Profilbild von MarieOn

MarieOn

Lesejury Star
offline

MarieOn ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MarieOn über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.11.2024

Ein erschütterndes wie wichtiges Buch

Trauriger Tiger
0

Neige Sinno porträtiert sich selbst. Sie war sieben, acht oder neun Jahre alt, als es anfing, ganz sicher kann sie sich nicht sein, die Geschichte ihrer Vergewaltigung. Andere würden es Missbrauch nennen, ...

Neige Sinno porträtiert sich selbst. Sie war sieben, acht oder neun Jahre alt, als es anfing, ganz sicher kann sie sich nicht sein, die Geschichte ihrer Vergewaltigung. Andere würden es Missbrauch nennen, aber die Autorin möchte es konkretisieren, es so nennen, wie sie es empfunden hat und wie es sich angefühlt hat. Ihr Stiefvater hat sich ihr kindliches Vertrauen erschlichen, denn obwohl Neige Scham empfand und spürte, dass etwas geschah, das nicht richtig war, dass er zu weit ging, hatte sie keine Worte gefunden. Er war der Erwachsene, der Verantwortliche für eine Schutzbefohlene. Sie sollte ihm sagen, dass sie ihn liebte und nett zu ihm sein, denn dann ließe er ihre Geschwister in Ruhe.

Neige Sinno tastet sich an ihren Täter heran. Wie war er? Geachtet in der Nachbarschaft unter Freunden, hilfsbereit, handwerklich begabt. Gut aussehend, sagen die Frauen. Charismatisch und jovial war er, konnte anpacken, hatte Führungsqualitäten und das gefiel der Mutter, die zuvor an Neiges Vater gescheitert war.

Neige war schnell klar, dass sie in der Falle saß. Wäre er verhaftet worden, hätte das Geld, das ihre Mutter mit Putzstellen dazuverdiente niemals gereicht um vier Kinder zu versorgen. Er war der Hauptverdiener. Neige war das älteste Kind und musste ihre Geschwister schützen. Sie lehnte ihren Stiefvater im Familienverbund weiterhin ab, war nicht nett zu ihm. Durch ihre Zurückweisung und Nichtakzeptanz verursachte sie ihm eine tiefe narzisstische Kränkung, die er mit immer heftigeren Praktiken quittierte. Neige hat sich wegdissoziiert, wann immer es ihr möglich war, in den Momenten, in denen sie nicht kurz vor dem Ersticken war.

Fazit: Neige Sinno hat ein Martyrium öffentlich gemacht, das nicht selten, aber ohne jeden Zweifel erschütternd ist. Mit kluger analytischer Erzählstimme nähert sie sich ihrem Täter und sich selbst. Frei von Pathos schildert sie die abartigen Ereignisse, die sie erleiden musste, die sie zutiefst geprägt haben. Sie nähert sich auch ihrer Mutter, die von den Perversionen ihres Mannes und Vertrauten nichts gewusst haben will und findet Erklärungen. Auch über die mangelnde Bereitschaft der Gesellschaft den Fakten in die Augen zu sehen, der Ignoranz spricht sie. Von Männern, die in Kriegszeiten metzeln und vergewaltigen, um den Gegner bewusst bis in die nächsten Generationen zu traumatisieren und zu zerstören. Warum sie das machen? Weil sie es können. Ebenso nimmt sie Anstoß an der gesellschaftlichen Sexualisierung von Kindern und Jugendlichen am Beispiel Nabokovs Lolita. Die in den 50ern und lange danach als verführerische, provokante Jugendliche verherrlicht wurde, sodass sogar fähige Literaturkritikerinnen das Buch für eine Liebesgeschichte hielten. Die Autorin spricht darüber, dass der Vertrauensbruch, die Manipulation, die Akte an sich, sich so tief in ihre Seele gebrannt haben, dass kein Tag in ihrem Leben ein normaler Tag ist. Wie Albträume, Flashbacks, Depression und Selbstsabotage sie immer begleiten. Während ihr Stiefvater sich von seinem humanen Freiheitsentzug (halboffener Vollzug) wieder auf der Sonnenseite des Lebens befindet, bleibt seine Stieftochter eine „Damage Person“. Als ebenfalls von Missbrauch betroffene Frau hat mir das Buch einiges abverlangt. Ich möchte nicht verheimlichen, dass ich viele Passagen mit Herzrasen, Atemnot und Flashbacks gelesen habe. Eine weitreichende Erkenntnis, die mich nachhaltig zutiefst traurig macht, ist die, dass es da draußen so viele Männer gibt, die bereit sind anderen zu schaden, um einen Mangel zu kompensieren und sich ein gutes oder berauschendes Gefühl zu verschaffen. Machtmissbrauch scheint ein probates Mittel der Wahl zu sein, seine miesen Gefühle in einen Rausch zu verwandeln, ganz ohne Reue oder Beklemmungen und das stimmt mich nachdenklich.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.11.2024

