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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.01.2025

Authentische Charaktere, aber zu wenig Entwicklung

Elternhaus
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Ute Mank ist mit “Elternhaus” ein eindringliches Familienporträt gelungen. Denkt man zunächst, es ginge vordergründig um die Eltern und den Verkauf des Hauses, belehrt die Autorin einen schnell eines Besseren: ...

Ute Mank ist mit “Elternhaus” ein eindringliches Familienporträt gelungen. Denkt man zunächst, es ginge vordergründig um die Eltern und den Verkauf des Hauses, belehrt die Autorin einen schnell eines Besseren: Der ganze Roman dreht sich um die beiden älteren Schwestern Sanne und Petra, die kaum ein gegensätzlicheres Leben führen könnten. Die jüngste Schwester Gitti spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, bekommt aber leider sehr wenig Aufmerksamkeit.
Die Erzählung wechselt zwischen der Gegenwart und Erinnerungen an die Kindheit, die sich alle in besagtem Elternhaus abspielen. Mal sind sie nostalgisch, mal schmerzlich.
Schnell wird deutlich, dass die drei Schwestern seit frühester Kindheit feste Rollen einnehmen mussten und diese bis ins Erwachsenenalter beibehalten haben. Schon früh begann unter den Dreien ein Konkurrenzkampf. Schade fand ich, dass nicht wirklich deutlich wurde, was diesen hervorgerufen hat. Er gipfelt dann darin, dass die Schwestern als Erwachsene so gut wie keinen Kontakt mehr haben. Wie dieser Bruch zustande kam, wird auch nicht beschrieben.
Bei allen Frauen haben sich über die Jahrzehnte Gefühle angestaut, sodass der große Konflikt, der sie alle wieder zusammenbringt - der Verkauf des Elternhauses - eigentlich in einem riesigen Knall hätte enden müssen. Aber es gab keine Aussprache, keinen Streit, sondern genau wie die Jahre zuvor nur Schweigen.

Ute Mank hat mich mit ihrem Schreibstil und den facettenreichen, authentisch dargestellten Figuren absolut gefesselt - nur leider gab es mir insgesamt zu wenige Antworten, zu wenig Entwicklung bei den Protagonistinnen. ⭐️3,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 20.12.2024

Gut geschrieben, zweifelhafte Botschaft

Über Menschen
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“Über Menschen” ist für mich das erste Buch Juli Zehs und schnell musste ich feststellen: die Frau versteht es wirklich, mit Worten umzugehen. Mit Leichtigkeit zieht sie uns in die Geschichte, umschreibt ...


“Über Menschen” ist für mich das erste Buch Juli Zehs und schnell musste ich feststellen: die Frau versteht es wirklich, mit Worten umzugehen. Mit Leichtigkeit zieht sie uns in die Geschichte, umschreibt Doras Leben und Umgebung mit unheimlich treffenden Metaphern und setzt gut platzierte Pointen.
Dora ist außerdem eine Protagonistin, mit der man sich gut identifizieren kann, auch die Zeiten der Corona-Lockdowns sind noch allzu präsent und Probleme des Landlebens werden schnell deutlich (fehlende Nahverkehrsanbindung etc.).
Gut fand ich, wie die Autorin aufzeigt, dass jeder Mensch mehrere Facetten hat: ein Rechtsextremer kann trotzdem ein hilfsbereiter Nachbar, guter Freund, liebender Vater sein.
Auch gut: Es wird deutlich, dass es einfach ist, eine Meinung zu haben, sie im realen Leben auch umzusetzen, manchmal jedoch nicht. So hat Dora z. B. oft Zweifel, ob sie die rassistischen Witze des Anwohners nun kommentiert (lohnt sich die Diskussion?) oder doch lieber gekonnt weghört. Manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen Richtig und Falsch.
Nicht so gut: Das Fazit, dass Menschlichkeit über Ideologien stehen sollte und man nicht zu allem eine klare Meinung haben muss. Natürlich sollte man seine Menschlichkeit immer beibehalten, aber eine Ideologie stillschweigend zu akzeptieren, in der andere Menschen eben nicht toleriert werden, ist einfach nicht in Ordnung. ⭐️3,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 20.12.2024

Großartiger Schreibstil, inhaltlich eher schwach

Der längste, strahlendste Tag
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“Der längste, strahlendste Tag” ist eine 18 Kurzgeschichten umfassende Sammlung, die Benjamin Myers in den letzten 15 Jahren geschrieben hat.
Thema sind oftmals Männer, die an ihrer veralteten Vorstellung ...

“Der längste, strahlendste Tag” ist eine 18 Kurzgeschichten umfassende Sammlung, die Benjamin Myers in den letzten 15 Jahren geschrieben hat.
Thema sind oftmals Männer, die an ihrer veralteten Vorstellung vom Mannsein scheitern. Zeit und Ort werden selten benannt, meistens fühlt es sich aber nach einem vergangenen, sehr ländlichen England an.
Myers hat dabei einen sehr nüchternen und trotzdem Sehnsüchte weckenden Schreibstil, der ein nostalgisches Gefühl und Naturverbundenheit in den Lesenden hervorruft. Auch die Charaktere finde ich ganz fantastisch. Auf nur wenigen Seiten verleiht der Autor ihnen Tiefe und Vielschichtigkeit.
Der Inhalt hat mich teilweise etwas ratlos zurückgelassen. Die Enden lassen oft viel Deutungsspielraum oder ich habe sie nicht richtig verstanden. Auch gibt es einige sehr ausformulierte Gewaltszenen, die im krassen Gegensatz zu dem harmonischen Schreibstil stehen.

