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Veröffentlicht am 15.02.2025

Cinderella im Plattenbau

Achtzehnter Stock
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Zu Anfang hatte ich Schwierigkeiten, das Gehörte mit dem Klappentext in Zusammenhang zu bringen. Es geht sehr dramatisch zu. Eine Frau kämpft verzweifelt für ihr Kind, das krank ist und dessen Krankheit ...

Zu Anfang hatte ich Schwierigkeiten, das Gehörte mit dem Klappentext in Zusammenhang zu bringen. Es geht sehr dramatisch zu. Eine Frau kämpft verzweifelt für ihr Kind, das krank ist und dessen Krankheit die Ärzte nicht wahrzunehmen scheinen. Karlie hat halt Ohrenschmerzen ist die allgemeine Meinung. Außer Eileens Mutter scheint keiner den Ernst der Lage zu erkennen. Eileens Mutter ist die Expertin für alle Lebensfragen in der Platte, in der Wanda und Karlie eine Wohnung im achtzehnten Stock bewohnen. Stets verfügbarer kostenloser Babysitter ist sie auch, aber ein ernsthaft krankes Kind erfordert andere Betreuung.

Wanda hätte gerade die Chance, auf die sie lange gewartet hat. Sie könnte in einer Serie mitspielen, berühmt werden, echtes Geld verdienen, aber in der Welt des Films muss man funktionieren. Für die Probleme einer alleinerziehenden Mutter hat da niemand Verständnis.

Damit wechselt das anfängliche Solzialdrama dann doch das Genre. Die Glamourwelt des Films wird hier mit jedem gängigen Klischee ausgestaltet, vom knallharten Manager und abgehobenen Produzenten, über ständige Champagnerparties bis hin zum umwerfend attraktiven Hauptdarsteller, den alle anhimmeln, der aber nur Augen für Wanda hat, bis… (ACHTUNG SPOILER!!!) …er erfährt, dass sie ein Kind hat, dann ist der Spaß vorbei.

Im Grunde ist diese Geschichte ein Märchen, eine Cinderella-Story mit etwas Sozialkritik verbrämt. Das fällt anfangs nicht so auf, weil es wirklich toll erzählt wird. Der Stil ist sehr schön, plastisch, anspruchsvoll, mit Gefühl, Witz und sprechenden Bildern.

Das Leben „in der Platte“ ist dabei ein bisschen angeschmutzte Märchenkulisse. Da treffen Menschen aller Länder zusammen, teilen Armut, Kinder, Klamotten und Teigtaschen und treffen sich auf dem Hinterhof. Fast fragt man sich, warum Wanda da unbedingt weg möchte.

Im Grunde erzählt dieses Buch eine Liebesgeschichte in anspruchsvoller Verpackung, gehobene Unterhaltung mit einigem Drama und sozialkritischem Ansatz. Hinten raus entwickelt es sich allerdings reichlich märchenhaft. Man kann es wirklich gut lesen, sollte allerdings nicht zu viel Tiefgang erwarten.

Nina Reithmeier liest das Hörbuch sehr schön. Man glaubt ihr die attraktive junge Frau problemlos. Bei Bedarf berlinert sie sogar recht authentisch. Es dauert 6 Stunden und eine Minute.

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Veröffentlicht am 12.02.2025

Witzig, traurig und sehr besonders

Wir kommen zurecht
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Dies ist ein trauriges Buch. Es geht um die Reste einer Familie. Perfekt war ihr Familienleben noch nie aber inzwischen überleben sie nur noch, Philipp und sein Vater Lothar.

Philipp steht kurz vor dem ...

Dies ist ein trauriges Buch. Es geht um die Reste einer Familie. Perfekt war ihr Familienleben noch nie aber inzwischen überleben sie nur noch, Philipp und sein Vater Lothar.

Philipp steht kurz vor dem Abitur findet aber zunehmend Spaß am Kiffen auf dem Friedhof, statt zu Hause zu büffeln und Lothar vergräbt sich in seiner Arbeit. Für Fantasie, Spaß und Gefühle war Astrid zuständig in ihrer Familie, aber Astrid ist nicht mehr da. Astrid, mit all ihren verrückten Ideen, ist verrückt, nicht nur überspannt, richtig verrückt und das macht das Leben abwechslungsreich aber auch unberechenbar. Lothar kam damit nicht klar und Philipp ist zutiefst verunsichert schon seit frühester Kindheit.

Das alles wird hier ausgebreitet und feinfühlig präsentiert in diesem ganz speziellen Erzählstil, der mir schon in „Nordstadt“ so gefallen hat, originell, witzig, eigen und dabei doch voller Weisheit.

„…er dachte ununterbrochen an den Sex mit Mascha. Er war, wie ihr Pony versprach: Anders! Anders! Anders! Er konnte ihn mit nichts, das er zuvor erlebt hatte, vergleichen. Man verglich ja auch nicht Chopin mit Backofenpommes. Und beides war geil. Philipp freute sich über diese Einsicht.“

Die Atmosphäre ist dicht und tieftraurig, obwohl es humorvoll erzählt ist. Hier geht es um ein Drama ohne Handlung, eine vertrackte Situation ohne Ausweg, die unendlich belastend ist, die aber auch lichte Momente bekommt durch jede Menge originelle Sidekicks. Philipps Freund Lorenz hat für alles den richtigen Spruch, Oma Lotte ist speziell, aber verlässlich und Onno, ist wohl einfach Onno, der Einzige, der mit Astrid klarzukommen scheint.

Vielleicht hätte ich mir die Spur mehr Handlung jenseits von Philipps Schüleralltag gewünscht, der ist schon arg dominant, aber ein tolles Buch ist es trotzdem. Es ist ein intensives Erlebnis, ein Buch zum Lachen und Weinen, witzig, traurig und sehr besonders.

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Veröffentlicht am 26.12.2024

Spannend, düster und sehr unterhaltsam

One Perfect Couple
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Lyla ist eine engagierte Virologin und grundsätzlich ganz zufrieden mit ihrem Leben. Die Schauspielkarriere ihres Freundes Nico ist allerdings noch ausbaufähig. Als er die Chance bekommt, bei einer neuen ...

Lyla ist eine engagierte Virologin und grundsätzlich ganz zufrieden mit ihrem Leben. Die Schauspielkarriere ihres Freundes Nico ist allerdings noch ausbaufähig. Als er die Chance bekommt, bei einer neuen Realityshow mitzumachen, meint er, ein Sprungbrett zum Ruhm gefunden zu haben, allerdings muss Lyla auch dabei sein. One Perfekt Couple wird in dieser Show gesucht, es treten Paare gegeneinander an. Lyla lässt sich überreden. Es klingt nach einem Traumurlaub auf einer tropischen Insel, bei dem sie ein paar Aufgaben erledigen müssen. Der Traum ist schnell vorbei, als ein schlimmer Sturm die Insel verwüstet und die Teilnehmer der Show von der Außenwelt abschneidet.

Lyla erzählt wirklich fesselnd und nachvollziehbar wie alles begann. In kurzen Kapiteln begleiten wir sie durch die Vorbereitungen. Dazwischen liest man verzweifelte Notrufe unterschiedlicher Teilnehmer der Show, die Schlimmes erahnen lassen.

Das Buch entwickelt in kürzester Zeit Sogwirkung und liest sich wie im Flug. Man lernt alle Teilnehmer kennen und es ist spannend zu sehen, wie Menschen, die mit Glamour gerechnet haben, auf eine Katastrophe reagieren. Und nach und nach fallen auch die glamourösen Masken. Für meinen Geschmack wird der Survivalaspekt ein bisschen lasch ausgearbeitet, aber der ist hier wohl nicht das Hauptanliegen. Hier geht es um Schein und Sein und finsterste Geheimnisse, spannend, düster und sehr unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 14.12.2024

Ein wirklich spannendes Gedankenexperiment

Für immer
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Maja Lunde hat wieder eine sehr besondere Idee gehabt. Stellt euch vor, die Zeit bleibt stehen, nicht die Zeit eigentlich, die Natur nimmt ihren Lauf, aber die Entwicklung der Menschen bleibt stehen. Niemand ...

Maja Lunde hat wieder eine sehr besondere Idee gehabt. Stellt euch vor, die Zeit bleibt stehen, nicht die Zeit eigentlich, die Natur nimmt ihren Lauf, aber die Entwicklung der Menschen bleibt stehen. Niemand wird mehr älter, Krankheiten kommen zum Stillstand, niemand stirbt mehr aber auch niemand wird geboren. Wer zufällig gerade schwanger ist, kann sich auf eine ewige Schwangerschaft einstellen. Kinder wachsen nicht und lernen nichts dazu.

Das ist eine absonderliche Situation und wir können hier unterschiedlichste Menschen dabei beobachten, wie sie damit umgehen. Es sind sehr verschiedene Menschen, die alle gründlich vorgestellt werden. Man kann sich wunderbar in jeden von ihnen einfühlen, bekommt alle Seiten der Medaille in schöner Sprache präsentiert. Zwei Drittel des Buches habe ich sehr genossen.

Im letzten Teil des Buches eskaliert so einiges, was für meinen Geschmack dann doch etwas zu plötzlich kam. Auch die Auflösung der Situation steht auf etwas schwachen Beinen.

Trotzdem habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es ist ein wirklich spannendes Gedankenexperiment, das unterhaltsam ist, sich gut liest und uns über vieles nachdenken lässt.

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Veröffentlicht am 22.11.2024

Warmherzige Verarbeitung einer Midlife-Crisis

Das Fest
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Ich habe dieses Buch mit einiger Skepsis begonnen. Schon wieder eine Midlife-Crisis? Muss eigentlich jeder, der 50 wird, ein Buch dazu schreiben? Können wir uns nicht mal darauf einigen, dass es besser ...

Ich habe dieses Buch mit einiger Skepsis begonnen. Schon wieder eine Midlife-Crisis? Muss eigentlich jeder, der 50 wird, ein Buch dazu schreiben? Können wir uns nicht mal darauf einigen, dass es besser ist, 50 zu werden, als nicht 50 zu werden? Aber wenn es Lucy Fricke ist, die sich Gedanken macht, dann lese ist es trotzdem.

Es ist Jakobs fünfzigster Geburtstag und den möchte er am liebsten ignorieren. Auf keinen Fall möchte er ihn feiern, deshalb hat sich seine Freundin Ellen etwas ausgedacht. Sie schickt ihn auf eine sehr originelle Reise in die Vergangenheit und die bringt ihn auf ganz andere Gedanken. Man kann auch aus der eigenen Vergangenheit lernen und vielleicht auch damit abschließen. Nach diesem besonderen Tag hat Jakob gelernt, dass man auch mit 50 noch etwas Neues beginnen kann.

Auch wenn ich das Szenario anfangs etwas mutwillig konstruiert fand, hat es mich dann doch gefesselt. Es macht Spaß zu sehen, wie dieser schlecht gelaunte Eigenbrötler beginnt über seinen Schatten zu springen.

Lucy Fricke erzählt diese Geschichte liebevoll, mit einem Augenzwinkern, Humor und Weisheit. Es ist ein kleines Büchlein, das man jedem als Goodie in den Geschenkkorb zum 50. stecken kann, nicht das ganz große Kino, aber ein feines Kammerspiel.

Bettina Hoppe liest das Hörbuch sehr schön, 2 Stunden und 41 Minuten lang.

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