Großes Potenzial, das noch besser hätte ausgeschöpft werden können
Verdammt wütendIch habe "Nie, Nie, Nie" damals verschlungen und wollte deshalb selbstverständlich auch das neue Buch der Autorin lesen - zumal das Thema Wut mich stark angesprochen hat. Und es hält dahingehend auch, ...
Ich habe "Nie, Nie, Nie" damals verschlungen und wollte deshalb selbstverständlich auch das neue Buch der Autorin lesen - zumal das Thema Wut mich stark angesprochen hat. Und es hält dahingehend auch, was es verspricht, doch so richtig zufrieden bleibe ich nicht zurück.
Erst einmal finde ich es aber toll, dass Linn Strømsborg bei ihrem Schreibstil geblieben ist und wir hier wieder mit teils extrem kurzen, rasanten Kapiteln konfrontiert sind. Das gibt einen tollen Lesesog, den ich ehrlicherweise ohne diese Form wohl nicht gehabt hätte. Denn so sehr ich Britts Wut und Frustration in meinem Innersten nachfühle, so sehr haben sie mich auch gelähmt. Damit will ich absolut nicht sagen, dass alles einen Moment von Empowerment braucht. Unter dem Patriarchat Leidende haben ein Recht auf ihre Wut und Vieles lässt sich nunmal nicht wegrationalisieren. Das wird vor allem zu Beginn deutlich, doch diese Stärke konnte für mich nicht aufrechterhalten werden und wandelte sich für mich im weiteren Verlauf in das Gefühl, dass etwas fehlt.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich die Erzählperspektive irritierend fand. Es gibt mehrere Blickwinkel, die irgendwie gleichzeitig aus der jeweiligen Person und aus Britt heraus erzählt werden. Die Perspektiven sind dabei total wichtig und teilweise schlicht genial. Etwa, wenn die Autorin Espen zu Wort kommen lässt und so Maternal Gatekeeping thematisiert - das aber später durch die Perspektiven von Anita und Runa wieder in Relation setzt, indem klar wird, dass die Männer sehr wohl viel seltener Alltagsaufgaben/Mental Load übernehmen und es wohl eher weniger am vermeintlichen Gatekeeping der Frauen liegt. Wirklich ein großes Kompliment, wie unglaublich elegant Strømsborg die Komplexität struktureller Ungleichheiten im Privatleben hier abbildet.
Ich konnte die Vorzüge aber durch meine Irritation oft nicht so richtig genießen und wurde dadurch auch aus einer möglichen emotionalen Verbundenheit zu den Figuren gerissen. Genau das hätte es bei aller Beklemmung ob des Inhalts aber unbedingt gebraucht und das haben andere Bücher in diesem Feld meiner Meinung nach besser hinbekommen. Zusätzlich erschwert wurde mir das Lesen dieses Mal außerdem durch die Kombination aus Wut und Ängstlichkeit bei der Protagonistin. Das war mir persönlich zu viel, was aber einfach eine Präferenz ist.
Absolut kein schlechtes Buch und ich bin mir sicher, dass sich Viele gesehen fühlen und durch die Lektüre ihrer Wut hoffentlich noch mehr Ausdruck verleihen können. Mir fehlte es an emotionaler Zugänglichkeit einerseits und aktivem Handeln andererseits, daher nicht mein Favorit der Autorin, deren zukünftige Bücher ich aber dennoch lesen werde.