiten dieser wildromantischen, wunderschönen, aber auch oft bedrohlichen Berglandschaft einlassen. Durch Vincents Augen sehen wir förmlich die eindrücklichen Panoramen, die das Tal umgeben. Wir erfahren auch die Härte des Alltags, die schon viele aus dem Tal hat flüchten lassen.

Als besonders eindrücklich habe ich die Sprache empfunden: so bildhaft und poetisch, manchmal auch sehr philosophisch. Ein wirkliches Meisterwerk, aus dem Französischen perfekt ins Deutsche übersetzt.

„Manchmal entsteht ‚Zukunft‘ erst im Nachhinein, nachdem ein Datum das Ende der Geschichte besiegelt hat. …. Für sein erfundenes Leben als Vincent ist kein Ende vorgesehen, eine Rückkehr nach Paris steht in den Sternen, der Krieg und der Winter können hundert Jahre dauern oder tausend, und vielleicht bleibt Vincent für immer hier.“ S. 153

Ein empfehlenswertes, sehr besonderes Buch, das mich sehr positiv überrascht hat.

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Veröffentlicht am 26.09.2024

Berührendes Buch über die geretteten jüdischen Wiener Kinder

Suche liebevollen Menschen
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1938 war in der englischen Zeitung “The Manchester Guardian” eine schmale Anzeige zu lesen: “I seek a kind person who will educate my intelligent Boy, aged 11”. Ähnlich lautende Anzeigen standen daneben. ...

1938 war in der englischen Zeitung “The Manchester Guardian” eine schmale Anzeige zu lesen: “I seek a kind person who will educate my intelligent Boy, aged 11”. Ähnlich lautende Anzeigen standen daneben. Wer steckte hinter diesem Gesuch? Es war die Wiener Familie Borger, die auf dem Wege ihren Sohn Robert (gerufen Bobby) vor dem Zugriff der Nazis retten wollte.

Und tatsächlich, es hat gottseidank funktioniert. Mit Vermittlung des Jüdischen Netzwerkes gelangte Robert in die liebevolle Obhut von Mr and Mrs Bingley, einem Lehrerehepaar aus Nord Wales.
Es war ein längerer Weg, bis der spätere Sohn dieses elfjährigen „Bobby“, der Autor des vorgestellten Buches Julian Borger, diese und weitere Anzeigen fand. Julian Borger war früher Auslandskorrespondent, Kriegsberichterstatter und ist heute Leiter des Außenpolitik-Ressorts des »The Guardian«. 2014 wurden er und sein Team mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Er bringt also genug Erfahrungen mit, sich auf die Spuren der Vergangenheit zu begeben.

Als er 2021 diese Anzeige fand, war sein Vater längst verstorben, ohne viel über seine Kindheit gesprochen zu haben. Julian Borger begann das Leben seines Vaters zu recherchieren und stieß dabei auf viele Unterlagen und Informationen, über die er und seine Familie vorher nichts wussten. Auch das Schicksal der Kinder aus den anderen Anzeigen begann er in Zuge der Recherche zu erkunden. Gemeinsam war ihre Herkunft: Wien. Der Blick in das Wien des Jahres 1938 lässt uns erschüttern.

Es gab zwei kritische Daten, die als Warnung dienten, zum einen der „Anschluss“ am 13. März 1938: Hitlers Annexion Österreichs, und zum anderen die sogenannte „Kristallnacht“, das Pogrom am 9. und 10. November 1938, als die Nazi-Horden die Fenster jüdischer Häuser in Deutschland und Österreich einwarfen, jüdische Geschäfte, Synagogen, Privathäuser plünderten und brandschanzten, Menschen verprügelten, verhafteten, verschleppten und ermordeten. Fast alle von Wiens 22 Synagogen wurden dabei niedergebrannt. Als Mensch jüdischen Glaubens auf die Straße zu gehen, war ein Spießrutenlauf und lebensgefährlich.
Bobbys Vater Leo Borger versäumte keine Zeit und gab die Anzeige für seinen Sohn am 3. August 1938 auf. Daneben stand jene von Gertrude Langer, 14 Jahre alt. Ein anderer Junge, der 16jährige Siegfried Neumann musste dies selber tun, sein Vater wurde in Dachau ermordet.

