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Veröffentlicht am 06.12.2024

Mörderisches Siebenbürgen?

Tödlicher Winter
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Siebenbürgen und Rumänien überhaupt waren bisher noch weiße Flecken in meiner Krimiwelt. Außer Grusel-Ikone Dracula landete bisher nichts aus diesem Genre in meinem Regal. „Tödlicher Winter“ von Lioba ...

Siebenbürgen und Rumänien überhaupt waren bisher noch weiße Flecken in meiner Krimiwelt. Außer Grusel-Ikone Dracula landete bisher nichts aus diesem Genre in meinem Regal. „Tödlicher Winter“ von Lioba Werrelmann sollte diese Lücke schließen.

Der Journalist Paul, ein Siebenbürger Sachse, hat als 14-jähriger Rumänien für immer verlassen. Er ist ein typischer „Heruntergekommener“, so werden in Siebenbürgen Auswanderer, die zu Besuch zurückkommen, genannt. Nach seinem ereignisreichen Aufenthalt vor sechs Monaten und 13 Tagen kommt er wieder nach Transsylvanien. Doch der Empfang dort verläuft völlig anders als erwartet. Die angebetete Maja, die auf Paul warten sollte, ist inzwischen verheiratet, sein Freund Sorin unglücklich. Gemeinsam besaufen sich die beiden Freunde, was die Lage nicht verbessert. Am nächsten Morgen wird Paul wegen Mordverdachts verhaftet. Ohne Haftbefehl, ohne die Möglichkeit, einen Anwalt zu kontaktieren. Während eines heftigen Sturms wird er ins zugige Ehegefängnis der Kirchenburg gesperrt. Derweil werden immer wieder Tote im Wald gefunden. Nicht nur Majas Ehemann Petre, sondern auch mehrere Waldarbeiter sollen Unfällen zum Opfer gefallen sein. Obwohl ihn seine Gefühle für Maia beinahe überwältigen, erwacht die journalistische Neugier in Paul. Er beginnt zu recherchieren, ohne zu ahnen, dass er sich dadurch in Lebensgefahr begibt …

"Tödlicher Winter" ist das erste Buch von Lioba Werrelmann, das ich lese. Da mir Siebenbürgen bisher völlig unbekannt war, hat dieser Kriminalroman mein Interesse geweckt.

Paul Schwartzmüller ist ein spannender Charakter, mit dem ich so meine Schwierigkeiten hatte. Grundsätzlich sympathisch, hat mir seine mangelnde Empathie zu schaffen gemacht. Scheinbar agiert er stets unüberlegt, ohne Rücksicht auf andere (große Ausnahme: Maia), um sich in der Rückschau dann Vorwürfe zu machen und sich schuldig zu fühlen. Erst im Laufe der Geschichte konnte ich erkennen, dass Paul offensichtlich nicht gedankenlos handelt, sondern Schwierigkeiten hat, sich in andere hineinzuversetzen. Also nicht gleichgültig, rücksichtslos ist. Der zweite spannende Charakter ist Pušomori. Sie agiert meist im Verborgenen, hilft Paul aber in schwierigen Situationen. Ihre Fähigkeiten sind beachtlich. Dank ihrer Intelligenz kann sie hervorragend kombinieren. Sie ist eine gewiefte Hackerin, die sich diese Fertigkeit selbst angeeignet hat. Noch beeindruckender ist, dass sie sich nahezu unsichtbar machen kann und über eine exzellente Beobachtungsgabe verfügt. Auch die übrigen Protagonisten, ob in Haupt- oder Nebenrollen, überzeugen.

Der Autorin gelingt es, ihre Leser schnell in die Geschichte hineinzuziehen. Sie schreibt sehr bildhaft und mit viel Lokalkolorit. Man spürt ihre Leidenschaft für diese Region und ihre Bewohner. Dadurch schafft sie die entsprechende Atmosphäre, die es dem Leser ermöglicht, sich in diese fremdartig anmutende Landschaft einzufinden und sich den ungewohnten Protagonisten zu nähern.

