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Veröffentlicht am 23.03.2025

Echt, hart, realistisch.

The Glass Girl
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Ich habe jedes übersetzte Buch von Kathleen Glasgow gelesen – weil mich jedes einzelne Thema selbst betrifft oder betroffen hat. Weil ich, in meiner Jugend, solche Romane gebraucht hätte und es mir auch ...

Ich habe jedes übersetzte Buch von Kathleen Glasgow gelesen – weil mich jedes einzelne Thema selbst betrifft oder betroffen hat. Weil ich, in meiner Jugend, solche Romane gebraucht hätte und es mir auch heute noch hilft, das Gefühl zu bekommen, verstanden zu werden, nicht allein zu sein.



„𝐓𝐡𝐞 𝐆𝐥𝐚𝐬𝐬 𝐆𝐢𝐫𝐥 “ schildert das Leben der Teenagerin Bella, die seit der Trennung ihrer Eltern und dem Tod ihrer Großmutter mit dem Alltag kämpft, sich des Gedankens nicht verwehren kann, „stets etwas zu müssen“ und dabei unsichtbar zu sein, Risse zu kitten. Als ihre erste Liebe sie verlässt, scheint es als könnte Bella nie wieder glücklich sein. Zwischen Schule und Arbeit, dem wöchentlichen Wechsel ihres zu Hauses, der Schuld, die sie empfindet, egal was sie tut oder nicht, und der Betreuung ihrer kleinen Schwester bleibt wenig Zeit zum Durchatmen. Doch die Abende, umgeben von ihrer Clique, nutzt Bella um zu vergessen, zu betäuben, sich leicht zu fühlen. Und irgendwann braucht sie den Alkohol auch am Tag, immer griffbereit. Aber das Mädchen ist nicht krank. Nicht süchtig. Sie kann den Wodka stehen lassen, wenn sie will … Oder?



Glasgow schafft es, dass sich LeserInnen mit Bella identifizieren, mitfühlen können. Der Weg in die Sucht – gerade heute, wo Alkohol dazu gehört, „normal“ ist, ein Bier hier, ein Glas Sekt dort, und es keine Kunst ist, auch als Minderjährige/r an ausreichend Promille zu kommen – ist schleichend, wurde deutlich gezeichnet, genau wie das Wanken zwischen klaren und verschwommenen Augenblicken, zwischen Standhaftigkeit und Schwäche.

Besonders innig und intensiv fand ich die Beziehung zwischen Bella und ihrer Schwester, etwas, das uns verbindet. Auch die eine oder andere Freundin bleibt an ihrer Seite, findet sich dort neu ein, wo andere Freundschaften zerbrechen, vielleicht nie existierten.

Kathleens Ton ist – wie jedes Mal – sehr einnehmend, klar, gewissermaßen distanziert und passend der Themen melancholisch, erdrückend und schwer. Dass Therapie und Entwöhnung nicht frei von Rückschlägen, die Stimmung wankelmütig ist, Lügen alltäglich sind, der Wille bröckelt, gibt dem Roman noch mehr Authentizität. Genau wie Bellas Schmerz – der überall und nirgendwo sitzt.

Die Wochen in der Entzugsklinik sind realitätsnah dargestellt – von Abläufen, Gruppendynamiken, echten Messages bis hin zu den Lücken im System und den gewonnenen Erkenntnissen. Nichts in diesem Buch wurde vereinfacht dargestellt – und ist das nicht das bewegende an Glasgows Büchern?!

Bellas Geschichte endet nicht nach der Therapie, nach klärenden Gesprächen, endet nicht selbstbewusst trocken, sondern zeigt auch die Schwierigkeiten „im draußen“ auf, wie leicht es ist, zurück in Gewohnheiten zu driften, wie ungemein wichtig, Grenzen zu ziehen, zu Fehlern zu stehen, um Hilfe zu bitten.



Der Weg zum Erwachsen werden, jener, der uns zu uns selbst führt, die Frage stellt, wer wir sind und sein wollen, ist kein leichter, doch Bellas ist um ein Vielfaches härter. Mentale Probleme, familiäre Konflikte, Selbstzweifel- und hass, Liebeskummer, (Lebens)Müdigkeit und das Drängen der Sucht, die stets griffbereite Fluchtmöglichkeit des lockenden Alkohols (…) all das verbindet sich in „The Glass Girl“ zu einer rührenden, schonungslosen und echten Geschichte, die weder beschönigt noch romantisiert.



Sucht fragt nicht nach dem Alter, beginnt schleichend und lässt dich nie mehr los.

Sei vorsichtig mit deinen Worten. Sie könnten tiefer treffen als gewollt.

Geh aufmerksam mit deinen Mitmenschen um. Manche wollen Hilfe, aber können nicht darum bitten.

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Veröffentlicht am 02.02.2025

Tolle Geschichte, die auch Erwachsene Seufzen lässt.

Pauline & Emma - Auch Filmheldinnen müssen Mist schaufeln
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„Pauline & Emma: Auch Filmheldinnen müssen Mist schaufeln“ ist ein gemütlich-humorvoller Coming-Of-Age Roman von Melody Rose, in der die Temperaturen frostig, aber die Charaktere herzenswarm sind.

In ...

„Pauline & Emma: Auch Filmheldinnen müssen Mist schaufeln“ ist ein gemütlich-humorvoller Coming-Of-Age Roman von Melody Rose, in der die Temperaturen frostig, aber die Charaktere herzenswarm sind.

In neun Tagen endet das Jahr, damit ein neues beginnen kann. Für Pauline heißt das, dass sie nur noch weniger als zwei Wochen Zeit hat, endlich ihr selbstauferlegtes „Must-Do“ zu erfüllen: sich zu verlieben.
Dumm nur, dass ihre Workaholic-Eltern sie gerade jetzt in die Alpen verfrachten, damit die 16-Jährige die Tage bis zum Jahreswechsel nicht alleine verbringt. Und dann auch noch auf einem Bauernhof zu Fremden.
Aller Horrorvorstellungen zum Trotz entwickelt sich dieser winterliche, naturlastige Aufenthalt zu einer intensiven Erfahrung, denn Pauline kommt zum ersten Mal in den Genuss davon, was es bedeutet, Teil einer Familie zu sein. Und ganz nebenbei lernt sie Emma kennen …

Die Autorin schrieb eine zuckersüße Young-Adult-Geschichte, in der sowohl Setting als auch Charaktere toll zur Geltung kamen. Neben Spaß und Witz finden sich wichtige Themen, die auf eine einfühlsame Art behandelt werden und dadurch ausreichend Raum geben, um sich mit diesen und den Protagonistinnen zu identifizieren.

Paulines Gefühlswirrwarr – Wut und Enttäuschung, der Gedanke, nicht gewollt, nicht wichtig zu sein, waren greifbar und verständlich. Auch wie sie sich mit ihren Empfindungen bzgl. ihrer Eltern auseinandersetzt wurde ebenso authentisch aufgegriffen wie Paulines Schmetterlinge, die bei Emmas Anblick, in der Nähe des schönen, bodenständigen Mädchens, aufgeregt in ihrem Inneren flattern.
Das Mehrgenerationen-Leben der Familie des Bergbauernhofs war dicht und herzlich – obwohl ich weder Fremden noch dem Winter etwas abgewinnen kann, wäre ich Pauline gerne in diese liebevolle Umgebung, in der es Verständnis, aber auch Verantwortung und Pflichten gibt, gefolgt.
Zaghaft und sanft, begleitet von einem Hauch Unsicherheit, nähern sich die Mädchen an. Ihre Gespräche sind ehrlich und ernst, aufschlussreich und hoffnungsvoll. Jedoch können weder Harmonie noch Verliebtsein etwas an der Tatsache ändern, dass sich die Wege der Teenagerinnen nach den Ferien trennen. Und gleichgeschlechtliche Liebe noch immer mit Vorurteilen bedacht wird, vor allem in einem traditionellen Dorf …

Ob die beiden Alternativen, Kompromisse und den Mut finden, etwas zu wagen und zu ihren Gefühlen zu stehen? Solltet ihr unbedingt in diesem wunderbaren Roman nachlesen.

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Veröffentlicht am 08.01.2025

Spannung pur.

The Twenty
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DCI Adam Bishop und sein Partner DJ Jamie Hoxton werden eines Nachts an einen Tatort gerufen, und müssen sich mit dem grausamen Fund von fünf Leichen befassen. Nicht nur, dass die Körper offensichtlich ...


DCI Adam Bishop und sein Partner DJ Jamie Hoxton werden eines Nachts an einen Tatort gerufen, und müssen sich mit dem grausamen Fund von fünf Leichen befassen. Nicht nur, dass die Körper offensichtlich unterschiedlich lange auf der Mülldeponie verwesen und allesamt blutleer sind, auch die Ziffern von 12 bis 16 stellen die ErmittlerInnen vor ein Rätsel.
Dr. Romilly Cole erkennt ein Muster, welches sich vor dreißig Jahren tief in ihr Gedächtnis gegraben hat. Doch Details der damaligen Mordserie wurden nie an die Öffentlichkeit gegeben und der Täter sitzt längst hinter Gittern... Aber wer will das Gräuel von einst zu Ende bringen?
Die Zeit rennt.

„The Twenty“ ist ein überaus fesselnder Thriller, der aufgrund verschiedener Erzählperspektiven und Zeitsprünge, samt einer Vielzahl, für die Ermittlungen sowie das Verständnis relevanter, Informationen Aufmerksamkeit verlangt. Sam Holland schafft es jedoch, mit ihrem klaren Stil an die Seiten zu fesseln – und das von Anfang an. Denn auch wenn ein paar Kapitel vergehen müssen, um sich komplett in die Storyline fallen lassen zu können, so beginnt die Geschichte direkt mit detailreichen, blutigen Szenen, die im Verlauf mehrfach für Gänsehaut sorgen.
Abgesehen der Ungewissheit und des spürenden Drucks, der auf den ErmittlerInnen lastet, dem Drängen, nur nicht noch mehr Menschen auf solch grausame Weise zu verlieren, hielt die Autorin konstant Spannung und Dunkelheit, eine schwere, bedrückende Atmosphäre aufrecht.
Wir verfolgen nicht nur die Arbeit von Bishop und Hoxton, bekommen Einblicke in Opfer, den unbekannten Täter und in forensische Gutachten (...), sondern auch in die Protagonisten selbst, was ich als gut platzierten Kontrast zu dem harten Fall empfand. Die Figuren waren mit Tiefe gezeichnet, mit individuellen Motivationen, es gab berührende Sequenzen und heftige Momente.
„The Twenty“ ist nachvollziehbar und logisch aufgebaut, Details fallen dann und wann an ihren Platz, Verdächtige reihen sich aneinander, während uns Holland an der Nase herumführt und für einige Wendungen und etliche Überraschungen sorgt. Auflösung und Finale fand ich ebenso hervorragend inszeniert wie die komplette Story – endlich mal wieder ein Thriller, der klasse geschrieben, anspruchsvoll und aufregend konzipiert wurde und mitfiebern lässt.



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Veröffentlicht am 17.12.2024

Ein Buch, das unter die Haut kriecht.

Die Zuversicht der Wildblumen
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„Die Zuversicht der Wildblumen“ ist so viel mehr als der typische New-Adult-Roman.
Allein schon durch die aufgegriffenen Themen und deren Umsetzung, die kleinen Details und die umwerfenden Protagonisten ...

„Die Zuversicht der Wildblumen“ ist so viel mehr als der typische New-Adult-Roman.
Allein schon durch die aufgegriffenen Themen und deren Umsetzung, die kleinen Details und die umwerfenden Protagonisten hat mich Micalea Smeltzer für ihre Geschichte gewonnen. Doch auch den Erzählstil, auf gewisse Weise distanziert, sanft, jedoch unglaublich authentisch, empfand ich besonders.

Salem ist – im Gegensatz zu ihrem Boyfriend und ihrer besten Freundin – nicht sonderlich erpicht darauf, ihr Heimatörtchen zu verlassen. Sie liebt den Job im Antiquitätenladen ihrer Mom, liebt es, Kerzen herzustellen, Cupcakes zu backen und Zeit mit ihrem Kater zu verbringen. Es ist ein einfaches Leben – und genau das haben sich Salem, ihre Schwester und ihre Mutter nach einer jahrelangen Tortur, die sie gemeinsam überstanden haben, verdient. Bis Thayer Holmes nebenan einzieht und sich alles ändert …
Langsam entspinnt sich eine softe Freundschaft zwischen der 18-Jährigen und dem Landschaftsgärtner, in der sie einander, ihre Gewohnheiten und Vorlieben kennenlernen, Seiten von sich offenbaren, die kaum jemand kennt. Auch Thayers Sohn kracht in Salems Herz, während sich Routinen, eine innige Vertrautheit und so viel mehr entwickeln. Denn Gefühle kann man nicht planen – ebenso wenig wie die Tragik des Lebens. …

Bereits die Ausgangslage dieser Slow-Burn-Romance sorgt für Spannungen, aber auch die Hintergründe der Protagonisten, besonders Salems Kindheit und Jugend, berühren tief. Smeltzer gönnt ihrem Paar nur wenige Momente des vollkommenen Glücks – mehrfach schlägt das Schicksal zu. Trifft hart. Und doch bleibt zwischen den Dramen Raum für Humor und Leichtigkeit, zum Wohlfühlen und Mitlieben. Die Autorin schuf eine tratschige Stadt, viele Augenblicke zum Seufzen und Schwärmen, bestückte ihre Handlung mit tollen Nebenfiguren – sei es Salems Mom oder der kleine Forrest – und schockt mit Twists, die aus dem Nichts kommen.
Zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Storyline auf der Stelle tritt – oder nur an der Oberfläche kratzt. Ganz im Gegenteil: das Geschehen ist ausbalanciert und abwechslungsreich, die Neugier hat keine Chance, zu vergehen, und die Stimmung passt sich den Gegebenheiten an. Von melancholisch und wehmütig bis hin zu spritzig und anrüchig über kindlich-euphorisch und bedrohlich ist alles dabei.
Zwar wird einzig aus der Perspektive der jungen Frau erzählt – was ihr Innerstes, ihr Trauma, ihren Schmerz – in den Fokus stellt, aber trotzdem wurden auch der Zwiespalt des reifen Nachbarn, seine Sorgen, seine Wärme deutlich herausgearbeitet. Thayer ist zuvorkommend, aufmerksam und rücksichtsvoll und harmoniert perfekt mit Salems direkter, waghalsiger und überraschend starker Art. Ja, für mich waren die beiden, ihre romantische Entwicklung und die expliziten Szenen stimmig, realistisch inszeniert und letztlich sehr ergreifend.
Dass die Autorin Aussagen, die oft vorschnell getroffen werden, hinterfragt, Denkmuster aufbricht und vielerseits von Klischees und Erwartungen abweicht, gibt dem Verlauf noch mehr Wahrheit, Tiefe.

Dieses Buch endet mit Ereignissen, die unter die Haut kriechen, einem Cliffhanger, der Band 2 zu einem Muss macht.

„Die Zuversicht der Wildblumen“ ist ein rührender, emotionaler Roman, der weh tut, lebensnah und tragisch. .

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Veröffentlicht am 17.12.2024

Beeindruckend.

Der gefrorene Fluss
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„Der gefrorene Fluss“ ist ein historischer Roman, in dem reale Figuren und belegbare Ereignisse mit Fiktion und dichterischer Freiheit zu einer eindrucksvollen und ausdrucksstarken Geschichte kombiniert ...

„Der gefrorene Fluss“ ist ein historischer Roman, in dem reale Figuren und belegbare Ereignisse mit Fiktion und dichterischer Freiheit zu einer eindrucksvollen und ausdrucksstarken Geschichte kombiniert wurden.

Wir begeben uns nach Hallowell um 1780 und in das Leben von Martha Ballard – eine angesehene Hebamme und Heilerin, die ihre helfende Tätigkeit und ihr Dasein als Mutter mit ebenso viel Leidenschaft ausübt, wie die Suche nach Wahrheiten und das Streben nach Gerechtigkeit.
Als im Winter die Leiche von Joshua Burgess im Kennebee River geborgen wird, soll Martha die Todesursache feststellen und kommt zu dem Schluss, dass der mutmaßliche Vergewaltiger nicht ertrunken ist. Dass diese Äußerung öffentlich angezweifelt wird, lässt Ballard nicht los und treibt sie dazu, im Stillen zu forschen. Dabei gerät sie selbst in brenzlige Situationen, deckt unangenehme Tatsachen auf, offenbart die unterschiedlichsten, dunkelsten Facetten der rechtschaffensten Bürger und hilft den wahren Opfern, über Unaussprechliches hinwegzukommen. …

Ariel Lawhon lässt uns mit atmosphärischen Worten und authentischen Gegebenheiten zur Gänze in ein kaltes Damals und in das bedrückende Geschehen eintauchen. Erzählt wird aus der Sicht der 54-jährigen Hebamme, die ihrer Zeit merklich voraus ist. Dass sie diesen Umstand auch ihrem Ehemann Ephraim verdankt, der seiner Frau das Lesen und Schreiben lehrte und sie in allen Belangen unterstützt, war für die Verhältnisse des 17. Jahrhunderts ebenso wenig selbstverständlich wie die liebevolle, rücksichtsvolle Beziehung der beiden. Kleine Rückblenden verstärken den Eindruck, dass es sich bei den Ballards um eine Familie handelt, die aufeinander acht gibt.
Martha, selbst Mutter von sechs Kindern, selbst eine Mutter, die ihr eigenes Fleisch und Blut begraben musste, ist zur Stelle, wenn eines der größten Wunder geschieht – und dies stets bemüht objektiv. Diese Einblicke, die von Bewunderung und Feingefühl begleitet wurden, fand ich ebenso interessant, wie ich für die komplette Inszenierung nur Faszination erübrigen kann.

Meist „nur“ subtil sind wir Teil von Gewalt und Brutalität, jedoch genügen die Andeutungen und das Wissen darum, was geschah und geschieht, um Gänsehaut zu verursachen, mitzubangen und zu fühlen. Auch schwingt eher unterschwellig ein durchgängiger Hauch von Bedrohung mit, mahnt zur Vorsicht, und vereint sich mit melancholischen Tönen, glasklarer Ungerechtigkeit und der offensichtlichen Unterdrückung von Frauen und Minderheiten zu einer Geschichte, die nichts anderes vollführen kann, außer zu bewegen. Zum Nachdenken zu bringen, Dankbarkeit zu empfinden. Die Autorin erinnert daran, dass noch vor ein paar Jahrhunderten mangelhafte Justiz und unzureichende Gerichtsbarkeit mit einem Fingerschnippen dafür sorgen konnten, dass die Opfer bestraft und die Täter gefeiert wurden.

Lawhon greift etliche rührende Situationen auf, verstreut Tatsachen und Vorurteile, die auch heute noch von Belangen sind, und zeichnet eine patriarchische Gesellschaft, in der Wohlstand, Liebe und Gerechtigkeit ebenso rar wie kostbar sind.
So viel Wut zwischen den Zeilen.
So viel Gefahr.
Schwermut.
Im Verlauf – der Aufmerksamkeit benötigt, Zeit braucht, um sich zu entfalten und zu wirken – begegnen wir einigen undurchsichtigen Figuren – Verdächtigen, Tätern und Opfern – und die Frage, wer für den Toten aus dem Fluss verantwortlich ist, schwebt über allem. Monate der Spurensuche, der Anschuldigungen und Vermutungen, der Prozesse vergehen und stückchenweise zeigt sich, dass diese Leiche nicht die einzige ist, die Hallowell im Keller hat …

Martha schreibt in ihrem Tagebuch häufig, dass sie zu Hause war – dieser Satz findet auch im starken Nachwort der Autorin, die sich detailreich zu den Geschehnissen, zu Tatsachen und Fiktion äußert, Betrachtung. Lest es unbedingt.

Das stumme Leid der Frauen, die leisen Verluste, die Tragik, all die Blessuren, die ertragen werden, die Unterdrückung, die nur jene sehen, die Aufbegehren, war stimmig in die sogartige Handlung eingebettet, in der eine Frau nach Wahrheiten sucht, nach Gerechtigkeit strebt. Hürden und Ärgernissen, den eigenen seelischen Verletzungen und der Angst, alles und jeden zu verlieren, zum Trotz.
Ariel Lawhon führt uns auf die Spuren der Martha Ballard und zeigt ein vergessenes Vermächtnis, zeigt, wie wertvoll der Beruf der Hebamme einst war und heute noch ist.
So kontrovers meine folgende Aussage klingen mag: In manchen Zeiten ist Selbstjustiz die einzig wahre Gerechtigkeit.

Von mir gibt's für dieses Buch eine große Leseempfehlung – egal, welches Genre ihr bevorzugt: Werft unbedingt einen Blick in „Der gefrorene Fluss“.

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