Viele verzweifelte, vorausschauende jüdische Eltern versuchten, ihre Kinder vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Diese Anzeigen waren eine Möglichkeit, um den Kindern ein Überleben in der Fremde zu sichern. Ob man sich je wiedersehen würde, war ungewiss und unwahrscheinlich. Die letzte Hoffnung waren die bekannten Kindertransporte, die 1938 bis zum Kriegsausbruch 1939 Kinder in rettende Ausland bringen konnten.
Im Laufe des Buches stehen wir mit dem Autor in der Haupthalle des Wiener Westbahnhofs, von wo die Kindertransporte 1938/39 und auch die Reise von Bobby Borger begannen. Heute erinnert hier die Bronzestatue eines kleinen, ängstlichen jüdischen Jungen daran, der auf einem Koffer sitzt. Genau denselben schleppte auch der Vater des Autors durch den Bahnhof und sein späteres Leben.

Julian Borger brauchte noch den Trigger eines beruflichen Zusammentreffens mit einer Frau, die wie er Nachkomme eines dieser geflüchteten Kinder ist, um endlich die Suche aufzunehmen. Er kann neben der Geschichte seines Vaters auch die Spuren von sieben weiteren Kindern aufgreifen. Deren schicksalhaften Reisen von Wien aus führten nicht nur ins Vereinigte Königreich, sondern auch in die USA, nach Schanghai, auf dem Umweg über die Niederlande ins KZ.

Der Autor lässt uns erahnen, was es für die Eltern in jener Zeit bedeutete, sich von ihren Kindern zu trennen. Wie sie auf die britische Leserschaft hofften, den Kindern ein Überleben und eine Zukunft zu schenken. Was für ein Mut, ein Verzicht, Vertrauen und Verzweiflung.
Die Kinder selber wollten natürlich nicht von ihren Eltern getrennt werden. Aber sie waren alt genug, die Demütigungen und Verfolgungen auf den Straßen zu sehen und zu begreifen, dass sie gehen mussten. Ihre Kindheit fand ein jähes Ende.

Borger nimmt uns mit auf seine investigative Recherche, um die Lebensreisen der Kinder in ihr späteres Erwachsensein nachzuverfolgen. Glück hat er, wenn er auf Nachkommen stößt, die Auskünfte erteilen können, so dass er von der Gegenwart aus, in die Vergangenheit zurückgehen kann. Eine unerwartete Überraschung erlebt er, dass eines der gesuchten Kinder mit ihm hochbetagt über Skype noch sprechen konnte.
Was für ein Segen, dass es hilfsbereite britische Familien gab, die Kinder aufnahmen, als Familienmitglieder oder auch als günstige Arbeitskräfte. Sie wurden gerettet, mussten aber alle Formen von Traurigkeit, Kummer und Verzweiflung durchstehen. Sie verloren nicht selten die Orientierung, als sie durch ihre neuen Leben ohne Familien und Heimat hindurch navigieren mussten. Die meisten sahen ihre Familien nie wieder und litten an Schuldgefühlen, die einzigen Geretteten zu sein.

Borgers Familie war eher eine Ausnahme, da sich die Eltern auch noch England retten konnten, nachdem man in Wien ihnen ihre gesamte Existenz entrissen hatte. Aber jeder musste sich einzeln für sich durchschlagen, ein Zusammenleben war nicht erlaubt. Für Borgers Vater, aber auch für den Autor und seine Geschwister war die Ziehmutter Nan immer eine Bezugsperson. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie der junge Bobby vor dem Geräusch des Wasserkessels Panik bekam, weil es für ihn wie das Pfeifen der Nazis anhörte, die ihn durch die Straßen jagten. In ihrem Ziehsohn sah sie nach seinem Selbstmord „das letzte Opfer der Nazis“.

Alle Kinder, deren Spuren Julian Borger verfolgt, haben Krieg und Holocaust überlebt. Doch der spätere Suizid von Bobby Borger, der nie mit der Familie über das Erlebte sprechen konnte, offenbart noch einmal die Wunden, die diese Erfahrungen geschlagen hatten. Die generationenübergreifenden Traumata der Überlebenden und Familien zeigt der Autor ebenfalls auf.

