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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.01.2025

Witzig und unterhaltsam, allerdings ganz und gar kein Spaß

Täuschend echt
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Dieses Buch ist eigen und passt in keine Schublade.

Da beklagt ein Werbetexter sein Schicksal. Seine Freundin hat ihn verlassen und ihm übelste Vorwürfe gemacht. Er weiß selbst, er ist ein Wicht, übergewichtig ...

Dieses Buch ist eigen und passt in keine Schublade.

Da beklagt ein Werbetexter sein Schicksal. Seine Freundin hat ihn verlassen und ihm übelste Vorwürfe gemacht. Er weiß selbst, er ist ein Wicht, übergewichtig noch dazu, aber was sie ihm alles an den Kopf geschmissen hat, ist schon bösartig. Oder hat sie etwa recht?

Diesem Mann zuzuhören ist komisch und anstrengend gleichzeitig, er analysiert sich selbst bis zu Selbstzerfleischung. Und dann verliert er auch noch seinen Job.

Das ist die Ausgangsituation einer traurigen Geschichte, die zur Farce wird. Ein glückloser Werbetexter entdeckt die KI und damit eine neue Welt. Müsliwerbung kann sie besser als er selbst, aber kann sie auch ein Buch schreiben?

Es ist schon sehr verrückt, was sich Charles Lewinsky hier hat einfallen lassen, aber unrealistisch ist es ganz und gar nicht. Was kann eine KI und was kann sie nicht? Kann sie sinnvolle Bücher schreiben, kann sie tatsächlich den Menschen ersetzen? Kann sie vielleicht sogar unsere beste Freundin werden, Komplizin, Verbündete, Kummerkasten?

All das liegt hier auf dem Tisch und wird zu einer irrwitzigen Geschichte verarbeitet, die unterhaltsam und klug ist, mit einigen Überraschungen aufwartet und auch ein klein wenig an den Nerven des Lesers zupft.

Im Hörbuch wird die KI von Eveline Ratering gelesen, die gleichermaßen stoisch und sympathisch Alexas kleine Schwester gibt. Claudius Körber verkörpert perfekt den nerdigen Autor, der alles im Griff hat, während ihn Selbstzweifel plagen. Es dauert 7 Stunden und und 32 Minuten und ist witzig und unterhaltsam, allerdings ganz und gar kein Spaß.

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Veröffentlicht am 06.01.2025

Spannend und aufschlussreich

Freiheit
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Eigentlich wollte ich in dieses Buch nur mal kurz hineinhören, dann war es aber tatsächlich so interessant, dass ich es komplett gehört habe.

Angela Merkel erzählt hier nicht nur ihre Lebensgeschichte. ...

Eigentlich wollte ich in dieses Buch nur mal kurz hineinhören, dann war es aber tatsächlich so interessant, dass ich es komplett gehört habe.

Angela Merkel erzählt hier nicht nur ihre Lebensgeschichte. Sie fasst auch die Geschichte Deutschlands der letzten 50 Jahre zusammen, erweitert es sogar auf das weltpolitische Geschehen. 50 Jahre Politik, leicht gemacht, erklärt von jemandem, der weiß, warum die Dinge waren wie sie waren und was an welcher Stelle welche Auswirkungen hatte.

Das macht sie kompetent, aufrichtig und sehr sympathisch. Sie vermittelt sogar bisweilen die Idee, Politik könnte Spaß machen. Man hat das Gefühl, sie wollte das Beste für Deutschland und das Beste für die Menschen erreichen, wusste vielleicht nicht immer, was das Beste war, aber sie hat Politik für Menschen gemacht, wollte helfen, im Gegensatz zu ihren heutigen Kollegen, denen es hauptsächlich um Selbstdarstellung und Macht zu gehen scheint.

Obwohl die CDU noch nie meine Partei war, empfinde ich nach Hören dieses Buch großen Respekt und Bewunderung für Angela Merkel.

Das Vorwort und den Epilog des Hörbuchs trägt sie selbst vor und verstärkt dadurch den Eindruck, dass sie ihre Leser ganz persönlich anspricht. Corinna Harfouch nimmt den Faden auf und wird im Verlauf des Buches zu Angela Merkel. Es ist ein spannendes, aufschlussreiches Erlebnis und dauert 23 Stunden und 52 Minuten.

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Veröffentlicht am 28.11.2024

Kunstvoll, skurril und isländisch, aber auch atmosphärisch und tragisch

Moosflüstern
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Bücher von Joachim B. Schmidt sind immer besonders, aber dieses hier ist besonders besonders. Er hat ein ungewöhnliches Thema ausgegraben und es geschafft, das Geschehen auf zwei Zeitebenen elegant und ...

Bücher von Joachim B. Schmidt sind immer besonders, aber dieses hier ist besonders besonders. Er hat ein ungewöhnliches Thema ausgegraben und es geschafft, das Geschehen auf zwei Zeitebenen elegant und kunstvoll zu verknüpfen. Tiefen Respekt!


1949 wurden tatsächlich deutsche Frauen angeworben, nach Island zu ziehen und da zu arbeiten. Das eh schon schwach besiedelte Land hatte nach dem Krieg einen starken Frauenmangel zu beklagen, da viele Frauen mit amerikanischen Soldaten nach Amerika gezogen waren. In Deutschland dagegen gab es viele Frauen, die ohne Mann, Job oder Perspektive nach einem Ausweg suchten und bereit waren, ein Abenteuer zu wagen.


Eine dieser Frauen war die Mutter von Heinrich Lieber. Heinrich ist mutterlos in Deutschland aufgewachsen und erfährt erst kurz nach ihrem Tod von ihrer Existenz. 40 Jahre lang dachte er, seine Mutter wäre tot und jetzt hatte sie ein Leben in Island? Ohne Ihn? Wie konnte das passieren?


Sie erzählen uns abwechselnd ihre Geschichte, Heinrich und seine Mutter Anna. Beide sind verzweifelt und reisen nach Island, nur liegen dazwischen 40 Jahre. Und beide sind Antihelden, die man liebgewinnt. Heinrich ist eigentlich bekannt für seine Akkuratesse, trotzdem hat er einen Fehler begangen und macht alles nur noch schlimmer beim Versuch, ihn zu vertuschen. Anna ist frisch aus der Anstalt geflohen, als sie das Schiff nach Island besteigt.


Joachim B. Schmidt erzählt einfühlsam, originell und auch humorvoll. Mit viel Liebe zu seinen Figuren und zu Island, entwirft er eine Geschichte, die kein Mensch zuvor gelesen hat. Es ist eine schräge Geschichte, skurril und isländisch, aber auch atmosphärisch und tragisch. Das Lesen fesselt und macht Spaß. Ich bin wieder einmal beeindruckt und traurig, dass dieses Buch vorbei ist.

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Veröffentlicht am 22.11.2024

Berührend und aufschlussreich

Die Zeit im Sommerlicht
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Es ist schon erstaunlich, wo sich überall Volksgruppen finden, die diskriminiert wurden und werden. In Lappland leben Sami seit Jahrhunderten von der Rentierzucht und haben eine ganz eigene Kultur, auf ...

Es ist schon erstaunlich, wo sich überall Volksgruppen finden, die diskriminiert wurden und werden. In Lappland leben Sami seit Jahrhunderten von der Rentierzucht und haben eine ganz eigene Kultur, auf die das zivilisierte Schweden müde herabblickt. In den 50er Jahren wurden sogar Sami-Kinder zum Besuch sogenannter Nomadenschulen gezwungen, wo ihnen Schwedisch und „zivilisiertes Benehmen“ beigebracht wurde.

Hier begleiten wir einige Kinder in so eine Schule, ein Internat, das wie ein Umerziehungslager geführt wird, in dem es nichts zu Lachen gibt. Die gleichen Kinder trifft man dann noch 1986 und sieht, was aus ihnen geworden ist. Die Schule hat bei jedem von ihnen tiefe Spuren hinterlassen, sichtbare und unsichtbare.

Dieses Buch erzähl einfühlsam von Menschen und Schicksalen, beleuchtet aber gleichzeitig ein trauriges Kapitel der Geschichte. Es macht anrührend auf die Kultur der Samen aufmerksam, von der wir hier kaum je gehört haben. Ich habe es gerne gelesen und bin deutlich klüger als vorher.

Das Hörbuch liest Jana Marie Backhaus-Tors sehr schön und bringt uns sogar ein bisschen Samisch bei. Es dauert 11 Stunden und 20 Minuten.

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Veröffentlicht am 12.11.2024

Ein Fanal für Diversität

When Women were Dragons – Unterdrückt. Entfesselt. Wiedergeboren: Eine feurige, feministische Fabel für Fans von Die Unbändigen
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Beinahe hätte ich dieses Buch nicht beachtet. Das harmlose Blümchencover ist eigentlich nicht mein Beuteschema und tarnt dieses wunderbare Buch als nette Sonntagslektüre, dabei ist es noch ganz viel mehr.

Wir ...

Beinahe hätte ich dieses Buch nicht beachtet. Das harmlose Blümchencover ist eigentlich nicht mein Beuteschema und tarnt dieses wunderbare Buch als nette Sonntagslektüre, dabei ist es noch ganz viel mehr.

Wir sind in einer absonderlichen Welt. Eigentlich ist es das brave Amerika der 60er Jahre, wo alles wohlgeordnet ist, der Mann die Familie versorgt und die Gemahlin um Punkt 18.00 mit frischer Dauerwelle das Essen serviert. Es gab Vorfälle, ja, aber die passen nicht ins Bild und werden unter den Teppich gekehrt. Selbst das große Drachenwandeln, bei dem die halbe Stadt in Brand geriet und Frauen zu Hunderten verschwanden, bleibt offiziell ein Gerücht.

Alex wächst damit auf, dass man nicht über Drachinnen spricht, am besten nicht darüber nachdenkt, dabei gab es selbst in ihrer Familie merkwürdige Vorkommnisse und Alex hat Fragen, die sie nicht stellen darf. Sie ist zu klug und zu neugierig für eine Welt, in der Frauen nichts zu sagen haben und Intelligenz unnötig ist.

Die Atmosphäre ist cosy amerikanisch mit geheimnisvollem Zauber, aber auch Kritik und bissiger Ironie. Später kommt noch ein bisschen Dickens-Flair dazu. Es wirkt beinahe märchenhaft, die Bösen sind wirklich böse und die Guten herzallerliebst, hat aber auch interessante Grautöne. Alex Mutter zum Beispiel fordert von ihr gnadenlose Disziplin in allen Lebenslagen und knüpft gleichzeitig kunstvolle Amulette und webt geheimnisvolle Knotenmuster in alle ihre Kleidungsstücke. Es scheint kein rein dekorativer Spleen zu sein, warum macht sie das?

Der Erzählstil ist wundervoll, eine schöne, originelle Sprache, sanft, aber mit Biss und Humor, wie eine kuschelige Decke mit Weckfunktion, die einen ein bisschen zwickt, wenn es zu nett ist.

„Der Himmel war geradezu herzzerreißend blau und die Welt roch, als hätte etwas Neues begonnen.“

Solche Sätze sind einfach nur schön und gehen mitten ins Herz. Dieses Buch packt einen und nimmt mit. Es ist ganz viel auf einmal, wunderschön, tieftraurig, märchenhaft, humorvoll, originell, herzergreifend und ein Fanal für Diversität. Am Ende denkt man voller Überzeugung: Jaaaaaa, ich will auch eine Drachin sein.

Dieses Buch hat kein Blümchencover verdient, es bräuchte es ein Regenbogenfeuerwerk.

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