Profilbild von Nell_liest

Nell_liest

Lesejury Profi
offline

Nell_liest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nell_liest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.12.2024

Überraschungshighlight des Jahres

Die Wortlosen
0

Moon ist klein, als ihr Bruder Ulli stirbt und das Schweigen um seinen Tod wird noch durch einen Umzug verstärkt. Als Teenager versucht sie die verlorene Verbindung zu ihm wiederzuerwecken, doch ihre Mutter ...

Moon ist klein, als ihr Bruder Ulli stirbt und das Schweigen um seinen Tod wird noch durch einen Umzug verstärkt. Als Teenager versucht sie die verlorene Verbindung zu ihm wiederzuerwecken, doch ihre Mutter ertränkt ihren Kummer und ihr Vater geht lieber arbeiten, was wohl auch besser so ist. Dann kommt es zu komischen Aussetzern, welche die lang verdrängten Bilder heraufbeschwören und Moon muss sich der Vergangenheit stellen. Nur Freundin und Nachbarin Tessa steht ihr bei, was wirklich nicht immer leicht ist.
„Die Wortlosen“ von Marion Haass-Pennings ist mein Überraschungshighlight diesen Jahres und keine leichte Kost. Schon ab dem Prolog merkt man, dass das etwas ganz schön im Argen liegt. Schnell hatte ich das Gefühl, dass da etwas in der Familie passiert ist und Ullis Tod kein Badeunfall war. Moon ist die einzige Erzählerin und keinesfalls zuverlässig, was umso authentischer ist, da sie stark traumatisiert zu sein scheint - sie weiß es einfach nicht besser, kann Erinnerungen nicht richtig abrufen und verliert später sogar Zeit. Doch irgendwann wird ihr klar, dass etwas schrecklich passiert sein muss und das es totgeschwiegen wird.
Marion Haass-Pennings versteht es, Lücken zu lassen und einem beim Lesen genau den richtigen Raum zu geben. Sie deutet an, zeigt, aber erklärt nichts. Sie beherrscht „Show don’t tell“ und zieht einen so in eine Geschichte, die verwirrend und schmerzhaft ist und mich noch länger nicht loslassen wird. Auch sprachlich hat es mich tief beeindruckt. Ich freue mich sehr, dieses Debüt entdeckt zu haben und auf zahlreiche weitere Romane aus Marion Haass-Pennings Feder.

Veröffentlicht am 28.11.2024

Ein ganz besonderer letzter Wille

Lorettas letzter Trip
0

Caro hat ein geordnetes Leben, es läuft bei ihr. Sie hat einen guten Job, der ihr Spaß macht, einen Partner, den sie liebt und sie achtet auf ihre Körper: gesunde Ernährung, Yoga, keine Exzesse. Doch dann ...

Caro hat ein geordnetes Leben, es läuft bei ihr. Sie hat einen guten Job, der ihr Spaß macht, einen Partner, den sie liebt und sie achtet auf ihre Körper: gesunde Ernährung, Yoga, keine Exzesse. Doch dann klingelt die Polizei an ihrer Tür und teilt ihr mit, dass ihre Ehefrau Loretta gestorben ist. Sie würde dem am liebsten keine Bedeutung zu messen, aber die Vergangenheit lässt sich nicht so leicht abschütteln.
„Lorettas letzter Trip“ von Edie Calie ist ein wunderbarer Roman. Er ist witzig und absurd, aber auch ernsthaft und kritisch. Caro begibt sich eher ungewollt gleich auf mehrere Trips, die immer amüsant sind und absolut den Zeitgeist treffen. Er verbindet Welten, die nicht zusammenpassen und öffnet Grenzen, so wie Caro sich öffnet.
Der Roman lebt von den Figuren, allen voran Caro selbst, die mir anfangs etwas unsympathisch war, die aber Seite um Seite mein Herz erobert hat, vor allem in den Tagebuchkapiteln. Aber auch Anna und August, Lorettas Mitbewohner*innen, die mit dabei sind, um ihren letzten Willen zu erfüllen und der eigentlich ein Schmäh war, geben noch mal ordentlich Würze hinein. Edie Calie hat für mich die perfekte Mischung gefunden. Zum einen in den Wechseln aus personaler Erzählung im Heute und den Zeitsprüngen in den Tagebuchkapiteln, die uns in Lorettas und Caros Freundschaft und dessen Bruch mitnehmen. Zum anderen hat sie das Wienerische perfekt dosiert, sodass ich die Atmosphäre aufsaugen konnte, ohne über Worte und Formulierungen zu stolpern. Auch sprachlich liefert sie ab, baut gelungene Metaphern ein und hält die Spannung oben, sodass man das Buch gar nicht zur weglegen möchte. Wirklich ein ganz besondere Trip. Und wer wissen möchte, welche Rolle die Beatles bei all dem spielen, muss es wohl lesen.