Mein Fazit

Lioba Werrelmann hat mich mit ihrem Kriminalroman "Tödlicher Winter" sehr gut unterhalten. Die Erzählung ist fesselnd und die Auflösung stimmig. Ein spannender Krimi mit sehr viel Atmosphäre und Lokalkolorit in einem mir bis dahin unbekannten Ambiente. Land und Leute werden so beschrieben, dass man Lust bekommt, diese Region näher zu entdecken, ganz abseits von Dracula und anderen Vampirgeschichten. Transsylvanien hat offensichtlich viel mehr zu bieten. Diese Erkenntnis verdanke ich der Autorin, die mir diesen Landstrich und seine Bevölkerung sehr viel näher gebracht hat.

Ich vergebe 4,5 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung an alle Krimiliebhaber, die einmal in einer Region ermitteln möchten abseits der gewohnten Schauplätze des Genres.

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Veröffentlicht am 04.12.2024

Wer ruht da unterm Swimmingpool?

Vino, Mord und Bella Italia! Folge 5: Der Tote im Pool
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Anna und Loris wollen den alten Pool auf dem Anwesen von Annas Großeltern inspizieren, der jahrelang abgedeckt war. Tameo freut sich schon auf den Sprung ins kühle Nass. Doch daraus wird vorerst nichts. ...

Anna und Loris wollen den alten Pool auf dem Anwesen von Annas Großeltern inspizieren, der jahrelang abgedeckt war. Tameo freut sich schon auf den Sprung ins kühle Nass. Doch daraus wird vorerst nichts. Denn Hündchen Peppo macht einen Fund, der dieses Unterfangen torpediert und Fontenaia das nächste Mordopfer beschert.

„Der Tote im Pool“ ist bereits der fünfte Teil der Reihe „Vino, Mord und Bella Italia!“ von Christian Homma und Elisabeth Frank. Auch Neueinsteiger können problemlos mit diesem Band starten. Ich habe es so gemacht und nicht bereut.

Anna hat sich vorgenommen, das renovierungsbedürftige Anwesen ihrer Großeltern zu sanieren. Da sie über wenig Geld verfügt, ist sie auf die Hilfsbereitschaft und Unterstützung ihrer Freunde und Nachbarn angewiesen. Peppos Leichenfund bringt die Bauarbeiten zunächst zum Stillstand, da der baufällige Pool jetzt als Tatort behandelt wird. Commissario Vico Martinelli suspendiert Anna sofort. Zwar kann er sie dieses Mal nicht der Tat bezichtigen, da das Gewaltverbrechen schätzungsweise 20 Jahren zurückliegt. Aber was ist mit Annas Großeltern? Ein Interessenkonflikt! Während Anna ihrer Nonna so eine Gewalttat niemals zutraut, ist sie sich bei ihrem Nonno nicht sicher. Er war Jäger und im Dorf wegen seiner Streitlust unbeliebt. Die Ermittlungen kommen nur schleppend voran. Wer ist der Tote? Und warum wurde er erschossen?
Weiteres Ungemach droht aus Deutschland. Paola stellt Anna vor vollendete Tatsachen. Sie teilt ihrer Tochter mit dürren Worten mit, dass das Haus verkauft ist und sie innerhalb von 14 Tagen ausziehen muss. Anna hat sich noch nicht von diesem doppelten Schock erholt, als ihre Mutter auch schon vor der Tür steht. Wie geht es jetzt weiter?

Mir gefällt die klare, bildhafte Sprache der Autoren. Als Leser ist man gleich mittendrin in der Geschichte. Land und Leute werden trefflich beschrieben, die Atmosphäre und das Ambiente stimmen. Die sympathischen Charaktere, allen voran Anna, wirken glaubwürdig. Sogar der Commissario weist inzwischen menschliche Züge auf und kann sogar Empathie für Anna entwickeln, natürlich ohne sich etwas anmerken zu lassen. Auch Paola und Rossi überraschen. Fontenaia und seine Bewohner beweisen erneut Charme und Lebensart.

Mein Fazit

Wer Cosy Crime liebt, ist hier richtig. Das Leben in der Toskana, gewürzt mit einem Kriminalfall, liest sich angenehm. Dank einiger überraschender Wendungen kommt auch die Spannung nicht zu kurz. Grundsätzlich geht es in „Der Tote im Pool“ aber eher gemütlich und nicht sehr blutig zu. Was für dieses Genre genau richtig ist. Kein Psychothriller mit einem irren Kettensägemörder, sondern feinste Cosy Crime mit Ratespaß. In diesem Sinn wurde ich bestens unterhalten und bin durchaus gewillt, beim nächsten Fall in Fontenaia wieder mit dabei zu sein. Die Wartezeit bis dahin kann ich mir ja mit Band 1 bis vier verkürzen.

