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Veröffentlicht am 13.02.2025

Kurzer Roman über eine Obsession

Die Frau im lila Rock
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Jeden Tag sitzt „die Frau im lila Rock“ auf einer Parkbank in der Nachbarschaft. Beobachtet wird sie dabei von einer anderen, die sich selbst „die Frau mit der gelben Strickjacke“ nennt. Doch bald wird ...

Jeden Tag sitzt „die Frau im lila Rock“ auf einer Parkbank in der Nachbarschaft. Beobachtet wird sie dabei von einer anderen, die sich selbst „die Frau mit der gelben Strickjacke“ nennt. Doch bald wird aus den passiven Beobachtungen aktive Einmischung: zunächst legt sie der Fremden Magazine mit Stellenanzeigen auf die Bank, dann hängt sie ihr Shampoo-Proben an die Wohnungstür und schließlich erhält Frau Hino – so heißt „die Frau im lila Rock“ – den ihr zugedachten Job in einem Hotel. Eine ihrer Kolleginnen ist keine andere als Frau Gondo, „die Frau mit der gelben Strickjacke“. Doch was genau hat sie vor?

„Die Frau im lila Rock“ von Natsuko Imamura erschien im Original bereits im Jahr 2019 und ist ihre erste Übersetzung in die deutsche Sprache, übertragen von Katja Busson. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht der Beobachterin Frau Gondo in der Ich- und Gegenwartsform. Als Leser*innen haben wir so das Gefühl, in ihrem Kopf zu stecken – auch wenn wir ihre Motivation und Intention nicht so recht begreifen können.

Zu Beginn wirkt Frau Gondo noch wie eine interessierte, freundliche Nachbarin, aber schon bald ist klar, dass sie umfassende Informationen über Frau Hino gesammelt hat. Sie führt genauestens Buch über ihre Arbeitsplätze oder Phasen der Arbeitslosigkeit und scheint geradezu besessen davon zu sein, in das Leben dieser fremden Frau einzugreifen. Auch die Reaktionen anderer auf Frau Hino, zum Beispiel die spielender Kinder im Park, beäugt sie kritisch und geradezu mit Eifersucht. Die Motivation für dieses Verhalten bleibt jedoch lange Zeit unklar.

Was wie eine vielleicht etwas seltsame, aber ansonsten harmlose Geschichte beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einem wahren Thriller und es bleibt bei der Lektüre ständig ein ungutes Gefühl zurück. Einzig die etwas lange Einleitung in die Handlung und die Figuren hätte kürzer ausfallen dürfen, der Schluss wartet dafür jedoch mit einem echten Knaller auf und hätte gerne noch etwas weiter ausgeführt werden können. Eine interessante neue Autorin aus Japan, von der wir hoffentlich in Zukunft noch mehr lesen dürfen.

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Veröffentlicht am 29.01.2025

Geschichte über eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung

Die Gabe
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Eine Schriftstellerin ist todkrank und will noch ein allerletztes Gedicht schreiben. Dazu zieht sie vom Krankenhaus in die kleine Wohnung ihrer Tochter in Tokios Rotlichtviertel. Die versucht, ihre Arbeit ...

Eine Schriftstellerin ist todkrank und will noch ein allerletztes Gedicht schreiben. Dazu zieht sie vom Krankenhaus in die kleine Wohnung ihrer Tochter in Tokios Rotlichtviertel. Die versucht, ihre Arbeit als Hostess vor der Mutter zu verbergen, aber es ist ein komplizierter Tanz der beiden um die Wahrheit und die Beziehung zwischen ihnen bereits belastet. Kann die Mutter das Leben der Tochter akzeptieren? Oder sind sich beide vielleicht ähnlicher, als sie denken?

„Die Gabe“ ist der Debütroman der japanischen Soziologin und Kolumnistin Suzumi Suzuki und wurde von Katja Busson ins Deutsche übersetzt. Die Handlung wird ausschließlich aus der Perspektive der Tochter in der Ich- und Vergangenheitsform erzählt – hier wäre der Blickwinkel der Mutter sicherlich auch interessant gewesen, doch diesen erhalten wir nur an einer Stelle gegen Ende des Romans, durch eine andere Figur.

Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist kompliziert. Schon zu Beginn erfahren wir, dass die Tochter mehrere Narben am Körper trägt, für welche die Mutter verantwortlich ist. Nach und nach kommen weitere Puzzleteile hinzu, bis wir am Ende die Situation kennen, die zu dieser Verletzung geführt hat – dennoch bleibt vieles unklar. Auf der einen Seite steht eine Mutter, deren Erfolg als Schriftstellerin ausblieb und die ihr Kind allein großzog. Auf der anderen Seite ist eine Tochter, die stets ihre Grenzen ausgetestet hat, die sich aber auch mit Schuldgefühlen herumschlägt. Erst der nahende Tod der Mutter ermöglicht einen Dialog zwischen beiden.

