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Veröffentlicht am 04.12.2024

Eine Frau, eine Stadt, ein Wille

Tsunenos Reise
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Tsuneno kommt Anfang des 19. Jahrhunderts als drittes Kind einer Priesterfamilie in der schneereichen Provinz Echigo zur Welt. So wie ihre Brüder ihren vorgezeichneten Weg als Tempelpriester einschlagen, ...

Tsuneno kommt Anfang des 19. Jahrhunderts als drittes Kind einer Priesterfamilie in der schneereichen Provinz Echigo zur Welt. So wie ihre Brüder ihren vorgezeichneten Weg als Tempelpriester einschlagen, steht Tsuneno bevor, früh verheiratet zu werden.
Sie soll in ihrem Leben fünf Mal verheiratet werden und in keiner ihrer Ehen Glück erfahren.

Tsuneno ist in den Augen ihrer Familie eine aufmüpfige Frau, sie träumt von einem aufregenden Leben in Edo und bricht irgendwann mit ihren Brüdern, um sich diesen Traum zu erfüllen.
Doch so schillernd Tsuneno sich ihr neues Zuhause vorgestellt hat, so schwer fällt es ihr, ohne die Unterstützung ihrer Familie und eines Ehemannes in der Hauptstadt Fuß zu fassen. Ihr Wille ist stärker als ihre Entbehrungen, und sie versucht sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.

Die Briefe von Tsuneno sind ein Zeugnis, das nicht nur die Stationen einer eigenwilligen Frau dokumentiert, sondern in Teilen auch die brisante Phase Japans, in welcher der Westen durch seine hohe militärische Überlegenheit die Öffnung des bis dahin abgeschotteten Japans für einen freien Handel erzwingt, die Samuraiherrschaft beendet und das Shogunat auflöst.

Möglich wurde der Einblick in das Leben Tsunenos durch die vielen Briefe wie auch Haushaltsbücher, die ihre Familie aufbewahrt hat und Amy Stanley, die mit viel Fachwissen, das bis in die Details des Alltags japanischer Familien reicht, Tsunenos Leben in dieser ungewöhnlichen Biografie rekonstruiert hat.
Tsuneno auf ihrer Reise zu begleiten, war mir ein besonderes Vergnügen, und ich kann dieses Buch allen japanophilen Leuten, die gerne lesen, nur sehr ans Herz legen!

Veröffentlicht am 04.12.2024

Eine ungleiche Freundschaft mit Träumen

Pi mal Daumen
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Oscar ist mit seinen gerade einmal 16 Jahren an der Uni etwas deplatziert, nicht aber mit seinem dicken Gehirn. Und während er mit seiner Fähigkeit, mathematische Formeln zu verstehen, hier am richtigen ...

Oscar ist mit seinen gerade einmal 16 Jahren an der Uni etwas deplatziert, nicht aber mit seinem dicken Gehirn. Und während er mit seiner Fähigkeit, mathematische Formeln zu verstehen, hier am richtigen Ort ist, ist Moni genau das nicht. Schon in der Einführungsveranstaltung des Mathematikstudiums wirkt Moni mit ihren vielen Taschen, in denen drei halbe Alltage drin stecken, und dem Kind auf dem Arm höchst deplatziert.
Doch Oscar und Moni vereint in diesem Studium eins: Beide wollen sich ihren Lebenstraum erfüllen. Während Moni mit über 50 Jahren sich einfach nur beweisen will, dass sie nicht dumm ist, strebt Oscar danach, seinen Namen mit einem Durchbruch in der Mathematik unsterblich zu machen.

Oscar ist ein höchst eigenwilliger Charakter. Er hat keine Freunde, ein distanziertes Verhältnis zu seinen Eltern, strikte Routinen und eine Abneigung gegen Leute ohne Durchhaltevermögen, die man nächste Woche sowieso nicht mehr im Vorlesungssaal sehen wird. Und auch wenn Oscar Moni Kosinsky anfangs dazu zählt, gewöhnt er sich an ihre chaotische Anwesenheit, und aus den ungleichen Studierenden werden Freunde.

Ich hab die Lesezeit mit Oscar und Moni sehr genossen und wollte gar nicht, dass es vorbei ist. Gerne hätte ich noch hundert weitere Seiten voller abstruser Situationen mit den beiden haben mögen. Diese zwei Charaktere sind ein Paradebeispiel dafür, dass sich auch die unterschiedlichsten Menschen gegenseitig etwas geben können, wenn sie sich nur ein wenig füreinander interessieren und sich die Mühe machen, sich wirklich kennenzulernen, und wieder einmal zeigt Alina Bronsky, dass ihre erdachten Figuren ihre größte Stärke in den Geschichten sind, die sie um diese herum schreibt.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Die Geister, die uns quälen

Dschinns
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Bin ich dankbar für den feministischen Buchclub? - Ich bin. Sonst wären mir einige wichtige Details aus unserem aktuellen Buch total durchgegangen.
Aber zurück auf Anfang:
Im August stand „Dschinns“ von ...

Bin ich dankbar für den feministischen Buchclub? - Ich bin. Sonst wären mir einige wichtige Details aus unserem aktuellen Buch total durchgegangen.
Aber zurück auf Anfang:
Im August stand „Dschinns“ von Fatma Aydemir auf dem Plan:

Dreißig Jahre hat Hüseyin als Gastarbeiter in Deutschland geschuftet, den Lebensabend will er in Istanbul verbringen, inklusive Eigentumswohnung. In dem Moment, in dem alles neu eingerichtet ist, erleidet Hüseyin einen Herzinfarkt und stirbt. Nach moslemischem Brauch muss der Verstorbene noch am selben Tag in der Erde begraben werden, also reisen seine Frau Emine und die vier Kinder schnellstmöglich nach Istanbul zur Beerdigung. Tief in Gedanken macht sich jedes Familienmitglied auf den Weg. Ihre Sehnsüchte, Ängste, Wünsche und Sorgen sind unterschiedlich, doch sie alle eint jeweils ein individueller Verlust, der schon lange vor dem Tod des Vaters da war.

Mal in Rückblenden, mal im Hier und Jetzt des Romans erzählen Hüseyin, Emine, Sevda, Hakan, Peri und Ümit kapitelweise ihre Geschichte. Durch den Tod des Familienoberhaupts wagen sie sich an das bisher Ungesagte. Vernachlässigung, Queerness, Identität, Verlorenheit und Verlust sind die Lebensthemen, über die sie für sich selbst jeweils nachgrübeln. Nicht gesagt wird, wofür man noch nicht bereit ist. Was gesagt wird, entfacht einen Streit, der zum ersten Mal die Familientraumata adressiert, und was sich dabei offenbart, wird unfreiwillig direkt wieder unter Schweigen begraben.

Mehr kann ich zu diesem Roman nicht sagen, ohne zu viel seines Inhalts zu verraten. Ich konnte gar nicht anders, als mich auf jede:n der Protagonist:innen einzulassen. Auch wenn ich mit manchen mehr Vibe hatte als mit anderen, so ging mir ausnahmslos jede der Stories nahe. Der rege Austausch mit den anderen Buchclubmitgliedern hat mir zudem geholfen, manche Wendung besser einordnen zu können und ein größeres Verständnis für die Gesamtheit des Romans aufzubauen.
Mir hat das Buch über die Maßen gefallen, und ich möchte euch sagen: wenn ihr das bisher noch nicht gelesen habt – holt es nach!

Veröffentlicht am 04.12.2024

Ein Jugendbuch, das auf Tatsachen beruht

Der Tunnelbauer
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Achims Sommer nach dem bestandenen Abitur beginnt vielversprechend: Mit seinem Freundeskreis geht es zum Zelten an die Ostsee, und auch Chris, die Achim so gern hat, kommt mit. Doch noch in den Ferien ...

Achims Sommer nach dem bestandenen Abitur beginnt vielversprechend: Mit seinem Freundeskreis geht es zum Zelten an die Ostsee, und auch Chris, die Achim so gern hat, kommt mit. Doch noch in den Ferien wird einer von Achims Kumpels festgenommen. Kurz darauf ist Ost-Berlin durch eine Mauer vom Westen getrennt. Furcht, Misstrauen, Verrat und Verhaftungen häufen sich. In dieser Atmosphäre findet Achim keine Luft zum Atmen mehr, und er beschließt, aus der DDR zu fliehen.
In West-Berlin angekommen, lässt es ihm keine Ruhe, dass er seine Liebe zurückgelassen hat. Achim schließt sich den Fluchthelfern an und verbringt in den nächsten Monaten mehr Zeit in Tunneln, die sie in den Osten graben, als an der Universität. Er möchte so vielen Menschen wie möglich die Flucht aus der DDR ermöglichen, aber vor allem hofft er, seine Schwester und seine geliebte Chris rausholen zu können.

"Der Tunnelbauer" ist ein Jugendbuch, das auf Tatsachen beruht. Die Namen sind verändert worden, beruhen aber auf historischen Personen. Der Roman ist nicht nur eine spannende Story zur Unterhaltung, sondern ein stückweit auch Geschichtsunterricht. Im Anhang finden sich neben einem Personenregister der im Buch vorkommenden Figuren auch eine Chronik der Berliner Mauer, ein Glossar zu Begriffen und Personen/Politiker:innen und Tipps zu weiterführenden Informationen.
Das ist eines der Bücher, die Generationen gemeinsam lesen und darüber sprechen können. Ich würde es feiern, wenn dieses Jugendbuch Schullektüre werden würde!
Ich schließe die Rezension ab mit einem Gedicht aus diesem Buch:
"Ich wurde als Deutsche von Deutschen gefangen, weil ich von Deutschland nach Deutschland gegangen."

Veröffentlicht am 04.12.2024

Hilfe im Wald

Tukoni
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Nach einem Gewitter in der Nacht wacht Tukoni-Weltentdecker in seiner knuddeligen Schlafhöhle auf. Heute wollte er seinen besten Freund besuchen und mit ihm Tee trinken. Aber von der Expresspost des Waldes ...

Nach einem Gewitter in der Nacht wacht Tukoni-Weltentdecker in seiner knuddeligen Schlafhöhle auf. Heute wollte er seinen besten Freund besuchen und mit ihm Tee trinken. Aber von der Expresspost des Waldes bekommt er mitgeteilt, dass seinem Freund etwas Schlimmes passiert ist. Zusammen mit den anderen Tukoni des Waldes macht er sich auf den Weg, um seinem Freund zu helfen.

Tukoni ist ein warmherziges Bilderbuch, dessen zartgrüne Illustrationen Lust machen, sich in den Wald zu setzen und auf einen vorbeieilenden Tukoni zu warten. Die Botschaft des Buches ist Liebe für die lebenden Geschöpfe des Waldes. Ach, wie schön! Ich mag es gleich wieder durchblättern!