Ich habe die Sonne der Toskana jedenfalls sehr genossen, während hier Regen und Nebel dominieren und vergebe 4,5 von 5 Sternen mit einer Leseempfehlung an alle Fans des Genres Cosy Crime.

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Veröffentlicht am 22.11.2024

Was lehrt mich ein 165 Millionen Jahre altes tibetisches Laubmoos ohne Hobby, das untätig im Himalaya herumlungert?

Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anderes
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Kürzlich las ich ein Interview mit Giulia Becker. Darin schlug sie vor, in Deutschland Humor als Schulfach einzuführen. Mit ihrer Sammlung von Kurzgeschichten, Gedankenspielen, Selbsttests „Wenn ich nicht ...

Kürzlich las ich ein Interview mit Giulia Becker. Darin schlug sie vor, in Deutschland Humor als Schulfach einzuführen. Mit ihrer Sammlung von Kurzgeschichten, Gedankenspielen, Selbsttests „Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anders“ hat sie bereits ein Lehrbuch für dieses fiktive Fach geliefert.

Es ist das erste Buch von Giulia Becker, das ich gelesen habe. Bisher kannte ich sie nur von ihrem Podcast und aus dem Fernsehen. Aber es wird nicht das letzte bleiben. Ich habe mich gut amüsiert, obwohl der Humor der Autorin eher mit dem Säbel als dem Florett vergleichbar ist.

Bist du ein potenzieller Serienmörder oder machst du dir Gedanken darüber, wie du am liebsten sterben willst (Totlachen, weil ein Hund in Sandalen den Moonwalk macht) und woran besser nicht (Verdursten, weil nur Eistee zur Verfügung steht)? Fährt, wenn du müde bist, ein Rauhaardackel mit Latzhose Rhönrad in deinem Kopf oder lässt du dich lieber über Nacht im MediaMarkt einschließen? Wenn ja oder falls dir diese Ideen durchaus nicht fremd sind, bist du hier richtig. Es ist offensichtlich, dass die Autorin das Absurde liebt und speziell Alltagssituationen ihre Fantasie befeuern. Dabei hatte ich das Gefühl, dass sie oft nur überzeichnet, was sie beobachtet oder erlebt hat. Ihre Geschichten aber einen wahren Kern haben.

Mein Fazit

Mit ihren skurrilen Einfällen brachte mich Giulia Becker wiederholt zum Schmunzeln und Lachen. Ich schätze es sehr, dass sie für ihre Art von Humor keine Witze auf Kosten anderer benötigt. Wer mal eine Pause von der politischen Lage, Umweltproblemen und anderen Katastrophen machen will, ist mit „Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anders“ bestens versorgt. Auch als Geschenk oder kleine Aufmunterung kann ich mir das Buch gut vorstellen. Mir hat es gefallen, ganz ohne Bedeutungsschwere oder höheren Zweck einfach zu lachen und eine gute Zeit zu verbringen.

Das Buch spielt in einer eigenen Liga: Gute-Laune-Wohlfühlbuch mit Lachgarantie für alle, die Giulia Beckers Humor mögen oder sich darauf einlassen können.

Ich vergebe 4,5 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 21.11.2024

Wie tötet eine Blondine einen Fisch?

FriesLandFang (Nordseekrimi)
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Ein Krabbenfischer findet eine kopflose männliche Leiche in seinem Netz. Wer ist der Tote und wie ist er ums Leben gekommen? Suizid, Unfall oder war es Mord?

Die Mordkommission des LKA Kiel wird um Amtshilfe ...

Ein Krabbenfischer findet eine kopflose männliche Leiche in seinem Netz. Wer ist der Tote und wie ist er ums Leben gekommen? Suizid, Unfall oder war es Mord?

