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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.12.2024

Interessant

Susanna
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Die Lichterketten waren hübsch anzuschauen und die gotisch himmelwärts sterbenden Brückentürme ein eindrücklicher Anblick, das musste sie zugeben. Aber die Glühbirnen waren doch nur Glitterkram und Firlefanz. ...

Die Lichterketten waren hübsch anzuschauen und die gotisch himmelwärts sterbenden Brückentürme ein eindrücklicher Anblick, das musste sie zugeben. Aber die Glühbirnen waren doch nur Glitterkram und Firlefanz. Sie machten die Nacht nicht wirklich zum Tag und würden Dr Menschheit keine Erleuchtung bringen, sondern verlängerten Arbeitstage bis tief in die Nacht hinein. Und auch die Brücke war keine Straße in eine lichtere Zukunft. Ihr einziger Daseinszweck bestand darin, möglichst viele Arbeitssklaven frühmorgens in ihre Hamsterräder und abends zurück in ihre Schlafhölen zu verfrachten." S 198 f

Alex Capus hat hier einen Roman über eine Frau und gleichzeitig über eine Zeit des Umbruchs geschrieben. Die Industrialisierung, das elektrische Licht und etliche Erfindungen verändern das Leben der Menschen enorm. Es wird komfortabler, allerdings nur für jene die es sich leisten können und die Armutsschäre scheint weiter auseinanderzuklaffen als jemals zuvor.
Die einen Leben im Luxus während die Ureinwohner in den Shows von Buffalo Bill präsentiert werden wie Zirkusatraktionen.
Susanna beginnt immer mehr Szenen aus dem Leben der Arbeiter zu malen und auf bitte ihres Sohnes malt sie auch ein Bild von Sitting Bull. Im Laufe der Handlung erfährt man immer mehr über das Schicksal der First Nations und wie sie missioniert und ins Reservat vertrieben wurden was in meinen Augen eine der größten Verbrechen der amerikanischen Geschichte darstellt. Missionare verwirren die Ureinwohner, nehmen ihnen ihre Würde und ihre Rechte. Susanna beschließt Sitting Bull vor der drohenden Katastrophe zu warnen und reist mit ihrem Sohn ins Land der Dakota.

Mir hat der Roman gut gefallen und ich habe ihn fast in einem Zug durchgelesen. Der hauptkritikpunkt war für mich das Ende. Das kam für mich zu plötzlich und ich hätte mir einen runderen Abschluss gewünscht. Auch hatte ich gedacht das die Protagonistin früher in der Handlung schon auf Sitting Bull treffen wird. Die Begegnung der beiden war mir etwas zu wenig ausgeführt und zu kurz beschrieben. Ansonsten gefiel mir die Geschichte und auch der Schreibstil sehr gut.

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Veröffentlicht am 12.12.2024

Der Name ist programm

Erschütterung
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Percival Everett's Roman hätte wohl keinen besseren Titel als Erschütterung tragen können. Denn um Erschütterung geht es.

Zach Wells, Paläontologe ist ein Mann der sich nie für denk Kampf um Gerechtigkeit ...

Percival Everett's Roman hätte wohl keinen besseren Titel als Erschütterung tragen können. Denn um Erschütterung geht es.

Zach Wells, Paläontologe ist ein Mann der sich nie für denk Kampf um Gerechtigkeit eingesetzt hat. Er fühlt sich als Professor seinen weißen Kollegen weder im vor - noch im Nachteil, seine Ehe ist eher bequem als Glücklich. Nur seine Tochter liebt er abgöttisch. Er lebt so vor sich hin....

Bis seine kleine Welt erschüttert wird. Seine Tochter leidet am Batten Syndrom einer schweren, neurodegenerativen, unheilbaren Krankheit und wird bald sterben. Zach verliert den Boden unter den Füßen, versucht seiner Tochter noch jeden Wunsch zu erfüllen und erkennt das, egal was er tut es nichts an der Diagnose ändern wird.

Als er in einer online gekauften Jacke einen anonymen Hilferuf entdeckt ist das sozusagen der letzte Strohhalm an den er sich klammert um vor Schmerz nicht durchzustehen. Er will diesem Hilferuf unbedingt Nachgehen und flieht in die Wüste New Mexikos. Dort erfährt er noch eine Erschütternde Wahrheit, nämlich das viele Frauen immer wieder von Cartellen verschleppt, misshandelt und getötet werden. Nun will er unbedingt die Wahrheit herausfinden. Er will diese Frauen retten und hofft sich damit selbst retten zu können.


Mir hat der Roman unglaublich gut gefallen. Er war sehr anspruchsvoll, tiefgründig und bewegend. Der Schreibstil war eher ungewöhnlich und Zach war ein sehr interessanter Protagonist. Auch das Cover fand ich ebenso wie den Titel sehr passend da es versinnbildlicht wie Zach versucht seine Tochter festzuhalten und zu beschützen, auch wenn er weiß das er sie früher oder später loslassen muss.

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Veröffentlicht am 12.12.2024

Toll

Der Tag, an dem die Männer Nein sagten
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Jede Zeit hat Lieblingsillusionen, eine der gehätschelsten unseres Jahrhunderts ist" die moderne Frau", die beruflich gleichberechtigte, unabhängige und erfolgreiche Frau." Iris von Roten >>Frauen im Laufgitter

Jede Zeit hat Lieblingsillusionen, eine der gehätschelsten unseres Jahrhunderts ist" die moderne Frau", die beruflich gleichberechtigte, unabhängige und erfolgreiche Frau." Iris von Roten >>Frauen im Laufgitter<< 1958

Clare O ' Dea ist mit "Der Tag an dem die Männer Nein sagten" Ein interessanter Roman gelungen der die Geschichte von einigen Schweizer Frauen die, jede für sich, ihre eigenen Schlachten zu schlagen haben. Vreni, die ihre Träume für ihr Leben als Bäuerin aufgegeben hat. Ihre Tochter Magrit die als Büroangestellte in der Stadt arbeitet aber mit sehr offensiven, unerwünschten Annaherungsversuchen bei der Arbeit zu kämpfen hat und nicht weiß wie sie damit umgehen soll, Esther die um ihren Sohn kämpft den man ihr weggenommen hat und Beatrice die sich mit allem was sie hat der Kampagne für das Frauenwahlrecht verschrieben hat und angst hat das Frauen das Recht zu wählen verwährt bleiben wird.

Clare O'Dea hat einen wie ich finde sehr wichtigen Roman geschrieben und schafft es auf verhältnismäßig sehr wenigen Seiten sehr viel zu erzählen. Ich hatte zwar mit dem ein oder anderen Ausdruck den ich nicht kannte, weil ich den Schweizer Dialekt nicht beherrsche einige Problemchen aber ich finde man kommt sehr schnell in die Sprache rein, die Geschichte ist interessant und man fühlt sich mit den Frauen sehr schnell auf die eine oder andere Weise verbunden.

Wer sich gerne mal mit dem Thema Frauenwahlrecht beschäftigen möchte ist hier zum Einstieg sehr gut aufgehoben und ich kann das Buch sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 12.12.2024

Sehr stimmig

Die letzten Romantiker
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Normalerweise gilt ja der Spruch : Don't judge a Book by its Cover" aber bei diesem Roman passt einfach alles zusammen.

Die Geschichte wird teilweise  Retrospektiv von Fiona, der jüngsten von 4 Geschwistern ...

Normalerweise gilt ja der Spruch : Don't judge a Book by its Cover" aber bei diesem Roman passt einfach alles zusammen.

Die Geschichte wird teilweise  Retrospektiv von Fiona, der jüngsten von 4 Geschwistern erzählt. Der Roman handelt von den Folgen die das Verhalten psychisch kranker Eltern oft auf das ganze Leben ihrer Kinder hat.
Die Handlung spielt in den Jahren ab 1981 nach dem Tod ihres Vaters . Ihre Mutter verliert sich in einer schweren Depression und überlässt die 4 Kinder sich selbst. Diese werden die Jahre in denen sie auf sich selbst gestellt sind später als "die Pause" bezeichnen.
Die Kinder kümmern sich so gut es geht um sich selbst und umeinander. Joe, nun der einzige Mann im Haus verfällt mit der Zeit immer mehr in Drogen und Alkoholabhängigkeit und Jagt dem großen Geld nach, Fiona wird, nach dem Vorbild ihrer Mutter die vom Feminismus sehr geprägt war, zu einer Autorin und Frau die sich von keinem Mann etwas sagen lässt und keine festen Bindungen eingeht. Renée konzentriert sich voll und ganz auf ihr Medizinstudium und ihren Job als Ärztin. Sie alle tragen sichtbare und weniger sichtbare Narben davon. Aber werden diese Narben unsichtbar wenn man sie ignoriert oder werden sie irgendwann schmerzhaft wieder aufbrechen, sodass man sie nicht mehr ignorieren kann und sich ihnen stellen muss?

