Profilbild von evaczyk

evaczyk

Lesejury Star
offline

evaczyk ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit evaczyk über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.12.2024

Mittsommersturm

Still ist die Nacht (Ein Fall für Maya Topelius 2)
0

Der Titel "Still ist die Nacht" von Sandra Aslund mag - gerade zu dieser Jahreszeit - eher weihnachtlich klingen, doch weit gefehlt: In ihrem zweiten Fall ermittelt die Stockholmer Kriminalbeamtin Maya ...

Der Titel "Still ist die Nacht" von Sandra Aslund mag - gerade zu dieser Jahreszeit - eher weihnachtlich klingen, doch weit gefehlt: In ihrem zweiten Fall ermittelt die Stockholmer Kriminalbeamtin Maya zur Mittsommerzeit auf einer kleinen Schäreninsel. Dabei war alles ganz anders geplant: Maya wollte an einem Yoga-Retreat ihrer Freundin Emely teilnehmen, um nach einer Woche tiefenentspannt zur Arneot zurückzukehren.

Doch weit gefehlt: Nach einer lebhaften Mittsommernacht wird der Vermieter des Veranstaltungsortes ermordet aufgefunden. Es bleibt nicht die einzige Leiche. Maya überredet ihren Kollegen Per, dass sie gewissermaßen undercover ermittelt. Dann zieht ein Sturm auf - und Insulaner wie Yogis sind von der Außenwelt abgeschnitten. Mit der Gewissheit: Auch der Mörder oder die Mörderin ist unter ihnen. Misstrauen, Paranoia und heftige Gefühlsausbrüche scheinen da unvermeidlich.

Eine hübsche kleine Schäreninsel gewissermaßen als locked room mystery, die Animositäten zwischen Einheimischen und Yogaleuten, die gewissermaßen als Vorhut unerwünschter Gentrifizierung gesehen werden - das hat mich an diesem Schwedenkrimi einer deutschen Autorin gereizt. Gut gefallen hat mir die Schilderung der Insel und ihrer Bewohner.

Schwerer habe ich mir mit der Protagonistin getan, die als Polizistin in ihrem Vorgehen und ihrer Art für mich einfach nicht glaubwürdig ist, recht naiv reagiert und obendrein die lebenslange Freundschaft mit Emely in Frage stellt, als die erwähnt, dass sie vor 20 Jahren Mayas Mutter knutschend mit dem Nachbarn gesehen hat und sich fragte, ob die beiden ein Verhältnis hatten. Dass Maya hier den absoluten Vertrauensbruch Emelys sieht, über den sie nicht hinwegkommt - das scheint mir eine völlig überzogene, pubertäre und unreife Situation. Mit dieser Ermittlerin bin ich einfach nicht warm geworden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.11.2024

Mord und Achtsamkeit

Mordscoach
0

Die Verbindung von Achtbarkeitsritualen und teils eher unbeabsichtigten, teils durchaus kalkulierten Leichen hat schon in der "Achtsam morden"-Reihe funktioniert und mit schwarzem Humor für gute Unterhaltung ...

Die Verbindung von Achtbarkeitsritualen und teils eher unbeabsichtigten, teils durchaus kalkulierten Leichen hat schon in der "Achtsam morden"-Reihe funktioniert und mit schwarzem Humor für gute Unterhaltung gesorgt. Als ich den Klappentext von "Mordscoach" von Lilly Pabst sah, war ich also sofort neugierig. Hier ist es Psychoanalytikerin und Achtsamkeits-Coach Sophie Stach selbst, die für eine zunehmende Zahl zu entsorgender Leichen in ihrem Leben sorgt.

Es kann ja schon mal passieren, dass man in einer psychischen Ausnahmesituation überreagiert. So wie Sophie, als die zunächst nette junge Frau, die sie in ihrer Praxis aufsucht, mit der Nachricht herausrückt, dass sie die Geliebte von Sophies Ehemann ist. Da ist sie hin, die Illusion der funktionierenden Ehe in gegenseitigem Respekt und achtsamer Zuneigung. Das kann Sophie nicht so einfach wegatmen, denn die Rivalin ist plötzlich tot.