Sehr erhellend

Strong Female Character
0

Fern Brady erzählt ihr Leben als Autistin. Sie hat sich schon früh anders gefühlt als die Menschen um sie herum. In der Schule brachte sie gute Leistungen blieb aber außen vor. Mit den blonden dünnen Mädchen ...

Fern Brady erzählt ihr Leben als Autistin. Sie hat sich schon früh anders gefühlt als die Menschen um sie herum. In der Schule brachte sie gute Leistungen blieb aber außen vor. Mit den blonden dünnen Mädchen konnte sie nichts anfangen, Smalltalk gewann sie nichts ab. Das grelle Licht des Klassenraums, die Geräusche ihrer Mitschüler, die Pausenglocke und erst die Geräuschkulisse in der Mensa empfand sie als Bombardement. Zuhause war Ärger unausweichlich. Sie verzog sich auf ihr Zimmer, weil sie den Lärm ihrer Familie nicht ertrug. Ihre Mutter wusch ihr am Abend die Haare und föhnte sie, für Fern eine Tortur, die ihr Körper mit starkem Juckreiz quittierte. Ihre Unfähigkeit sich anzupassen führte zu Geschrei, Demütigung und Ausgrenzung.

Auf die alltäglichen Überforderungen reagierte sie mit Weinkrämpfen oder schlug um sich. Die Eltern ignorierten oder bestraften Ferns augenscheinliches Fehlverhalten. Mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie folgten. Die Autorin spricht über ihre Versuche sich anzupassen (maskieren) indem sie Mitschülerinnen nachahmte, aber die Zeichen der nonverbalen Kommunikation blieben ihr rätselhaft. Sie konzentrierte sich mit einer Intensität auf ihre Interessen, die andere befremdlich fanden und so lernte sie mehrere Sprachen, obwohl sie nie den Gedanken hegte zu verreisen, das hätte ihre Routinen durchbrochen und zu einem Zusammenbruch geführt. Als sie zu studieren begann, war sie erleichtert, dass sie von zu Hause wegkam. Ihre Eltern konnten sie finanziell nicht unterstützen, also jobbte sie nebenbei. Sie fand sich an der Universität nicht zurecht, schämte sich aber um Hilfe zu bitten und so brach sie immer wieder ab.

Fazit: Fern Brady ist ein gut verständliches Buch gelungen. Während sie von sich erzählt lässt sie alles einfließen, was es über die autistische Neurodiversität zu wissen gibt. Im Laufe ihres Lebens hat sie die Erfahrung gesammelt, dass Therapeuten, Psychiater und Klinikpersonal kaum etwas über den Autismus des Aspergersyndroms wissen. Wie empfindlich das Nervensystem von Autistinnen reagiert und wie schnell deren Organismus überdosiert werden kann. Die Inzidenz an Herz-Kreislaufproblemen zu erkranken, Drogenabhängigkeit oder erfolgreiche Suizide sind vielfach höher, als bei neurotypischen Menschen. Die Autorin zeigt die gesellschaftliche Überforderung im Umgang mit der autistischen unverblümten Ehrlichkeit, der Reizüberflutung, die das System jederzeit zusammenbrechen lassen kann. (Shutdown/Meltdown). Autismus ist in verschiedenen Gesellschaften immer noch ein Stigma, ähnlich wie psychische Erkrankungen, dabei könnten wir mit ein wenig Unterstützung gut koexistieren. Allerdings zeigt sich auch immer wieder, dass Menschen, die in einer Leistungsgesellschaft nicht einwandfrei funktionieren, schnell ausgemustert werden. Besonders interessant fand ich, wie Fern Brady über die autistische Offenheit gesprochen hat. Wir freunden uns gleich über die Maße an, wenn jemand nett zu uns ist. Die Unfähigkeit die Zeichen des sozialen Umgangs zu entschlüsseln führt oft zu übergriffigem Verhalten anderer gegen den autistischen Menschen. Daher ist es nicht selten, dass Autistinnen schon früh gemobbt werden oder sich in toxischen Beziehungen wiederfinden. Ich finde Fern Bradys Geschichte sehr erhellend und danke ihr, dass sie ihre Erfahrungen so offen geteilt hat. Als selbstbetroffene von mir ein klares Mustread, sowohl für neurodivergente Menschen als auch Außenstehende.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.10.2024

