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Veröffentlicht am 23.11.2024

Wenn alles zu viel wird

Die Wut, die bleibt
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Eine Frau steht beim Abendessen auf, geht auf den Balkon und springt.

Mit dieser krassen Szene beginnt Mareike Fallwickl ihren Roman "Die Wut, die bleibt". Danach ist nichts mehr, wie es war. Johannes ...

Eine Frau steht beim Abendessen auf, geht auf den Balkon und springt.

Mit dieser krassen Szene beginnt Mareike Fallwickl ihren Roman "Die Wut, die bleibt". Danach ist nichts mehr, wie es war. Johannes ist mit seinen drei Kindern allein, es ist die Hochphase der Corona-Pandemie und seine älteste Tochter ist mitten in der Pubertät. Doch Johannes trifft es gut, denn die beste Freundin seiner Frau, Sarah, kann einspringen und sich um die Kinder kümmern, so dass er sich weiterhin Vollzeit arbeiten gehen kann.

Und hier setzt Mareike Fallwickl an. Die ganze Sorgearbeit, das Kochen, Waschen, Kümmern um die Kinder und die Organisation der Familie ist auch heute noch zu großen Teilen auf den Schultern der Frauen. Sie arbeiten vielfach in Teilzeit oder gar nicht, um das alles gewuppt zu kriegen und die Corona-Zeit hat dies alles sichtbarer werden lassen.

Sarah versteht nach und nach, warum ihre Freundin Helene nicht mehr konnte und was der Fehler im System ist und wird wütend. Sie ist wütend, weil ihre Freundin tot ist und sie wird immer wütender auf dieses patriarchale Gefüge, in dem wir auch heute noch verwurzelt sind.

Auch Lola, die Tochter, ist wütend, weil ihr die Mutter fehlt und weil auch sie schon längst durchschaut hat, woran es in unseren Gesellschaften mangelt, dass die Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht ist. Bei ihr gibt es eine sehr extreme Entwicklung, die aber zu dieser jungen, verletzten Protagonistin passt.

Und wenn man sich die aktuellen Entwicklungen in der Welt gerade anschaut, hat Mareike Fallwickl mit diesem Buch und ihrer Gesellschaftskritik voll ins Schwarze getroffen. Es ist krass, schmerzt beim Lesen und hat mich zurückgelassen, als ob ich einen Schlag in die Magengegend bekommen hätte. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 23.11.2024

Die breite Masse für nachhaltigeren Konsum begeistern

Das 60%-Potenzial
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Wie kann Marketing eigentlich dazu beitragen, dass nachhaltigere Produkte konsumiert werden?

Zwei, die ihre Gedanken dazu in einem Buch ausformuliert haben, sind Prof. Dr. Johanna Gollnhofer und Jan Pechmann. ...

Wie kann Marketing eigentlich dazu beitragen, dass nachhaltigere Produkte konsumiert werden?

Zwei, die ihre Gedanken dazu in einem Buch ausformuliert haben, sind Prof. Dr. Johanna Gollnhofer und Jan Pechmann. Sie haben gemeinsam das Buch "Das 60%-Potenzial" geschrieben und es geht darum, wie die breite Masse für nachhaltigeren Konsum begeistert werden kann. Und Marketing hat es ja hinbekommen, dafür zu sorgen, dass wir alle ordentlich konsumieren, als ob es kein Morgen gäbe. Da wird Marketing es wohl auch schaffen, unseren Konsum zwar nicht abzustellen, aber in nachhaltigere Bahnen zu lenken.

Hierfür reichen als Zielgruppe nicht die Kern-Nachhaltigkeitsfans, vom Autor*innenduo liebevoll Öko-Fans genannt, sondern es muss in die breite und träge Masse gehen, die circa 60 Prozent ausmacht, im Buch die 60% genannt. Die Öko-Muffel können dabei außen vor gelassen werden.

Bei den 60% sollte der Fokus liegen und der Frage, wie sie erreicht werden können. Darauf wird im Buch eingegangen. Wer ist denn diese Gruppe der 60%? Was ist wichtig für sie, wenn sie etwas kaufen? Wie will diese Gruppe angesprochen werden, worauf fährt sie ab in der Kommunikation?

Es gibt Hausaufgaben, nicht nur fürs Marketing, für die Unternehmen an sich. Nachhaltige Produkte dürfen heute nicht mehr im Öko-Look daherkommen, in grüne Verpackungen eingepackt sein und dazu noch viel teuerer als konventionelle Produkte. Nein, sie müssen anziehend, fresh sein. Nahrungsmittel wie veganes Eis müssen lecker sein und es muss einfach selbstverständlich sein, dass sie angeboten werden, nicht mehr mit dem Label, dass sie grün und nachhaltig sind. Dafür gibt's im Buch jede Menge Beispiele, z. B. haben es ja auch die deutschen Öko-Latschen bis nach Hollywood geschafft.

Das Buch gibt eine Lektion im Marketing, es erklärt, was wer zu tun hat und veranschaulicht das gut. Da sind zwei Marketing-Pros am Werk.

So gibt es Customer Insights, es werden Indikatoren für die sogenannte Öko-Falle definiert, die fünf wichtigsten Aufgaben für Marketing-Verantwortliche definiert und was das 60%-Potenzial für unterschiedliche Anspruchsgruppen wie zum Beispiel die Politik und die Nachhaltigkeitsabteilungen bedeutet.

Das Buch wird seinem Anspruch gerecht, einen Denkansatz zu bieten, wie über Marketing und ökologische Nachhaltigkeit neu gedacht werden kann und wartet mit guten Tipps auf. Mehr dazu gibt in der ausführlichen Rezension auf meinem Blog Das Buchzuhause, den Link packe ich heute mal zur Abwechslung in den Kommentar.

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Veröffentlicht am 29.09.2024

Ein Schwelbrand unter der Oberfläche

Ewig Sommer
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Eine Frau und ein Kind stehen eines Tages bei Iris im Hotel. Sie sind auf der Suche nach einem Zimmer für die Nacht, obwohl seit Wochen niemand mehr wegen der andauernden Brände in den Ort kommt.

Irgendetwas ...

Eine Frau und ein Kind stehen eines Tages bei Iris im Hotel. Sie sind auf der Suche nach einem Zimmer für die Nacht, obwohl seit Wochen niemand mehr wegen der andauernden Brände in den Ort kommt.

Irgendetwas ist mit der Frau, so viel ist Iris klar. Was es ist, erfährt sie im Laufe der Geschichte. Von Anfang spürt man, dass etwas in der Luft liegt. Das Feuer symbolisiert dies. Je näher die Bedrohung kommt, desto stärker und bedrohlicher wird das Feuer. Die zum Alltag gewordene Klimakrise ist ein Vehikel für die eigentliche Geschichte und gleichzeitig sind die Klimaaktivist*innen, die im Buch beschriebenen werden, der Funken Hoffnung, dass es doch noch besser werden kann - sowohl in Bezug auf die reale Gefahr der andauernden Feuer als auch auf die Geschichte um die Frau, das Kind und Iris.

Franziska Gänsler hat diesen Roman dicht und fesselnd erzählt.

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Veröffentlicht am 29.09.2024

Was ist Ehre?

Ehre
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Die Zwillingsschwestern Jamila und Pembe werden 1945 in einem kleinen, kurdischen Dorf geboren. Ihr Start ins Leben ist von Enttäuschung geprägt, kamen statt des ersehnten Junge gleich zwei Mädchen zur ...

Die Zwillingsschwestern Jamila und Pembe werden 1945 in einem kleinen, kurdischen Dorf geboren. Ihr Start ins Leben ist von Enttäuschung geprägt, kamen statt des ersehnten Junge gleich zwei Mädchen zur Welt. Ihre Mutter gab ihnen die Namen Genug und Schicksal, wodurch von Anfang an ein Damoklesschwert über ihrem Leben hing. Auch die vom Vater ausgewählten Namen Pembe (Rosarot) und Jamila (Schön) konnten daran nichts ändern.

Äußerlich nicht zu unterscheiden, verfolgen sie völlig andere Ziele im Leben. Jamila bleibt dort, wo sie geboren wurde, während es Pembe nach London verschlägt. Doch sie bleiben miteinander verbunden, wie es wohl nur Zwillinge können. Und irgendwann passiert ein großes Unglück, das so vieles verändert und die Leserinnen und Leser zum Nachdenken bringt.

Was ist Ehre eigentlich? Was versteht der einzelne Mensch, was "die" Gesellschaft darunter? Wie entwickelt sich ein solcher Begriff und warum kann er für so viel Positives stehen und gleichzeitig so viel Furchtbares auslösen?

Elif Shafak ist mit "Ehre" ein wunderbar geschriebenes Buch gelungen, das zum Nachdenken einlädt. Für mich bislang mein liebstes Buch von ihr.

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Veröffentlicht am 29.09.2024

Verdrängen hilft nicht

Kontur eines Lebens
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"Kontur eines Lebens" erzählt die Geschichte einer alten Dame, die nach dem Tod ihres Mannes in ein Pflegeheim umsiedelt und auf ihr Leben zurückblickt. Sie denkt an das Leben vor ihrer Hochzeit zurück, ...

"Kontur eines Lebens" erzählt die Geschichte einer alten Dame, die nach dem Tod ihres Mannes in ein Pflegeheim umsiedelt und auf ihr Leben zurückblickt. Sie denkt an das Leben vor ihrer Hochzeit zurück, an ihre erste Liebe, die ihr komplettes Leben auf den Kopf gestellt hat.

Frieda hatte sich Hals über Kopf in den älteren und verheirateten Otto verliebt und wurde schwanger in den konservativen Niederlanden der 60er-Jahre. Sie war das, was man als ein "gefallenes Mädchen" bezeichnet und fand nur wieder zurück in die Familie und ein "anständiges" Leben, weil sie das Baby nicht mit nach Hause brachte bei ihrer Rückkehr.

All diese Ereignisse hatte Frieda bis zu dem Tod ihres Mannes verdrängt, doch dann brach es aus ihr heraus und die Vergangenheit holte sie ein. Jaap Robben hat es geschafft, diese Geschichte feinfühlig zu erzählen, ohne dabei ins Kitschige abzudriften. Er behandelt in seinem Buch etwas, das viele Menschen in dieser Generation durchmachen mussten. Verständnis für Frauen in Friedas Situation gab es nur im Privaten, offiziell wurde "so etwas" tot geschwiegen und Friedas gesellschaftliche Rettung war, dass sie ein neues Leben anfangen konnte ohne das Kind.

Es ist eines der Bücher, die mich wirklich beeindruckt haben in diesem Jahr. Der Autor ist sensibel in seiner Schreibweise und schafft es, sich gut in Frieda hineinzuversetzen.

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