Verschlungene Lebenswege
Drei Tage im JuniGail ist einundsechzig Jahre alt und erhofft sich nachdem die unmittelbare Vorgesetzte ihr einen Tag vor der Hochzeit ihrer einzigen Tochter eröffnet, dass sie sich zur Ruhe setzen wird, zukünftig als ...
Gail ist einundsechzig Jahre alt und erhofft sich nachdem die unmittelbare Vorgesetzte ihr einen Tag vor der Hochzeit ihrer einzigen Tochter eröffnet, dass sie sich zur Ruhe setzen wird, zukünftig als Schuldirektorin ihren Dienst ableisten zu dürfen. Doch die Entscheidung der Nachbesetzung ist nicht zu ihren Gunsten ausgefallen mit der Begründung von mangelhafter Sozialkompetenz. Niedergeschlagen verlässt Gail fluchtartig das Schulgebäude, um sich zu Hause ihre Wunden zu lecken. Doch unverhofft kommt oft und so steht ihr Ex-Ehemann vor ihrer Tür samt Katzenkäfig, bittet um Beherbergung während der folgenden drei Tage. Die Scheidung der Beiden liegt mehr als zwanzig Jahre zurück und damit sind die wichtigsten Kämpfe ausgefochten, die Wogen haben sich geglättet. Ohne große emotionale Beteiligung gewährt sie Max Einlass. Kurze Zeit später sitzt auch noch die Tochter tränenüberströmt im Wohnzimmer.
Anne Tayler erzählt mit ihrem Roman 'Drei Tage im Juni' vom Wechselbad der Gefühle, in denen sich Gail befindet. Sie berichtet vom übergriffigen Charakterzug ihres Ehemanns und davon wie vertraut man doch noch miteinander ist, sich wiedererkennt, erduldet, hilfreich zur Seite steht. Witzige Dialoge werden begleitet von Schilderungen aus vergangenen Zeiten und der Gegenwart. Kleine charakterliche Schwächen wandeln sich in liebenswerte Eigenarten. Die Autorin beschreibt drei gemeinsam Tage aus dem Leben des Ex-Ehepaares, den Tag vor und nach der Hochzeit und den Hochzeitstag der Tochter selbst, mit psychologischem Scharfsinn lässt sie ein lebendiges Bild ganz normaler Menschen entstehen, die charmante Schwächen versuchen zu tolerieren.
Für mich ist Anne Tayler eine wertvolle Entdeckung, der ich in ihrem schriftstellerischen Wirken unbedingt folgen werde.