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Veröffentlicht am 29.11.2025

Roman über den Widerstand der "Wäldler" in Litauen gegen die Nazis

Europäische Erziehung
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"Europäische Erziehung" heißt Romain Garys Roman über den litauischen Widerstand, die "Waldler". Geschrieben hat er ihn bereits im Jahr 1944. Nun ist er auf Deutsch erschienen. 

Der Roman beginnt fast ...

"Europäische Erziehung" heißt Romain Garys Roman über den litauischen Widerstand, die "Waldler". Geschrieben hat er ihn bereits im Jahr 1944. Nun ist er auf Deutsch erschienen. 

Der Roman beginnt fast wie eine Abenteuergeschichte: Doktor Twardowski gräbt mit seinem Sohn Janek im Wald eine Höhle aus, ein Versteck. "Old Shatterhand" nennt er ihn, den 14-Jährigen. Einen Schlafplatz hat die Höhle, eine Feuerstelle (mit Abzug) und einen großen Kartoffelvorrat. 

Doch bald schon wird deutlich, dass es mehr ist als ein Abenteuer - oder besser gesagt: etwas ganz anderes. Die beiden Brüder von Janek sind tot, sein Vater ist ein Widerstandskämpfer - und bald schon kommt er nicht mehr zum Versteck. Janek ist auf sich allein gestellt. 

Nach und nach beginnt er, die Umgebung zu erkunden, trifft auf Widerstandskämpfer, die sich im Wald verstecken - die sogenannten "Waldler". Für sie wird Janek Kundschafter und Bote und trifft eines Tages auf Zosia, die ähnliche Aufgaben im Widerstand erfüllt, vor allem spioniert sie die Deutschen aus. Gemeinsam überstehen sie den Winter, warten auf Nachrichten von der Front, von Stalingrad. Nicht nur einmal fragt man sich beim Lesen, wie sie denn unter diesen Umständen überleben konnten. 

Janek nimmt sich vor, über das, was er erlebt hat, ein Buch zu schreiben. "Europäische Erziehung soll es heißen und von Freiheit und Würde handeln, von der Ehre, ein Mensch zu sein. Das schließlich seien die europäischen Werte und nicht das, was die Nazis nach Litauen brachten. Dass Janek selbst im Krieg zum Mörder wird und einen deutschen Soldaten erschießt  - für die Partisanen ist es eine Notwendigkeit, ein notwendiges Übel. Für Janek ist es der Moment, der ihn vom Kind zum Mann werden lässt. Ein Mann allerdings, der bitterlich weint. Und er entschließt sich, dem Hass etwas entgegenzusetzen. Dem Kreislauf, der immer triftige Gründe findet, "um einen Menschen zu töten, der einem nichts getan hat" im Namen einer Sache.

Er fasst den Entschluss: "Ich will Musiker werden. Ich will Musik spielen und Musik hören, mein Leben lang". Musik als Versuch, der "zu Eis erstarrten Welt um sich herum" einen Sinn abzutrotzen. Der Welt, in der man "verdammt ist zum Töten und zum Sterben" einen Hoffnungsschimmer entgegenzuhalten. 

Romain Gary hat keinen Roman über Helden des Widerstands geschrieben. Vielmehr ein Buch darüber, was für Leid Krieg und Gewalt mit sich bringt. Und dass das Töten von Menschen nie zu einer Selbstverständlichkeit werden kann. 

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Veröffentlicht am 02.10.2025

Kein Voyeurismus

Die Ausweichschule
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Kaleb Erdmann war in der 5. Klasse, als ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums 2002 Amok lief. Über 20 Jahre später holt ihn das Geschehene wieder ein – und er schreibt ein Buch darüber, weil ...

Kaleb Erdmann war in der 5. Klasse, als ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums 2002 Amok lief. Über 20 Jahre später holt ihn das Geschehene wieder ein – und er schreibt ein Buch darüber, weil er „Erfurt loswerden will“. Weil er wissen will, „warum mein Höllenfenster plötzlich wieder offen steht“. Der Titel: „Die Ausweichschule„.

Ein „Wundenaufreißer“ will er keineswegs sein – auch wenn er selbst sich beim Erinnern an die Ereignisse immer wieder Wunden zufügt, an seine Grenzen kommt.

Dabei gehen in seinem Rückblick die Erzählebenen durcheinander, zeitlich inkohärent sind die Spurensuche beschrieben, die Erinnerungen des 5-Jährigen kritisch reflektiert, der rekonstruierte Tatablauf vergleichend einbezogen und der Besuch eines Theaterstücks zu einem Schul-Amoklauf erzählt. .

