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Veröffentlicht am 20.03.2019

“Die Familie ist eine Begegnung mit dem, was man am tiefsten in sich vergraben hat.”

Niemals ohne sie
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Auf den neuen Roman von Jocelyne Saucier habe ich mich schon sehr lange gefreut. “Ein Leben mehr” war mit unter das erste Buch, das mich wieder ans Lesen herangeführt und begeistert hat. Ihre ruhige und ...

Auf den neuen Roman von Jocelyne Saucier habe ich mich schon sehr lange gefreut. “Ein Leben mehr” war mit unter das erste Buch, das mich wieder ans Lesen herangeführt und begeistert hat. Ihre ruhige und doch so klare, bildhafte Sprache hat mich schon damals sehr eingenommen. Nun geht es mit “Niemals ohne sie” in die nächste ‘Runde’.

Die Cardinals sind eine recht außergewöhnliche Familie. Mit den insgesamt 21 Kindern behausen sie eine alte, baufällige Hütte in Norco. Ihr Vater hatte dort ein riesiges Zinkvorkommen entdeckt und verkauft sein Wissen an eine Minengesellschaft, die ihn dann jedoch um seinen Anteil verprellt. Der große Wohlstand blieb aus und so leben sie weiterhin unter ärmlichen Verhältnissen. Als dann die Mine geschlossen wird, ziehen nach und nach andere Familien weg, nur die Cardinals erregen weiterhin Aufsehen. So wild, so unberechenbar, so explosiv. Sie halten nicht einfach nur zusammen, sie wollen die Ehre der Familie retten. Es den großen da oben zeigen und ihren Anteil vom Kuchen bekommen. Und so geschieht, was nicht geschehen sollte und aus dem Kampf um Ehre, wird ein Pakt, der die Kinder noch mehr zusammenschweißt und sie noch Jahre später verfolgen wird…



“Die geisterhafte Gestalt unserer Mutter spukte durch unsere Nächte und verfolgt uns bis heute. Manchmal, wenn ich allein im Bett liege, in meinem kleinen Zimmer in dem Hotel, in dessen Küche ich mich sechs Tage die Woche abrackere, warte ich auf sie.”



An dieser Stelle wäre ich jetzt gerne begeistert. Doch leider muss ich nun gestehen, dass ich mit diesem Buch mehrere Kämpfe geführt habe. Generell sind mir zu viele Namen bzw. Protagonisten immer ein Hindernis, dass es in diesem Fall gleich 21 Kinder plus Vater und Mutter sein müssen und die Kinder dann auch noch jeweils zwei Anreden besitzen… Achje. Auch der Handlungsstrang war für mich dieses Mal nicht ganz so spannend. Die Auflösung, auf die sich die ganze Geschichte zuspitzt, ist zwar logisch, aber dennoch fraglich. Alles hängt hier quasi von der Explosion und der damit folgenden Inszenierung ab bzw. dem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl. Die einzelnen Protagonisten erzählen dabei nach und nach von ihren Erinnerungen, Ansichten, Ängsten und lüften so Schritt für Schritt das auftauchende Rätsel. Und dennoch wirft gerade die ‘Lösung’ des Ursprungs bei mir einige Fragen auf, die die Begeisterung schmälern. Warum? Wenn die alle da waren, wie soll denn…? Ahja. Und wieso fühlte sie das denn nicht vorher? Ach, hmm.

Wenn ich dieses allerdings außen vor lasse, dann hat es Saucier mal wieder geschafft mich mit ihrer Erzählweise zu begeistern. “Niemals ohne sie” ist ein eher ruhiges Buch mit enormer Zwischenmenschlichkeit innerhalb der Familie. Schutz, Fürsorge, Ängste, Hierarchien innerhalb einer Familie, die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern und auch sehr viel Verständnis kommen innerhalb einzelner Zeilen wunderbar zum Tragen. Auch sprachlich habe ich mir hier wieder sehr viele einzelne Sätze markiert, die nicht nur ein Bild im Kopf erzeugen, sondern auch gedanklich einiges in Gang setzen. Aber ein Roman ist eben mehr als nur die Sprache und so konnte ich in diesem Fall das “Meisterwerk” nicht entdecken.

Veröffentlicht am 12.04.2018

Und was bleibt?

So enden wir
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"In meiner Hilflosigkeit kam mir wahrscheinlich der Gedanke, dass die Zeit, in der wir lebten, der Auftakt zu einer langsamen, irreversiblen Katastrophe war und dass die Kraft, das Naturgesetz oder das ...

"In meiner Hilflosigkeit kam mir wahrscheinlich der Gedanke, dass die Zeit, in der wir lebten, der Auftakt zu einer langsamen, irreversiblen Katastrophe war und dass die Kraft, das Naturgesetz oder das Etwas, das unsere Träume mit Leben erfüllte, und mit >unsere< meinte ich meine Träume, die meiner Freunde, meiner Generation, allmählich versiegte."

Doch ein Freund wird dies nun alles nicht mehr miterleben. Als zufälliges Opfer in einem Raubüberfall wird Duke in Porto Alegre getötet. Vor gerade einmal 15 Jahren war er gemeinsam mit Aurora, Emiliano und Antero Mitglied der Orangotango-'Bewegung', die ein recht erfolgreiches politisch, alternatives Online-Magazin herausgaben. Dann verloren sie sich irgendwie aus den Augen um sich nun an seinem Grab wiederzutreffen. Daniel Galera beschreibt nun in "So enden wir" die einzelnen Geschichten und Gedanken, dieser ehemals besten Freunde und reißt damit viele Themen an, die diese Menschen der Generation Y bewegen, ihr Leben prägen und doch irgendwie so hoffnungslos vor sich her treiben. Der Aktivismus der damaligen Zeit scheint verflogen und Probleme größer denn je. Selbst Duke, der Digital-Verfechter möchte laut Testament nun gänzlich in den Untiefen des Internets verschwinden und wirft damit zumindest bei einem seiner damaligen Freunde einige Fragen auf.

"Mit unserer Welt ging es weder zu Ende noch voran, so sah ich das jedenfalls. Sie befand sich im Stillstand. Vielleicht stagnierte sie in inem Stadium des ewigen Sterbens."

"So enden wir" ist für mich ein Roman, der mit zahlreichen Ansätzen zum Denken anregt, aber kein stabiles Fundament bietet. Es ist eine Mischung aus Hinterfragen, Zukunftsproblemen, Vergleiche mit den Anfängen der digitalen Bewegungen und Revolution sowie Sexualpraktiken. Vielleicht ist es generell, das Zeichen einer unbefriedigenden aktuellen Situation, die dieser Gegenwartsroman beschreiben soll, vielleicht auch eher ein Konglomerat aus verschiedenen Gedanken und Einflüssen, die nicht einhundert prozentig zusammenpassen und doch irgendwie sprachlich, erzählerisch miteinander harmonieren. Es sind die Gegensätze von Vergangenheit und heute - den Anfängen und des heutigen stagnierenden Überdenkens, der Menschen mit seinen konträren Gedanken und Handlungen selbst, aber auch das Schicksal, welches alles plötzlich verändern kann. Insgesamt muss ich jedoch sagen, dass dieser Roman zwar sprachlich, interessant geschrieben ist, doch bis auf ein paar Anstöße, keine wirkliche Bereicherung bietet. Mit dem Ende des Buches, bleiben zahlreiche Fragen und das Bild, dass Galera versucht hat aufzubauen, zerfällt binnen weniger Minuten.

"Alles war so merkwürdig, dass die Bilder eine fast metaphysische Bedeutung bekamen. Sie existierten völlig unabhängig, erfüllten keinen Zweck, weil sie nicht wirklich waren, aber eben doch fast, so wie ein vierdimensionaler Würfel oder ein Yeti."

Veröffentlicht am 30.09.2017

Evas Geschichte - verstörend, aber langatmig

Und es schmilzt
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Lize Spit nimmt uns mit ihrem Roman "Und es schmilzt" mit in die Erlebniswelt von Eva. Bereits zu Beginn stellen sich viele Fragen um sie und einen Eisblock. Eva sieht sich selbst nicht als ein normales ...

Lize Spit nimmt uns mit ihrem Roman "Und es schmilzt" mit in die Erlebniswelt von Eva. Bereits zu Beginn stellen sich viele Fragen um sie und einen Eisblock. Eva sieht sich selbst nicht als ein normales Mädchen. In ihrer Familie gibt es wahnsinnige Probleme. Alkohol. Suizidgedanken. Eine von Ticks besessene Schwester. Keine Liebe."Ich ging weg, wünschte mir, wir wären dümmer oder weniger sensibel, wie die meisten unserer Nachbarn, wie Laurens' Eltern. Dann hätte sie mir fester ins Gesicht geschlagen, mit einer eisernen Suppenkelle zum Beispiel, mir genug weh getan, um sie zu hassen, um zumindest weinen zu dürfen."

Nun gut, die Ausgangslage verspricht sehr viel. Es folgt jedoch eine sehr langatmige Umschreibung ihrer Kindheit und die Reise mit ihrem Eisblock. Mit jeder Seite erwartet man, dass die zu Beginn aufgeworfenen Fragen beantwortet werden und etwas schreckliches passiert. Und ja, es kommt spät. Spät, aber dafür knallhart und verstörend. Ich habe noch nie so viel Mitleid empfunden - Mitleid mit Eva, mit ihrer verhaltensgestörten Schwester Tesje und ihrer dem Alkohol verfallenen Familie. "Wenn ich mir ihre bleichen, dünnen Schenkel und ihre violett verfärbten Krampfadern ansah, erkannte ich, dass ich dabei war, sie kaputtzumachen." Kinder können so wahnsinnig grausam sein. Nie ließ mich ein Roman so fassungslos und erschüttert zurück.

"Und es schmilzt" ist ein Roman, von dem ich sehr viel erwartet habe und leider enttäuscht wurde. Dieser Roman kursiert bereits eine Weile in aller Munde und entweder findet man ihn spannend, makaber, grausam oder eher fraglich und langweilig. Ich gehöre großteils eher der zweiten Gruppe an. Eine klarere Richtung und Kürzung würde dem Ganzen sehr gut tun. Mehr kann ich leider dazu auch nicht sagen.

Veröffentlicht am 03.03.2026

Jetzt wirklich?!

Lázár
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Ich bin ehrlich gesagt etwas überrascht von den vielen positiven Rezensionen und den sich fast schon überschlagenden Berichten zu Nelio Biedermanns Roman „Lazár“ in den Medien. Worte wie „Ausnahmetalent“ ...

Ich bin ehrlich gesagt etwas überrascht von den vielen positiven Rezensionen und den sich fast schon überschlagenden Berichten zu Nelio Biedermanns Roman „Lazár“ in den Medien. Worte wie „Ausnahmetalent“ oder „Donnerschlag“ sind gefallen und dann schaue ich mir die ersten Seiten dieses Romans wieder an und frage mich, was ich nicht verstanden habe. An sich klingt dieser Roman nach einer interessanten Geschichte. Wir begleiten eine ungarische Adelsfamilie über mehrere Generationen hinweg durch die Wirrungen und Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Lügen und Geheimnisse, ein auffälliges Kind mit durchscheinender Haut, eine düstere Atmosphäre… eigentlich Dinge, die ich in Romanen gerne mag, aber in dieser Form fand ich’s leider eher verstörend. Lazár, der sich ohne Geschlechtsverkehr nicht männlich genug fühlt, der „gewaltige Hintern“ der Köchin der nicht durch die Tür passt, die (Sex)Fantasien a la „Márias Körper war zu einem Symbol, zur Tempelruine einer längst erloschenen Religion geworden, während Frau Virágs Körper Stätte eines blühenden Glaubens war, dem Sándor regelmäßig huldigte, indem er in ihren feuchten Schoß stieß, mit seiner Zunge den Schmutz von ihren Fußsohlen leckte, seine Nase in ihre Achselhöhlen grub und ihren Hintern auf seinem Gesicht platzierte. Unter diesem konnte er alles vergessen…“, reihen sich an emotionslose, langweilige Beschreibungen oder selbstverletzende Szenen wie „Mária […] stand […] auf und ging ins Bad, um sich die Arme aufzuschneiden. Der brennende Schmerz und der Anblick der dünnen roten Rinnsale auf dem weißen Porzellan des Waschbeckens gaben ihr Kraft. Anschließend wusch sie unter fließendem Wasser ihr Blut von der Klinge und legte sie exakt so zurück, wie ihr Mann sie hinterlassen hatte.“
Erstaunlich wie viel nackte Haut in so einer Familiengeschichte stecken kann und wenn man das gern als „poetische Bilder“ deuten möchte oder hier einen Roman mit Wucht (haha) sehen möchte… okay. Mir wars tatsächlich zu blöd und ich habe dieses Buch nach knapp 70 Seiten gelangweilt und etwas verstört wieder weggelegt, vielleicht verpasse ich nun die große Handlung und hätte am Ende dann auch gesagt, dass dieser Roman ein großer Wurf ist, aber ich habe echt keine Lust mehr auf solch unerwartete Penisgeschichten.
Und eine Triggerwarnung hätte ich irgendwie auch schön gefunden, wenn sich Protagonistinnen schon ritzen und dann gleich wieder zur Tagesordnung übergehen und da hab ich die mögliche Vergewaltigung noch gar nicht erwähnt.

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Veröffentlicht am 03.10.2024

Ein steter Kampf um Würde und Stolz

Als wir Schwäne waren
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Auf "Als wir Schwäne waren" von Behzad Karim Khani bin ich bereits vor einiger Zeit auf der Lesung zu Khanis Debüt "Hund, Wolf, Schakal" aufmerksam geworden. Hier erzählte der Autor, dass er bereits an ...

Auf "Als wir Schwäne waren" von Behzad Karim Khani bin ich bereits vor einiger Zeit auf der Lesung zu Khanis Debüt "Hund, Wolf, Schakal" aufmerksam geworden. Hier erzählte der Autor, dass er bereits an einem neuen Roman schreibt und sich dabei sehr intensiv mit seinen Traumata auseinandersetzt. So erwartete ich mit Spannung einen eher tiefgründigen, wie sehr persönlichen Roman, der Khanis eigenen Werdegang aufgreift und etwas Nähe zulässt. Der Anfang war dann auch sehr rührend und emotional. Khani schildert einen Vater, der seinem Sohn schreibt, ein ganzes Buch, das erklärt, damit er ihre Geschichte versteht und Verbündete findet. Doch schon zu Beginn dieses Rückblicks auf das Leben des Protagonisten kippt es und es geht mehr oder minder um Gewalt, die "drei Straßenköter", die an ihrer Tür klingeln und nach Essen betteln, der Junge aus der Schule, dem er die Nase bricht, den Vater seines Freundes... "Dann ging er seinem Vater an die Gurgel. Würgte ihn für Turnschuhe. Wir saßen im Kinderzimmer, wollten C64 spielen, als es im Flur laut wurde. Der Blick des Vaters deines Freundes, wenn er von ihm vor dir geschlagen wird. Dein Blick in seinen Augen. Silvio war der Erste in unserer Siedlung mit Air Force One."
Umringt von wirklich emotionalen Szenen und Erinnerungen geht es hier in erster Linie um Gewalt und den damit wachsende Stolz des Protagonisten, während ihm der soziale Abstieg droht bzw. er sich immer mehr in so einen Teufelskreis mit Schlägern und Dealern reinmanövriert. Und ja, das erinnert dann von der Handlung her schon sehr an "Hund, Wolf, Schakal", es ist mehr so eine Kurzfassung seines Erstlings, gemischt mit einigen, kurzen Erinnerungskapiteln, sehr luftig gesetzt, sehr gewaltig.

"Noch nie hatte es an der Schule Gewalt von dieser Qualität gegeben. Der Junge kommt fünf, sechs Wochen lang täglich in einer anderen Farbe zur Schule. Violett. Grün. Blau. Gelb. Rot. Orange. Danach bin ich King. Scheiß auf Ray Cokes, Chief Ironside. Scheiß auf He-Man. Ich bin der Master of the Universe. Scheiß auf >auch<. Scheiß auf Anschluss. Scheiß auf >uns<. Scheiß auf SPD."

Und ich glaube, das ist dann auch der Knackpunkt... dieser Roman ist mehr ein überschaubares "Hund, Wolf, Schakal"-Konzentrat mit dem Fokus auf Gewalt und Abstieg, Stolz und Würde mit einigen, emotionaleren, gar wehmütigen Erinnerungen. Thematisch springt Khani sehr stark zwischen den einzelnen Kapiteln - es gibt Anekdoten über das Brot, über ihren Umgang mit der Werbung, deutsche Schuhe, die seinem Vater nicht passen, die Maiskolben, die es in Deutschland nicht zu kaufen gibt, eine Erinnerung, wie die Mutter das Radfahren lernt, wie sie gemeinsam Kornelkirschen pflücken, die die Deutschen scheinbar für giftig halten, und dann gibt es den Jungen, der "die Pusteblumen am Wegrand mit Tritten enthauptete", zur Schule geht und dessen glücklichster Moment der Jugend es war, als Dimitri sich mit einem Nazi anlegt. "Hier, Nazijunge! Hier! Wir haben euch damals gefickt. Wir werden euch auch dieses Mal ficken." und dann gibt es da eben noch diesen Erwachsenen, der dealt und abrutscht und doch ständig auf eine bessere Zukunft hofft.
Vielleicht hätte ich diesen Roman mehr gemocht, hätte der Fokus auf eben jenen Erinnerungen gelegen oder wäre alles mehr miteinander verknüpft und nicht so fragmentarisch. Auch sprachlich enthält dieses Buch einige schöne Sätze und Gedanken, aber auch sehr komische Wortkonstrukte. Und eben sehr viel Gewalt und Kraftausdrücke... „Wir sind ein Alptraum. Ich weiß nur nicht, wessen." Ich auch nicht, mir fehlte da leider sehr viel.

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