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Veröffentlicht am 09.02.2025

Tiefer Schlick an der Ostsee

Dunkle Asche
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„Dunkle Asche“, vermutlich der Auftakt zu einer neuen Ostsee-Krimi-Serie aus der Feder von Jona Thomsen (Pseudonym), ist ein solider Ostsee-Krimi, der zwei sehr sympathische neue Ermittlerinnenfiguren ...

„Dunkle Asche“, vermutlich der Auftakt zu einer neuen Ostsee-Krimi-Serie aus der Feder von Jona Thomsen (Pseudonym), ist ein solider Ostsee-Krimi, der zwei sehr sympathische neue Ermittlerinnenfiguren auf einen Cold Case loslässt und am Ende mit einer überraschenden Wendung aufwartet.

Die beiden neu zusammengewürfelten Kriminalistinnen Gudrun Möller und Judith Engster, letztere frisch aus Rostock hinübergewechselt zur Landespolizei Schleswig-Holstein, erstere ein Gewächs der Kieler Förde, die deshalb den alten Fall selbst als Jugendliche miterlebt hat, sind Teil einer neue aufgesetzten Cold Case Unit und befassen sich mit dem Mord an Sanna Hansen, der in den 90ern geschah und zu dem es nun neue Erkenntnisse gibt. Platziert am Strandbereich Kalifornien, fängt Thomsen das Ostseekolorit und die bestehende Spaltung der Bevölkerung in die Rich Kids und die Working People, in die Unterschiede zwischen den Städten Hamburg und Kiel und den dazwischen liegenden ländlichen Regionen souverän ein. Nachdem zunächst Schwung in die Ermittlungen kommt und Gudrun und Judith über den Fall hinweg zunehmend ihr gegenseitiges Misstrauen einander gegenüber ablegen können, treten die Nachforschungen nach einiger Zeit doch zunehmend auf der Stelle. Gibt es vielleicht gar keinen Fall? Waren die Erkenntnisse der damaligen Zeit vollkommen korrekt und die ganzen Mühen sind umsonst? Doch wer einmal eine Wattwanderung gemacht hat, der weiß, wie tief der Schlick der See ist. Und so gerät gerade Gudrun, die aufgrund ihrer Vernetzung an der Förde mehr weiß und erahnt, als für sie gut ist, zunehmend in den Fokus des damaligen Täters.

Thomsen schreibt flüssig und hält über weite Strecken einen guten Spannungsbogen. Er charakterisiert das Figurenpersonal mit wenigen Strichen und vielleicht insgesamt deshalb etwas klischeehaft. Dagegen hat mir sehr gut gefallen, wie selbstverständlich er Queerness ohne weitere Bedeutung in seine Erzählung als Teil der Gesellschaft integriert. Der Fokus wechselt klug zwischen verschiedenen Verdächtigen und auch wenn ich relativ früh erahnt habe, wer der eigentliche Täter ist, war die Motivation dennoch überraschend. Allerdings liegt in der Überraschung auch ein bisschen ein Wermutstropfen begraben, denn Thomsen muss schon tief in die Zufalls- und Konstruktionskiste greifen, um aus dem geschriebenen Showdown wieder herauszukommen, für mich ein Manko dieses Krimis, der über weite Strecken sehr unaufgeregt erzählt wird, was für mich auch am Ende durchaus hätte der Stil bleiben dürfen. Sehr gelungen sind die Beziehungen im Ermittler:innenteam, die zum Glück noch nicht auserzählt sind, so dass hier noch ausreichend Potenzial für weitere Fälle besteht. Insgesamt ein solider Serienauftakt, dem ich vor allem wegen Gudrun und Judith gern gefolgt bin. Für die weiteren Fälle würde ich mir noch etwas mehr Komplexität und Feinheit in der Ausarbeitung wünschen, werde aber sich auch in Band 2 gerne hineinschauen.

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Leider falscher Fokus

Die Eigensinnige
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„Die Eigensinnige“ von Lucca Müller, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, ist eine fiktionale Romanbiografie, bei der das Wort „fiktional“ nicht groß genug gedacht werden kann. Über knapp 450 Seiten verfolgt ...

„Die Eigensinnige“ von Lucca Müller, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, ist eine fiktionale Romanbiografie, bei der das Wort „fiktional“ nicht groß genug gedacht werden kann. Über knapp 450 Seiten verfolgt Lucca Müller das Leben und leider sehr wenig das Werk von Marie von Ebner-Eschenbach von der Jugend bis ins Alter und zeigt, streckenweise durchaus feministisch, die Schwierigkeiten einer unkonventionellen Frau in Kunst und allgemeinem Leben im 19. Jahrhundert auf.