„Die Gabe“ ist ein stiller, kleiner Roman, in welchem die Protagonistinnen namenlos bleiben und in welchem, objektiv betrachtet, nicht viel geschieht. Dennoch entwickelt der Text eine ungeheure Kraft und schafft es, die Komplexität familiärer Beziehungen darzustellen. Darüber hinaus wird hier auch ein realistischer Blick auf die Arbeit im Rotlichtviertel geworfen. Die Tochter hat alle ihre Freundinnen und Kontakte dort, man unterstützt sich gegenseitig. Allerdings hat sich auch kürzlich eine dieser Freundinnen das Leben genommen. Ein wirklich lesenswerter Roman!

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Veröffentlicht am 13.01.2025

Was ist Traum und was Realität?

Unmöglicher Abschied
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Schriftstellerin Gyeongha lebt allein und ist des Lebens so müde geworden, dass sie bereits an ihrem Testament arbeitet. Doch dann erreicht sie eine Nachricht von ihrer Freundin Inseon. Die liegt nach ...

Schriftstellerin Gyeongha lebt allein und ist des Lebens so müde geworden, dass sie bereits an ihrem Testament arbeitet. Doch dann erreicht sie eine Nachricht von ihrer Freundin Inseon. Die liegt nach einem Unfall im Krankenhaus in Seoul und bittet Gyeongha, sich auf den Weg zu ihrem Haus in Jeju zu machen, wo sie ihren Vogel Ami zurücklassen musste und um den sich nun niemand kümmert. Gyeongha macht sich auf den beschwerlichen Weg, aber wird sie rechtzeitig ankommen?

„Unmöglicher Abschied“ ist der neuste Roman der frisch gebackenen Nobelpreisträgerin Han Kang, die deutsche Übersetzung stammt von Ki-Hyang Lee. Erzählt wird die Handlung hauptsächlich aus der Perspektive der Protagonistin in der Ich- und Vergangenheitsform. Immer wieder werden aber auch andere Stimmen eingeflochten, seien es Erzählungen Inseons oder Auszüge aus Dokumenten, die sich im Besitz der Familie befinden. Der Roman ist dabei in mehrere Teile gegliedert: Teil 1 beschreibt Gyeonghas mühsame Anreise nach Jeju (durch einen Schneesturm), Teil 2 gibt die Geschehnisse nach ihrer Ankunft wieder und Teil 3 schließt den Text auf mysteriöse Weise ab.

Inseons Familiengeschichte ist fest mit dem so genannten Jeju-Aufstand verknüpft, einem Massaker, bei dem Polizei und Militär zwischen April 1948 und August 1949 mindestens 27.000 Menschen töteten; die genaue Zahl ist unbekannt. Inseons Mutter entging dem Tod durch Zufall, musste aber hinterher die Leichen von Verwandten identifizieren; der ältere Bruder geriet in Gefangenschaft. Han Kang beschreibt sehr eindrücklich, wie diese Traumata eine ganze Familie geprägt haben, wie Inseons Mutter zeit ihres Lebens unter den Erinnerungen litt und bis zu ihrem Tode verzweifelt nach dem verschollenen Bruder suchte.

Thematisch schließt sich „Unmöglicher Abschied“ an Han Kangs „Menschenwerk“ an, welches sich mit dem Gwangju-Aufstand von 1980 befasste. In diesem neuen Roman verschwimmen nun aber noch stärker die Grenzen zwischen Traum und Realität, so dass über weite Strecken unklar bleibt, was nun eigentlich tatsächlich geschieht - dafür überzeugt die Autorin erneut mit ihrer poetischen Sprache.

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Veröffentlicht am 28.11.2024

Schöner Roman über die Bedeutung von Gemeinschaft

Jeongmin töpfert das Glück
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Jeongmin ist rastlos. In keiner Mietwohnung bleibt sie länger als ein bis zwei Jahre und auch in ihrem Job ist sie unglücklich. Alles ändert sich jedoch, als sie spontan kündigt und eine Wohnung in der ...

Jeongmin ist rastlos. In keiner Mietwohnung bleibt sie länger als ein bis zwei Jahre und auch in ihrem Job ist sie unglücklich. Alles ändert sich jedoch, als sie spontan kündigt und eine Wohnung in der Nähe eines Maronenhains findet. Bei einem Spaziergang in der Nachbarschaft landet sie in einer kleinen Töpferei, wo sie nicht nur ein neues Hobby, sondern eine Gruppe ganz unterschiedlicher Menschen erwartet. Wie wird es in Jeongmins Leben weitergehen und was wünscht sie sich eigentlich für sich selbst?

