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Veröffentlicht am 09.12.2024

Psychologie & Spiritualität

Weltenwanderer
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Der Umgang mit Spiritualität ist für PsychologInnen oft mit Vorbehalten verbunden, wird sie doch meist mit Esoterik assoziiert. KlientInnen bringen diese Themen aber immer wieder in die Beratung und Behandlung ...

Der Umgang mit Spiritualität ist für PsychologInnen oft mit Vorbehalten verbunden, wird sie doch meist mit Esoterik assoziiert. KlientInnen bringen diese Themen aber immer wieder in die Beratung und Behandlung ein, für viele ist es ein wichtiger Bereich Lebens. Das Büchlein „Weltenwanderer“ zeigt Wege auf, sich reflektiert und aufgeklärt mit Spiritualität auseinanderzusetzen, für sich selbst als Mensch und auch in der Beratung.

Spiritualität wird als normales und verbreitetes menschliches Bedürfnis definiert, als spezifische Art des Fragens, spezifisches Erleben, als auf der Suche nach einem höheren Sinn sein. Es werden viele Fallbeispiele geschildert, wie Menschen Spiritualität erleben können - bei dramatischen Erlebnissen wie Nahtoderfahrungen genauso wie im Alltag, etwa dadurch, bewusst am Meer zu sitzen, mit allen Sinnen wahrzunehmen und dieses Erlebnis voll und ganz zu genießen.

Auch die Grenzen und Gefahren spiritueller Erfahrungen werden klar aufgezeigt: gefährlich wird es etwa immer dann, wenn vereinheitlicht wird, wenn Menschen von einer Glaubensrichtung voll und ganz vereinnahmt werden und kein Raum für Individualität und kritisches Hinterfragen, aber auch für menschliche Verbindungen und Mitgefühl auch jenseits der Spiritualität mehr bleibt. Das Buch regt somit dazu an, wachsam zu bleiben, die eigene Spiritualität sorgfältig zu beobachten und zu hinterfragen, um rechtzeitig wahrzunehmen, wenn etwas problematisch werden kann.

Dazu führt der Autor das Modell des Entscheidungsbaums an. Dieser besteht aus zwei Ebenen, die erste beschreibt die spirituelle Erfahrung des Menschen selbst, die zweite den Prozess der Suche nach Hilfe beim Verstehen dieser Erfahrung. In Bezug auf den Klienten und sein Erleben können folgende Fragen hilfreich sein: „Führt die außergewöhnliche, spirituelle Erfahrung zu einer Förderung der eigenen Entwicklung oder wird diese dadurch gehemmt?“. „Sind die Auswirkungen der Erfahrung überwiegend positiv (Zuversicht, Neugierde, Interesse) oder negativ (Angst, Verunsicherung, Verwirrung, Abwehr)?“ Auf der zweiten Ebene, der beraterischen Hilfestellung, ist es wiederum wichtig, qualifizierte Hilfe anzubieten und den Menschen mit spirituellen Erfahrungen verständnisvolle, empathische und wohlwollende Begleitung anzubieten, denn KlientInnen mit spirituellen Erfahrungen möchten verstanden und nicht abgewertet werden.

Das Buch liest sich leicht, es ist in übersichtliche Kapitel gegliedert und enthält viele Fallbeispiele. Es regt dazu an, sich selbst mit dem Thema Spiritualität sowohl privat als auch beruflich tiefer auseinanderzusetzen. Dafür gibt es auch ein paar Anregungen, etwa die Arbeit mit Ritualen oder Achtsamkeitsübungen. Es kann somit allen, die sich näher für einen aufgeklärten Umgang mit Spiritualität interessieren, empfohlen werden. Aufgrund seines beschränkten Umfangs von etwas über 100 Seiten ist es eine allgemeine, gut verständliche und interessante Einführung in das Thema. Für weiterführende Ausführungen und die tiefere Beschäftigung mit einzelnen Richtungen der spirituellen Praxis empfehlen sich detailliertere und spezialisiertere Nachschlagewerke.

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Veröffentlicht am 09.12.2024

Psychotherapie & Kampfkunst vereint

SELE - Selbsterkenntnis durch Leiberfahrung
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In diesem Buch geht es um die Integration von Psychotherapie und Übungen aus der Kampfkunst Aikido, aufbauend auf der Idee, dass Körper und Geist/Seele ein untrennbares Ganzes ist und psychische Erfahrungen ...

In diesem Buch geht es um die Integration von Psychotherapie und Übungen aus der Kampfkunst Aikido, aufbauend auf der Idee, dass Körper und Geist/Seele ein untrennbares Ganzes ist und psychische Erfahrungen auch im Körper gespeichert werden und in diesem gefühlt und verändert werden können.

Psychologische Konzepte wie z.B. Achtsamkeit, Perspektivenwechsel und Umgang mit Konflikten werden erklärt, auf die körperliche Ebene umgelegt und mit vielen Bildern Schritt für Schritt erklärt.

Zwar ist das Buch von einem Aikido-Lehrer geschrieben, die Übungen sind aber leicht verständlich, sodass auch im psychosozialen Bereich Tätige ohne Aikido-Vorerfahrung Elemente davon in ihre therapeutische Praxis integrieren können. Der Autor ist außerdem transaktionsanalytischer Psychotherapeut und hat somit in seiner eigenen Praxis viele Erfahrungen mit der Verbindung dieser zwei Bereiche gemacht.

Im ersten Teil des Buches werden ganz einfache Körperübungen beschrieben, z.B. Entspanntes vs. Angespanntes vs. Schlaffes Stehen und dabei die Unterschiede in den einzelnen Körperteilen und in der Körperwahrnehmung fühlen. Darauf folgen dann fortgeschrittenere Übungen, z.B. zu Achtsamkeit und Verantwortung. Auch diverse Partner- und Gruppenübungen sind Teil des Buches. Im Anhang beschreibt der Autor noch seinen persönlichen Weg zu SELE, sowie weitere theoretische Hintergründe zur psychotherapeutischen Methode der Transaktionsanalyse und zu Aikido.

Im Buch wird außerdem immer wieder darauf eingegangen, wie wichtig es ist, einen sicheren Erfahrungsrahmen für den Klienten zu schaffen. Daraus leitet sich auch ab, für welche Zielgruppe dieses Buch besonders empfohlen werden kann: PraktikerInnen aus den Bereichen Psychologie und Psychotherapie, die aus ihrer bisherigen Arbeit schon eine fundierte Basis haben für körperbasierte Übungen und die Spezifika, die diese in der Klientenarbeit mit sich bringen können - dann kann dieses Buch eine sehr sinnvolle Erweiterung des eigenen Methodenspektrums um aus dem Aikido angeleitete Körperübungen sein.

Außerdem ist dieses Buch auch für alle interessant, die mehr über die Hintergründe asiatischer Kampfkünste und ihre Verbindung zu psychologischen Konzepten lernen wollen, da es viele interessante Querverbindungen zwischen beiden Bereichen aufzeigt. Ein Beispiel dafür ist etwa der Gründer der Gestalttherapie Fritz Perls und sein Prinzip des „Hier und Jetzt“, das auch in der Entspannungsmeditation eine große Rolle spielt.

Insgesamt ist es ein sehr spannendes, einfach zu lesendes, gut strukturiertes Buch, das neugierig macht und dazu einlädt, sich näher mit der Möglichkeit der Verbindung der klassischen Psychologie mit diversen körperbasierten, fernöstlichen Methoden zu beschäftigen.

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Veröffentlicht am 08.12.2024

Trostloses, aber wichtiges Buch, über Suizidalität & Queerness

Das Tal der Blumen
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Von Anfang an ist klar, dass es sich beim "Tal der Blumen" von Niviaq Korneliussen um ein hartes, trostloses Buch zu einem sehr traurigen Thema handelt. Das Tal der Blumen ist ein Friedhof in Ostgrönland, ...

Von Anfang an ist klar, dass es sich beim "Tal der Blumen" von Niviaq Korneliussen um ein hartes, trostloses Buch zu einem sehr traurigen Thema handelt. Das Tal der Blumen ist ein Friedhof in Ostgrönland, und viele, die dort liegen, haben sich das Leben genommen. Und dort liegen Blumen - im Winter viele davon aus Plastik - die von den trauernden Angehörigen dort hinterlassen werden. Denn Grönland ist das Land, das statistisch mit Abstand die höchste Suizidrate auf der Welt hat, und die meisten Menschen, die sich dort das Leben nehmen, sind jung.

Schon im Prolog finden wir folgendes Zitat, das die Essenz des Buches sehr gut ausdrückt: "Der Rabe wachte über mich, bis das Tageslicht kam. Dann flog er davon und ließ mich allein mit den Toten zurück. Er wusste nicht, dass er mich vor dem Licht beschützen sollte, nicht vor der Dunkelheit."

Im Winter wird es in Grönland kaum hell, die Sonne schafft es an den dunkelsten Tagen nur ganz kurz über den Horizont und geht gleich wieder unter. Dafür wird es im Sommer kaum dunkel. So trostlos die Winter dort auch sein mögen, die meisten Suizide geschehen, wenn es wieder viel heller ist, wie wir im Buch erfahren. Und das mangelnde Licht alleine kann auch nicht die Ursache für die hohe Suizidrate sein, denn diese ist erst in den letzten Jahrzehnten dort so in die Höhe geschnellt.

Das Buch ist in drei Teile geteilt: "Sie", "Du" und "Ich".

Im ersten Teil - "Sie" - geht es überwiegend um die junge Erzählerin und ihre beginnende lesbische Beziehung mit Maliina. Wir lernen die junge Frau kennen, freuen uns mit ihr über die beginnende Liebe und die Szenen wachsender Vertrautheit und Zuneigung zwischen den beiden jungen Frauen. Die Erzählerin bricht nach dem Sommer nach Aarhus in Dänemark auf, um dort ein Studium zu beginnen - übers Internet kann sie aber mit Maliina in Kontakt bleiben und in den Ferien heimkommen. Es gibt Hoffnung, dass die beiden ihre Beziehung bewahren können und Freude auf den neuen Lebensabschnitt.

Doch in Dänemark kommt die junge Frau nicht so wirklich an, das Studium fällt ihr schwer, auf die Prüfungsinhalte kann sie sich keinen Reim machen und auch sozial fühlt sie sich einsam und nicht zugehörig, spürt deutlich die kulturellen Unterschiede zu ihren dänischen Studienkollegen und fühlt sich auch aufgrund ihres grönländischen Aussehens und der damit verbundenen leider immer wieder vorkommenden Ausgrenzungserfahrungen und Vorurteile unzugehörig.

Schon in diesem ersten Teil wird außerdem jedes Unterkapitel - egal, worum es darum geht - durch die Nennung eines Suizides in Grönland überschattet, z.B. "42. Mann, 23 Jahre. Erhängen.", "41. Mann, 56 Jahre. Schuwsswaffe. Todesursache: Im Hafen ertrunken.", "39. Frau, 25 Jahre. Erhängte sich in der Wohnung eines Freundes."

Im zweiten Teil - "Du" - kehrt die Erzählerin, die in Dänemark nach ein paar Monaten noch immer nicht so richtig Anschluss gefunden hat und in ihrem Studium erfolglos ist, spontan verfrüht für die Weihnachtspause nach Grönland zurück und reist dort an den Heimatort ihrer Freundin Maliina, um diese psychisch zu unterstützen, nachdem deren 15-jährige Cousine sich das Leben genommen hat. Maliina und ihre Partnerin gehen auch ins Krankenhaus, in dem die Cousine nach ihren Suizidversuchen behandelt wurde, und versuchen, Antworten zu finden darauf, warum es passiert ist und welche Hilfe ihr angeboten wurde (so gut wie keine).

Die Unterkapitelüberschriften sind immer noch Suizidfälle - das zieht sich durch das ganze Buch - und auch die Handlung wird zunehmend düsterer.

Im dritten Teil - "Ich" - bricht schließlich immer mehr im Leben der Ich-Erzählerin weg - Studium, Beziehung, Identität, Zukunft, Geld, psychische Stabilität - und Stück für Stück verliert sie den Halt. Mit einem Happy End sollte man in diesem Buch auch nicht rechnen.

Es ist ein sehr gut geschriebenes, spannendes und wichtiges Buch, das ich atemlos in weniger als einem Tag ausgelesen habe. Ein Buch, das für eine wichtige Thematik sensibilisiert: die bestehende extrem hohe Suizidrate in Grönland und die kaum bestehenden Hilfen, die das System dort bietet.

Immer wieder versuchen im Buch Angehörige sowie depressive junge Menschen selbst, Hilfe zu bekommen, aber es gibt viel zu wenig davon: es gibt nur ganz wenige therapeutische Angebote, diese sind, wenn überhaupt, aufgrund der dünnen Besiedelung und der großen Distanzen in Grönland, nur online verfügbar, richten sich oft nur an ganz spezifische, sehr eng definierte Zielgruppen, und man wartet monatelang darauf.

Viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich am Ende das Leben genommen haben, hatten davor mehrere Suizidversuche unternommen und trotzdem keine Hilfe erhalten, selbst wenn sie darum gebeten haben. Auch die Erzählerin selbst bittet am Ende mehrmals erfolglos darum, in die Psychiatrie aufgenommen zu werden.

Es ist sehr, sehr deprimierend, das alles zu lesen und den zunehmenden psychischen Verfall der Ich-Erzählerin mitzubekommen. Authentisch beschreibt sie speziell im dritten Teil des Buches, wie es sich zeigen kann, wenn jemand immer weiter Richtung Suizidalität abrutscht.

Als zweites großes Thema neben der Suizidalität zieht sich das Thema Homosexualität bzw. Queerness bzw. Transgender/Crossdressing durch das Buch. Wer sich für das Buch entscheidet, sollte mit vielen sehr explizit beschriebenen lesbischen Sexszenen kein Problem haben, denn davon kommen ebenfalls viele vor, speziell in der ersten Hälfte des Buches.

Gleichzeitig wird auch dafür sensibilisiert, dass junge Menschen, die in irgendeiner Weise anders sind, so wie hier queere Jugendliche, noch einmal ein höheres Risiko für Suizidalität in Grönland haben, weil sie noch weniger in die zum Teil sehr traditionelle und konservative Gesellschaft passen (auch wenn die Familie der Ich-Erzählerin selbst recht offen und aufgeschlossen ist und auch ihre Freundin warmherzig in der Familie begrüßt, bekommen wir doch mit, wie es in anderen Teilen der Gesellschaft zu Mobbing und Ausgrenzung queerer Jugendlicher kommt).

Ich kann gut verstehen, warum dieses Buch - als erstes Buch einer grönländischen Autorin - den Nordischen Literaturpreis gewonnen hat: es ist sprachlich sehr gut geschrieben, spannend und sensibilisiert für sehr wichtige Themen.

Ich empfehle es allen, die für diese Thematiken offen sind und - wichtig! - momentan die nötige psychische Stabilität für so ein Buch aufweisen. Trotz auch so einiger schöner zwischenmenschlicher Momente und Begegnungen und der poetischen Sprache ist es doch in seiner Grundstimmung und Entwicklung ein sehr düsteres Buch, das bestehende Suizidalität triggern kann. Wer also selbst zu Depressionen oder suizidalen Gedanken neigt, halte sich von diesem Buch lieber fern.

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Veröffentlicht am 05.12.2024

Packen wir es an - für eine bessere Welt

Moralische Ambition
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Wie der Autor selbst schreibt, möchte er es uns mit seinem Buch "nicht leichter, sondern schwerer machen. Es ist ein Buch, das Ihnen keinen Trost spendet, sondern Unbehagen bereitet." Und doch ist es ein ...

Wie der Autor selbst schreibt, möchte er es uns mit seinem Buch "nicht leichter, sondern schwerer machen. Es ist ein Buch, das Ihnen keinen Trost spendet, sondern Unbehagen bereitet." Und doch ist es ein hochinteressantes, sehr zugängliches, gut verständliches und spannend geschriebenes Buch, das zum Aktiv-Werden inspiriert, ohne zu sehr mit der Moralkeule daherzukommen.

Von Anfang ist die Leidenschaft des Autors für dieses Thema spürbar. Er kritisiert, wie viele hochintelligente und hochgebildete, privilegierte Menschen ihr Talent und ihre Lebensenergie nicht einsetzen, um die Welt besser zu machen, sondern in Jobs verharren, bei denen sie nichts Positives beitragen oder sogar Schaden anrichten. Dabei richtet er sich ausdrücklich nicht an die Menschen, die schon jetzt wichtige Aufgaben übernommen haben, bei denen sie sich für andere und für eine bessere Welt einsetzen, wie z.B. jene im Gesundheits- oder Bildungswesen. Sorgfältig mit empirischen Daten und wissenschaftlichen Quellen untermauert, zeigt der Autor auf, dass es leider eine Korrelation zwischen dem durchschnittlichen Einkommen in einem Bereich und dem, wie unmoralisch dieser Bereich angesehen wird, gibt: ganz oben in beiden Bereichen sind etwa die Finanz- und Tabakindustrie und die Waffenproduktion.

Über das Buch hinweg werden viele Beispiele einzelner Menschen beschrieben, die ihr Talent und ihre Leidenschaft - oft gemeinsam mit anderen und in Organisationen - dafür eingesetzt haben, die Welt zu einer besseren zu machen. Das Beispiel, das sich am stärksten durch das Buch zieht, ist die Bewegung des Abolitionismus, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte, und damit am Ende auch erfolgreich war. Weitere Beispiele sind Menschen, die im 2. Weltkrieg Juden versteckten, die Suffragetten und ihr Kampf für die Rechte der Frau, aber auch Menschen der heutigen Zeit, die sich für den Schutz aller Menschen vor vermeidbaren Krankheiten, z.B. für die Bekämpfung der Malaria, oder auch für Tierschutz einsetzen.

Dabei stellt der Autor auch sehr interessante und manchmal unbequeme Fragen zur heutigen Zeit: so, wie Sklaverei früher mal gesellschaftlich akzeptiert und tief in den Vorstellungen der Menschen verwurzelt war, was sind die Übel der heutigen Zeit, die wir als normal ansehen und für die spätere Generationen uns verurteilen könnten? Werden zukünftige Generationen ähnlich entsetzt über die Massentierhaltung der heutigen Zeit sein, wie wir es sind, wenn wir an Sklaverei denken? Wofür lohnt es sich jetzt zu kämpfen?

Der Klimawandel ist weit fortgeschritten und hätte am besten vor Jahrzehnten schon bekämpft werden sollen... welche Themen sind es heute, die später zur Bedrohung werden könnten und wo wir frühzeitig einschreiten könnten, wenn wir jetzt was tun würden? Wie gehen wir z.B. mit der künstlichen Intelligenz und ihren Chancen und Herausforderungen um?

Wer sich dafür interessiert, sich für eine bessere Welt einzusetzen, findet in diesem Buch viele Rollenmodelle und inspirierende Ideen. Wir erfahren von einer eigenen Akademie für Idealisten. Von Menschen, die unglaubliche Summen Geld für eine gute Sache aufgetrieben haben. Aber auch von den Hindernissen, die einem Einsatz entgegen stehen können, z.B. zu starke Radikalität, die dazu führt, dass man kaum Unterstützer und Verbündete findet. Das Buch macht also auch sehr nachdenklich darüber, in welchen Bereichen wir uns daran hindern, etwas Gutes zu bewirken und auch, in welchen Bereichen wir uns vielleicht selbst anlügen (z.B. die Illusion, dass Bewusstsein alleine so bedeutsam sei, auch wenn ihm keine Handlungen folgen würden).

Am Ende wird auch noch der Bogen hin zu einer gesunden Balance geschlagen und darauf aufmerksam gemacht, dass bei aller Weltbesserungsfreude diese allein kein Selbstzweck sein müsse und es auch gute Argumente dafür geben könne, einfach Freude am Leben zu haben und dieses zu genießen, ohne, wie z.B. Gandhi, zu einem übergroßen Asketen fernab jeglicher weltlichen Genüsse werden zu müssen. Das macht das Buch erfrischend realistisch und lebensnah.

Ich kann das Buch allen, denen die Zukunft unserer Welt am Herzen liegt, nur eindringlich empfehlen.

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Veröffentlicht am 25.11.2024

Ein Hoch auf die Freundschaft!

Dynasty of Hunters, Band 1 - Von dir verraten
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"Dynasty of Hunters" ist für mich ein ganz besonderes Fantasy-Buch, das noch lange nachhallen wird. Gerade habe ich es atemlos beendet und werde mir direkt den zweiten Band, der nächstes Jahr erscheinen ...

"Dynasty of Hunters" ist für mich ein ganz besonderes Fantasy-Buch, das noch lange nachhallen wird. Gerade habe ich es atemlos beendet und werde mir direkt den zweiten Band, der nächstes Jahr erscheinen wird, vorbestellen.

Was liebe ich an diesem Buch so? Zuerst einmal die wunderschöne Aufmachung mit dem Farbschnitt und dem aufwändig und ansprechend gestalteten Cover, die es ein Vergnügen macht, das Buch anzusehen oder in der Hand zu haben. Aber das schönste Cover alleine wäre nichts ohne eine tolle Geschichte... und auch hier überzeugt "Dynasty of Hunters" auf allen Ebenen.

Nach der Beschreibung war ich mir nicht sicher, ob es nicht eine kitschige Liebesgeschichte sein würde, so wie es unter den als "Romantasy" gelabelten Büchern so einige gibt. Das ist nicht meines, ich bin deutlich mehr Fantasy- und Dystopie- als Romance-Fan. Umso glücklicher war ich, als ich feststellen konnte, dass es in diesem Buch so viel mehr um Freundschaft, Loyalität, Zusammenhalt und Gesellschaftskritik geht als um eine Romanze.

Worum geht es?

Laelia de Bleu wächst behütet als einzige Tochter der Hauptadelsfamilie der de Bleus auf, mit liebenden, umsorgenden Eltern und zwar ohne Geschwister, aber mit einer Cousine, Astoria, die ihr nah steht wie eine Schwester ("ma soeur"). Als Adelige und Thronerbin erhält sie ein umfangreiches Training, insbesondere in den für die sogenannte "Jagd" nötigen Fähigkeiten. Es gibt nämlich ein Initiationsritual, dem sich alle adeligen Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren unterziehen müssen, um in die adelige Gesellschaft aufgenommen zu werden: sie werden zehn Tage auf einer einsamen Insel ausgesetzt, gemeinsam mit bürgerlichen Jugendlichen. Jedem adeligen Jugendlichen ist ein bürgerlicher Jugendlicher zugeteilt, den er jagen und "zeichnen" soll. Zeichnen bedeutet, sich den anderen als lebenslanger persönlicher Diener untertan zu machen, unter Einsatz der magischen Kräfte der adeligen Jugendlichen, die sie über ihre Hände in einen anderen leiten können.

Je nach Farbe des Adelshauses unterscheidet sich, über welche Bereiche anderer Menschen man verfügen kann: die de Bleus (blau) kontrollieren den Körper, die de Rouges (rot) die Emotionen, die d'Ors (gold) den Geist, die de Verts (grün) die Erinnerungen, die de Blancs (weiß) Leben und Tod des Unterworfenen. Und dann gab es früher auch noch die nun ausgelöschten de Noirs, die die Fähigkeiten hatten, die Kräfte aller anderen Häuser zu kontrollieren und deren Zeichnungen zu verändern oder zu löschen. Diese hatten als einzige Mitgefühl mit den bürgerlichen Jugendlichen gezeigt und sich für die Abschaffung der Jagdspiele eingesetzt - für diesen Frevel (in den Augen der anderen Adelshäuser) wurden sie ausgelöscht und ihre Ländereien unter den anderen Häusern aufgeteilt.