Das allerdings ist noch nicht der Clou der schriftstellerischen Annäherung, sondern die Konzentration auf die Suche nach Antworten und nicht auf die Tat selbst. Erdmann nennt im Roman selbst das Vorbild, an dem er sich orientiert: .Emmanuel Carrère. Der französische Schriftsteller hat es irgendwann aufgegeben, einen Roman über einen Mörder zu schreiben – und stattdessen entstand durch seine Tagebucheinträge ein Buch über seine Erfahrung mit der Arbeit an dem Buch – ein Buch für Carrères eigenen Konflikt mit dem Mörder, den er auch im Gefängnis besuchte.

Und so ist Kaleb Erdmanns „Die Ausweichschule“ ein Roman über die Erfahrung mit der Arbeit an einem Buch. Rückblenden, die Frage, ob der Wahrnehmung eines Fünftklässlers getraut werden kann, ob nicht durch Medien die eigene Erinnerung stark verändert wurde – all das gehört zu diesem Roman. Wie auch die Recherchen zum Täter und zum Tatablauf.

Da Erdmann ausführlich darauf eingeht, dass Carrére später in seinen Büchern Reportagen und Bericht, aber keine Romane mehr sah, ist es etwas verwunderlich, dass die Gattungsbezeichnung „Roman“ Eingang in den Buchuntertitel gefunden hat. Schließlich ist „Die Ausweichschule“ eher Metafiktion als Fiktion. Ein Bericht über ein literarisches Projekt.

Dass das Buch den Titel „Die Ausweichschule“ bekommen hat, passt zur Absicht des Autors: die Tat selbst steht nicht im Zentrum. Und so macht es Sinn, dass für Erdmann die Ausweichschule in einem anderen Stadtteil zur Tat von Erfurt genauso dazu gehört. Inklusive seiner Erfahrungen mit der Aufarbeitung durch eine Psychologin an der Schule.

Und ja: auch für Erfurt Irrelevantes findet seinen Platz im Buch – das Kunstprojekt einer Mitbewohnerin etwa -, weil eben das Leben des Schriftstellers in der Gegenwart spielt. Aber auch das lässt sich letztlich einbeziehen in Kaleb Erdmanns Leitfrage: Wie kann man mit einer so sinnlosen Gewalttat umgehen? Und was können Kunst und Literatur dazu beitragen?

Kaleb Erdmanns „Roman“ „Die Auseichschule“ gelingt es, dem Voyeuristischen einen Riegel vorzuschieben.

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Veröffentlicht am 31.10.2024

Die fliegende Wühlmaus

Earhart
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Die Mäuseabenteuer von Torben Kuhlmann sind inzwischen Kult. Das Leben der Pilotin und Frauenrechtlerin Amelia Earhart stand Pate für das neueste Mäuseabenteuer: „Earhart„. 1932 flog Earhart als erste ...

Die Mäuseabenteuer von Torben Kuhlmann sind inzwischen Kult. Das Leben der Pilotin und Frauenrechtlerin Amelia Earhart stand Pate für das neueste Mäuseabenteuer: „Earhart„. 1932 flog Earhart als erste Pilotin über den Atlantik.

An ihre Biographie angelehnt ist die Geschichte von der kleinen Wühlmaus, die wissen will, wo Uganda liegt. Denn ihr Mäusefreund hat eines Tages einen Brief mit einer Briefmarke aus Uganda mitgebracht. Und weil die Wühlmaus so viele Fragen hat, löchert sie den Waschbären, der ihr schließlich sagt, dass man auch fliegen könne. Die Neugier ist geweckt und schließlich begegnet die Wühlmaus einer fliegenden Maus – und ist nicht mehr zu halten. Längst geht es nicht mehr darum, wo Uganda liegt, sondern darum, zu fliegen.

Wie die Neugier der Wühlmaus geweckt wird, ist sehr ausführlich erzählt – hier ist die Absicht sicherlich, bei den jungen Lesern zu erreichen, sich selbst Fragen zu stellen und neugierig zu sein.

Bestechend sind die liebevollen, wunderschönen Zeichnungen dieses Bandes. Ihnen ist viel Platz eingeräumt, oft eine ganze Seite oder gar eine Doppelseite. Auch ein kleines Lesebändchen macht das Buch hochwertig. Etwas gewöhnen muss man sich an die abrupten Übergänge zu neuen Orten, da hätte man sich hier und da ein paar Überleitungen gewünscht, damit das Buch sich auch zum Vorlesen gut eignet.

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Veröffentlicht am 05.01.2024

Wieder wunderschön und feinsinnig gezeichnet

Heartstopper Volume 5 (deutsche Hardcover-Ausgabe)
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Alice Oseman hat inzwischen bereits den fünften Band der Heartstopper-Reihe vorgelegt. Und, das dürfte die Freunde der Serie nicht begeistern: in dem Band kündigt sie an, dass der nächste Band der Reihe ...

Alice Oseman hat inzwischen bereits den fünften Band der Heartstopper-Reihe vorgelegt. Und, das dürfte die Freunde der Serie nicht begeistern: in dem Band kündigt sie an, dass der nächste Band der Reihe der letzte sein werde.

Drei Jahre sind seit dem Kennenlernen von Nick und Charlie vergangen. Die beiden sind noch immer zusammen. Doch für Nick steht eine gewichtige Entscheidung an: Wo soll er studieren? Und vor allem: was überhaupt?

Nick und Charlies Beziehung verläuft in Band 5 äußerst unspektakulär. Charlies 16. Geburtstag wird gefeiert, ein Rummel wird besucht und außerdem gibt es ja noch die Schule. Nachdem der Band etwas eindimensional beginnt, kommt der dann aber doch in Fahrt, weitere Themen kommen dazu, allen voran die Frage nach dem ersten Mal.

Die Erzählung von Nicks und Charlies letztem Sommer vor Nicks Schulabschluss ist an manchen Stellen vielleicht etwas zu pädagogisch geraten. Die Figuren geben sich nicht ganz so natürlich wie am Anfang der Reihe, denn es ist sehr deutlich, dass Alice Oseman ihren Figuren Botschaften mitgeben will, allen voran den Freunden von Nick und Charlie, die um gute Ratschläge und Einschätzungen nicht verlegen sind.

Auch dieser Band ist ganz wunderbar gezeichnet, voller feinfühligem Witz, sodass das Lesen der Graphic Novel eine einzige Freude ist.

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Veröffentlicht am 09.07.2023

Liebe, Hass und wilde Rache

Viga-Ljot und Vigdis
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1928 erhielt die norwegische Schriftstellerin Sigrid Undset den Literaturnobelpreis für ihre Mittelalter-Romane. Ihr Roman „Viga-Ljot und Vigdis“ stammt aus dem Jahr 1909, gehört also zum Frühwerk von ...

1928 erhielt die norwegische Schriftstellerin Sigrid Undset den Literaturnobelpreis für ihre Mittelalter-Romane. Ihr Roman „Viga-Ljot und Vigdis“ stammt aus dem Jahr 1909, gehört also zum Frühwerk von Sigrid Undset. Nun hat es der Verlag Hoffmann und Campe in einer Neuübersetzung von Gabriele Haefs erneut herausgebracht.

Bereits in „Viga-Ljot und Vigdis“ ist das zu finden, was Undsets Romane ausmacht: sie spielen im Mittelalter, das Christentum fasst in Skandinavien Fuß und zugleich nehmen sie Bezug auf die skandinavischen Sagas. Auch in der sprachlichen Gestaltung sind Undsets Romane an die Sagas angelehnt. Und auch thematisch können Undsets Romane gut mit den Sagas mithalten: Es geht um Mord, Eifersucht, Rache, Liebe und Ehre. Und im Falle von „Viga-Ljot und Vigdis“ ganz besonders um eine verlorene Liebe.

Viga-Ljot verliebt sich in Vigdis, will sie heiraten – allein: Vigdis will nicht nach Island ziehen. Aus Zorn über die Ablehnung seines Heiratsangebots vergewaltigt Viga-Ljot die junge Frau. Sie verschweigt ihre Schwangerschaft – nur durch Zufall überlebt das Kind, dem Vigdis anfangs keine Liebe entgegenbringen kann. Im Gegenteil: sie entwirft einen teuflischen Plan. Sie will ihren Sohn so viel Hass gegen seinen Vater einimpfen, dass er die Rache übernimmt, die sich Vigdis selbst wünscht.

In kurzen Kapiteln erzählt Sigrid Undset, wie das Leben von Viga-Ljot und Vigdis weitergeht. Niemand von beiden scheint noch glücklich werden zu können. In seinem Vorwort ordnet Kristof Magnusson die Handlung in die damalige Zeit ein und erläutert auch Undsets Bezug auf die Saga-Literatur. Die Neu-Übersetzung hat diesen Bezug etwas zurückgenommen, sodass sie gut lesbar ist.

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