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Veröffentlicht am 12.11.2024

Spannender, wendungsreicher Mix aus Milieustudie und Kriminalroman mit späten Thrillerelementen

Der Buchhändler
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Erik Lange ist in die bayerische Kleinstadt Neukirchen gezogen, um die dortige Buchhandlung zu übernehmen und einen Neuanfang zu wagen. Die Trennung von seiner Tochter macht ihm zu schaffen, aber unabhängig ...

Erik Lange ist in die bayerische Kleinstadt Neukirchen gezogen, um die dortige Buchhandlung zu übernehmen und einen Neuanfang zu wagen. Die Trennung von seiner Tochter macht ihm zu schaffen, aber unabhängig davon fühlt er sich in seinem neuen Zuhause wohl und hat schnell erste Bekanntschaften geschlossen.
Einige Wochen nach seinem Umzug verschwindet ein neunjähriges Mädchen, mit dessen Vater sich Erik angefreundet hatte. Die hübsche Theresa hat in der Nacht von Freitag auf Samstag ihr Elternhaus verlassen und ist nicht zurückgekehrt.
Kriminalkommissarin Judith Plattner, die selbst vor einem Jahr einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat, übernimmt die Ermittlungen zusammen mit ihrer jungen Kollegin Pia Meyer. Die Befragungen im Umfeld der Familie sind wenig aufschlussreich. Als sie Theresas "Geheimnis" entdecken und anschließend der Verdacht auf Erik fällt, Theresa etwas angetan zu haben, wird ein Stein ins Rollen gebracht. Erik hat ein Motiv, aber Beweise gibt es keine.

"Der Buchhändler" ist zunächst mehr Krimi als Thriller, denn über zwei Drittel des Romans stehen die Ermittlungen und der Einblick in das Stadtviertel Schönblick im Vordergrund, wo Theresa vermisst wird. Der Roman wird aus der Ich-Perspektive von Erik und einem neutralen Beobachter geschildert. Erik wirkt grundsolide, wobei anfangs nicht klar ist, was in der Vergangenheit vorgefallen ist, dass ihn zu dem Schritt gezwungen hat, seinen Heimatort zu verlassen.

Durch die polizeilichen Befragungen im Umfeld der Familie des vermissten Kindes, das sich fast ausschließlich auf die kleine Nachbarschaft beschränkt, wo man freundschaftlich miteinander verbunden ist, erhält man einen Blick hinter die Fassade. Kompromittierende Details werden aufgedeckt und Verdächtigungen ausgesprochen, die jedoch nicht unmittelbar im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Theresa zu sehen sind. Von ihr fehlt jede Spur und je mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher wird es, sie lebend zu finden.

Nachdem Erik als möglicher Täter in den Mittelpunkt gerückt ist, entwickelt der Roman eine andere Dynamik und lässt mit Schrecken an den brutalen Prolog denken. Aus Angst, Verzweiflung und Wut nehmen die Angehörigen des Opfers den Fall selbst in die Hand.

Die Ermittlungen der Polizei sind authentisch dargestellt und auch wenn sie zäh und scheinbar unergiebig sind, wird es auf keiner Seite langweilig. Das kleine Stadtviertel am Waldrand ist bildhaft beschrieben und die einzelnen Personen individuell gestaltet.
"Der Buchhändler" ist damit ein spannender Mix aus Milieustudie und Kriminalroman mit späten Thrillerelementen, der einen Blick hinter die Fassade richtet und zeigt, wie stark Menschen von ihren Emotionen geleitet werden. Bis zum Schluss bleibt spannend zu erfahren, was mit Theresa geschehen ist und ob sie entgegen aller Erwartungen lebendig nach Schönblick zurückkehren wird.

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Veröffentlicht am 24.10.2024

Der Traum von Schokolade - die Anfänge der bekannten Schokoladenfabrik: Lebendiger Mix aus Fakt und Fiktion

Lindt & Sprüngli (Lindt & Sprüngli Saga 1)
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Als seine Mutter krank ist, erhält der zehnjährige Ruedi von seinem Freund, dem Apotheker, bittersüße Kakaotaler, die sie stärken sollen. Der Junge träumt sodann selbst davon eines Tages Schokolade herzustellen. ...

Als seine Mutter krank ist, erhält der zehnjährige Ruedi von seinem Freund, dem Apotheker, bittersüße Kakaotaler, die sie stärken sollen. Der Junge träumt sodann selbst davon eines Tages Schokolade herzustellen. Als er alt genug ist, geht er bei seinem Vater, einem Konditor, in die Lehre. Nach seiner Ausbildung geht er auf Wanderschaft in die französische Schweiz, wo die Maître Chocolatiers sind und lernt das Handwerk. Zurück in Zürich hat sich sein Vater inzwischen selbstständig gemacht und Rudolf steigt voller Elan in den Betrieb ein. Im Gegensatz zu seinem Vater, der auf Altbewährtes setzt, ist Rudolf mutiger, probiert Rezepte aus und führt neue Produkte ein. Doch bis er selbst die kostspielige Schokolade produzieren kann, ist es noch ein weiter Weg.

"Lindt & Sprüngli - Zwei Familien, eine Leidenschaft" ist der erste Band der "Lindt & Sprüngli-Saga", der die Anfänge der bekannten Schokoladenfabrik beschreibt und von 1826 bis 1863 handelt.

Die Geschichte ist lebendig und bildhaft beschrieben und versetzt Leser und Leserin anschaulich in die damalige Zeit. Durch verschiedene Sichtweisen, insbesondere dem ehrgeizigen Rudolf und seiner Liebe Katharina, ist der Roman abwechslungsreich und bringt einen an verschiedene Schweizer Orte.
Die Figuren haben ihre Ecken und Kanten und wirken lebensecht. Rudolf hat große Träume, ist neugierig, fleißig und kämpferisch. Er hat ein großes Talent als Zuckerbäcker, aber auch als tüchtiger Geschäftsmann. Auch in Bezug auf die Liebe weiß er genau, was er will, und erobert so die vier Jahre ältere Katharina.

Mit dem mühevollen, aber erfolgreichen Weg der Familie Sprüngli verwebt die Autorin die Lebensumstände der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Kontrast zur luxuriösen Schokolade und dem Ziel kaufkräftiger bürgerlicher Kunden, stellt die Situation der unteren Schicht, der Verdingkinder und der Arbeitern einen Kontrast dar.

Die unterhaltsame und informative Mischung aus historischer Wahrheit und Fiktion um den Aufstieg einer Dynastie zeugt von einer aufwändigen Recherche und Feingefühl für die Figuren. Rudolf Sprüngli ist ein Musterbeispiel dafür, was es heißt, seine Träume zu leben, an den Fortschritt zu glauben, Visionen zu haben und mutig seinen Weg zu gehen.
Band 1 ist damit der Anfang eines Weltunternehmens und macht neugierig auf die Fortsetzung der Reihe, die dem braunen Gold hoffentlich noch mehr Platz einräumt und erklärt, wie aus Sprüngli das heutige Unternehmen Lindt & Sprüngli wurde.

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Veröffentlicht am 17.10.2024

Dramatische und ungeschönte Darstellung einer Freundschaft mit Höhen und Tiefen und eine nostalgische Zeitreise in 1980er-, 1990er-Jahre und frühen 2000er-Jahre.

Wie wir waren
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Paula und Zett kennen sich seit sie vier Jahre alt sind und sind beste Freundinnen, obwohl sie charakterlich unterschiedlich sind und aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen stammen. Paula, die bei ...

Paula und Zett kennen sich seit sie vier Jahre alt sind und sind beste Freundinnen, obwohl sie charakterlich unterschiedlich sind und aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen stammen. Paula, die bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, hat Zett immer um ihre intakte Familie beneidet, in der es Zett offensichtlich an nichts gefehlt hat. Auch sie möchte später eine Familie gründen, während Zett ihre Unabhängigkeit genießt.
Nach der Schulzeit kommt es während eines gemeinsamen Urlaubs auf einer griechischen Insel zu einem heftigen Streit, der einen tiefen Riss in die Freundschaft bringt. Lange Zeit herrscht kein Kontakt mehr, da beide enttäuscht von der Unnachgiebigkeit der anderen sind. Erst zu ihrer Hochzeit lädt Paula Zett wieder ein und fortan sind die beiden wieder für einander da. Zett wird sogar Taufpatin von Paulas Tochter, aber weiterhin stehen Geheimnisse zwischen ihnen, während Zett ganz offensichtlich Paulas Ehemann ablehnt, was immer wieder zu Konflikten führt.

Der Roman handelt von 1988 bis 2004 und ist aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren Paula und Zett - "wie Zorro" - geschrieben. Er erzählt eine jahrelange Freundschaft, die von Höhen und Tiefen geprägt ist. Beide Freundinnen können sich auf die andere verlassen, sind für einander da, wenn es nötig ist, haben jedoch Konfliktherde, die zwischen ihnen stehen, weshalb es immer wieder zu Streits und Phasen des Kontaktabbruchs kommt.

Da Paulas Sichtweisen überwiegen, erhält man einen sehr guten Einblick in ihr Leben, was sie denkt und fühlt. Zetts Geheimnis bleibt hingegen lange im Dunkeln, so dass man erst später versteht, warum sie so einen zehrenden Lebenswandel hat und weshalb sie so hart im Umgang mit Paula ist, was ihre Männerwahl betrifft.

Auch wenn das Cover eine Urlaubsidylle präsentiert, ist das Buch keine Wohlfühlgeschichte über eine die Jahre gewachsene unbeschwerte Freundschaft. Die Geschichte handelt von harten Themen wie häuslicher Gewalt und Alkoholabhängigkeit, die ungeschönt und realistisch den Roman und die Freundschaft zwischen den beiden Frauen bestimmen.

Die Geschichte wird trotz ihrer Dramatik ruhig und empathisch erzählt. Es fällt leicht, sich in die Figuren hineinzuversetzen und ihre Verhaltensweisen nachzuvollziehen, selbst wenn sie immer wieder in falsche Fahrwasser gleiten und dieselben Fehler machen. Gerade das macht die Geschichte auch so authentisch, denn die Probleme, die Paula und Zett zu bewältigen haben, sind nicht leicht und alleine kaum zu lösen. Die innere Zerrissenheit und Hilflosigkeit ist spürbar und trotz aller Hindernisse bleibt die Freundschaft ein verlässliches Band, das für Hoffnung sorgt.
Neben der sehr realistischen Darstellung der Lebensumstände und der Hürden für die Freundschaft, hat mir auch die nostalgische Zeitreise in die 1980er-, 1990er- und frühen 2000er-Jahre als Rahmen gut gefallen.

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Veröffentlicht am 13.10.2024

Bitterböser Thriller um ein Millionenerbe, in dem man niemandem trauen kann - ein frecher und düsterer Pageturner mit Intrigen und Manipulation, bei dem der Name Programm ist.

Die Durchtriebenen
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Der schwerreiche Unternehmer Edward Shropshire plant im Alter von 76 Jahren seine deutlich jüngere Krankenschwester zu heiraten. Seine beiden Söhne Teddy und Martin fürchten um ihr Erbe und kontaktieren ...

Der schwerreiche Unternehmer Edward Shropshire plant im Alter von 76 Jahren seine deutlich jüngere Krankenschwester zu heiraten. Seine beiden Söhne Teddy und Martin fürchten um ihr Erbe und kontaktieren ihre Schwester Alana, um die Heirat zu verhindern. Alana hatte sich vor Jahren von der Familie abgewandt, obwohl sie mit ihrem Job und der Erkrankung ihrer Tochter finanziell kaum über die Runden kommt. Auch wenn ihr die Hochzeit egal ist und sie für ihre Brüder nicht viel übrig hat, willigt sie gegen eine finanzielle Zuwendung ein, ihnen einen Gefallen zu tun. Zunächst scheint auch Eds Verlobte Kelly käuflich zu sein. Doch dann zeigt auch sie ihre Krallen.

"Die Durchtriebenen" ist ein spannender Thriller um ein Millionenerbe, in dem man niemandem trauen kann. Die Charaktere sind undurchsichtig, aber in ihrer Mehrheit raffgierig, machthungrig und intrigant. Je tiefer man in die Geschichte eintaucht und auch über Rückblenden in die Vergangenheit über die Familie erfährt, desto spannender wird die Dynamik unter den Figuren. Auch die Enthüllung, die Alana aufdeckt, gibt der Geschichte ergänzend zu den perfiden familiären Machtspielchen einen weiteren Reiz.

Der Roman ist bitterböse, demonstriert ein ausschweifendes Leben von Superreichen uns Menschen, die für Geld über Leichen gehen. Dabei ist die Geschichte wendungsreich und der Verlauf undurchschaubar, denn über die wahren Absichten der Charaktere kann man sich nie ganz sicher sein. Mit Eds schockierendem Geheimnis wird die Geschichte gehaltvoller und dreht sich nicht mehr nur um oberflächliche Geld- und Erbstreitigkeiten.

Während man fassungslos dabei zusehen muss, zu was Menschen fähig und in welchem Umfang manipuliert und gelogen wird, kann man das Buch kaum aus der Hand legen, um zu erfahren, wer am Ende als Sieger hervorgeht.
Es ist ein frecher und düsterer Pageturner, bei dem der Titel Programm ist.

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Veröffentlicht am 03.10.2024

Unterhaltsamer und fesselnder Mix aus Kriminalroman, Psychothriller und Familientragödie

Ohne Schuld
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Detective Sergeant Kate Linville hat Scotland Yard den Rücken gekehrt und wechselt zur North Yorkshire Police, womit sie in ihre Heimat zurückkehrt und wo sie sich mehr Anerkennung durch ihren neuen Vorgesetzten ...

Detective Sergeant Kate Linville hat Scotland Yard den Rücken gekehrt und wechselt zur North Yorkshire Police, womit sie in ihre Heimat zurückkehrt und wo sie sich mehr Anerkennung durch ihren neuen Vorgesetzten DCI Caleb Hale erhofft, mit dem sie bereits inoffiziell in Scarborough zusammengearbeitet hat. Zum Abschied hat sie von ihren Kollegen einen Wellnessaufenthalt in einem Hotel in York erhalten. Auf ihrem widerwilligen Weg dorthin, bedroht im Zug ein junger Mann eine Frau mit einer Pistole. Kate kann sich mit ihr auf der Toilette verbarrikadieren und wird selbst durch einen Streifschuss verletzt.
Zwei Tage später stürzt eine Lehrerin auf dem Weg zur Arbeit mit ihrem Fahrrad über einen gespannten Draht. Danach wurde auf sie geschossen, wobei der Schuss daneben ging. Es wurde dieselbe Pistole wie im Zug benutzt.
Kate hat damit ihren ersten Fall, obwohl sie noch gar nicht offiziell im Dienst ist. Während Caleb suspendiert ist, versucht Kate einen Zusammenhang zwischen den beiden Opfern zu erkennen, um die Taten aufzuklären. Die erste Frau ist allerdings wenig kooperativ und das zweite Opfer so schwer verletzt, dass es sich nicht artikulieren kann.

"Ohne Schuld" ist nach "Die Betrogene" und "Die Suche" der dritte Band der Reihe um Detective Sergeant Kate Linville. Der Roman lässt sich ohne Vorkenntnisse lesen, da die Fälle in sich abgeschlossen sind, mehr Freude macht es jedoch auch die Entwicklung der Charaktere zu verfolgen.
Der Roman folgt dem üblichen Schema der Reihe und wird aus wechselnden Perspektiven erzählt, wobei es auch Rückblenden in die Vergangenheit gibt.

Der Aufbau sorgt für Spannung, da zunächst unklar ist, wie die einzelnen Handlungsstränge zusammenpassen könnten. Durch die verschiedenen Blickwinkel kann man seine eigenen Schlüsse ziehen und aktiv miträtseln. Schon bald wird ein Rachefeldzug erkennbar und dass die überlebenden Frauen in großer Gefahr schweben.
Seitdem Caleb suspendiert wurde und die Einheit ohnehin chronisch unterbesetzt ist, wirkt die Polizeidienststelle überfordert mit dem komplexen Fall. Kate, die ihren Instinkten folgt, bringt sich selbst in Gefahr, um den Täter zu überführen.

Die Ermittlungen sind authentisch dargestellt, die Charaktere wirken lebensecht. Die Aufklärung des Falls ist spannend, die Motive schlüssig, die Hintergründe tragisch. Selbst als Täter und Motivation bekannt sind, lässt die Spannung nicht nach, da die Gefahrenlage steigt. Die Endphase ist wendungsreich und voller Adrenalin. Kate und Caleb agieren wie in den Fällen zuvor Seite an Seite, auch wenn wieder einer von ihnen gar keine Kompetenzen hat und ihre Alleingänge für weitere negative berufliche Konsequenzen sorgen könnten.

Band 3 steht der Qualität der ersten beiden Bänden in nichts nach. Die Geschichte ist spannend und erschütternd. Es ist ein durchgängig unterhaltsamer und fesselnder Mix aus Krimi, Psychothriller und Familientragödie, der von menschlichen Abgründen und tiefer Verzweiflung zeugt und den/ die LeserIn eingängig mitzieht. Endlich kann Kate offiziell demonstrieren, was in ihr steckt und verhält sich weniger tragisch und weinerlich als in den Romanen davor.

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