Im Jahr 2079 ist Fiona eine gefeierte Autorin. Im Alter von 102 Jahren blickt sie auf die Ereignisse  der "großen Pause" und der Zeit danach. Im Lauf der Handlung wird immer klarer wie dysfunktional die ganze Familie in Wirklichkeit war und wie diese Dysfunktion sich auf jedes einzelne der Kinder ausgewirkt hat.

Es werden sehr viele Themen wie kindliche Traumata, Sucht, Vernachlässigung, Erwachsenwerden, Beziehungen, Verschiedene Lebenspläne und wie man damit umgeht wenn sie sich nicht erfüllen behandelt.

Ich fand den Roman wirklich sehr toll, die Sprache hat mir gut gefallen, die Geschichte hatte mich sofort in ihren Bann gezogen und die Charaktäre waren so realistisch, mit all ihren Macken, Ängsten, Nöten und Fehlern, das man das Gefühl hatte sie persönlich zu kennen. Auch werden sehr ernste, schwierige Themen aufgegriffen und Fiona erzählt von ihrem Leben unter schwierigen Umständen ohne anzuklagen, zu jammern oder in Selbstmitleid zu zerfließen.
Das macht den Roman für mich sehr besonders und beeindruckend.

In meinen Augen ein durch und durch gelungener Roman.

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Veröffentlicht am 12.12.2024

Ein beeindruckendes Zeitdokument

Roman eines Schicksallosen
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Es ist glaube ich wirklich nicht einfach das Grauen der Konzentrationslager in Worte zu fassen. Dem Ungarischen Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz der im Alter von 14 Jahren nach Auschwitz und Buchenwald ...

Es ist glaube ich wirklich nicht einfach das Grauen der Konzentrationslager in Worte zu fassen. Dem Ungarischen Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz der im Alter von 14 Jahren nach Auschwitz und Buchenwald Deportiert wurde ist das sehr Eindrucksvoll gelungen.

Kertesz beschreibt das absolute Unverständnis eines Heranwachsenden, der, ungläubig, versucht sich einen Reim daraus zu machen was im Konzentrationslager geschieht und wie er hierhergekommen ist.
Er beschreibt die Ankunft im Lager und die Tatsache das er sich fragt was all die Menschen denn verbrochen haben die da vor ihm in Sträflingskleidung vor sich hinvegitieren.

Nach und nach beginnt er zu begreifen was da vor seinen Augen passiert auch wenn er offensichtlich versucht, so wie es der Natur des Menschen entspricht, eine logische Erklärung für die Grausamkeiten zu finden.Er wird im Laufe des Buches daran scheitern.

Er versucht sich zum Beispiel anfangs einzureden das die Menschen die in den Krematorien verbrannt werden doch sowieso schon Tod waren und man nicht wusste wohin mit ihnen, oder das die Nummern auf der Sträflingskleidung doch recht praktisch sind damit jeder seine Kleidung nach der Körperpflege in den Gemeinschaftswaschräumen wiederfindet.
Erst nach und nach beginnt er zu begreifen was das Lager für die inhaftierten wirklich bedeutet.

Dieses Buch ist eines der besten Bücher über den Holocaust die ich bis jetzt gelesen habe und steht für mich auf einer Stufe mit "trotzdem ja zum Leben sagen" von Viktor Frankl.
Ein Buch das, wie ich finde ein sehr wichtiges und beeindruckendes, sowie auch beängstigendes und furchtbares Zeugnis eines der finstersten Kapitel der Geschichte wiedergibt.

Imre Kertesz geboren 1929 in Budapest wurde 1944 nach Auschwitz und Buchenwald Deportiert. "Roman eines Schicksallosen" erschien 1975 in Ungarn, doch erst nach der europäischen Wende gelangte er zu weltweitem Ruhm. Kertesz erhielt 2002 den Nobelpreis für Literatur. 2016 Starb Kertesz in Budapest wohin er 2012 schwer erkrankt zurückgekehrt war.

"Nicht einmal enge Gefängnismauern können den Flügelschlag der Vorstellungskraft hemmen."

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