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Veröffentlicht am 13.02.2025

Melancholisch

Im Schnee
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„ Wenn man schweigt, kommt man sehr gut miteinander aus. Worüber man nicht spricht, das gibt es nicht.“



Wenn das Totenglöckchen klingelt, gibt es wieder einen weniger in Max‘s Heimatdorf, in dem es ...

„ Wenn man schweigt, kommt man sehr gut miteinander aus. Worüber man nicht spricht, das gibt es nicht.“



Wenn das Totenglöckchen klingelt, gibt es wieder einen weniger in Max‘s Heimatdorf, in dem es scheint, als wäre die Zeit stehengeblieben.

Diesmal ist es der Schorsch, Max bester Freund. Er ist einfach eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht, ein schöner Tod.

Auf der Totenwacht treffen sich zunächst die Männer, schwelgen in Erinnerungen und stoßen auf den Toten an. Max bleibt auch noch als die Frauen zur Ablösung kommen. Bei ihnen geht es weit weniger lustig zu. Sie sind gläubiger, andächtiger und tauschen dann aber doch Geschichten und Rezepte aus.

Der über 80jährige Max fragt sich wer der Nächste ist, denkt über die Veränderungen im Dorf nach. Inzwischen gibt es hier kein Geschäft mehr und alle die ein Handwerk beherrschten sterben allmählich weg. Die Neubürger sind auch nach Jahrzehnten noch Fremde.

Es ist ruhig und still im Dorf. Der Schnee deckt alles zu, auch die schlimmen Geschichten von häuslicher Gewalt oder Ausländerfeindlichkeit. Darüber spricht man nicht. Dann ist es fast so, als wären sie nicht geschehen.

Tommie Görtz erzählt ruhig und intensiv vom einfachen Leben auf dem Land, melancholisch und ohne es zu romantisieren. Der Tod gehört zu Leben, zum ewigen Kreislauf der Natur. Das hat man hier akzeptiert und feiert es mit den Ritualen, die sich gehören. Auch sprachlich hat mir das Buch gut gefallen. Es ist komplett aus der Sicht von Max erzählt, an dessen Gedankenwelt wir als Leser teilhaben dürfen .

Es ist ein Buch, dass zum Nachdenken anregt und zum Innehalten aufruft und passt perfekt in den Winter.

Das Hörbuch wurde wunderbar vertont von Thomas Loibl.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Heimweh, Fernweh und Zuhause

Hotel Paraíso
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„Fernweh und Heimweh sind Sehnsüchte. Fernweh ist Heimweh nach Irgendwohin.“



Frieda, eine Frau in ihren 50ern, bleibt eines Tages in ihrem Job als Synchronsprecherin die Stimme weg. Hat sie einen Burnout, ...

„Fernweh und Heimweh sind Sehnsüchte. Fernweh ist Heimweh nach Irgendwohin.“



Frieda, eine Frau in ihren 50ern, bleibt eines Tages in ihrem Job als Synchronsprecherin die Stimme weg. Hat sie einen Burnout, wie die Kolleg*innen vermuten?

Ihr Freund Jonas vermittelt ihre eine Stelle als Hotelsitterin in einem kleinen aber feinen Hotel an der portugiesischen Algarve, mitten im Winter über die Weihnachtstage. Die Hotelbesitzerin ist selber in Urlaub, und Frieda ist allein mit dem Hotelhund Otto. Ab und zu taucht mal der Hausmeister oder der Nachtwächter auf und ein paar Bauarbeiter, denn es finden einige Umbaumaßnahmen statt in der Zeit, in der das Hotel geschlossen ist. Frieda hat viel Zeit für sich selbst, denn außer ein paar Zimmer zu lüften und den Hund auszuführen, hat sie keine Aufgaben zugeteilt bekommen.

Der Plot in dieser Geschichte ist also überschaubar. Interessant sind vielmehr Frieda‘s Gedanken, die sie in ihre Vergangenheit zurückführen.

Ihre Kindheit hat Frieda in Niedersachsen verbracht, wo sie zwischen der Tankstelle der Eltern, die sie liebte und deren Bungalow, in dem sie sich viel weniger zu Hause fühlte, hin und her pendelte. Sie merkte, dass sie anders war, aber erst mit 17 hat sie entdeckt, dass sie von ihren Eltern adoptiert worden war.

Die Suche nach der eigenen Identität, das Gefühl irgendwie fremd zu sein, Heimweh, Fernweh und Zuhause, das sind die Themen in diesem Roman.

Arezu Weitholz hat eine wunderbar poetische Sprache, die ich sehr genossen habe.

Es gibt viele kluge Sätze, tolle Wortneuschöpfungen und Anregungen zum Weiterdenken. Die Autorin spielt mit Sprache, dass es eine Wonne ist. Beim Lesen erfährt man selbst eine Art Entschleunigung. Auch wenn das Buch relativ kurz ist, sollte man es in Häppchen genießen. Jeder Satz beinhaltet so viel, dass man sich beim Lesen Zeit lassen sollte.

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Veröffentlicht am 22.12.2024

3 Frauen auf der Suche nach dem eigenen Glück

Die Halbwertszeit von Glück
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„Die Halbwertzeit von Glück“ ist eine Geschichte auf mehreren Zeitebenen.

Mylène lebt ein erfülltes Leben 2019 in Paris. Sie hat den Partner fürs Leben gefunden und auch in ihrer jungen Firma hat sie ...

„Die Halbwertzeit von Glück“ ist eine Geschichte auf mehreren Zeitebenen.

Mylène lebt ein erfülltes Leben 2019 in Paris. Sie hat den Partner fürs Leben gefunden und auch in ihrer jungen Firma hat sie Erfolg. Ein Anwaltsschreiben erschüttert ihr Leben und wirft Fragen zu ihrer Herkunft auf. Völlig aufgelöst läßt sie alles stehen und liegen und begibt sich mit ihrem Ex auf eine Reise in die Vergangenheit, um all die offenen Fragen, die sie plötzlich hat zu klären.

Mit Johanna geht es in das Jahr 1987 in eine karge Hütte mitten im Wald. Diese befindet sich im DDR Grenzgebiet. Johanna nimmt eines Tages eine verletzte junge Schwangere bei sich auf, die vor den Grenztruppen in den Wald geflüchtet ist und begibt sich damit selbst in Gefahr.

Der dritte Handlungsstrang führt in die USA zu Holly im Jahr 2003. Holly möchte in der Traumfabrik von Hollywood Karriere machen, doch ein tragischer Unfall, bei der eine Kollegin bei einer Gasexplosion verstirbt, wirft die junge Frau aus der Bahn. Sie hat Schuldgefühle, weil die Kollegin nur gestorben ist, weil sie ihr einen Gefallen getan hat. Holly hätte an ihrer Stelle sterben sollen.

Es dauert lange bis man den Zusammenhang zwischen den 3 Geschichten entdeckt, vielleicht ein klein wenig zu lang.

Johanna‘s Geschichte stach am meistens heraus und hat mich sehr berührt, wogegen ich Mylène‘s Perspektive ein bisschen klischeehaft fand. Holly‘s Erzählstrang mochte ich dann wieder ganz gerne.

Verbindend sind die Gedanken zum Thema Glück. Es kann so schnell wieder vergehen. Vielleicht hat man es gar nicht verdient glücklich zu sein. Aber ganz bestimmt ist das Glück kein „ Einzelgänger“.


Für mich war das Buch ein schönes Leseerlebnis für zwischendurch, mit kleinen Kritikpunkten, dass ich aber durchaus empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 21.11.2024

Krimileckerbissen

Unfollow Stella
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Autorin Ellen Dunne schreibt Irland Krimis, richtig Gute, wie ich finde. „Unfollow Stella“ ist zwar Teil einer ganzen Reihe rund um Kriminalhauptkommissarin Patsy Logan, kann aber sehr gut auch eigenständig ...

Autorin Ellen Dunne schreibt Irland Krimis, richtig Gute, wie ich finde. „Unfollow Stella“ ist zwar Teil einer ganzen Reihe rund um Kriminalhauptkommissarin Patsy Logan, kann aber sehr gut auch eigenständig ohne Vorkenntnis der anderen Bände gelesen werden.

Patsy Logan hat sich von ihrem Job in München eine Auszeit genommen und ist bei ihrer Cousine Sinéad in Dublin untergeschlüpft.

Da sie eine Kriminalerin durch und durch ist, kann sie nicht widerstehen, als sie der befreundete österreichische Botschafter Sam Feuerstein darum bittet, ihm bei der Suche nach der verschwundenen Österreicherin Stella Schatz zu helfen, inoffiziell natürlich.

Stella hat als Content Moderatorin gearbeitet, heißt, ihre Aufgabe war es, tagtäglich „kritische „ Inhalte aus dem Netz zu fischen und zu löschen.

Dieser Job macht etwas mit einem, besonders wenn man in der Pandemie isoliert im Homeoffice arbeiten muss. Stella‘s Bruder, der weit weg in Singapur lebte, war auf jeden Fall sehr besorgt, seine Schwester plötzlich nicht mehr erreichen zu können.



Mit dieser sehr dürftigen Ausgangslage versuchen sich Patsy und Sam ein Bild zu machen und kommen nicht um etwas unorthodoxe Methoden herum.

Die Geschichte wird erst zum Ende hin richtig spannend, wenn es auch einen Toten gegeben hat und die Zusammenhänge klarer werden. Diesen Krimi macht die typisch irische Atmosphäre und der erfrischend elegante Sprachstil der Autorin aus. Außerdem waren mir sowohl Patsy als auch Sam sehr sympathisch ebenso wie einige Nebenfiguren.

Ich habe das Buch immer gerne zur Hand genommen und mich nach Irland geträumt

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Veröffentlicht am 14.11.2024

Skurril

Unerhörte Stimmen
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„ Vieles in diesem Buch ist wahr und alles erfunden.“

Dieser Satz aus den Anmerkungen am Ende des Buches trifft absolut zu. Elif Shafak hat eine sehr skurrile Geschichte geschrieben, in der unterschwellig ...

„ Vieles in diesem Buch ist wahr und alles erfunden.“

Dieser Satz aus den Anmerkungen am Ende des Buches trifft absolut zu. Elif Shafak hat eine sehr skurrile Geschichte geschrieben, in der unterschwellig ganz viel Gesellschaftskritik steckt.

Es ist ein Buch über Menschen, die nicht hineinpassen in die Gesellschaft und Freunde, die die Ursprungsfamilie ersetzen, die „Wasserfamilie“ die verlässlicher und liebevoller ist als die „Blutfamilie“.

Leila ist eine Prostituierte, die gleich auf der ersten Seite ermordet wird.

In den letzten Minuten, in denen ihr Herz schon aufgehört hat zu schlagen und das Gehirn noch funktioniert, kommen die Erinnerungen an ihr Leben zurück, an ihre Kindheit im Dorf, an den Vater und seinen 2 Frauen, die Frau, die sie Tante nannte, obwohl sie ihre Mutter war, ihre Flucht in den Moloch der Großstadt Istanbul.

Schnell ist sie in Istanbul in der Straße der Bordelle gelandet, denn verstoßen von der Familie, musste sie irgendwie überleben. Leila ist eine starke Frau und am Ende hat sie fünf Freunde, die ehrlich um sie trauern.

Auch deren Geschichte erfahren wir in diesem Roman. Es sind wie Leila Außenseiter der Gesellschaft aber gemeinsam können sie sich vor dem Hass und den Beleidigungen im Alltag schützen.

Elif Shafak zeichnet in ihrem Buch ein Bild der Türkei von heute mit Traditionen und Aberglauben von gestern. Es war teilweise etwas abgedreht aber eine durchaus interessante Lektüre.

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