Das Buch startet schwungvoll und mittendrin, was ich persönlich sehr mag. In einem kurzen, im Theater spielenden Prolog, der weit vorgreift in der Geschichte, wird Marie auf wenigen Seiten sofort ganz klar charakterisiert und ihr ungewöhnlicher Charakter wird direkt deutlich. Wie gefesselt muss diese spannende Frau in ihrer Zeit gewesen sein! Dieser Eindruck hat sich für mich durch das ganze Buch gezogen. Was für ein unterdrücktes Frauendasein strahlt einem da aus jeder Zeile entgegen, und wie dankbar können wir allen Frauen sein, die für Emanzipation und Freiheit gekämpft haben. Unvorstellbar, so reduziert leben zu müssen.
Nach dem kurzen Prolog im Theater macht das Buch einen gut nachvollziehbaren Zeitsprung in Maries Jugend – hier helfen auch die durchweg im Buch vorhandenen zeitlichen Einordnungen am Kapitelbeginn. Lucca Müller schreibt sehr gut, es gelingt ihr, immer eine sehr klare Atmosphäre und Emotion zu schaffen, ohne dass sie dafür viele Beschreibungen der Umwelt braucht. Das Drehbuchschreiben, von dem Müller kommt, merkt man dem Roman an – im positiven Sinne, insbesondere auch in der Dialoggestaltung! Freiheit gegen Form – dieses Thema dominiert immer wieder den Roman, in dem Marie sich, immer wieder auch von Rückschlägen geprüft, zunehmend ihren Raum erobert – und den für sie richtigen Mann erobert. Dieser wirkt im Buch auf jeden Fall erstaunlich modern für seine Zeit, und er teilt mit Marie die Erfahrung, für etwas zu brennen und Pionier zu sein. Schnell kommt es aber auch zu den ersten historischen Irritationen, beispielsweise die Darstellung der verhindernden Rolle der Stiefmutter für Ebner-Eschenbachs Schaffen, historisch dagegen hat Xaverine Kolowrat-Krakowsky Marie von Ebner-Eschenbach gefördert und unterstützt.
Nicht zufällig spielt Lucca Müller mit Referenzen an Drei Haselnüsse für Aschenbrödel und Sissi-Romantik, einerseits toll, weil hier indirekt deutlich wird, wie sehr starke Frauen am Ende eben immer auch Prinzessin sein sollen, andererseits legt sie hier aber auch den Grundstein, der sich durch den Roman zieht, dass der Fokus streckenweise doch sehr auf Eheleben, Schmonzette und gesellschaftlicher Präsenz liegt, wodurch das literarische Schaffen zunehmend in den Hintergrund rückt. Warum wird eine (fiktionale?) Affaire mit einem Schauspieler endlos ausgewalzt, aber kaum aus Ebner-Eschenbachs Werken zitiert? Warum wird ihr Schreiben immer als hilfloser Prozess dargestellt und nicht als die schöpferisch-kreativ kreisende Suchbewegung einer Schriftstellerin, die zunehmend in ein Ziel mündet?
Müller zeigt auf, dass die Frau in der Kunst in der Öffentlichkeit immer unter anderen Bewertungskriterien beurteilt wird als der Mann (bis heute leider). Aber selbst unterläuft ihr derselbe Fehler, indem sie nicht darauf vertraut, hier wirklich die Künstlerin in ihrem Schaffenskampf zu zeigen, sondern eher auf die populären Anteile einer Biographie mit Groschenromanvibe setzt, Begegnungen mit Kaiserin Sissi inklusive.