Veröffentlicht am 07.11.2024

Jahreshighlight

Das Comeback
0

Grace ist untergetaucht. Ein Jahr war der Stern Hollywoods vom Firmament verschwunden und hat sich bei ihren Eltern verkrochen. Doch dort kann sie nicht bleiben und so kehrt sie zurück, muss sich ihrer ...

Grace ist untergetaucht. Ein Jahr war der Stern Hollywoods vom Firmament verschwunden und hat sich bei ihren Eltern verkrochen. Doch dort kann sie nicht bleiben und so kehrt sie zurück, muss sich ihrer Vergangenheit stellen und sich mit ihren Teenagerjahren auseinandersetzen, die sie unter den Fittichen ihres Gönners Able verbracht hat. Er hat sie groß gemacht und er erinnerte sie immer daran, dass sie ohne ihn nichts wäre. Grace muss sich endlich eingestehen, dass sie zum Opfer gemacht wurde, was sie nur schwer ertragen kann und sie beschließt sich gegen den mächtigsten Mann Hollywoods zur Wehr zu setzen.
„Das Comeback“ von Ella Berman gehört zu meinen Highlights des Jahres. Nicht nur finde ich die Themen rund um Me-Too, Grooming und Machtmissbrauch unglaublich wichtig, hier werden sie auch noch unfassbar gut verpackt. Grace ist ein gefallener Star, mit gerade mal Anfang zwanzig, weil sie viel zu früh in dieses Haifischbecken geworfen wurde und an einen Mann geriet, der ihre Unsicherheit ausnutzte. Das haben wir alle schon oft mitbekommen und Ella Berman zieht uns ganz nah heran, sodass wir Graces Ohnmacht, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung mitempfinden, aber wir dürfen auch dabei sein, als sie zurückschlägt.
Anfangs hat es zwar ein paar Längen, allerdings macht Ella Berman diese mit ihrem tollen Stil wett und man erträgt Graces Suhlerei in Selbstmitleid und Lethargie durch die eindrücklichen Rückblenden und nicht zuletzt, weil man bereits ahnt, dass sie es da raus schafft. Und nicht nur sie empowert sich, sondern auch ihre Schwester, die ihre eigenen Probleme mitbringt und mit der es nach Jahren des Schweigens zu einer Annäherung kommt. Die Emotionen, die transportiert werden sind einnehmend und klingen lange nach.
Der Roman erzählt keine neue Geschichte, wir haben schon oft von Missbrauch in der Filmbranche gehört und gelesen, trotzdem möchte ich „Das Comeback“ allen ans Herz legen, die die Augen davor nicht länger verschließen wollen.

Veröffentlicht am 07.11.2024

Einladung zum literarischen Salon

Trinken wie ein Dichter
0

„Trinken wie ein Dichter“ ist nicht nur von Außen ein Hingucker. Auch inhaltlich hält das Büchlein, was es verspricht. Chronologisch führt es uns bis ins heute. Doch nicht nur die Rezepte laden zum Ausprobieren ...

„Trinken wie ein Dichter“ ist nicht nur von Außen ein Hingucker. Auch inhaltlich hält das Büchlein, was es verspricht. Chronologisch führt es uns bis ins heute. Doch nicht nur die Rezepte laden zum Ausprobieren ein, wobei immer gleich dabei steht, für wie viele Personen es ist, es gibt ebenfalls kleine Anekdoten, Zitate oder Triviales zu derm jeweiligen Autorin . Zwischendurch entführt es in die Welt der Literarischen Salons und zum Schluss gibt es noch Tipps für den Kater danach.
„Trinken wie ein Dichter“ ist ein schönes Geschenk und ein Muss für jeden Literaturbegeisterten, denn es setzt die Schmökernden mit den Großen der Szene in einen Sessel, einen Sommerstuhl oder an einen Tisch. Wer wollte nicht mal probieren, womit James Baldwin, Raymond Chandler, Agatha Christie oder Ian Fleming sich abgeschossen haben oder welche Mischung zur wahren Inspiration geführt hat. Dabei muss man nicht nur auf alkoholisches zurückgreifen, es gibt auch einige Rezepte, die tatsächlich alkoholfrei sind oder die man ohne Alkohol zubereiten könnte. Allerdings sollte man manches dann doch mit Vorsicht genießen.
Besonders haben mir die einleitenden Worte zu jedem Getränk gefallen. Sie machen diese großartigen, respekteinflößenden Schriftsteller*innen nahbarer gemacht haben, denn auch sie sind Menschen und greifen hin und wieder zu einem gepflegten Gläschen. Auch die Illustrationen zu jedem Rezept mochte ich sehr.
Ein sehr schönes Büchlein, das man im Salon oder im einfachen Wohnzimmer liegen lassen kann, damit Gäste oder man selbst immer wieder darin blättern, ein wenig schmökern und sich inspirieren lassen kann, um sich dann einen Drink zu mixen, den schon Bret Easton Ellis oder Maya Angelous getrunken haben.

Veröffentlicht am 04.11.2024

So viel mehr als eine True-Crime-Geschichte

Bright Young Women
1

Pamela ist Vorsitzende ihres Verbindungshauses, als eines Nachts ein Mann einbricht und zwei Bewohnerinnen schwer verletzt und zwei tötet, darunter ihre beste Freundin Denise. Pamela wird zur Hauptzeugin, ...

Pamela ist Vorsitzende ihres Verbindungshauses, als eines Nachts ein Mann einbricht und zwei Bewohnerinnen schwer verletzt und zwei tötet, darunter ihre beste Freundin Denise. Pamela wird zur Hauptzeugin, da sie den Täter gesehen hat. So lernt sie Tina kennen, die ihre Partnerin Ruth durch denselben Mann verloren hat. Gemeinsam kämpfen sie darum, den Angeklagten seiner gerechten Strafe zuzuführen - gegen alle Widrigkeiten, die ihnen durch die Berichterstattung und Misogynie in den Weg gelegt werden.
„Bright Young Women“ von Jessica Knoll (mal wieder eine Empfehlung der fantastischen Anika Landsteiner) hat mich tief berührt und auf unzählige Weisen abgeholt. Ich bin True-Crime-Fan und der Roman bedient sich eines der spektakulärsten Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts, wobei die zahlreichen Dokus und Filme nur auf den Täter eingehen. Der rückt hier in den Hintergrund; wird er betrachtet oder kommt er zu Wort, ist das kritisch. Die Opfer und Frauen stehen im Vordergrund, so wie es sein sollte.
Durch Pamelas und Ruths Augen werden nicht nur der Täter und die Auswirkungen seiner Tat veranschaulicht, sondern auch die herrschende Misogynie und die patriarchalen Strukturen verdeutlicht. Pam ist Jurastudentin, hochintelligent und wird trotzdem immer wieder herabgesetzt. Ruths Sexualität verleugnet und bestraft. Doch wie alle anderen Frauen des Romans lassen sie sich nicht unterkriegen.
Und dann ist da noch Jessica Knolls schriftstellerisches Talent, das mich einfach umgehauen hat. Ihr szenischer Stil, ihre gewählten Metaphern und der eingefangene Zeitgeist erzeugen eine enorme Sogwirkung, was durch die verschiedenen Zeiten und Perspektiven noch verstärkt wird. Dabei gelingt es ihr, Ruth und Pamela ihre eigene Stimme zu geben, eine Stimme, die unbedingt gehört werden muss. Und die Übersetzung schafft all das hervorragend zu übertragen.
Es ist mehr als ein True-Crime-Buch, es ist ein eindringlicher, kluger Roman.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung