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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.12.2024

Unheimlich präzise Beobachtung innerfamiliärer Strukturen

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen
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Anna Brüggemanns Wenn Nachts die Kampfhunde Spazieren Gehen ist laut Cover ein „Roman über Mütter und Töchter“. Und das trifft es eigentlich schon richtig gut, denn alles, das passiert, lässt ...

Anna Brüggemanns Wenn Nachts die Kampfhunde Spazieren Gehen ist laut Cover ein „Roman über Mütter und Töchter“. Und das trifft es eigentlich schon richtig gut, denn alles, das passiert, lässt sich in irgendeiner Form auf die Beziehung zur Mutter oder aber auch zwischen den Schwestern zurückführen.
Den Roman zu besprechen fällt mir nicht ganz leicht, denn ich finde, dass das, was man beim Lesen empfindet, sehr viel Intimes preis gibt. Je nachdem, wie man die eigene Beziehung zur Mutter und vielleicht auch zu Schwestern erlebt hat, wird man ganz unterschiedlich auf das Buch reagieren. Und ob ich jetzt unbedingt meine familienbezogenen Traumata offenlegen möchte, weiß ich auch nicht… 😊
Ganz unabhängig davon lässt sich aber sagen, dass der Autorin ein wirklich guter Roman gelungen ist. Keine der drei Protagonistinnen bleibt verschont von einer knallharten Analyse ihrer Schwachstellen und Probleme, und während sich die Töchter mal mehr, mal weniger reflektiert mit ihren Traumata auseinandersetzen, so bleibt die Mutter bis zum Schluss auf einer sehr oberflächlichen Ebene und scheint sich gar nicht zu trauen, sich ihre Psyche mal genauer anzusehen – das macht sie nur bei Fremden, denn sie ist Psychologin.
Mich hat beeindruckt, wie genau Anna Brüggemann das komplexe Zusammenspiel der drei Empfindlichkeiten seziert und offenlegt und dabei ständig den Finger in der Wunde hat, ohne einen moralischen Zeigefinger zu erheben. Und dennoch gelingt es ihr, zu zeigen, dass wir zwar anerkennen können, dass äußere Faktoren an unseren psychischen Problemen Schuld haben können, wir aber selbst Verantwortung übernehmen müssen, um uns und zukünftige Generationen von der Last des transgenerationalen Traumas zu befreien.
Der Roman bildet meiner Meinung nach gut ab, wie Traumabewältigung und generell Selbstreflektion und die Beschäftigung mit der eigenen psychischen Gesundheit in den unterschiedlichen Generationen stattfinden. Von den Boomern (Regina) über die Millenials (Wanda und Antonia) bis hin zu Gen Z (Celina) wird die Kommunikation immer ein Stück ehrlicher, offener, selbstreflektierter und dadurch letztendlich weniger schädlich. (Versteckte) Misogynie und Machtspiele nehmen ab, während Authentizität und Lebensfreude zunehmen.
Ich könnte noch sehr viel mehr dazu schreiben und tiefer in die Analyse der einzelnen Figuren gehen (besonders spannend finde ich zum Beispiel die Frage der Identitätskonstruktion und -aufrechterhaltung: Während Regina jedwede Kritik von sich abperlen lässt, konstruiert Wanda eine möglichst ideale aber komplett unauthentische Persönlichkeit und Antonia scheint auf alles Identitätsstiftende zu verzichten). Aber dann würde ich vermutlich schon zu viel vom Inhalt verraten müssen und das möchte ich natürlich nicht.

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Veröffentlicht am 01.12.2024

Ungeschönt und ehrlich

Strong Female Character
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Strong Female Character von Fern Brady ist ein autobiografischer Bericht über das Leben als spätdiagnostizierte Autistin. Die Autorin bezeichnet sich widerwillig als “offen autistisch”, womit ...

Strong Female Character von Fern Brady ist ein autobiografischer Bericht über das Leben als spätdiagnostizierte Autistin. Die Autorin bezeichnet sich widerwillig als “offen autistisch”, womit sie meint, dass sie aus ihrer Diagnose kein Geheimnis macht und offen darüber spricht. Sie kritisiert, dass dieser Begriff suggeriert, dass Autismus in irgendeiner Weise schambehaftet sein sollte und man nur hinter vorgehaltener Hand darüber reden sollte (etwas, das im katholischen Schottland für einige Dinge zu gelten scheint…). Um die Lebensrealität autistischer Frauen sichtbar zu machen und das damit einhergehende Stigma zu bekämpfen, hat sie dieses Buch geschrieben. Authentisch und schonungslos erzählt Brady von Hintergründen, Symptomen und Herausforderungen autistischer Menschen und schildert dabei vor allem die Hilflosigkeit, die sie gefühlt hat, bevor sie die Diagnose, und damit endlich eine Erklärung, erhalten hat.

Auch wenn ich das Thema Neurodivergenz, und vor allem auch den Gender-Diagnose-Gap, schon länger verfolge, habe ich hier viel Neues gelernt und war mal wieder überrascht, wie wenig doch über die Bandbreite der Manifestation bestimmter Aspekte von Autismus bekannt ist - auch bei sogenannten Fachleuten.

Bücher wie dieses sind so wichtig, denn natürlich können wir uns zu vielen Themen Fachwissen anlesen (sofern es überhaupt verfügbar ist), aber es sind die Worte derer, die tagtäglich mit den Symptomen, dem Unverständnis ihrer Umgebung, und den Selbstzweifeln leben müssen, die uns begreifbar machen können, was das Leben als neurodivergente Person ganz konkret bedeutet. Und genau das gelingt Brady hier ausgezeichnet, denn auch wenn sie durchaus humorvoll schreibt, zweifelt man nicht daran, wie tiefgreifend die Auswirkungen des Autismus sind und wie sehr sie ihr Leben bestimmen. Die Art, wie sie schreibt, ist dabei sehr unverkrampft und zugänglich, was sicher die Hemmschwelle, sich mit dem Thema zu beschäftigen, niedrig hält und für viel Empathie sorgt. An dieser Stelle auch ein großes Lob an die Übersetzung von Doreen Reeck

Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung, egal wie detailliert ihr euch bisher mit dem Bereich der Neurodivergenz auseinandergesetzt habt, denn es bietet für jeden Kenntnisstand einen Mehrwert!

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Veröffentlicht am 01.12.2024

Wunderbar wertvolles Sachbuch für Kinder

Wenn wir ins Gras beißen - Das Buch vom Tod für große und kleine Menschen
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Wenn wir ins Gras beißen... von Eric Wrede und Emily Claire Völker ist eines der besten Sachbücher für Kinder, das ich bisher gelesen habe. Als erstes beeindruckt hat mich die Art und Weise, wie Informationen ...

Wenn wir ins Gras beißen... von Eric Wrede und Emily Claire Völker ist eines der besten Sachbücher für Kinder, das ich bisher gelesen habe. Als erstes beeindruckt hat mich die Art und Weise, wie Informationen zwar kindgerecht, aber dennoch ehrlich vermittelt werden, und Kindern dabei zugetraut wird, mit der Wahrheit konfrontiert zu werden - auch bei einem so schwierigen Thema wie dem Tod. Dabei wird ganz viel erklärt, eingeordnet und mit der Erfahrungswelt der Kinder verknüpft. Manch einer mag es vielleicht unangemessen finden, dass in einem Kinderbuch über verwesende Körper oder ähnliches gesprochen wird, aber ich finde genau das gut. Denn durch eine informationsbasierte Erklärung nimmt man den Vorgängen das Unheimliche und stellt sie als natürliche Prozesse da. Meiner Meinung nach ist das ein ganz zentraler Aspekt, um Kindern ein wenig von ihrer Angst zu nehmen.
Daneben gefallen mir die Illustrationen unheimlich gut. Nicht nur, dass sie ästhetisch ansprechend sind, sondern vor allem, dass hier wirklich divers gedacht wurde und ganze viele unterschiedliche Menschen repräsentiert sind. Verschiedene religiöse Hintergründe, unterschiedliche Hautfarben, individuelle (Kleidungs-)Stile und auch Krankheiten oder Behinderungen werden hier unkommentiert als Ausdruck einer diversen, inklusiven Gesellschaft gezeigt. Bei diesem Buch wirkt das sehr authentisch und nicht erzwungen, toll gemacht!
Insgesamt ein ganz wunderbares Buch, das sicher dabei helfen kann, mit Kindern unverkrampft über dieses sensible Thema zu sprechen.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Sehr lustig, auch für Erwachsene gut vorzulesen

Waschbär Willi Wunderquatsch - Die Erfindung der Trompetenwurst und weitere verrückte Abenteuer
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Waschbär Willi Wunderquatsch von Markus Hennig, illustriert von SaBine Büchner, ist ein lustiges Kinderbuch mit sieben witzigen Geschichten und ein paar Zwischenkapiteln mit Hintergrundinfos ...

Waschbär Willi Wunderquatsch von Markus Hennig, illustriert von SaBine Büchner, ist ein lustiges Kinderbuch mit sieben witzigen Geschichten und ein paar Zwischenkapiteln mit Hintergrundinfos zu den Charakteren.

Schon das Cover hat meinen Sohn zum Lachen gebracht und dann ging es gleich weiter. Die Geschichten sind lustig, grenzen an albern, aber sind noch auf der guten Seite angesiedelt, sodass es auch für Erwachsene Spaß macht, sie vorzulesen. Besonders das Waschbär-Frosch-Wörterbuch hat hier für kugelige Lachanfälle gesorgt, die selbst nach der Lektüre immer wieder aufflammen. Was will man mehr?

Die Zeichnungen sind toll und helfen dabei, das Interesse der Kids noch zu steigern, da dort schöne Details zu finden sind.

Der pädagogische Gehalt ist bei diesem Buch jetzt nicht so im Vordergrund, aber das macht meiner Meinung nach gar nichts - es darf auch einfach mal komisch sein und die Lust am Lesen und an der Sprache fördern.

Alles in allem ein wunderbar gelungenes Buch, das wir sicher mehrmals lesen werden.

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Veröffentlicht am 27.08.2025

Spannend und toll konstruiert

Lázár
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Lázár von Nelio Biedermann, das auf den ersten Blick wie eine Familiensaga daherkommt, ist so unheimlich vielschichtig, dass ich nach der Lektüre lange gebraucht habe, um meine Gedanken zu sortieren (und ...

Lázár von Nelio Biedermann, das auf den ersten Blick wie eine Familiensaga daherkommt, ist so unheimlich vielschichtig, dass ich nach der Lektüre lange gebraucht habe, um meine Gedanken zu sortieren (und vielleicht auch immer noch dabei bin).
Zum einen geht es natürlich schon um die Geschichte der Familie Lázár, um die Einzelschicksale, um die Bedeutung von Familie, um die Unterschiede zwischen den Generationen und gleichzeitig die Bewahrung von Tradition. Besonders die Männerfiguren sind dabei sehr tragisch angelegt und müssen sich der Frage nach Schuld und Verantwortung stellen.
Eine zweite Ebene ist die historische Entwicklung der KuK-Monarchie und der Geschehnisse rund um die beiden Weltkriege. Die Auswirkungen werden hauptsächlich am Beispiel der Baronenfamilie gezeigt, was ich sehr gelungen finde, da es für mich die Problematik der Verhältnismäßigkeit oder Vergleichbarkeit von Leid aufzeigt. Immer wieder habe ich großes Mitleid mit der Familie empfunden, obwohl mir gleichzeitig deren Privilegien und Fehlverhalten durchaus bewusst waren. Spannend!
Und dann gibt es noch eine symbolische Ebene, die sich vor allem aus religiösen und teils auch literarischen Referenzen speist. Ich bin mir sicher, dass ich hier nicht alle Verweise bemerkt bzw. verstanden habe, aber ein paar, wie zum Beispiel das Gleichnis von Lazarus oder die Anspielung auf Prousts Suche nach der verlorenen Zeit, sind dann doch offensichtlich genug.
Was mich an diesem Buch am meisten begeistert hat, ist die Sprache, mit der Nelio Biedermann vielleicht sogar noch eine vierte Ebene schafft. Sie ist bildgewaltig, ohne dabei so lyrisch zu sein, dass sie gekünstelt oder kitschig wirkt. Sie ist aber stellenweise auch kompliziert, nutzt Schachtelsätze und komplexe Konstruktionen, und durchbricht damit auch immer wieder die Illusion der Nostalgie.
Insgesamt ist es ein Buch, das mich in seinen Bann gezogen hat und auch nach der Lektüre noch stark nachwirkt. So viele Themen werden hier gekonnt miteinander verbunden und ich hätte gerne mehr geschrieben, zu den Schicksalen der jüdischen Bevölkerung, der Frauen, der Intellektuellen, oder auch einfach zu den einzelnen Figuren.
Am Ende bleiben leider ein paar Fragen offen, auf deren Auflösung ich hingefiebert habe und dann etwas enttäuscht war, als ich keine Antworten bekam. Selbst nach diversen Recherchen und viel Nachdenken bleibt es mir ein Rätsel, was in der Ruine passiert ist. Auch zu Imre oder den Schatten hätte ich mir mehr gewünscht. Dennoch ein starkes Buch, das ich absolut empfehle!
4,5/5

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