Laelia ist schon seit einigen Jahren in einer Liebesbeziehung mit Laurent de Vert, nach den erfolgreichen Jagdspielen möchten sie heiraten. Doch dann geschieht das Unvorstellbare: bei der Ziehung wird Laelia nicht wie allen anderen adeligen Jugendlichen das Los einer Jägerin, sondern das einer Gejagten zugeteilt - und Laurent ist ihr Jäger.

So weit die bekannte Geschichte, die sich schon aus Einführung und Klappentext erschließt. Und jetzt hätte das eben eine schnulzige, dramatische Liebesgeschichte werden können... wird es aber nicht! Den Großteil des Buches macht die Zeit auf der Insel aus und - ohne inhaltlich zu viel vorab zu verraten - ich habe es einfach großartig gefunden, wie die kluge und sensible Laelia sehr schnell beginnt, diese Spiele zu hinterfragen, nun, da sie selbst in der Position der Gejagten ist. Wie wir mitbekommen, wie sie mehr und mehr kritisch zu denken beginnt und erkennt, Teil von was für einem unterdrückerischen Regime sie eigentlich ist/war. Wie sie sich den gejagten Jugendlichen annähert und sich mit diesen anfreundet.

Richtig großartig habe ich all die Freundschaften und die Verbundenheit und Loyalität unter den gejagten Jugendlichen gefunden - es ist wunderschön zu sehen, wie diese unter extremen Bedingungen zusammenhalten, füreinander einstehen und sich sogar füreinander opfern. Hier ist das Buch trotz der düsteren Hintergrundkulisse deutlich angenehmer zu lesen als z.B. "Die Tribute von Panem", das in einem ähnlichen, aber noch wesentlich unbarmherzigeren Setting spielt, in dem kaum wirklicher Zusammenhalt möglich ist, weil alle gegeneinander kämpfen. In "Dynasty of Hunters" hingegen sind Bündnisse möglich, sehr leicht auf jeden Fall unter den Jägern und den Gejagten, aber es gibt auch Überraschungen.

Ich mag es auch, wenn mich ein Buch - auch wenn es eine Romantasy-Dystopie wie diese ist - nicht nur unterhält, sondern auch zum kritischen Nachdenken anregt, über die im Buch beschriebene Gesellschaft und mögliche Parallelen zu real existierenden Gesellschaften. Sehr authentisch ist zum Beispiel dargestellt, wie die jagenden Jugendlichen von Vornherein einmal das Szenario kaum wirklich hinterfragen, nur die Gejagten tun das - wie es so oft auch real zu beobachten ist: die ganz oben, die über Privilegien verfügen und diese oft auch zum Schaden anderer einsetzen, sind sich dessen oft gar nicht bewusst, und das Mitgefühl mit Ausgebeuteten und Unterlegenen ist erst einmal meist gering. Außerdem wird gezeigt, wie sich die unterschiedliche Sozialisierung auch in der Körperhaltung und im Auftreten zeigt: Laelia hat selbst in der Rolle der Gejagten ein viel selbstbewussteres Auftreten und auch dadurch bessere Chancen als die bürgerlichen Jugendlichen, die sozialisiert wurden, sich zu unterwerfen, den Blick zu neigen und Opfer zu sein. Wobei auch das nicht von allen angenommen wird, es gibt auch eine Widerstandsbewegung...

Das Buch ist also auf vielen Ebenen nicht nur unglaublich spannend und unterhaltsam, sondern regt auch zum Nachdenken an. Fantasy-Dystopie vom Feinsten - klare 5 Sterne von mir und eine Leseempfehlung für alle, die für dieses Genre offen sind! Ich habe in diesem Genre schon länger nicht mehr so etwas Gutes und Berührendes gelesen!

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