Klare Bilder findet Müller für die Zeit, in der Marie von Ebner-Eschenbach lebt, eine Zeit, in der Kaninchen gegen Menschenleben getauscht wurden, in der die einen hungern, während die anderen auf Bälle gehen. Und auch prominente Zeitgenossen werden in die Handlung immer wieder eingewoben, teilweise verkommt diese Ebene zum Namedropping, das einige Lesende überfordern und zum Querlesen animieren dürfte. Gut durchgearbeitet ist auch, wie Marie immer ihre Unabhängigkeit sucht – wobei dabei auch ihre Privilegiertheit sehr deutlich wird, sie ist durch ein Erbe finanziell vollkommen versorgt, entscheidet sich aus freien Stücken für „das einfache Leben“, gibt aber auch weiter an andere Menschen. Wobei ich sie da als sehr konzeptlos empfinde, relativ willkürlich sucht sie sich Menschen aus, die sie begünstigt, anstatt vielleicht mit dem Geld zu versuchen, eine größere Veränderung in der Gesellschaft zu erreichen oder nachhaltig etwas zu bewegen. Für mich ist da auch immer das Geschmäckle von Gutmenschentum zu spüren, sie gefällt sich selbst sehr im Geben... Sieht aber nie über ihr Privileg wirklich hinaus, ihr Horizont ist begrenzt. Auch wenn sie sich kritisch mit ihrer eigenen Klasse beschäftigt, sie bleibt eigentlich dabei stehen, die anderen ein bisschen doof zu finden, hinterfragt sich selbst aber kaum, was ihr allgemeines Leben betrifft. Hier ist aber Müllers Schreiben leider auch tendenziös, da sie sehr wenig Fokus auf Ebner-Eschenbachs soziale Arbeit im späteren Lebensabschnitt gibt und kaum davon erzählt.

Mich hat das Buch auf jeden Fall neugierig gemacht, mal wieder etwas von Marie von Ebner-Eschenbach zu lesen, durch den Filter dieses einerseits sehr egozentrischen, aber andererseits doch auch feministisch starken Lebens gelesen, wird das bestimmt sehr interessant. Insgesamt empfinde ich „Die Eigensinnige“ aber als zu wenig ausbalanciert und hätte mir gewünscht, den Eigensinn mehr aus der Kunst heraus zu lesen als aus der Romanze.
„Ich will einen Abdruck hinterlassen!“, zitiert Müller Marie von Ebner-Eschenbach. Der Roman hat bei mir nicht wirklich einen erreichen können.


Ein großes Dankeschön an lesejury.de und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 24.11.2024

Startet stark, endet schwach

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
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„Hey Guten Morgen, wie geht es dir?“, der neue Roman und Deutscher Buchpreisträger von Martina Hefter, erschienen 2024 bei Klett-Cotta, verliert sich nach einem starken Start im Mittelmaß.

Das Buch liest ...

„Hey Guten Morgen, wie geht es dir?“, der neue Roman und Deutscher Buchpreisträger von Martina Hefter, erschienen 2024 bei Klett-Cotta, verliert sich nach einem starken Start im Mittelmaß.

Das Buch liest sich eingangs superfluffig und macht richtig viel Spaß – gerade, weil sich unter der Leichtigkeit auch eine Menge Tiefgrund verbirgt. Die schlaflose Juno, die Göttin der Geburt, der Ehe und Fürsorge, gleichgesetzt mit Hera und somit die Bossgöttin aller Göttinnen (und ein Asteroid) pflegt Jupiter, den allmächtigen und alles verzehrenden Zeus der römischen Mythologie und zeitgleich den größten Planeten unseres Sonnensystems. (Leider findet sich im weiteren Verlauf des Buches kaum Bezug zu dieser Analogie.) Dabei verpasst Juno unter Umständen ihr eigenes Leben und noch mehr unter Umständen ist das sogar selbst gewählt, denn es offenbart sich, dass Jupiter eigentlich auch noch allein klarkommt. Laut Juno allerdings mit weniger Lebensqualität – da sich schnell andeutet, dass es eigentlich kaum mehr richtigen Kontakt zwischen dem Paar gibt und jede:r sich zunehmend sein eigenes Universum schafft, stellt sich eher die Frage, wozu Juno dieses Abhängigkeitssystem braucht. Vielleicht, um sich nicht dem eigenen Leben stellen zu müssen und den Fragen, die sie tief versteckt in ihrem Inneren umtreiben: Was will ich eigentlich vom Leben? Habe ich noch Ziele? Traue ich mich ran an mein Potential? Erlaube ich mir, mit Karacho zu scheitern, erlaube ich mir, wirklich von mir und meinem Talent überzeugt zu sein – und dass es dann wehtun könnte, wenn andere das anders sehen? Wie gehe ich um mit der eigenen Endlichkeit?
Die Sprache ist wundervoll, so viele schöne Sätze, dabei ist alles sparsam und knapp, nicht unnötig ausschweifend, gut gewählte kleine Sterne, die am Buchhimmel aufblitzen.
Der beschriebenen Theaterwelt merkt mensch an, dass Martina Hefter selbst dort unterwegs ist – umso mehr stört mich die große Ungenauigkeit, dass durchweg mit Bühnenlicht und Nebel geprobt wird, von Anfang an – das ist totaler Quark. Ich wünsche mir immer sehr, dass Kolleg:innen unsere Welt korrekt darstellen, es gibt eh so viel Irrglauben darüber, das muss nicht sein für ein bisschen Atmosphäre.
Benu, der Totengott, das Gegenüber im Internet, der Love-Scammer, der identifiziert wird und bei dem Juno trotzdem hängen bleibt als Kommunikationspartner, bleibt leider relativ konturlos, Jupiter, der Pflegefall zuhause ebenso.
Formal mochte ich, dass Hefter ihrem Buch einen Trailer voranstellt. Die kurzen Kapitel machen das Lesen leicht. Viele Lieblingssätze, ich hebe mal nur einen hervor: „Man muss nur kurz die Erde anheben.“ Der Buchtitel fällt früh. Den mag ich sowieso sehr, er fasst die Verlagerung unserer Kommunikation auf die Chatebene so gut zusammen. Auch gut die eingestreuten Informationen über Nigeria und unser nach wie vor sehr postkoloniales Denken.