„Jeongmin töpfert das Glück“ ist das internationale Debüt der Schriftstellerin und Drehbuchautorin Yeon Somin; die deutsche Übersetzung stammt von Kyong-Hae Flügel. Mir persönlich gefällt die Ausstattung des Buches als gebundene Ausgabe und mit den zart türkisfarbenen Vorsatzpapieren wirklich sehr gut. Erzählt wird die Handlung in der Gegenwartsform und mit dem Fokus auf der Protagonistin Jeongmin, so dass das Gefühl entsteht, mitten im Geschehen zu sein.

Der Roman ist sicherlich eine Hommage an das Töpfern als Handwerk und ich gebe zu, dass sich auch bei mir der Impuls breitmachte, das einmal selbst ausprobieren zu wollen. Doch die Töpferei ist vor allem auch ein Ort, an dem Gemeinschaft entsteht und wo Menschen sich umeinander kümmern. Zum ersten Mal erlebt Jeongmin hier, wie es ist, länger an einer Stelle zu bleiben und Verbindungen zu anderen Menschen einzugehen. Sie wird Stammgast in der Werkstatt und verbessert nicht nur ihren Umgang mit Ton, sondern findet auch heraus, was sie in Zukunft mit sich und ihrem Leben anfangen will.

„Jeongmin töpfert das Glück“ lebt von seinen authentischen Charakteren, wie zum Beispiel der Inhaberin der Töpferei, Johee, die kürzlich einen schweren Verlust erlitten hat, Kursteilnehmer Gisik, der von einer eigenen Werkstatt träumt, um seinem ungeliebten Job zu entfliehen oder der 12-jährige Yery, die sich lieber in der Töpferei aufhält, als bei ihren Eltern zuhause. Sie alle wachsen einem im Laufe der Handlung ans Herz und ich würde mich über eine Fortsetzung sehr freuen – die Geschichte ist jedoch in sich abgeschlossen.

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Veröffentlicht am 27.11.2024

Bedeutsamer, aber ruhiger Roman

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
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Junos Tage verlaufen alle ähnlich. Sie unterstützt ihren Mann Jupiter, der an Multiple Sklerose erkrankt ist und die meiste Zeit im Rollstuhl oder im Bett verbringt. Beruflich versucht sie, die Nachwirkungen ...

Junos Tage verlaufen alle ähnlich. Sie unterstützt ihren Mann Jupiter, der an Multiple Sklerose erkrankt ist und die meiste Zeit im Rollstuhl oder im Bett verbringt. Beruflich versucht sie, die Nachwirkungen der Pandemie abzuschütteln, denn als Performance-Künstlerin hat sie ein paar schwere Jahre hinter sich. Eines Nachts schreibt ein Love Scammer sie an und Juno spielt mit, erfindet sich selbst neu und spinnt Lügengeschichten. Doch der junge Mann namens Benu bereut seine Taten bald und die beiden schreiben sich täglich, führen Videocalls und reden über alles Mögliche.

Martina Hefters neuster Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2024 ausgezeichnet und rückte daher in mein Blickfeld. Die Handlung kann in Teilen durchaus als autobiografisch bezeichnet werden, was die Autorin in ihrem Nachwort auch so angibt. Hefter ist selbst Perfomancekünstlerin, während ihr Mann die Vorlage zu Jupiter lieferte. Geschickt spielt die Autorin hier mit den Grenzen zwischen Fiktion und Realität, aber in vielen Szenen ist klar herauszulesen, dass sie weiß, wovon sie schreibt.

Die Geschichte behandelt mehrere wichtige Themen. Auf der einen Seite wird Junos Leben als pflegende Partnerin dargestellt: welche Einschränkungen das für sie bedeutet, wie es ihre Beziehung zu Jupiter beeinflusst und wie der Druck der Verantwortung auf ihr lastet. Auf der anderen Seite schildert die Autorin auch, welche Steine Menschen mit Behinderung oder chronischer Krankheit in den Weg gelegt werden. Sei es der jährliche Kampf mit der Pflegeversicherung oder der Versuch, mit einem Rollstuhl in einen Zug der Deutschen Bahn zu gelangen. Durch Benu, der in Afrika lebt, kommt noch das Thema Kolonialismus hinzu. Denn zu Beginn fragt dieser sich ganz ehrlich, ob das Ausnehmen deutscher Frauen nicht irgendwie auch ein Ausgleich für die Ausbeutung Schwarzer Menschen sei.

„Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ ist ein bedeutsamer, aber ruhiger Roman, der sich hauptsächlich mit dem Alltag der handelnden Personen beschäftigt. Mir persönlich fehlte zu einer Bestnote noch ein klein wenig mehr.

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