Die Mordkommission des LKA Kiel wird um Amtshilfe gebeten. Kommissar Fabiu Covaci und sein Vorgesetzter Carsten Wolf machen sich auf den Weg zur Insel Baltrum, die die kleinste der bewohnten Ostfriesischen Inseln ist. Dort wird ein Anwohner im passenden Alter vermisst. Erste Ermittlungen erhärten den Verdacht der Kommissare. Als Taucher den Kopf des unglücklichen Opfers finden, steht fest, dass es sich um Ole Böhringer, einen Schafzüchter von Baltrum handelt. Er wurde ermordet. Im Lauf ihrer Ermittlungen stoßen Covaci und Wolf auf mehrere Verdächtige. Der Tote war ein schwieriger Typ, stur und eigenbrötlerisch. Trotzdem erweist sich der Fall als kniffeliger und gefährlicher als gedacht.
FrieslandFang ist Band 2 der Wolf & Covaci – Reihe von Nele Bruun. Für mich war es das erste, aber, so viel sei schon verraten, mit Sicherheit nicht das letzte Buch der Autorin.
Kommissar Fabiu Covaci ist der Frischling in der Kieler Mordkommission. Wegen Mobbing ist er vor fünf Monaten von München in den hohen Norden gekommen. Jetzt hat er keine saubere Personalakte mehr, erhält nur gekürzte Bezüge und muss mit seiner Familie im hellhörigen Haus seiner Tante wohnen. Sein Selbstbewusstsein hat entsprechend gelitten. Gegenüber den neuen Kollegen ist er misstrauisch, vorsichtig und unsicher. Sein Chef Carsten Wolf spürt, dass sich der neue Kollege nicht richtig im Team wohlfühlt. Er nutzt die Ermittlung auf Baltrum, um Fabiu besser kennenzulernen. Wolf ist ein bodenständiger Typ, klug, unkonventionell und mit schrägem Humor gesegnet. Beide waren mir auf Anhieb sympathisch. Wie sie sich im Verlauf der Ermittlung zusammenraufen und immer besser harmonieren, habe ich gern gelesen. Auch die anderen Charaktere sind authentisch und individuell angelegt. Ob die krank geschriebene Manuela Kramer, die sonst die Teampartnerin von Wolf ist, ein absoluter Workaholic mit ebenfalls sehr schrägem Humor. Oder die taffe Gerichtsmedizinerin Katharina Dunkel, die sich wundert, dass Fabiu gern einen anderen Spitznamen möchte. Bruun hat ein Händchen für glaubwürdige Charaktere.

Ihr Schreibstil hat mich auch gleich für sie eingenommen. Die klare, bildhafte Sprache und der leicht schräge Humor machen das Lesen allein schon zum Vergnügen. Ob Manuela erzählt, wie sie sich nach dem Genuss von vier Espressi fühlt: „Ich kann jetzt Farben riechen und Buchstaben singen hören. Es ist wunderbar.“oder die Autorin, eine aggressive Verdächtige beschreibt „Sie schoss wie ein Mentos aus einer geschüttelten Coladose“, es entstanden sofort entsprechende Bilder in meinem Kopf. Die laufende Wette zwischen Wolf und Kramer, wer die besten Flachwitze kennt (aktueller Zwischenstand 482 zu 578), ist der Running Gag.

Die Spannung kommt bei alledem nicht zu kurz. Erst ganz am Ende wird der Fall in einem packenden Showdown gelöst. Vorher gibt es mehrere Verdächtige mit unterschiedlichen Motiven, Wendungen und Verwicklungen, sodass die Spannung und das Tempo trotz des leichten Tons immer gehalten werden. Die Besonderheiten des Insellebens, die Eigenheiten der Bewohner und die Schönheit der Natur, alles ist gut eingefangen und trägt zu einer ganz speziellen Stimmung bei.

FriesLandFang hat mich bestens unterhalten. Wer spannende Wohlfühlkrimis liebt, trifft mit diesem Buch eine hervorragende Wahl. Ich werde jetzt den ersten Band der Reihe lesen und erneut in Kiel mit ermitteln. Für alle, die bis hier durchgehalten haben, die Auflösung vom titel gebenden Flachwitz Nr. ? : Sie ertränkt ihn.

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Veröffentlicht am 21.11.2024

Rachefeldzug oder späte Reue?

BOX – Nimm dich in Acht vor dieser KI
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Veda kann nicht glauben, dass ihr Ex-Freund Danilo Selbstmord begangen hat. Damit steht sie nicht allein. Auf seiner Beerdigung trifft sie ehemalige Kommilitonen, die ihre Zweifel teilen. Ralph, der jüngere ...

Veda kann nicht glauben, dass ihr Ex-Freund Danilo Selbstmord begangen hat. Damit steht sie nicht allein. Auf seiner Beerdigung trifft sie ehemalige Kommilitonen, die ihre Zweifel teilen. Ralph, der jüngere Bruder des Verstorbenen, kontaktiert Veda, weil Danilo geheimnisvolle Unterlagen für sie hinterlassen hat. Zweifelnd erklärt sie sich bereit, die mysteriösen Dokumente anzusehen und löst damit eine Kette von Ereignissen aus. Zusammen mit ihrem besten Freund Philipp und der Polizistin Talli versucht sie, das Rätsel um Danilos Tod zu lösen.

„Box – Nimm dich in Acht vor dieser KI“ ist mein erstes Buch von Alexa Linell. Neugierig hat mich ihre Biografie gemacht. Jurastudium und Tätigkeit in der Rechtsmedizin, wenn das keine idealen Voraussetzungen für einen guten Thriller sind.

Die Charaktere sind in Haupt- und Nebenrollen stimmig. Veda war mir von Anfang an sehr sympathisch. Mit ihren Vorlieben und kleinen Schrullen wirkt sie sehr authentisch. Obwohl sie grundsätzlich weiß, was sie kann, lässt sie sich andrerseits leicht verunsichern. Ihr bester Freund Philipp leidet nicht unter diesem Problem. Sehr selbstbewusst und ordnungsliebend, verkörpert er den erfolgreichen jungen Anwalt, ohne überheblich zu sein. Talli, die Kriminaloberkommissarin, die gegen ihren Willen von der Mordkommission in die Abteilung organisierte Kriminalität versetzt wurde, stößt erst im zweiten Drittel des Buches zum recherchierenden Duo. Und mit ihr, die zunächst undurchsichtig wirkt, nimmt die Geschichte an Tempo und Spannung zu.

„Er hat an den Professoren geklebt wie Naturkaugummi“ oder „wenn sie nicht so ein Besen wäre, täte sie Veda leid“ - Alexa Linells lockerer Stil gefällt mir. Sie schreibt klar und anschaulich. Als es um die KI geht, erklärt sie dieses komplizierte Thema so verständlich, dass auch ein Technik-Muffel wie ich, daraus schlau wurde.

Die Spannung steigt nach einem verhaltenen Start kontinuierlich an. Dazu tragen die kurzen Kapitel aus der Sicht von ehemaligen (?) Straftätern und attackierten Personen entscheidend bei. Ereignisse, wie Philipps kurzzeitig blockierter Tesla oder unerklärliche Unfälle, verstärken die bedrohliche Stimmung.

Mein Fazit:
KI und neue Medien liegen derzeit im Trend. Ob ihr Nutzen oder mögliche Gefahren überwiegen, ist eine Frage, auf die es noch keine abschließende Antwort gibt. In Alexa Linells Thriller spielt diese Diskussion eine große Rolle. Neben den moralischen Fragen, ob Selbstjustiz und Rache ein ordentliches Gerichtsverfahren ersetzen sollten oder wie neutral eine von Menschen programmierte und mit Daten versorgte KI agiert. Obwohl es für mich mit der Zeit voraussehbar war, wer hinter der Verschwörung steckt, blieb für mich die Spannung erhalten. Ich wollte unbedingt, das Wie und Warum erklärt haben. Die Lösung und die daraus resultierenden (Nicht-) Folgen waren für mich nachvollziehbar und logisch.
Eine kleine Kritik am Rande: Die häufige Thematisierung von Vedas Verzicht auf ihr zweites Staatsexamen. Da wäre weniger mehr gewesen. Insgesamt wurde ich gut unterhalten und habe beunruhigendes Neues erfahren.

Von mir 4,5 von 5 möglichen Sternen und eine Leseempfehlung an alle, die sich für KI und Justiz interessieren.

Nach dem Lesen dieses Thrillers würde ich Einsteins Zitat modifizieren: „Nicht nur die Dummheit, sondern auch die Hybris (mancher) Menschen ist unendlich“.

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