Mit der Entsorgung der Leiche ergibt sich schnell ein neues Problem, da ein Patient, der ein ungesund obsessives Interesse an seiner Therapeutin entwickelt hat, Dinge mitkriegt, die er nicht hätte sehen sollen. Und auch sonst gibt es weitere Komplikationen, die Sophie zu Handlungen bewegen, die im Handbuch der Psychologie und Psychoanalyse eher nicht vorgesehen sein dürften. Ein gutaussehender Polizist, dem Sophie zwangsläufig gehäuft über den Weg läuft angesichts einer wachsenden Zahl unnatürlicher Todesfälle, die Frage Scheidung oder ein noch finaleres Ehe-Aus gehören zu den weiteren Problemen, die Sophie sich in ihrer Coach-Ausbildung sicher nicht zu träumen gewagt hätte.

Dass Sophie in der Lage ist, ihr mörderisches tun durchaus reflektiert in bester Achtsamkeitsmanier zu betrachten, sorgt für humorvolle Lesemomente, auch wenn die Analytikerin für ihren Beruf ziemlich rabiat vorgehen kann. Wer für den sich häufenden Leichenberg verantwortlich ist, ist hier nicht die Frage, wohl aber: wird Sophie überführt? Einige Längen gibt es in dem unterhaltsamen Cozy Crime, insgesamt hat mir das Buch aber gefallen, auch wenn die Protagonistin nur bedingt sympathisch ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.11.2024

Identitätssuche in Togo

Adikou
0

Adikou, die Protagonstin des gleichnamigen Debütromans der Schriftstellerin Raphaelle Red, ist auf der Suche: Nach der Familie ihres Vaters, den sie kaum gekannt hat, nach dem afrikanischen Teil ihrer ...

Adikou, die Protagonstin des gleichnamigen Debütromans der Schriftstellerin Raphaelle Red, ist auf der Suche: Nach der Familie ihres Vaters, den sie kaum gekannt hat, nach dem afrikanischen Teil ihrer Identität. Adikou stammt nicht aus den Ban-lieus voller entwurzelter Migranten und zorniger Jugendlicher, sie ist in Paris in einem sehr bürgerlichen, sehr weißen Umfeld aufgewachsen. Eher erotisch exitisiert als ausgegrenzt, und ohne Kontakt zur afrikanischen Diaspora in ihrer Heimatstadt. Von solchem Colorismus ist Adikou selbst allerdings auch nicht frei - ihr Freund wird nur als "Whiteboy" erwähnt, als definieren Hautfarben einen Menschen mehr als seine/ihre Persönlichkeit.

Sich als schwarz wahrzunehmen, erfährt Adikou erst während eines Studienaufenthalts in den USA - gleichzeitig aber auch Ausgrenzung als "nicht schwarz genug" vor allem nicht im Hinblick auf ein PoC-Kultur. Manche Campusdiskussionen kann sie nicht nachempfinden und wird umgekehrt als Außenstehende empfunden.

"Adikou" ist ebenso Identitätssuche wie Road Novel, wobei die Autorin eine weitere, Adikou beobachtende und analysierende Erzählstimme hinzufügt, die anfangs beim Lesen für Verwirrung sorgt - ist Adikou mit einer Freundin oder Geliebten unterwegs?

Die Handlung verläuft nicht linear, sondern in Rückblenden und Vorwärtssprüngen zwischen den USA, Frankreich und Westafrika, vor allem Togo, wo sich Adikou auf die Suche nach Angehörigen ihres Vaters macht. Es ist nicht Heimkommen, sondern Fremdheitserfahrung, was sie auch hier erlebt. Als schwarz oder afrikanisch wird sie hier von vielen nicht wahrgenommen, sondern als Europäerin, die von Taxifahrern oder Reiseführern auch gerne mal über den Tisch gezogen wird.

Dass ein Mensch mit vielschichtigem ethnischen Erbe an verschiedenen Orten und im jeweiligen Kontext ganz unterschiedlich wahrgenommen wird, gehört zu den Erfahrungen Adikous auf dieser Reise zu sich selbst.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.11.2024

Innenansichten nach dem Terror

Und es geschieht jetzt
0

Es gibt schon viele Bücher zum Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023, und bestimmt werden etliche folgen. Zu tief ist der Einschnitt, nicht nur in Israel, nicht nur in Gaza, sondern auch in der jüdischen ...

Es gibt schon viele Bücher zum Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023, und bestimmt werden etliche folgen. Zu tief ist der Einschnitt, nicht nur in Israel, nicht nur in Gaza, sondern auch in der jüdischen Diaspora und in den europäischen und nordamerikanischen Staaten. Der Autor und Publizist Marko Martin hat mit seinem Buch "Und es geschieht jetzt" laut Verlagsinfo "Jüdisches Leben seit dem 7. Oktober" beschrieben.

Es sind vor allem persönlich geprägte Innenansichten, Gespräche mit Freunden, Begegnungen, innere Monologe, Erinnerungen an vergangene Besuche in Israel und die wahrgenommene Veränderung im Sommer 2024, Veränderungen aber auch für jüdisches Leben etwa in Deutschland - die verstärkte Angst, das Gefühl von Unsicherheit angesichts des immer lauteren Antisemitismus, aber auch angesichts des lauten Schweigens ausbleibender Solidarität oder menschlich-nachbarlicher Nachfragen - seid ihr betroffen, kennt ihr jemanden, braucht ihr jemanden zum Reden?

Liegt es an endlosen Schachtelsätzen, an als Manierismus empfundenen zu literarisch-schön geschriebenen Sätzen, dass mich dieses Buch nicht packen konnte? Zu künstlich klingen die Dialoge, die der Autor mit seinen Freunden führt, so druckreif-endlos redet doch niemand im wahren Alltag. Diese Schreibweise bringt die Begegnungen nicht näher, sondern sorgt für einen Verfremdungseffekt, zu selbstverliebt und nabelschauzentrisch geraten die Schilderungen alter Freundschaften und Beziehungen bei den vergangenen Israel-Reisen.

In anderen Büchern über den 7. Oktober habe ich Zorn, Fassungslosigkeit, Schmerz gespürt. Hier übertüncht die Form den Inhalt. Ich bleibe mit gemischten Gefühlen zurück,

Veröffentlicht am 05.11.2024

Ermtitlungen auf hoher See

Kein Land in Sicht
0

Als Sarah Peters verkatert und mit massivem Filmriss - sie kann sich zunächst nicht einmal an ihren Namen erinnern - in einer Kajüte auf hoher See aufwacht, ist ihr schnell klar, dass das nicht so recht ...

Als Sarah Peters verkatert und mit massivem Filmriss - sie kann sich zunächst nicht einmal an ihren Namen erinnern - in einer Kajüte auf hoher See aufwacht, ist ihr schnell klar, dass das nicht so recht ihr Tag ist. Während langsam die Erinnerung wiederkommt, dass sie als Kriminalkommissarin im Undercover-Einsatz unterwegs ist, lauert auch bald die nächste Erkenntnis - richtig seefest ist sie nicht, Panikattacken kommen auf, aber sie muss dennoch lächeln und gute Laune verbreiten, denn sie ist offiziell als Animateurin an Bord. Doch wo ist eigentlich ihr Kollege? und hat der Filmriss etwas mit den Ermittlungen gegen einen Schleuser zu tun, der mit Menschen- und Organhandel zu tun hat?

So weit der Start von "Kein Land in Sicht" von Christina Pertl. Das Buch soll zugleich Beginn einer Reihe sein. Cover und Klappentext haben mich neugierig gemacht, das Setting einer Kreuzfahrt fand ich interessant, gewissermaßen locked room setting auf dem Mittelmeer. Das Thema Menschenhandel ist ebenfalls aktuell und versprach spannende Lektüre.

Allerdings hat das Buch trotz des viel versprechenden Ansatzes einige ausgesprochene Schwächen. Zum einen hält es die Autorin in vielen Teilen sehr melodramatisch, für meinen Geschmack too much, zum anderen lassen ihre Figuren Tiefe vermissen. Wer der Schurke an Bord ist, war ziemlich früh klar, insofern wenig Überraschungen. Einiges war schlichtweg unglaubwürdig, wenn auch dem dramaturgischen Faden geschuldet. Da wird denn mal eben, um dem gehijackten Polizisten einen Dialogpartner zu geben, ein deutschsprachiges eritreisches Flüchtlingskind in die Handlung eingefügt. Ja klar, sicher doch.

Mein Fazit: Kann man sicher mal schnell lesen, aber leider trotz interessantem Ansatz nicht voll überzeugend.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere