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Veröffentlicht am 21.12.2024

Wichtiger Beitrag #gegendasvergessen

Suche liebevollen Menschen
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In diesem Buch erfahren wir mehr über eine etwas andere Art der Kinderverschickung in den 1930iger Jahren. Vielen von euch, die sich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges beschäftigen und auch darüber lesen, ...

In diesem Buch erfahren wir mehr über eine etwas andere Art der Kinderverschickung in den 1930iger Jahren. Vielen von euch, die sich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges beschäftigen und auch darüber lesen, wissen Bescheid über die ersten Kinderverschickungen nach Großbritannien.

Doch schon zuvor waren einige jüdische Eltern klug und haben, wie die Großeltern von Journalist Julian Borger, im "Manchester Guardian" Kleinanzeigen geschaltet. Sie suchten nach Menschen, die ihre Kinder aufnehmen, um sie vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Sicherheit zu bringen. Obwohl sie ahnten, dass sie ihre Kinder eventuell nie mehr wiedersehen würden...

Ein kleiner Teil dieser Kleinanzeigen wurde auch für den Titel des Buches ausgewählt ("Seek a kind person, who will educate my intelligent Boy, aged 11, Viennese of good family. Borger 5/12 Hintzerstrasse, Vienna 3)
Im Jahre 1938 hat sein Großvater Leo genau diesen Text für seinen Sohn Robert Borger gewählt. Nach dem Tod seines Vaters Robert 1983 hat sich Journalist Julian Borger auf die Spurensuche betreffend seiner Familiengeschichte begeben. Niemand in der Familie wusste über seine Zeit als jüdisches Kind in Wien und sein Leben nach der Ankunft in Großbritannien. Julian Borger recherchierte akribisch. Dabei erfuhr er auch über dieses Inserat seines Großvaters und beginnt nachzuforschen. Im Verlauf seiner Recherche versuchte er mehr über die Schicksale der weiteren sechs Kinder herauszufinden, die am selben Tag in den Kleininseraten im "Manchester Guardian" ausgeschrieben wurden. Dies war alles andere als einfach und hat gedauert. Borger hat nach den Nachkommen der damaligen Kinder gesucht und versucht Kontakt aufzunehmen.
Was alle damaligen Kinder ihr ganzes Leben lang "verfolgte", war die "Schuld des Überlebens". Gleichzeitig fühlten sie sich auch unwürdig gegenüber Überlebenden aus den Konzentrationslagern, weil sie relativ sicher den Holocaust überlebt haben. Diese Traumata führten auch zum Selbstmord von Borgers Vater.

Was mir doch einige Schwierigkeiten bereitet hat, waren Julian Borgers oftmalige Wechsel von Personen und Zeit. Oft schwenkt der Autor mitten in seiner Erzählung von einer Person zu einer anderen und streut Fakten aus deren Leben ein. Das verwirrt zusätzlich, nachdem die Erzählungen auch zeitlich nicht chronologisch sind. Man benötigt deshalb hohe Konzentration und trotzdem sind mir oftmals die Schicksale mancher Menschen durcheinander gekommen. Trotz der wirklich akribischen Recherche und den berührenden Schicksalen, konnte ich deswegen manches Mal keine wirkliche Beziehung zu einigen der Figuren herstellen. Diese abrupten Wechsel und sich ins uferlose Verlieren, nimmt der biografischen Erzählung etwas an Tiefe. Das hätte vermieden werden können. Trotzdem sind die Erzählungen berührend. Man möchte sich gar nicht vorstellen, dass man seine eigenen Kinder alleine auf den Weg in ein fremdes Land schickt, deren Sprache sie nicht sprechen und sich einer ungewissen Zukunft entgegen sehen. Ich möchte nicht in dieser Haut der Eltern stecken, die sich entscheiden müssen....einfach grausam und auch heute noch genauso ein Thema!

Zwischen den einzelnen Kapiteln "lockern" schwarz-weiß Bilder der beschrieben Personen, die doch oftmals sehr emotionalen Schilderungen, auf.

Obwohl es sich bei seiner Erzählung nicht um eines der sechs Kinder handelt, die damals in den Kleinanzeigen vorkamen, hat mich die Geschichte um Borgers Großtante Marci und deren Schicksal fast am meisten berührt.


Fazit:
Dieses Buch ist sowohl eine Familienbiografie, als auch eine Art Enthüllungsstory. Auf jeden Fall aber ein wichtiger Beitrag zum Thema #gegendasvergessen - besonders in der heutigen Zeit, in der die Zeitzeugen von damals verstorben sind und der Rassismus eine neue Hochsaison erlebt.

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Veröffentlicht am 19.12.2024

Der Preis des Kautschuks

Das weiße Gold des Amazonas
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Bisher habe ich von Mirjam Kul noch nichts gelesen, die normaler Weise im Fantasy Bereich schreibt. Nun ist im Gmeiner Verlag dieser historische Roman der Autorin erschienen, der uns zurück ins 19. Jahrhundert ...

Bisher habe ich von Mirjam Kul noch nichts gelesen, die normaler Weise im Fantasy Bereich schreibt. Nun ist im Gmeiner Verlag dieser historische Roman der Autorin erschienen, der uns zurück ins 19. Jahrhundert nach Brasilien führt. Es ist die Zeit der Kautschukgewinnung durch europäische Plantagenbesitzer, die sich in Manaus angesiedelt haben. Sie unterdrücken die indigene Bevölkerung, die sie wie Sklaven behandeln, obwohl die Sklaverei bereits abgeschafft wurde. Die indigenen Einwohner wurden damals innerhalb kurzer Zeit von den Weißen stark dezimiert.

Einer der schlimmsten und mächtigsten ist der Preuße Heinrich Lorenz, ein tyrannischer und skrupelloser Kautschukbaron, der nach noch mehr Macht und Gewinn strebt.
Seine beiden Söhne Karl und Paul sollen später in seine Fußstapfen treten. Doch Paul wurde von Heinrichs herzensguten Frau als Säugling aus dem Fluss gerettet und hat indigenes Blut. Außerdem hat er ein Fledermaus Tattoo auf der Brust. Er steht als junger Erwachsener zwischen den beiden Kulturen und wird auch von beiden Seiten nicht wirklich akzeptiert.

Auch Taya gehört zu einem der indigen Stämme, deren männliche Familienmitglieder in den Kautschukwäldern geschunden werden. Sie trifft als Kind auf Paul, der wie Taya ein Fledermaus Tattoo hat. Der Junge bekommt seit diesem Treffen Taya nicht mehr aus seinen Gedanken.
Als sie als junge Erwachsene wieder aufeinander treffen, entwickelt auch Taya mit der Zeit Gefühle für Paul. Doch eine Liebe zwischen dem (adoptierten) Sohn des Kautschukbarons und einer indigen Sklavin darf nicht sein.....

"Die Fremden zerstören die Wälder, vergiften mit ihren riesigen Schiffen die Flüsse und töten Tiere, obwohl sie längst gesättigt sind. Sie haben keine Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem Leben. Sie sind gierig und neidisch. Sie werden erst merken, dass man Geld nicht essen kann, wenn sie Mutter Erde zerstört haben."
Diese Sätze musste ich mir notieren, denn sie sprechen mir aus der Seele und sind auch 130 Jahre später genauso relevant, wie damals - wenn nicht sogar zukunftsweisend.

Mirjam Kul schreibt fesselnd und sehr bildgewaltig. Man erfährt viel über die damalige Zeit in diesem Teil der Welt und wie überheblich und grausam die europäischen Siedler gegenüber den Einwohnern waren. Es erinnert an die Besiedelung Amerikas, die ungefähr zweihundert Jahre zuvor ebenso grausam vonstatten ging.
Die Autorin bringt auch immer wieder Gedanken ein, die sich auf die Zerstörung der Natur und die Ausbeutung von Menschen beziehen.

Neben den Hauptfiguren sind auch die Nebencharaktere lebendig und vielschichtig dargestellt. Einige - auch tierische! - haben sich ganz besonders in mein Herz geschlichen.
Ich bin durch die Geschichte geflogen und habe mit Paul mitgelitten, der als Sohn des Kautschukbarons erzogen wurde, aber mit seiner Hautfarbe nicht akzeptiert wird.

Der historische Roman liest sich fesselnd und interessant. Man fühlt sich während des Lesens direkt vor Ort in Brasilien.

Warum keine 5 Sterne?
Die Geschichte endet sehr abrupt und ließ mich ernüchternd zurück, denn sie hört für mich einfach mitten drin auf. Ich habe zwar beim großen A... gesehen, dass beim Titel "Die weißen Tränen Saga" steht, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt, jedoch findet man keinerlei weitere Hinweise auf einen zweiten Band. Da ich offene Enden wirklich so überhaupt nicht leiden kann, muss ich deshalb einen Stern abziehen.

Fazit:
Ein fesselnder historischer Roman über die Versklavung indigener Völker, den Preis des Kautschuks und einer Liebe, die nicht sein darf. Bis auf das relativ offene Ende war die Geschichte sehr gut, aber der abrupte Schluss hat mich sehr gestört. Deshalb einen Stern Abzug! Wem offene Enden nicht stören, dem empfehle ich diese interessante Geschichte auf jeden Fall. Ich hoffe, dass es einen weiteren Teil geben wird.

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Veröffentlicht am 30.11.2024

Emotionaler Jugendroman um Trauerbewältigung

Das Verhalten ziemlich normaler Menschen
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Ein weiteres Buch, welches ich mit der lieben Caroline vom YouTube Kanal "Marie's Salon de livre" im November gemeinsam gelesen habe. Diesmal ist es ein Jugendbuch und das Thema war nicht unbedingt ein ...

Ein weiteres Buch, welches ich mit der lieben Caroline vom YouTube Kanal "Marie's Salon de livre" im November gemeinsam gelesen habe. Diesmal ist es ein Jugendbuch und das Thema war nicht unbedingt ein Leichtes.
Der 17jährige Asher hat seine Mutter vor zwölf Monate, drei Wochen und einem Tag verloren. Sie wurde bei einem Autounfall getötet, als sie für ihn neue Fußballschuhe kaufen wollte. Seitdem quält ihn nicht nur die endlose Trauer, sondern auch Schuldgefühle. Der betrunkene Fahrer des Sattelschleppers, der das Auto seiner Mutter gerammt und zertrümmert hat, wurde vom Gericht frei gesprochen, was Asher nur umso wütender macht. Die Trauer frisst ihn auf und es erscheint ihm unmöglich in den normalen Alltag zurückzukehren. Zurück blieben außerdem sein Vater und die vierjährige Schwester Chloe. Trotzdem fühlt sich Asher alleine und die Angst, dass seiner kleinen Schwester etwas passieren könnte, wächst umso mehr. Das Urvertrauen, dass man ewig lebt, ist verschwunden und wird durch Angst ersetzt. Ashers Vater schickt ihn deshalb in eine Trauergruppe. Asher landet jedoch in einer Seniorengruppe. Dort lernt er Henry kennen, der seine Frau verloren hat und ebenfalls nicht wieder ins Leben zurückfindet. Zusätzlich schließt sich Asher einer zweiten Trauergruppe in seinem Alter an. Dort trifft er auf Sloane, die ihren Vater an den Krebs verloren hat und Will, dessen kleiner Bruder ebenfalls am Krebs verstorben ist. Asher schmiedet den Plan, sich an den Fahrer des Sattelschleppers zu rächen und ihn zu töten. Er plant eine Reise nach Memphis und wird von Henry, Sloane und Will begleitet, die keine Ahnung haben, was Asher vor hat. Und so begeben sich die vier, gemeinsam mit der Urne von Henrys Frau Evelyne, auf einen Roadtrip quer durch die USA....

Ich muss zugeben, dass ich zu Beginn Probleme hatte in die Geschichte zu kommen. Die Sätze sind teilweise sehr lang und es gibt sehr viele Wiederholungen. Manche dienen aber auch dazu Ashers Trauer wirklich begreiflich zu machen. Wir bekommen seine Gedanken schonungslos vorgesetzt und sind immer dabei, wenn er zur Trauertherapie geht. Mich zog die Handlung jedoch richtig hinab, bis etwas Humor in die Geschichte kommt, als der Roadtrip beginnt. Bis dahin spürt man allerdings keinerlei Optimismus und versinkt in die schier endlose Trauer von Asher und seinen Freunden.

„Akzeptiere, dass das Leben nur rückwärts verstanden werden kann, leben muss man es aber vorwärts.“ (S. 333, frei nach Søren Kierkegaard)

Dabei gelingt es aber der Autorin wahnsinnig gut, diese Verzweiflung darzustellen. In jugendlicher Sprache und mit der Aussage, dass jeder anders trauert und alles erlaubt ist, gibt sie ihren Lesern Hoffnung, denn jede Trauer ist individuell. Sie hat kein Ablaufdatum, sondern verändert sich.

Der Vergleich von trauernden Menschen mit einem Löwenzahn, der sich einen Riss durch den Beton sucht und langsam ans Licht findet, während andere unter dem Beton vergraben bleiben, fand ich großartig und berührend.

Als der eigentliche Roadtrip beginnt, schlägt die Stimmung etwas um. Die lange Reise lässt die Vier zusammenwachsen und einen Weg aus der Trauer finden. Dies geht eher langsam vonstatten, ist aber sehr authentisch dargestellt. Dabei muss man das eine oder andere Mal auch richtig schmunzeln.
Nur zum Ende hin, fand ich die Geschichte dann doch etwas zu überspitzt.

Der Roman hat Jugendliche als Zielpublikum, ist jedoch auch für Erwachsene sehr gut geeignet. Denn irgendwann kommt jeder zu diesem Punkt, wo er einen geliebten Menschen verliert.

Fazit:
Ein hochemotionaler Jugendroman, der aber auch für Erwachsene gut geeignet ist und viel über Trauerbewältigung erzählt. Denn diese ist individuell und hat kein fixes Ablaufdatum.

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Veröffentlicht am 21.11.2024

Mysteriöse Botschaften

Tod auf dem Opernball
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Sarah Pauli ist für mich bereits eine Altbekannte, denn ich lese diese Wien Krimis schon sehr lange. In diesem 14. Band befinden wir uns auf den Wiener Opernball, DEN Society Event, das jedes Jahr Menschen ...

Sarah Pauli ist für mich bereits eine Altbekannte, denn ich lese diese Wien Krimis schon sehr lange. In diesem 14. Band befinden wir uns auf den Wiener Opernball, DEN Society Event, das jedes Jahr Menschen aus aller Welt anlockt. Gespannt blickt man auf die jungen Debütantinnen und Debütanten, die den Ball des Jahres eröffnen dürfen und fragt sich jedes Jahr aufs Neue, wer diesmal beim Baumeister in der Loge sitzen wird. (Was ab 2025 leider nicht mehr der Fall sein wird)
Auch Sarah Pauli ist diesmal für den Wiener Boten unterwegs und ist in dem Moment anwesend, als die junge und umschwärmte Schauspielerin Nina Seidling mitten im Interview zusammenbricht. Zuerst geht man von Drogenmissbrauch aus, doch Sarah hat kurz zuvor eine rätselhafte Nachricht in die Redaktion des Wiener Boten bekommen, die mit dem unerwarteten Todesfall zusammenhängen könnte. Als eine weitere mysteriöse Botschaft in der Redaktion eintrifft und es wieder einen Toten gibt, ist Sarah Pauli sicher, dass hier jemand ein böses Spiel treibt...

Die Wien-Krimis von Beate Maxian lassen sich sehr gut lesen und machen nach jeder Lektüre Lust, all diese Locations zu besuchen (wenn man sie noch nicht kennt). Der Schreibstil ist bildhaft und detailreich. In der Zwischenzeit sind mir die Hauptprotagonistin, sowie ihr Umfeld ans Herz gewachsen, was das Lesen zu einem "Treffen mit alten Freunden" macht, wenn ich einen weiteren Krimi dieser Reihe lese.
Ich mag das besondere Wien-Flair sehr und wie uns die Autorin immer wieder neue Plätze und Attraktionen vorstellt. Aber auch Sarahs Art zu "ermitteln" ist interessant, sowie ihr Aberglaube, der dabei immer wieder eine große Rolle spielt. Auch Kommissar Martin Stein hört vermehrt auf Sarahs Intuition und ihr Gespür für brisante Mordfälle. Doch von den dubiosen Botschaften, die in der Redaktion des Boten gelandet sind, hält Stein diesmal nicht sehr viel.
Bei den "Ermittlungen" erfahren wir diesmal auch etwas mehr über das Business einer Influencerin und stoßen auf Eifersüchteleien, Affären und Drogenparties.
Auch wenn Beate Maxian einige falsche Fährten legt, kommt man als geübter Krimileser diesmal fast zu früh auf die Lösung.
Trotzdem spitzt sich zum Schluss hin die Lage nochmals zu und man klappt am Ende das Buch wieder mit einem wohligen Seufzer zu. So geht Cosy Crime mit viel Lokalkolorit!

Fazit:
Ein weiterer Wien-Krimi von Beate Maxian, der uns diesmal auf den Wiener Opernball führt und hinter die Kulissen von Schauspieler und Influencern blicken lässt. Wie immer hat mich auch Teil 14 wieder gut unterhalten.

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Veröffentlicht am 17.11.2024

Das Gerücht

Der Honigmann
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Sobald ich die Inhaltsangabe von "Der Honigmann" in der Vorschau gelesen habe, wusste ich, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Es erinnerte mich ein bisschen an "Der Buchhändler" von Petra Johann, ...

Sobald ich die Inhaltsangabe von "Der Honigmann" in der Vorschau gelesen habe, wusste ich, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Es erinnerte mich ein bisschen an "Der Buchhändler" von Petra Johann, das ein Highlight für mich war.

Im idyllischen Fischbach, ein Ort im Speckgürtel der nächsten großen Stadt, ist die Idylle perfekt. Die ehemaligen Großstädter, die sich nach einem Eigenheim mit Garten und Swimmingpool sehnen und für ihre Kinder ein Aufwachsen im Grünen wünschen, haben hier ihr kleines Paradies gefunden. Man schließt schnell Freundschaft mit den Nachbarn, die Kinder wachsen unbeschwert auf und obwohl die soziale Gesellschaft bunt durchgemischt ist, lebt man in einer wohlbehüteten Gemeinschaft. Es gibt Vereine, Veranstaltungen und eine Auswahl an Geschäften, die das Leben in Fischbach paradiesisch erscheinen lassen. Als noch ein Dekoladen gegenüber der Schule eröffnet, der Geschenkartikel, Honig und Tee anbietet, sind besonders die Frauen begeistert. Der Ladenbesitzer wird nur "Der Honigmann" genannt und hat auch immer ein offenes Ohr für die Kinder, die mit ihren Müttern vorbeikommen. Als jedoch ein furchtbares Gerücht um den Hongimann die Runde macht, scheint die vermeintliche Idylle zu platzen. Die Fischbacher wollen ihr "Paradies" erhalten und so erleben wir als Leser, wie sich die Stimmung immer mehr aufschaukelt und zuspitzt.....

Peter Huth zeigt mit seinem Roman auf, wie schnell durch ein Gerücht und weiteren unbedachten Aktionen die Stimmung in einer Gemeinschaft kippen kann. Dabei kommt der titelgebende Honigmann nur im ersten und im letzten Kapitel vor und bleibt doch die ganzen 256 Seiten über mehr als präsent.

Die Geschichte ist eine Art "Momentaufnahme"von Geschehnissen innerhalb einer Woche. Wir erleben deshalb nur die Gefühle und die Stimmung der Charaktere während dieser Zeit, die aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Sie eröffnet mir als unbeteiligte Beobachterin die unterschiedliche Sichten und Meinungen der Fischbacher. Dabei begleiten wir vor allem Fine, eine Schauspielerin und ihren Lebensgefährten Tim, einem Controller. Sie ist die Erste, die auf das Gerücht reagiert und mit einem Social Media Kommentar alles weitere ins Rollen bringt.

Peter Huth spart nicht mit Gesellschaftskritik und hält uns allen einen Spiegel vor. Es geht um Familie, Neid, Missgunst und Freundschaft. Huth zeigt auf, was ein Gerücht alles anrichten kann und wie fragil unser moralischer Kompass ist. Mit überraschenden Plot-Twists spart der Autor nicht und so kann man das Buch schwer aus der Hand legen.
Huth zeigt ein gesellschaftliches Bild, welches heute leider umso aktueller ist. Der Autor schreibt bissig und erzählt schonungslos und authentisch.
Das Ende hält noch eine kleine Überraschung bereit.

Mit "Der Buchhändler" von Petra Johann lässt sich die Geschichte nicht ganz vergleichen und doch haben beide das Thema Selbstjustiz und zeigen auf, was eine unbedachte Aussage alles anrichten kann.

Fazit:
Ein aufrüttelnder Gesellschaftsroman, der dem Leser einen Spiegel vorhält. Man muss sich selbst an der Nase nehmen und wird vom Autor auch an derselben herumgeführt. Der Roman bleibt auf jeden Fall in Erinnerung.

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