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Veröffentlicht am 02.01.2025

Aufstieg und Fall eines Familienunternehmens

Gesellschaft mit beschränkter Haftung
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Der Titel des Romans „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ ist einfach genial, denn er trägt eine Doppeldeutigkeit in sich.

All dass, was Nora Bossong beispielhaft vom Familienunternehmen des Frotteewarenherstellers ...

Der Titel des Romans „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ ist einfach genial, denn er trägt eine Doppeldeutigkeit in sich.

All dass, was Nora Bossong beispielhaft vom Familienunternehmen des Frotteewarenherstellers Tietjen erzählt, findet auch in der Gesellschaft und in der Politik seine Parallelen. Es ist eine Geschichte von Macht und Privilegien, Gier und Verantwortungslosigkeit. Der Umsatz muss stimmen, oder die eigenen Interessen müssen geschützt werden, und egal wie diese Ziele erreicht werden, den Preis zahlen andere. Der Verursacher ist nicht gewillt dafür zu haften.

Justus Tietjen hat das Familienunternehmen 1918 gegründet und mit harter Hand geführt. Kurt Tietjen junior, Firmenleiter wider Willen in dritter Generation , hat die Globalisierung verschlafen und eine Menge Schulden angehäuft. Auf einer Geschäftsreise nach New York setzt er sich ab, ohne die geschäftlichen Termine überhaupt wahrzunehmen und lässt seinen Schwager und Stellvertreter Werner, sowie seine Tochter Luise wissen, dass er nicht gedenke zurückzukehren.

Notgedrungen übernimmt die Tochter die Geschäftsleitung und wird von der Philosophiestudentin zur Firmenlenkerin. Sie trifft die Entscheidungen, die Kurt nicht hatte treffen wollen und verwandelt sich binnen kürzester Zeit zur „eiskalten Kaiserin“, wie es unter vorgehaltener Hand auf den Firmenfluren heißt.

Diesen rasanten charakterlichen Verfall fand ich etwas merkwürdig, fast unglaubwürdig. Auch der Charakter von Luises‘s Vater ist stark überzeichnet. Der verwandelt sich in die andere Richtung von dem in Armani gewandeten Geschäftsmann in einen „Niemand“, mit maximaler Freiheit, was sich auch als Irrglaube herausstellt.

Beeindruckt hat mich der präzise oft zynische Schreibstil der Autorin und die sicher aufwendige Recherche zu Firmendynastien und ihren Abgründen. Man denkt beim Lesen ganz automatisch an die Krupps und Schleckers in diesem Land.

Korruption, Ausbeutung, Betrug, all das wird schöngeredet. Es machen doch alle und man muss doch konkurrenzfähig bleiben. Der Text von Nora Bossong macht nachdenklich und ich fürchte er ist recht nah an der Wirklichkeit.

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Veröffentlicht am 30.12.2024

Überraschend persönlich

Gebt mir etwas Zeit
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Während der Pandemie hat sich der Komiker Hape Kerkeling intensiv mit der Ahnenforschung zu seiner Familie befasst und Erstaunliches herausgefunden.

Über Großmutter Bertha‘s Herkunft ist dem Enkel zu ...

Während der Pandemie hat sich der Komiker Hape Kerkeling intensiv mit der Ahnenforschung zu seiner Familie befasst und Erstaunliches herausgefunden.

Über Großmutter Bertha‘s Herkunft ist dem Enkel zu ihren Lebzeiten wenig bekannt. Hier setzt er an, erarbeitet sich anhand einer eigenen DNA Analyse, Stück für Stück die Vergangenheit. Da finden sich sowohl niederländische als auch erstaunlicherweise britische Anteile in seinem Erbgut. Kerkeling geht sehr professionell vor und gewinnt interessante Kontakte und ist schließlich überzeugt, dass seine Passion bezüglich europäischer Königshäuser kein Zufall sein kann.

Ich habe das Hörbuch ,vom Autor selbst gelesen, sehr genossen. Er entführt die Leser*innen bis zurück ins 12 Jahrhundert. Besonders in den Niederlanden kommen da so einige entfernte Verwandte zusammen, wie Seefahrer und Händler, die der Entertainer in kleinen, fiktionalen Geschichten basierend auf den recherchierten Fakten, mit schier unerschöpflichen unterschiedlichen Dialekten seiner Hörerschaft unterhaltsam näher bringt. Aber auch von seinem eigenen Leben erzählt Kerkeling überraschend offen. Die Anfänge seiner Karriere, seine Homosexualität, die er zunächst im spießigen Deutschland verstecken musste, seine Liebe zum viel offeneren Nachbarland, wo er sich unsterblich in einen Holländer verliebte und das todbringende Virus Aids, welches in den 80erJahren ohne Hoffnung auf Heilung grassierte und viele junge Menschen in den Tod riss, sind Themen in dieser alles andere als trockenen Lebenschronik.

Nicht nur für Hape Fans kann ich „ Gebt mir etwas Zeit“ wirklich empfehlen. Ich bin mir aber fast sicher, dass gerade das Hörbuch hier ein großer Gewinn war und mich das Buch, hätte ich es selber gelesen nicht in der gleichen Weise begeistert hätte.


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Veröffentlicht am 05.12.2024

Ein feiner und kluger Roman

Drei Tage im Juni
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Die 83jährige amerikanische Bestsellerautorin Anne Tyler hat gerade ein neues Buch auf den Markt gebracht. „3 Tage im Juni“ ist der Titel des schmalen Bändchens. Die Autorin nimmt uns mit zu der etwas ...


Die 83jährige amerikanische Bestsellerautorin Anne Tyler hat gerade ein neues Buch auf den Markt gebracht. „3 Tage im Juni“ ist der Titel des schmalen Bändchens. Die Autorin nimmt uns mit zu der etwas spröden Gail nach Baltimore, die zu Beginn der Geschichte einen äußerst schlechten Tag hat. An der Schule, in der sie als stellvertretende Direktorin arbeitet, wird ihr aufgrund von mangelnder Sozialkompetenz nahegelegt sich ein anderes Betätigungsfeld zu suchen und dass, einen Tag bevor ihre einzige Tochter Debbie heiratet, ein wirklicher unglücklicher Zeitpunkt. Dann steht ihr Exmann Max vor ihrer Türe und bittet darum für die Dauer der Feierlichkeiten bei ihr übernachten zu dürfen, und so ganz glücklich scheint die Tochter Debbie trotz anstehender Hochzeit auch nicht zu sein.

Anne Tyler hat einen guten Beobachtungssinn und schreibt empathisch und klug, immer mit einer Spur Humor über zwei Menschen an der Schwelle zum Alter, die ihr Leben nochmal überdenken müssen. Mit der Hochzeit der Tochter kommen die Erinnerungen an schöne und weniger schöne Episoden im bisherigen Leben hoch. Wie geht es weiter? Rauft man sich nochmal zusammen ? Was mag das Leben noch an Überraschungen für einen bereithalten? Oder ist man zu festgefahren und verwurzelt, als das Veränderungen überhaupt noch möglich oder wünschenswert wären? Anne Tyler schreibt eine Art Kammerspiel über ganz normale Menschen, deren Leben und Denken sehr realistisch geschildert werden.

Mir hat die Lektüre und die Unaufgeregtheit im Erzählstil der Autorin sehr gefallen.

Auch wenn es im Juni spielt, passt es übrigens ganz wunderbar in die Weihnachtszeit und hat mir viel Freude bereitet.

Von der Autorin werde ich gerne noch mehr lesen.

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Veröffentlicht am 26.11.2024

Ewig Sommer- Ein Klimakrisenroman

Ewig Sommer
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Dieser Titel ist so treffend und furchterregend zugleich, denn der ewige Sommer hat in naher Zukunft einen bitteren Beigeschmack. Die fortschreitende Klimaerwärmung bringt Temperaturen über 40 Grad, Tag ...

Dieser Titel ist so treffend und furchterregend zugleich, denn der ewige Sommer hat in naher Zukunft einen bitteren Beigeschmack. Die fortschreitende Klimaerwärmung bringt Temperaturen über 40 Grad, Tag für Tag bis in den Herbst hinein und immer häufiger Waldbrände.

Iris ist Hotelbesitzerin im einstigen Kurort Bad Heim. Doch Gäste kommen im Sommer schon lange keine mehr. Waldbrände wüten in der Gegend und machen das Leben zunehmend unerträglich.

Umso erstaunlicher, dass dann doch eine Frau mit Kind bei ihr nach einem Zimmer fragt. Schnell stellt sich heraus, dass Dori mit ihrer kleinen Tochter auf der Flucht ist.

Geschickt verknüpft die Autorin Franziska Gänsler die globale Krise mit einem ganz privaten Drama. Dabei wird das Szenario immer bedrohlicher. Man spürt die Hitze und den Brandgeruch und wird in dieses Buch förmlich hineingesogen.

Es war keine angenehme Lektüre. Dazu war die Geschichte leider viel zu realitätsnah. Der Roman eignet sich meiner Meinung nach perfekt für eine Leserunde, weil es viele Denkanstöße gibt.

Ich habe das Buch auch als Appell verstanden. Wenn wir Menschen meinen, wir könnten einfach weiterleben wie bisher, irren wir gewaltig! Für Verbesserungen müssen wir schon handeln und aktiv eine Veränderung herbeiführen. Von alleine wird das nicht passieren.

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Veröffentlicht am 08.11.2024

Düster

Von Norden rollt ein Donner
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„Vom Norden rollt ein Donner“ stand auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis 2024 und klang spannend aber auch anspruchsvoll.

Markus Thielemann erzählt darin von einer Schäferfamilie in der Lüneburger ...


„Vom Norden rollt ein Donner“ stand auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis 2024 und klang spannend aber auch anspruchsvoll.

Markus Thielemann erzählt darin von einer Schäferfamilie in der Lüneburger Heide.

Jannes, 19 Jahre, Schäfer in der 3. Generation soll den elterlichen Hof übernehmen.

Seine Berufswahl war quasi alternativlos. Auch wenn er die Tiere und die Natur liebt, hat er immer gewusst, was von ihm erwartet wird und sich gefügt.

In der Geschichte schwingt die ganze Zeit eine Bedrohung mit, die Stimmung ist düster, der Wolf ist zurück und eine Bedrohung für Mensch und Vieh. Der Autor spricht viele Themen an, mit denen ich nicht gerechnet habe. Natürlich werden wir Leser mitgenommen in den Alltag eines Schäfers, der vielfältiger und anstrengender ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Es geht in diesem Buch aber auch um Demenz, rechtes Gedankengut im ländlichen Raum und eine finstere Vergangenheit im oft romantisierten Naturidyll.

Thielemann schreibt unglaublich atmosphärisch. Das „Böse“ wabert unter der Oberfläche, ohne wirklich sichtbar zu werden. Ich fand diesen Blick aus den Augen einer jungen Generation durch den Protagonisten Jannes stark . Er sieht diesen Widerspruch zwischen wirtschaftlich notwendiger Heideromantik ( Touristen, Hochzeiten, Kutschfahrten) und Realität, einem Leben, dass kaum das Nötigste abwirft mit viel Arbeit , Bürokratie und einer Politik, die fernab von den Ängsten und Sorgen der Menschen den Wolf wieder ansiedelt und die Schäfer dann alleine läßt. Kann er einfach weitermachen?

Mit Jannes Visionen, die dem Buch noch ein paar Gruselvibes mitgeben hatte ich so meine Probleme. Trotzdem verstehe ich warum der Autor zum Stilmittel des magischen Realismus gegriffen hat. Damit öffnet er praktisch eine Tür in die Vergangenheit, die Munitionsfabrik mit seinen Zwangsarbeiter:innen ( heute Rheinmetall) und eine Außenstelle des KZ Bergen Belsen liegen mitten in seiner Heimat, doch die drängenden Fragen werden mit Schweigen beantwortet.

Thielemann stößt in seinem Roman viele Gedanken an. Es war ein Buch über das man sprechen möchte und das sicher noch eine Weile nachhallt.

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