Fazit
Bereits das Cover ermöglicht den persönlichen Bezug zu den Menschen des Buches, denn es zeigt „Bobby“ Borger mit seinen Eltern und die rettende Anzeige.
Julian Borger schildert spannend und sehr informativ die Motive und die Vorgehensweise seiner Recherche. Nicht immer geht er dabei chronologisch vor, sondern zieht Verbindungen und Vergleiche.

Jedes Kapitel ist einer bestimmten Familie oder Kindern gewidmet. Bilder führen in den Text ein. Julian Borger versteht es, den Menschen über die er schreibt, eine Geschichte und ein Gesicht zu geben. Somit schenkt uns der Autor das Gefühl, dass wir die Menschen kennen.
Immer wieder verwebt er Zahlen und Fakten des Holocaust, schockierende und bewegende Elemente miteinander. Seine Art zu erzählen und zu erklären lassen die Zeit, die beteiligten Menschen und das Geschehen lebendig werden. Man spürt die Angst in der Verzweiflung und Düsternis aber auch den unendlichen Mut und die Liebe.

In unseren Zeiten, in denen in Zügen aus der Ukraine flüchtende Familien mit Kindern sitzen, Zeiten, in denen die Geschehnisse der Nazizeit verdrängt, abgeleugnet und verharmlost werden, Zeiten, in denen wieder die gleichen Sprüche gegrölt und Gesten offen gezeigt werden , Zeiten, in denen Menschen bedenkenlos rechtsextreme und stalinistische Parteien wählen, sind solche Bücher dringend nötig.

Ich kann dieses spannende, bewegende, rührende, aufrüttelnde Buch nur jedem empfehlen. Es hat eine leider nur zu große Aktualität.

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Das Geheimnis der tödlichen Drachenschatulle

Invictum
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Das Jahr 2024 steht in Japan im Zeichen des „Holz-Drachens“. Das ist sehr bedeutsam für die Handlung dieses hochspannenden Romans von Danielle Troussoni. Denn im Zentrum der Geschichte befindet sich eine ...

Das Jahr 2024 steht in Japan im Zeichen des „Holz-Drachens“. Das ist sehr bedeutsam für die Handlung dieses hochspannenden Romans von Danielle Troussoni. Denn im Zentrum der Geschichte befindet sich eine geheimnisumwobene Drachenschatulle, die sicher bewacht in einem Schrein in Japan aufbewahrt wird. Diese legendäre Schatulle wurde während einer sehr turbulenten Phase in der Japanischen Geschichte im Auftrag des Kaisers Meiji 1868 vom versierten und auch sadistischen Ogawa gefertigt.

Die Schatulle soll ein großes Geheimnis verbergen. 72fach und zum Teil bösartig und tödlich gesichert, wurde es danach in dem weit entfernten Tempel deponiert. Nur zwei Menschen wussten, wie sie zu öffnen ist und was sich in ihr verbirgt: der Kaiser und der Konstrukteur Ogawa. Beide nahmen ihre Geheimnisse ins Grab.

Unser Hauptcharakter, der Amerikaner Mike Brink hatte schon irgendwann einmal was darüber gehört. Eine Art Puzzle, dass nun 150 Jahre ungelöst geblieben ist, obwohl die kaiserliche japanische Familie alle 12 Jahre, in Jahren, die im Zeichen des Drachen standen, geheime Wettbewerbe abgehalten hatte, um das Rätsel zu lösen.

Über eine Abgesandte – die junge Sakura Nakamato – lässt die japanische Kaiserfamilie nun Mike Brink als Rätselentwickler und –Löser einladen, um die legendäre Schatulle zu öffnen. Abwegig ist die Wahl nicht, denn der New Yorker Brink ist schier unschlagbar in seinem Metier, da er nach einem Unfall das hochgradig seltene Savant Syndrom erworben hat.
Das Savant Syndrom ist eine Inselbegabung. Nach einer traumatischen Gehirn-Verletzung trat bei unserem Hauptcharakter Mike Brink das Phänomen einer außergewöhnlichen kognitiven Begabung auf. So vergisst er nichts, hat ein fotografisches Gedächtnis, zeichnet Stadtpläne aus dem Gedächtnis auf, löst alle Rätsel, kombiniert fantastisch … u.v.m. Für Mike Brink ist das Ausleben seines Talents lebensnotwendig, fast therapeutisch..
Nimmt Brink diese Einladung nach Japan an, wartet auf ihn eine spannende aber auch lebensgefährliche Aufgabe. Teuflisch schwierig, voller bösartiger, tödlicher Fallen und Tricks, mit Gift und Waffen. Bislang sind alle Versuche mit dem Tod oder dem Verschwinden der Rätsellöser geendet.