Juno wird immer mutiger in ihrem Kontakt zu Benu, der auch einen Eskapismus aus ihrem eigenen Leben darstellt, kritisiert sich aber auch hart dafür. Ich mochte ihre Gedanken sehr: „Aber ohne Naivität keine Entdeckungen. Man musste manchmal die Möglichkeit des Todes ausblenden können, sonst kam man nicht weiter, und dazu musste man ein bisschen naiv sein.“ Oder wie ich zu sagen pflege: „Ohne Risiko kein Spaß.“ Auch gute Gedanken, die sich Juno über privilegiertes westeuropäisches Leben macht. Nichts, was wir haben, nichts, was wir tun, richten keinen Schaden an, an einer anderen Stelle auf der Welt. Das ist ein Gedanke, der so klar ausgesprochen extrem bedrückend ist. Und auf den wir in einigen Bereichen so wenig Einfluss haben. Weshalb zumindest Awareness so wichtig ist. Generell arbeitet Hefter das Thema „privileged White European person“ einfach perfekt heraus mit vielen kleinen Facetten und Unternoten. Und so geschickt in die Geschichte eingearbeitet, so selbstreflektierend und nicht anklagend, dass es richtig gut gelingt, den Finger in die Wunde zu legen, ganz nebenbei.
Was auch gut herauskommt ist Junos große innere Einsamkeit und ihr Gefangensein in dem Leben, wie es bei ihr gerade läuft. Und aus dem sie keinen Ausgang findet, sich dabei aber verloren hat. Nicht untypisch für den Lebensabschnitt, irgendwie feststecken in der Verantwortung für andere und die Antwort auf die Frage „und ich?“ nicht mehr formulieren können, aber innendrin steckt ganz viel Sehnsucht fest. Benu öffnet diese Büchse der Pandora nur durch seine Existenz.
Die kurzen Chats der beiden lockern die Prosa immer wieder auf und bieten auch Raum für Komik, das ist gelungen.

Ab der Mitte des Buches tritt Hefter dann aber leider auf der Stelle und schon nach kurzen Leseunterbrechungen gibt es nicht mehr viel Erinnerung an das schon Gelesene, da bleibt nichts hängen. Juno ging mir zunehmend auf die Nerven, irgendwie hat sie so ein Grundleid in sich, das sie gar nicht haben müsste eigentlich, so schlecht fühlt sich ihr Leben gar nicht an von außen, bzw. ich will ihr ständig zurufen „entscheide dich halt für was“. Das Altern beschäftigt sie sehr. Aber warum? Und warum macht sie das so sehr am Außen fest? „Die Gesellschaft“, die das tut, ist ihr doch gar nicht so wichtig?
Es gibt viele Vorausdeutungen auf eine Katastrophe – nur erfahren wir nie, was und wie diese ist, sondern bleiben in der Luft. Das hat mich wirklich verärgert nach so viel Aufbau für was?
Am Ende des Romans ist eigentlich gar nichts passiert. Keine Entwicklung, keine wirkliche Veränderung, keine Konkretion.
Leider einmal mehr ein Buch, das stark beginnt und dann immer weiter zerfasert und kein Ende findet. Den Deutschen Buchpreis verstehe ich nicht wirklich, für mich ein Durchschnittsbuch mit tollen Momenten und ja, beeindruckender Sprache, aber der große Wurf? Den sehe ich leider nicht.