Sprachlich hat mich Myers mit seinen Kurzgeschichten vollkommen überzeugt, inhaltlich leider nur mit einem Bruchteil der Sammlung. ⭐️3,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 26.10.2024

Aktuelle Themen, künstlerischer Schreibstil

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
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“Hey guten Morgen, wie geht es dir?” hat einen sehr eigenen Stil; er ist szenisch, fast lyrisch und lässt sich leicht lesen. Damit passt er gut zur Protagonistin Juno, die selbst Theater spielt und Stücke ...

“Hey guten Morgen, wie geht es dir?” hat einen sehr eigenen Stil; er ist szenisch, fast lyrisch und lässt sich leicht lesen. Damit passt er gut zur Protagonistin Juno, die selbst Theater spielt und Stücke schreibt.
Der Roman behandelt viele aktuelle Themen, darunter Ableismus, Rassismus, Care-Arbeit, das Altern und natürlich Love-Scamming. Wobei letzteres für Betroffene schwierig zu lesen sein könnte, da Opfern mehr oder weniger die Schuld selbst zugeschoben wird.
Außerdem wird mit vielen Gegensätzen gearbeitet, das fängt schon damit an, dass jegliche Charaktere göttliche Namen aus verschiedenen Mythen bekommen haben, aber mit irdischen Problemen und ihrer eigenen Sterblichkeit klarkommen müssen. Auch dass Juno auf der Bühne als Schauspielerin in Pailletten strahlt, abseits ihrer Rollen aber wochenlang von Haferflocken leben muss, ist ein solcher Gegensatz.
Ich hatte leider so meine Probleme mit der Protagonistin, bin nicht warmgeworden mit ihr. Auch die Beziehung zu Jupiter habe ich nicht ganz verstanden, manchmal liest es sich so, als hätten sie kaum Kontakt (obwohl sie in einer Wohnung leben und er auf sie angewiesen ist) und als ginge es ihr nur um sein Pflegegeld, doch wenn er mal vorkommt, sind ihre Gedanken stets liebevoll, der Umgang warmherzig und vertraut.
Die vielen angesprochenen Handlungs- und Themenstränge verlaufen eher nebeneinander statt miteinander und am Ende ins Nichts.
Ich habe für mich persönlich gemerkt, dass mir ein klassischer Roman, der eine klare Geschichte erzählt, lieber ist. Für alle, die offen für einen experimentellen, künstlerischen Schreibstil sind, ist das Buch sicherlich empfehlenswerter.
Dennoch freue ich mich, dass Martina Hefter so viele begeisterte Leser*innen gefunden hat und gratuliere herzlich zum Gewinn des Deutschen Buchpreises 2024.

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Veröffentlicht am 23.10.2024

Sehr sachlich, aber interessant

Das Igel-Tagebuch
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In “Das Igel-Tagebuch” schreibt die Journalistin Sarah Sands ihre persönlichen Erfahrungen nieder. Anlass dazu gegeben haben ihr kranker Vater, der kleine Igel Peggy und wie sie darauf hofft, dass beide ...

In “Das Igel-Tagebuch” schreibt die Journalistin Sarah Sands ihre persönlichen Erfahrungen nieder. Anlass dazu gegeben haben ihr kranker Vater, der kleine Igel Peggy und wie sie darauf hofft, dass beide den Winter überstehen.
Sie berichtet aber hauptsächlich von den Ergebnissen ihrer Recherche, sodass viele Fakten und Zitate von Dichtern und Philosophen zusammenkommen - denn die unscheinbaren Tierchen begeistern uns Menschen seit jeher.
Aus dem kurzen Büchlein kann man also viel Neues lernen und die Igel-Obsession, die manche Personen darin haben, auf jeden Fall nachvollziehen. Ich fand gerade den Schluss sehr interessant, bei dem noch einmal die Rolle des Igels in Bezug auf die Umwelt im engeren und weiteren Sinne beleuchtet wird.
Generell ist es sehr schön zu lesen, mit welchem Respekt und welcher Anerkennung die Natur beschrieben wird - denn sie ist definitiv schützens- und liebenswert, etwas absolut Einzigartiges.
Leider war der Schreibstil sehr nüchtern. Auch wenn es ein Sachbuch ist, hatte ich durch die vielen persönlichen Passagen einen etwas romanhafteren Erzählstil erwartet (ähnlich wie in “Das Evangelium der Aale”). So hat es sich eher wie eine Analyse gelesen, zwischendurch ist es einfach nur eine Aneinanderreihung von Fakten und Zitaten und es fällt dadurch schwer, am Ball zu bleiben.
Wer sich für die Lebensweise von Igeln in England interessiert, wie sie dort geschützt werden und was man selbst als Gartenbesitzer*in tun kann, sollte das Buch lesen. Wer eine warmherzige Geschichte über die Pflege eines jungen Igelweibchens lesen möchte, eher nicht - denn dieser Part kommt recht kurz.

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