Brink bringt außergewöhnliche Fähigkeiten, aber auch so seine eigenen persönlichen Probleme mit. Während sein Hund noch mit im kaiserlichen Flieger reisen darf, muss seine Freundin Rachel einen normalen Flieger und einige Hindernisse nehmen..
Viel Zeit bleibt Mike sowieso nicht, denn die Lösung muss während des Vollmondes im Jahr des Drachens gefunden werden, also binnen 12 Stunden.

Wenn das alles nicht schon genug Druck wäre, ist auch noch eine radikale Gruppe hinter Kaiser Meijis Geheimnis her. Ihre Mitglieder wissen, dass der Inhalt der Schatulle bedeutsam für die Geschichte Japans ist. Brink taktiert blitzgescheit gegen einen Gegner, der gerissen und kalt kalkulierend agiert

Mike Brinks Versuch die Drachenschatulle zu öffnen, bringt ihn zu einem halsbrecherischen Abenteuer quer durch Japan vom Kaiserpalast in Tokio ins historische Kyoto bis in schier unberührte Wälder des Landes. Wird er fähig sein, die Schatulle zu öffnen? Wird er aufgeben oder gar beim Versuch sterben, wie seine Vorgänger?

Fazit
Dieses Buch ist mit dem blau-schwarzen Farbschnitt und metallischem Druck auf dem Cover natürlich gleich schon ein toller Eyecatcher.
Obwohl es bereits der zweite Band der Reihe um den begabten Mike Brink ist, kann man das Buch problemlos ohne das Vorwissen des ersten Bandes lesen. Es macht allerdings sehr große Lust darauf, den ersten Band dann doch noch schnell nachzuschieben.
Die Einordnung des Romans fällt mir etwas schwer, denn er hat verschiedene Elemente aus Thriller, Fantasy, Mystery und Spannungsroman zu bieten.

Was mir ganz besonders gefallen hat sind die interessanten Informationen aus der Japanischen Kultur, Religion, Geschichte und den Details aus dem Kaiserhaus, die in die Handlung eingeflochten sind. Die Autorin hat selber zwei Jahre in Japan gelebt und gearbeitet, was man durchaus spürt.

Mit Mike Brink als Protagonisten vermochte ich mich von Anfang an zu verbinden. Ich mag wie sich Mike als Charakter entwickelt, an sich und den Aufgaben wächst. Wie er lernt sein Leben durch die Widrigkeiten zu manövrieren, trotz der Verletzung, die ihn ein beschädigtes Nervensystem, Synästhesie und Schlaflosigkeit hinterlassen hat. Je mehr er von der Kraft und Gewalt des geheimen Schatzes erfährt, desto mehr zeigt es ihm auch die besondere Natur seines Talents.

Zuerst erwartete ich, dass Mikes Freundin Rachel ein zweiter handlungstragender Charakter werden würde. Während sie viele Hindernisse überwinden muss, wird Sakura viel wichtiger. Ihre Entwicklung von der kühlen, berechnenden Frau zu einer freundschaftlichen Begleiterin war sehr überraschend. Ihr Charakter entwickelt sich gegen alle Erwartungen sehr sympathisch und facettenreich. Mikes Hund Connie hingegen geht eh seine eigenen Wege in Japan.
Nicht so recht akzeptieren konnte ich einen der ärgsten Widersacher, der für mich zu wenig greifbar war.

Interessant ist, wie Danielle Trussoni auch Rätsel in ihr Buch integriert. Der Spannungsbogen wird auf jeden Fall gehalten, vor unerwarteten Überraschungen ist man nie sicher. Jedenfalls konnte ich kaum aufhören zu lesen, obwohl Thriller und Mystery sonst nicht so mein Fall sind.

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Veröffentlicht am 29.08.2024

Auch als nahezu perfekter Android eckt man bei den Lehrer*innen an

Undercover Robot – Mein erstes Jahr als Mensch
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Die sechste Klasse an der Brussell Akademie für hochbegabte Kinder hat eine neue Mitschülerin in diesem Schuljahr bekommen. Was sie nicht ahnen, Dorothy, genannt Dotty sieht zwar aus wie ein elfjähriges ...

Die sechste Klasse an der Brussell Akademie für hochbegabte Kinder hat eine neue Mitschülerin in diesem Schuljahr bekommen. Was sie nicht ahnen, Dorothy, genannt Dotty sieht zwar aus wie ein elfjähriges Mädchen (bzw. 11 Komma 4), ist aber eine künstliche Intelligenz, ein nahezu perfekter, lebensechter Roboter. In einem fächerübergreifenden Projekt wurde sie vor allem von Professor Katnip entwickelt, der eigentlich von Hause aus Philosoph ist.
Was für ein spannendes, interessantes supergeheimes Projekt. Ein Jahr lang soll Dotty möglichst unerkannt, also „undercover“ die Schule besuchen. Bei erfolgreichem Bestehen dieses Turing Tests locken ein lukratives Stipendium und Berühmheit. Dabei tritt sie auch noch in Konkurrenz mit anderen undercover operierenden KIs in anderen Ländern. Hauptsache sie wird nicht enttarnt.
Dotty muss nun nicht mehr im Labor wohnen, sondern zieht als „entfernte Verwandte“ von Professor Katnip bei dessen ahnungsloser Familie ein. Sein Sohn Ricky findet seine neue Mitbewohnerin und Klassenkameradin schon etwas seltsam. Denn die Techniknerds im Labor haben die aktuelle Teeny-Sprache nicht ganz getroffen. Da muss Dotty doch einige Missverständnisse überstehen und sich den Slang der Jugendlichen selber aneignen.
In der Schule merkt Dotty, dass sie bei den Lehrerinnen nicht immer auf Gegenliebe stößt, wenn sie offen die Wahrheit äußert. Nicht nur Ehrlichkeit ist gelegentlich unerwünscht. Dotty ist so konstruiert, dass sie selbstverständlich im Notfall Menschenleben rettet. Aber wenn eine angesengte Krawatte im naturwissenschaftlichen Unterricht mit einem Löschschaumchaos endet, erntet sie leider doch nur Unfreundlichkeiten.
Dabei ist Dotty doch so darauf getrimmt, unbedingt Freundschaftspunkte zu sammeln. Denn hinter all den technischen Ansprüchen steht die Frage im Zentrum, was den Menschen zum Menschen macht. Was ist eigentlich wirklich wichtig im Leben eines Menschen? Was ist Freundschaft wert?
Dotty darf bei den Freundschaftspunkten nicht schummeln. Also manövriert sie sich um möglichst viele Fettnäpfchen herum. Je mehr sie sich einlebt, deshalb eigenständiger agiert sie schließlich auch. Das Herz der meisten Mitschüler
innen hat sie eh bald gewonnen.

Fazit:
Was für ein Lesespaß! Da haben nicht nur Kinder ab 11 Jahren, sondern auch Erwachsene Freude. Sprühend von Situationskomik und Humor kommt hier ein wunderbares Jugendbuch daher. Dotty, die agile Künstliche Intelligenz wächst einem beim Lesen sofort ans Herz. Sie ist eine herzerfrischende Ich-Erzählerin, die ihr erstes Jahr als „Mensch“ in einer Art Tagebuch schildert. Auch die anderen Charaktere sind plastisch dargestellt.
Sind die Lachtränen getrocknet, gerät man aber so manches Mal ins Grübeln. Denn immer mehr nimmt Dotty menschliche Charakterzüge an, während man an den Werten mancher Menschen zu zweifeln beginnt. Man schmunzelt darüber, dass Dotty darüber stolpert, dass manche Regeln gebrochen werden sollen und dass die Trennung von Richtig und Falsch ziemliche Probleme aufwerfen kann. Das stößt manchen Gedankengang an.
Der philosophische Aspekt kommt also absolut nicht zu kurz, ohne dass es langatmig wird. Im Gegenteil. Die Handlung kann immer wieder mit unerwarteten Wendungen überraschen. Spaß und Spannung sind garantiert.
Das Cover ist ein witziger Hingucker, der zu diesem Jugendbuch perfekt passt. Absolute Leseempfehlung!

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