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Veröffentlicht am 09.11.2024

Kluge Gesellschaftsanalyse mit Action, der etwas Reduktion gutgetan hätte

Balaclava
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„Balaclava“, von Campbell Jefferys, erschienen 2024 bei Ripple Books, ist ein kluger Roman, der, geschrieben von einem Australier, eine verblüffend gute Gesellschaftsanalyse des Ist-Zustandes in Deutschland ...

„Balaclava“, von Campbell Jefferys, erschienen 2024 bei Ripple Books, ist ein kluger Roman, der, geschrieben von einem Australier, eine verblüffend gute Gesellschaftsanalyse des Ist-Zustandes in Deutschland bietet, es dabei an Action auch nicht vermissen lässt, dem aber insgesamt eine erhebliche Straffung und klarere Auswahl der zu behandelnden Themen bestimmt sehr gutgetan hätte.

Das intelligente Cover umschließt fast 550 eng bedruckte Seiten, die einem leider dank schlechter Bindung zunehmend auch entgegenkommen beim Lesen, und die mir ein Leseerlebnis beschert haben, dass sich immer wieder sehr wie Arbeit angefühlt hat, was einerseits am mangelnden Lesekomfort, andererseits an einfach zu viel Inhalt gelegen hat.

Wie fasst mensch dieses Buch grob zusammen? Die Polizistin Mara kehrt nach üblen Vorfällen in Berlin als Undercover Agentin in ihre Heimat Hamburg zurück, wo sie schnell wieder in die linke Szene eintaucht, der sie ehemals angehörte und, ab von ihrem eigentlichen Auftrag, auf die Suche nach ihrem verschollenen Bruder geht, den sie vermeintlich auf einem Video unter einer Balaclava erkannt haben will. Von diesem Punkt aus entspinnt sich eine wahre Odyssee, die Mara quer durch Deutschland und darüber hinaus jagen lässt und in der sie immer mehr auch zur Gejagten wird.

Jefferys schreibt klug, mit erstaunlicher Ortskenntnis für einen Australier und analysiert unser Land, unsere Gesellschaft, unseren Zeitgeist treffsicher und erschreckend. Wohin unsere Gesellschaft gehen kann und wird, wenn sich die Fronten weiter so verhärten und der ignorante Rechtsruck sich weiter breitmacht, ist in diesem Buch ganz deutlich zu spüren. Hier und da liegt er dann doch mal daneben, z.B. das Wahlverhalten der jungen Generation imaginiert er vollkommen falsch, aber 99 Prozent des Buches sind schmerzhaft wahr.

Dabei streift Jefferys viele Themen neben der Protestkultur und dem Klimawandel, jedes einzelne hat absolut seine Berechtigung und kann, muss, sollte besprochen werden – alle zusammen in einem Buch sind aber einfach zu viel. Was mich begeistert hat: Jefferys schreibt feministisch, gut feministisch, glaubhaft feministisch, was ich sehr ungewöhnlich finde von einem männlich gelesenen Autor, ist mir in dieser Qualität noch nicht begegnet.

Wenn man es über die ersten 70 Seiten hinausschafft, die etwas sehr namens- und infolastig sind, steigt die Handlungsorientierung und streckenweise befinden wir uns fast in einem Politthriller. Leider aber geht dem Autor am Ende die Luft aus und er schreibt nach vielen dramatischen Wendungen ein schnelles Happy End herbei – das für mich keine Glaubwürdigkeit hat und auf einmal auch all die vielen Themen einfach dropped. Nichts ist wirklich besser geworden – aber irgendwie sind auf einmal alle zufrieden. Das hat mich sehr unzufrieden zurückgelassen, weshalb ich dem Buch nicht mehr als 3,5 Sterne geben kann – auch wenn ich mir wünsche, dass sich ganz viele Menschen mit den Themen des Buches auseinandersetzen – für eine bessere Welt! Etwas langen Atem braucht es für dieses Buch – aber für die Weltverbesserung ja auch.

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Veröffentlicht am 28.10.2024

Spannender Genre-Mix, der leider nicht ganz aufgeht

Sisters in Blood - Der Schwur
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„Sisters in Blood – Der Schwur“ von Genevieve Gornichec, erschienen 2024 bei Bastei Lübbe, ist zunächst einmal auf jeden Fall eines der schönsten Bücher, die ich je in den Händen hielt, was für eine tolle ...

„Sisters in Blood – Der Schwur“ von Genevieve Gornichec, erschienen 2024 bei Bastei Lübbe, ist zunächst einmal auf jeden Fall eines der schönsten Bücher, die ich je in den Händen hielt, was für eine tolle Gestaltung! Ein wunderschönes Cover geht nahtlos über in einen ebenso genialen Farbschnitt, ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn ich das Buch zum Lesen in die Hand nehmen konnte.

Die Handlung spielt in der Wikingerzeit und befasst sich dort aber eben nicht mit den starken Männern, sondern vielmehr mit drei starken Frauen, Gunny, Oddny und Signy, drei Schwurschwestern, die auseinandergerissen werden und auf der Suche nach einander vielleicht auch sich selbst finden. Dabei begegnen sie als Widersacherinnen viel Magie und so einigen Hexen, finden Partner und verlieren sie wieder, kommen zueinander, um doch wieder auf die Reise zu gehen. Ein großartiges Thema!

Das Buch liest sich für gut, die vielen Informationen über die Wikingerzeit fließen wie nebenbei ein, der Härtegrad ist gut gewählt, es wird deutlich, was für eine karge und brutale Zeit das war bis hin zur Sklaverei und üblen Beutezügen, aber es ist auch nicht übertrieben blutrünstig oder auf Effekt geschrieben. Wir erleben eine mehrfache From-Enemy-To-Lover Konstellation, auch Romance kommt also noch in den Genremix hinein, so dass wir letztlich eine irgendwie historisch-romantische Fantasy vor uns haben, die auch vor Themen des 21. Jahrhunderts keinen Halt macht. Streckenweise hat das Buch Pageturner-Qualität und ist kaum aus der Hand zu legen – in anderen Abschnitten allerdings zieht sich die Handlung doch etwas, was leider dazu führt, dass zu Ende hin im Gegenzug sehr schnell geschrieben wird und ein Hauptstrang der Handlung leider komplett geopfert wird, was mich persönlich sehr enttäuscht hat. Spannend fand ich, wie die negativen Aspekte der Wikingerzeit angesprochen werden, die Traumatisierung, die aus den Raubzügen und Schlachten auch bei den ausführenden Wikingern hervorgeht und das Schweigen, das entsteht. Das habe ich so noch nirgendwo gelesen, ist aber ganz sicher realistisch, finde ich gut, das zu beleuchten. Auch stark, wie im Roman einerseits Frauensolidarität ganz oft gezeigt wird, andererseits aber auch deutlich gemacht wird, dass es auch da große Revierkämpfe gibt.
Was für mich leider nicht aufging, waren viele Gedanken und Formulierungen, die klar ins 21. Jahrhundert gehören, was den Reflektionsgrad angeht, mit dem die Menschen im Roman all dies verfertigen. Die Autorin bringt queere Thematik mit ins Buch – was ich gut und legitim finde, denn queere Menschen gab es natürlich schon immer, sie gehören zur Lebensrealität in allen Zeiten. Grundsätzlich also super, Queerness in ein Buch über die Wikingerzeit einzubringen. Aber sämtliche Gespräche und Konfliktlösungen waren so eindeutig im Denken des 21. Jahrhunderts verhaftet, dass sich hier für mich leider der Zeithorizont komplett gesprengt hat.
Das schnell geschriebene Ende führt zu weiteren Inkongruenzen, die Auflösung des Geschehens ist ein etwas zu großes Wunder und noch dazu wird hier sämtliche Logik außer Acht gelassen – wer als lesende Person noch einmal ein paar Kapitel zurückblättert, wird sicher feststellen, dass hier Dinge einfach nicht zusammengehen.

So bin ich insgesamt leider etwas enttäuscht von diesem Buch, das stark anfängt, sich aber dann immer weiter von seinem Ursprung entfernt (und auch die isländische Saga maximal noch als Folie benutzt). Ich hatte auch deutlich weniger Magie erwartet, das Ausmaß hat mich dann doch überrascht. So kann ich mich leider wegen des letzten Drittels und der doch sehr starken Ausreißer ins 21. Jahrhundert nur zu 3,5 Sternen durchringen, der gewählte Genre-Mix ist für mich hier noch nicht fertig gedacht und leider nicht sauber durchgestaltet. Dennoch ist das Buch grundsätzlich eine Lesereise wert – und vielleicht ist ja der wahrscheinlich folgende zweite Band (das Ende deutet eine Fortsetzung an) dann einen Schritt weiter, ich würde es mir wünschen!


Ein großes Dankeschön an lesejury.de und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!

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