Rasante Story, lesenswert!

Reality, Reality
0

Bibbs liebt Baby. Als sie sich kennenlernten trug sie Kleidergröße 40. Ihr Business als Influencerin lief mächtig. Die Firmen warfen ihr die Parfüms und Schminke hinterher. Mickey half ihr mit seinen Ideen ...

Bibbs liebt Baby. Als sie sich kennenlernten trug sie Kleidergröße 40. Ihr Business als Influencerin lief mächtig. Die Firmen warfen ihr die Parfüms und Schminke hinterher. Mickey half ihr mit seinen Ideen größer zu werden bis sie MTV moderierte. Ganz Stockholm erkannte sie auf der Straße. Sie hatte sich mit Baby eine größere Wohnung in der Slipgatan gemietet. Also Baby hatte sie gemietet, aber Bibbs hatte sie gefunden und als sie noch richtig verdiente kaufte sie schöne Dinge, um sie einzurichten.

Jetzt steht sie mit ihrer Louis Vuitton, in die sie hastig ein paar Unterhosen gestopft hat, vor der Haustür. Es war unfassbar. Baby hatte sich von ihr getrennt. Er wolle nicht mehr, halte die Meinungsverschiedenheiten nicht mehr aus, den Mangel an Gemeinsamkeiten und ihre Lügen. Wenn Bibbs jemanden liebte, dann ganz. Wenn Baby ein Lügner wäre, liebte sie eben einen Lügner, wäre er ein Dieb, dann liebte sie einen Dieb. Außerdem ist eine Lüge nichts anderes, als die Abwesenheit von Wahrheit. Sie hatte ihm laut gesagt, dass sie die Wohnung will. Die kannst du doch gar nicht bezahlen Bibbs, meinte Baby. Tatsächlich hatte sie nahezu kein Einkommen mehr. Sie lebte so in den Tag hinein, verstreute all ihren Krempel in ihrem Sichtfeld und wartete auf Aufträge, Einladungen und Shootings, aber die kamen nicht. Sie musste die Wohnung mit dem schönen Ausblick und dem Lottolädchen, in dem sie immer zwei Lose für den Eurojackpot kaufte haben, soviel war sicher, dafür würde jetzt hart arbeiten. Bis zum Wochenende hatte sie Zeit.

Bibbs wusste nicht wohin, lief ziellos durch die Stadt. Vor einer Bar sah sie Nina. Sie saß an diesem schwülen Sommerabend auf der Terrasse. Nina die dicke Schauspielerin, die ihr immer ein bisschen dumm vorkam. Im Gegensatz zu Bibbs war sie erfolgreich und jung. Bibbs setzte sich zu ihr und lud sie zu einem Glas Wein ein. Nina verneinte wegen der Kalorien. Sie hielt sich den Zeigefinger unter die Nase und blickte zu den Toiletten, Bibbs schüttelte den Kopf und Nina entschuldigte sich kurz. Was hatte Bibbs alles für Baby getan. Sie hatte ihm verziehen, dass er eifersüchtig auf ihre Bekanntheit war. Sie hatte 70.000 Follower, er hundert. Wenn er sie bedrohte, verzieh sie ihm. Wenn er seine Alkoholabstinenz einfach unterbrach, ohne sie zu fragen. Und auch wenn er auf ihre Sprachnachrichten nicht reagierte.

Fazit: Tone Schunnesson hat eine gewaltig gestörte Protagonistin geschaffen. In rasantem Tempo rennt die Ich-Erzählerin auf den Abgrund ihres Lebens zu. Sie leidet darunter älter zu werden und von der Bildfläche zu verschwinden. Weder ist sie mit Beharrlichkeit, Ordnungssinn oder einem moralischen Kompass gesegnet. Sie nimmt sich was sie kriegen kann, begibt sich konsequent in Abhängigkeit, manipuliert ihre Umwelt und fühlt sich unzulänglich. Ihre Liebesbeziehungen sind toxisch, der reale Blick auf ihr Dasein verstellt. Im Verlauf der Geschichte treibt sie ihr Spiel so weit, dass ich mich fragen mag, wer ist Täter. Die Autorin zeichnet die Dystopie einer kranken Liebesbeziehung und das Leben einer traumatisierten Frau, die nicht erwachsen werden konnte und ihre Einsamkeit damit zu kompensieren versucht im Mittelpunkt zu stehen. Das war ein spannender Ritt, voller Gefühle wie Abneigung, Ekel, Scham, Unglauben, aber auch Mitgefühl. Sehr lesenswert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.10.2024

Wohltuend warmherziges Debüt

Als wir im Schnee Blumen pflückten
0

Máriddja ist im Krankenhaus. Ihre Schmerzen im Bauch ließen sie die Ärztin aufsuchen, die sie nach der Untersuchung, mit ihren Reptilienaugenbrauen, mitleidig ansieht. Das Fräulein Doktor will Máriddja ...

Máriddja ist im Krankenhaus. Ihre Schmerzen im Bauch ließen sie die Ärztin aufsuchen, die sie nach der Untersuchung, mit ihren Reptilienaugenbrauen, mitleidig ansieht. Das Fräulein Doktor will Máriddja überreden sich helfen zu lassen. Sie solle ihr Haus in Nordschweden verlassen, um in ein Heim für Alte zu gehen. Máriddja allerdings geht auf die Palme und sonst gar nichts.

Als sie nach Hause kommt hat ihr Alter Biera den Briefkasten abgefackelt. Es seien ein ganzes Nest Kreuzottern darin gewesen ist sein Erklärungsversuch. Máriddja stöhnt und verdreht die Augen. Dem Alten kann sie unmöglich erzählen, dass sie krank ist und alleine lassen kann sie ihn auch nicht. Wenn sie doch noch einmal ihren Neffen Heaika-Joná sehen könnte. Bieras Schwester war damals noch so jung, als sie sich, wie eine räudige Hündin an die Hälse der Männer geschmissen hat. Sie haben den Jungen aufgenommen und waren so glücklich mit ihm, denn Máriddja hat nie in sich den Keim gespürt aus dem eine Frucht erwächst. Auch Bieras Schwester haben sie aufgenommen, aber die war faul, hat nicht im Haus geholfen und auch nicht draußen. Weggeschlichen hat sie sich nachts, um den Säufer zu treffen, der sie doch gerade erst geschwängert hatte. Dann als Heaika-Joná vier war, hat die Schwägerin den Jungen mitgenommen und ihnen beiden das Herz gebrochen.

Mimmi und Kaj haben sich verlobt, nachdem seine Mutter Laura gestorben ist. Das Verhältnis zu Laura war nicht einfach. Kaj fühlte sich schuldig, weil sie immer, wenn sie etwas über Kajs frühe Kindheit erzählen sollte, geweint hat. Ganz anders als bei seinem Stiefbruder Gustav. Nun sind sie in ein gemeinsames Haus gezogen und für Kaj wird ein lang gehegter Traum wahr. Das einzige Betrübnis, das ihn drückt ist, dass Mimmi sich Kinder wünscht und er sich nicht sicher ist, ob er diesen Wunsch teilen möchte.

Fazit: Tina Harnesk ist ein ungemein warmherziges Debüt gelungen. Die Geschichte verwebt ein altes wunderliches indigenes Ehepaar, das aus der einstigen Heimat umgesiedelt wurde. Sie haben sich ihre schöne mystische Sichtweise erhalten, haben aber niemanden an den sie ihre Kultur weitergeben können. Die erlebten Einschläge sitzen tief, haben sie hart gemacht und ihn weich und resigniert. Der andere Erzählstrang ist die übernächste Generation. Die Stimmfarbe ist zärtlich, humorvoll und voller Verständnis für das Alter. Die Naturverbundenheit der nordischen Völker fließt in viele Szenen ein. Einzelne Schicksalsschläge sind frei von Pathos in der Lage aufrichtiges Mitgefühl zu erzeugen. Selten hat mich eine Geschichte so gerührt und mir gleichzeitig so viel Raum zum Schmunzeln gelassen. Die Autorin besitzt ein ganz eigenes bodenständiges Schreibhandwerkszeug und die Kunst ihre eigene indigene Herkunft lebendig zu machen. Wundervoll.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.10.2024

Sehr gelungene Erzählung über eine dysfunktionale Familie

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen
0

1998 ist Regina einundfünfzig. Sie hat für ihre Töchter alle Träume aufgegeben, hat auf eine akademische Laufbahn verzichtet. Es grämt sie nachhaltig, dass ihre Eltern ihr, trotz der Intelligenz nach dem ...

1998 ist Regina einundfünfzig. Sie hat für ihre Töchter alle Träume aufgegeben, hat auf eine akademische Laufbahn verzichtet. Es grämt sie nachhaltig, dass ihre Eltern ihr, trotz der Intelligenz nach dem Abitur keine Unterstützung haben zukommen lassen. Nachdem sie als junge Frau herbe Rückschläge und Enttäuschungen mit Männern hinnehmen musste heiratete sie Edgar, seiner Ruhe, Zuverlässigkeit und Langweiligkeit wegen. Regina hat große Pläne für ihre Töchter. Sie ist sicher, dass beide erfolgreich studieren werden. Welche junge Frau wollte das heutzutage nicht, wenn sie es könnte?

Bei der Abi-Abschlussfeier ihrer älteren Tochter Antonia spielt diese ein Querflötensolo. Leider merkt Regina nicht, dass sie es seit Jahren übt und blickt betreten zu Boden. Edgar neben ihr wippt mit dem Fuß. Im Foyer bestaunt Regina die alabasterfarbene Haut Antonias, ihren schlanken aber weichen Körper. Sie ist nicht wie ihre sportliche Schwester Wanda, die ganz klar nach Regina kommt. Sie treffen auf die Berufskollegin Giselle, Professorin der Psychologie, die ihr in schlecht sitzendem Anzug eine frei gewordene Dozentur ans Herz legt. Als Regina zu Edgar ins Auto steigt schäumt sie vor Wut, sie fühlt sich von Giselle verhöhnt, denn die wisse genau, dass die Stelle ein Studium voraussetzt.

Wanda will im Gegensatz zu ihrer Schwester in allem die Beste sein. Tennis, Jazzdance, kaum Alkohol, kein Nikotin helfen ihr dabei, Regina zu gefallen. Seit ihre Mutter andere Frauen im Schwimmbad als Schlachtrösser bezeichnet, isst Wanda so wenig wie möglich. Ein Blick von ihrem Freund, den sie nicht zu deuten weiß, reicht aus damit sie sich dick fühlt.

Fazit: Anna Brüggemann erzählt mit feinsinnigem Gespür die innerfamiliäre Dynamik. Regina, die glaubt in allem zu kurz gekommen zu sein. Sie überträgt ihren Mangel an Liebe und Wertschätzung auf die Töchter, deren Selbstbild rissig wird. Die Autorin zeigt mir Reginas exorbitante Erwartungen und den Hochmut, indem sie mir ihre Gedanken zeigt. Dabei entsteht das Bild eines Charakters, der mehr als unangenehm ist. Sie ereifert sich bissig über ihre Mitmenschen und zeigt sich verbal übergriffig gegen ihre Töchter. Das Buch schildert die Thematik des weiblichen Narzissmus mit Bravour. Die Lieblosigkeit, befeuert durch das beißende Gefühl, nie das zu bekommen, was einem zusteht ist unter Frauen der Nachkriegsgeneration weit verbreitet und prägt die folgende Generation. Deshalb bin ich froh, dass die Autorin die Mechanismen so brillant aufzeigt. Der Leidensdruck aller Beteiligten ist riesig und darüber muss man sprechen. Ein großartiges Buch, das mich von der ersten Seite an nicht mehr losgelassen hat. Bleibt nur zu wünschen, dass viele, die unter ihren Müttern leiden, dieses Buch -trotz des sperrigen Titels- finden werden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere